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SEKA-Rundbrief Mai 2019

Gabriele Müller auf Besuch im Veteranenprojekt
Gabriele Müller auf Besuch im Veteranenprojekt

Gorazde, 18. April 2019

Liebe SEKA-Freundinnen und Freunde,
vom 16. - 30. März war ich wieder zu einem Arbeitsbesuch in Gorazde. Es war für mich schön, wieder vor Ort sein ... es war alles so vertraut - und doch auch wieder anders.

Die beiden Wochen waren vollgepackt mit Terminen:

Supervision mit dem SEKA-Team und mit Kolleg*innen aus anderen Einrichtungen oder Organisationen, so auch mit dem Team des Veteranenprojekts, mit den Therapeut*innen, die die Therapiegruppe mit Veteranen leiten; Termine mit einigen ehemaligen Klientinnen ... Es war schön zu sehen, wie gut es diesen inzwischen geht ...

Mit den Kolleginnen des SEKA-Teams evaluierten wir die vergangenen 11 Monate seit meiner Rückkehr nach Deutschland. Es war für alle wichtig, einmal inne zu halten und sich bewusst zu machen, was sie in diesem vergangenen Jahr alles auf die Beine gestellt hatten! Die Kolleginnen haben nicht nur die SEKA-Arbeit weitergeführt, sondern sie noch erweitert, sich noch mehr innerhalb des Gemeinwesens engagiert! Dies betrifft nicht nur das intensive Engagement für die Umsetzung der Istanbul-Konvention des Europarats „zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ auf dem Gebiet des Kantons Gorazde, sondern auch die verstärkte Zusammenarbeit mit Schulen, mit Jugendorganisationen, ja - anlässlich der ‚One Billion Rising’-Kampagne - auch die Einbeziehung von Jugendsportverbänden und jungen Künstler*innen. Ich bin stolz auf dieses kleine, qualifizierte und engagierte Team!

Das einzige, aber leider nicht geringe Problem, stellen für die Kolleginnen allerdings die Sorgen um die Finanzen dar. Trotz intensiven Fundraisings ist die Finanzierung für 2019 noch nicht ganz gesichert. Deshalb haben wir beschlossen, dass das SEKA-Team in den nächsten Monaten für sich selbst und für Kolleg*innen anderer Gorazder Organisationen Seminare zu Fundraising organisiert, die eine erfahrene Fundraiserin leiten wird.

Der Arbeitsamtszuschuss für Emina Delahmets Stelle für die Arbeit mit Kindern läuft leider bis Ende Mai aus und bisher sehen wir keine Möglichkeit für die Weiterfinanzierung ihrer Stelle - es sei denn, ein umfangreicher und sehr anspruchsvoller Antrag, den wir gerade bei der US-amerikanischen Organisation USAID stellen, hätte Erfolg.

Am 27. März fand die Jahresversammlung des Vereins SEKA Gorazde statt. Ich habe mich nun auch endgültig von meinen Funktionen der stellvertretenden Vereinsvorsitzenden und Vorstandsfrau zurück gezogen. Dass ich diese Funktionen an meine Kollegin Amina Sarajlic übergeben konnte, hat mich gefreut ... aber ich spürte auch nochmal ein wenig Trauer über diesen letzten Schritt meines Abschieds von der Arbeit in Gorazde, obwohl er stimmig ist ...

Besonders berührend war für mich auch mein Treffen mit Ehrenamtlichen und ehemaligen Klienten im Veteranenklub. Es waren so viele gekommen, dass es zeitweise gar nicht genug Sitzplätze gab! Es war schön, sich darüber auszutauschen, was sich seit unserem letzten Treffen bei uns allen ereignet hatte, und ich freute mich mit den Männern über kleine und größere Erfolge. Wieder einmal spürte ich, wie wichtig das Veteranenprojekt für diese Männer und für Gorazde ist!

Und dann kam schon wieder meine Rückreise, die ich voller emotionaler Eindrücke und mit der Gewissheit antrat, dass ein Stück meines Herzens für immer in Gorazde bleiben wird!

Gabriele Müller

Therapeutin Amina Sarajlic in der Einzeltherapie mit einem Mädchen
Therapeutin Amina Sarajlic in der Einzeltherapie mit einem Mädchen

Die SEKA-Aktivitäten der vergangenen sechs Monate

Der Schwerpunkt des regelmäßigen SEKA-Programms für die lokale Bevölkerung in der Zeit von Mitte Oktober 2018 bis Mitte April 2019 lag wie bisher auf den (trauma-) therapeutischen, psycho-edukativen und pädagogischen Angeboten für die lokale Bevölkerung des Kantons Gorazde (Föderation BiH) und der umliegenden Orte der ‚Republika Srpska‘. Auf die Auflistung der einzelnen Angebote verzichten wir diesmal aus Platzgründen.
Neben den regelmäßigen Angeboten fand außerdem eine Vielzahl von weiteren Aktivitäten statt, von denen wir hier nur eine Auswahl erwähnen können:

Die Arbeit von SEKA Gorazde im Jahr 2018 in Zahlen:

Von Januar bis Dezember 2018 nahmen insgesamt 620 TeilnehmerInnen für durchschnittlich 7 Stunden an unterschiedlichen Angeboten im SEKA-Haus teil.

Davon: Anzahl
Frauen 160
Kinder / Jugendliche
(davon Mädchen: 247 + Jungen: 187)
434
Männer 26
--------------------------------
Es nahmen teil
an Therapiegruppen für Frauen 49
an einzeltherapeutischen Terminen mit Frauen 37
an thematischen Vorträgen / Workshops für Frauen 104
an Gruppen- und Einzelarbeit mit Kindern / Jugendlichen 127
an psycho-edukativen/kreativen Workshops mit Kindern 191
an Gruppenarbeit mit Jugendlichen 91
an Gruppen- und Einzelarbeit mit jugendlichen Mädchen 12
an Projektarbeit mit Kindern / Jugendlichen 40
an offenen Terminen für Frauen 60
an offenen Terminen für Kinder 50
an Einzelarbeit mit Männern 3
Familienberatung 4
an Supervisionen 13
an Fach-Fortbildungen 17
an Koordinationstreffen 25
Viele KlientInnen / KollegInnen nahmen parallel an mehreren Angeboten teil.
Gruppenspiel zum Thema ‚Kommunikation’
Gruppenspiel zum Thema ‚Kommunikation’

Umsetzung der Istanbuler Konvention

Im Rahmen des Projekts ‚Umsetzung der Istanbuler Konvention im Kanton Gorazde‘ (s.o.) konnten wir einen weiteren wichtigen Erfolg verzeichnen.

Obwohl seit den Wahlen zum Kantonsparlament Anfang Oktober 2018 noch immer keine neue Kantonsregierung gebildet werden konnte, die alte Regierung nur geschäftsführend weiterarbeitet und daher viele Vorhaben durch die politische Pattsituation blockiert sind, haben wir - durch die Fortsetzung der parteiübergreifenden Lobbyarbeit - erreicht, dass das Kantonsparlament über das von dem Koordinationsteam ausgearbeitete und vom Sozialministerium vorgeschlagene „Programm der Maßnahmen zum Schutz von und der Hilfe für Gewaltopfer und zur Gewaltprävention“ abgestimmt hat. Das Programm, das tatsächlich alle unsere Forderungen und Empfehlungen enthält, wurde mit großer Mehrheit angenommen! Das ist bisher unser größter Erfolg! Nun gibt es auch auf der lokalen Ebene eine gesetzlich festgeschriebene Grundlage, auf die wir uns jederzeit beziehen können. Natürlich gilt es, weiter dran zu bleiben! Aber es ist nun ein ganzes Stück leichter, entsprechende Maßnahmen einzufordern!

„Frauen, Frieden und Sicherheit“

Am 4. und 5. März fand in Sarajevo eine „High Level“ Konferenz von NATO und EU zum Thema „Frauen, Frieden und Sicherheit“ statt. Es ging um die Rolle von Frauen in Kriegen, in Friedensprozessen und in der Sicherheitspolitik, die Rolle von Frauen und der zivilen Gesellschaft im Friedensprozess auf dem Balkan, die Kommunikation zwischen der zivilen Gesellschaft insbesondere Frauengruppen und EU/NATO-Institutionen, sowie um sexualisierte Ausbeutung und sexualisierte Gewalt an Frauen. Als einzige bosnische NRO-Vertreterin nahm SEKA-Koordinatorin Esma Drkenda als Referentin auf dem Podium zum Thema „Sexuelle Ausbeutung und sexualisierte Gewalt an Frauen“ teil.

Esma stellte in ihrem Beitrag zunächst SEKAs friedenstherapeutischen Ansatz und das daraus abgeleitete Konzept der SEKA-Arbeit vor. Am Beispiel ihrer persönlichen Erfahrungen schilderte sie die Wichtigkeit der Überwindung individueller und kollektiver Traumata als Vorausetzung für einen anhaltenden Friedensprozess. Sie benannte kurz die wesentlichen Probleme der bosnisch-herzegowinischen Nachkriegsgesellschaft und die Auswirkungen patriarchaltraditioneller Normen auf die Rolle der Frauen. Dann schilderte sie nachdrücklich die besonderen Schwierigkeiten, mit denen die Überlebenden von sexualisierter Gewalt im Krieg auch heute noch zu kämpfen haben: die fortgesetzten politischen Manipulationen und den Missbrauch als Opfer; die Tatsache, dass viele der Überlebenden noch heute unter desolaten Bedingungen leben (in provisorischen Unterkünften und ohne ausreichendes Einkommen), den Mangel an psychologischer Unterstützung, gesellschaftliche Vorurteile, Diskriminierung u.a.m.

Sie kritisierte auch, dass mit den immensen Finanzbeträgen, die von internationalen Geldgebern - insbesondere nach der Londoner Konferenz zu diesem Thema 2014 - gegeben werden, überwiegend Treffen, Seminare und Konferenzen in teuren Hotels finanziert werden, diese Gelder aber nicht für die direkte therapeutische Arbeit oder für Existenzhilfen für die betroffenen Frauen genutzt werden können.

Sie schloss: „Frauen, die im Krieg (oft vielfache) Vergewaltigunge und schwerste Verletzungen erlitten haben, wollen nicht immer wieder auf ihre Opferrolle reduziert werden - sie wollen ein würdiges Leben und die Achtung, die sie verdienen! Sie brauchen finanzielle Unabhängigkeit, menschenwürdige Lebensbedingungen und eine Perspektive für sich und ihre Familien. Sie brauchen unsere bedingungslose Unterstützung in dem Maße, wie sie sie annehmen können und wollen. Ich denke, 24 Jahre nach dem Krieg ist es höchste Zeit, dass die Gesellschaft ihnen dies bietet!“

Esma bekam für ihre Rede langen Applaus und vielfache Unterstützung von anderen Teilnehmer*innen.

Gruppenbild nach dem Workshop vor dem SEKA-Haus
Gruppenbild nach dem Workshop vor dem SEKA-Haus

„Leichter durch’s Leben“

Von Dezember 2018 bis Anfang April 2019 leiteten Amina Sarajlic und Emina Delahmet im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit ‚World Vision’ insgesamt 16 wöchentliche Workshops für Kinder zum Thema „Leichter und besser durchs Leben - Entwicklung von Lebenskompetenzen“. Es war schon das zweite Programm dieser Art, das SEKA in Zusammenarbeit mit World Vision und einer Gorazder Grundschule durchführte.

Ziel der Workshops war es, den Kindern einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie offen über für sie wichtige Fragen und Probleme reden können. Außerdem erarbeiteten die Leiterinnen mit der Gruppe Themen, die den Teilnehmer*innen helfen sollten, sich ihrer Potentiale und Fähigkeiten bewusst zu werden, ihre Selbstachtung zu stärken und mit bestimmten Gruppenspiel zum Thema ‚Kommunikation’ Lebenssituationen oder Schwierigkeiten besser klar zu kommen. In den Workshops ging es unter anderem um Konstruktive Kommunikation, den Umgang mit Emotionen, um Beziehungen, Kritisches Denken, Zukunftspläne ...

Die Gruppe bestand aus 18 Kindern (13 Jungen und 5 Mädchen) im Alter von 12-13 Jahren. Die Rückmeldungen der Kinder in der Auswertung des Programms zeigten, dass ihnen die Gruppenarbeit geholfen hatte, Ängste zu überwinden, Selbstbewusstsein zu gewinnen, leichter zu kommunizieren, Freundschaften zu schließen u.a.m.

So sagte Sanin, 13 Jahre: „SEKA ist für mich ein besonderer Ort, hier habe ich mich mit den anderen sehr wohl gefühlt, habe viel gelernt und neue Fähigkeiten erworben, die mir in meinem Leben sehr hilfreich sein werden!“

Und Ema, 13 Jahre: „Besonders wichtig war für mich der Gruppentermin, als wir über den Gruppendruck gesprochen haben. Es ist mir klar geworden, wie sehr unser Bedürfnis ‚dazuzugehören’ unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Es hat mir geholfen, da kritischer zu werden!“

„Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt!“

Bereits seit Anfang 2016 arbeiten wir mit Frauen aus ländlichen Gemeinden des Kantons Gorazde, wie wir bereits in früheren Rundbriefen und Journalen berichtet haben. Nach Workshops zum Empowerment und psycho-edukativen und therapeutischen Gruppen für Frauen aus inzwischen vier Dörfern begannen wir im November mit einer Reihe von vier Workshops zum Thema „Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt“ (Förderung: medica mondiale, Köln).

Die Termine finden jeweils im SEKA-Haus statt - gemeinsam für interessierte Frauen aus allen vier Dörfern. Sie werden von unserer externen Kollegin Arijana Catovic, Psychologin-Pädagogin und Menschenrechtsexpertin aus Sarajevo geleitet. Bisher fanden bereits zwei Workshops statt, an denen insgesamt 20 Frauen teilnahmen.

Durch die Mischung aus Gruppengespräch, kleinen Übungen und verständlichen theoretischen Erklärungen der Leiterin können sich die Teilnehmerinnen mit eigenen Erfahrungen oder Fragen einbringen. Dies bewirkt eine lebendige Diskussion.

Während des ersten Termins ging es um die Definition bzw. um Formen von Gewalt und hier besonders um die Erscheinungsformen emotionaler Gewalt, die sehr häufig selbst von Betroffenen nicht als Gewalt wahrgenommen werden. Die gute Atmosphäre in der Gruppe ermöglichte den Teilnehmerinnen, auch über eigene Gewalterfahrungen oder Gewalt in ihrem Umfeld zu sprechen. Einige Frauen wurden sich erst während des Workshops bewusst, dass sie selbst in ihrem Leben emotionale oder auch andere Formen von Gewalt erlebt hatten. Die Frage einer der Teilnehmerinnen „Warum bleiben Frauen oft so lange in einer Gewaltbeziehung?“ bot die Gelegenheit, über Vorurteile und die oft problematische

Reaktion des Umfeldes zu sprechen, das sehr häufig dem Opfer die Schuld gibt und für den Täter vielerlei Entschuldigungen findet. Im letzten Teil des ersten Termins ging es schließlich darum, welche Reaktionen und Unterstützungsangebote für betroffene Frauen hilfreich sind.

In der Abschlussrunde meinte eine der Frauen: „Das war heute kein einfaches Thema für mich, aber ich habe sehr viel gelernt! Wenn SEKA mich einlädt, dann komme ich immer, weil ich weiß, dass alles, was hier stattfindet, interessant ist und ich jedes Mal sehr profitiere!“

Finanzen

Zunächst ein ganz großes Dankeschön an Sie alle, die Sie uns durch Spenden und Förderbeiträge unterstützt haben! Ihre Hilfe ist für uns von immenser Bedeutung!

Neben den regelmäßigen therapeutischen Angeboten, zusätzlichen Projekten und unserem intensiven Engagement für gesellschaftliche Veränderungen nimmt leider die Suche nach Finanzquellen und das Stellen von Anträgen für uns einen immer größeren Raum ein. Gleichzeitig gibt es auf jede Ausschreibung eines Geldgebers eine immer größere Zahl von konkurrierenden Anträgen. Dies mindert natürlich die Erfolgschancen erheblich. Finanzielle Sorgen kosten uns außerdem zusätzliche Kraft!

Daher sind wir über Spenden oder andere kreative Unterstützungsformen sehr glücklich! Sie halten uns quasi „den Rücken frei“ und ermöglichen uns, unsere Energie für die Arbeit mit unseren Klient*innen zu nutzen und diese an deren Bedürfnissen zu orientieren.

Sie können SEKA auch online unterstützen, z.B. über die Plattform ‚Gut für Hamburg’. Hier werden 100% der Spende an das Projekt weitergeleitet.

Oder für das Veteranenprojekt über: www.betterplace.org/de/projects/587

Weitere Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie unter: http://www.seka-hh.de/unterstuetzung.htm

Danke für Ihr Interesse an unserer Arbeit!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr SEKA-Team Gorazde Esma Drkenda, Amina Sarajlic, Vera Dacic, Mevlida Rovcanin, Emina Delahmet und Gabriele Müller

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