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SEKA Journal Nr. 30, Dezember 2019

Die Gruppe als Ort der Veränderung und Heilung

Therapeutische Gruppenarbeit mit kriegstraumatisierten Veteranen

Vortrag mit Gordana Sapcanin im Veteranenprojekt
Vortrag mit Gordana Sapcanin im Veteranenprojekt

Seit 2009 gehört die Therapiegruppe für kriegstraumatisierte Veteranen - neben dem Offenen Betrieb, der Einzelberatung und Einzelfallhilfe zu den regelmäßigen Angeboten des Gorazder Veteranenprojekts „Svjetlost Drine“. Die Gruppe wird von Gordana Sapcanin geleitet - unterstützt von Sozialarbeiter Sanel Maslan. Gordana arbeitet als Sozialarbeiterin und Beraterin im Gorazder Zentrum für psychische Gesundheit, hat aber darüber hinaus die SEKA-Weiterbildungsreihe ‚Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’ absolviert. Gabriele Müller begleitet die therapeutische Arbeit noch immer mit Supervision und Beratung. Die aktuelle Gruppe startete im September 2017.

Am Beispiel eines Klienten beschreibt Gordana die Bedeutung der Gruppenarbeit für die betroffenen Männer und die positiven Veränderungen, die dadurch möglich sind.

„Der Krieg hat mir meine Zukunft geraubt ...“

Den ersten Kontakt mit Ramiz H. hatte ich im Januar 2017 im Gorazder Zentrum für psychische Gesundheit, wo ich seit über dreißig Jahren als Sozialarbeiterin und Beraterin arbeite. Ramiz war gerade zum zweiten Mal aus der psychiatrischen Klinik in Sarajevo entlassen worden, wo er jeweils mehrere Wochen behandelt worden war.

Er war noch immer in einer psychisch sehr schlechten Verfassung. Der Psychiater unseres Zentrums bat mich, mit ihm zu arbeiten, da die rein medikamentöse Behandlung bei diesem Klienten nicht ausreiche.

Die ersten Termine vermittelten mir ein Bild seiner gegenwärtigen Situation und seiner Lebensgeschichte.

Er war in einem Dorf in der Nähe von Gorazde in einer Familie mit vielen Kindern aufgewachsen. Die Eltern waren Bauern. Im Rückblick meinte er: „Wir waren nicht reich, aber wir hatten alles, was wir brauchten. Ich hatte eine glückliche Kindheit!“ Er besuchte die handwerkliche Mittelschule, absolvierte den Wehrdienst und arbeitete danach bei einer Baufirma.

Dann kam der Krieg und veränderte alles. Mit 22 Jahren musste er an die Front zur Verteidigung Gorazdes. Seine Verlobte starb im ersten Kriegsjahr durch eine Granate. Ramiz selbst wurde in heftigen Kämpfen schwer verwundet; kaum wiederhergestellt musste er wieder an die Front. Das Dorf seiner Familie wurde zerstört. Die Eltern und Geschwister mussten nach Gorazde fliehen. Seine beiden Brüder starben an der Front.

Nach Kriegsende wurde er aus der Armee entlassen. Seine Firma gab es nicht mehr. Er konnte keine feste Arbeit finden, lebte von Gelegenheitsjobs. Er kehrte ins Dorf zurück, versuchte mit bescheidensten Mitteln, das Haus wieder aufzubauen. „Dieser sinnlose Krieg hat mir meine große Liebe, meine Jugend, meine Gesundheit und meine Zukunft geraubt!“ meinte Ramiz bitter. Dennoch bemühte er sich, ins Leben zurückzufinden. Er nahm jede Arbeit an, die er finden konnte. Er heiratete. Aber auch die Gesundheit seiner Frau hatte der Krieg ruiniert. Sie blieben kinderlos.

2008 verunglückte Ramiz bei einem Gelegenheitsjob. Er verletzte sich die Wirbelsäule. Dieser Unfall, der bleibende Schäden und ständige Schmerzen zur Folge hatte, warf ihn endgültig aus der Bahn. Er litt unter Panikattacken und Schlaflosigkeit; die Bilder aus dem Krieg begannen ihn Tag und Nacht zu verfolgen; er zog sich immer mehr zurück, wurde depressiv; gleichzeitig stand er unter starker Anspannung, die immer wieder zu aggressiven Ausbrüchen führte.

Schließlich wurde er in die psychiatrische Klinik in Sarajevo eingewiesen. Dort wurden eine Posttraumatische Belastungsstörung, eine Angststörung und Depression diagnostiziert. Er wurde medikamentös behandelt und dann wieder entlassen.

Die verschriebenen Medikamente nahm er nur unregelmäßig, da er sie aufgrund der finanziellen Notlage häufig nicht kaufen konnte. (Anm.2) In dieser Zeit fühlte er sich von seinen Verwandten, seinen früheren Freunden und besonders von diesem Staat, für den er im Krieg gekämpft hatte, im Stich gelassen. Er sah keine Zukunft mehr, keinen Sinn mehr in seinem Leben. Ein Suizidversuch, der von seiner Frau verhindert werden konnte, führte zur zweiten Einweisung in die Psychiatrie.

Ein Kreis von Leere und Hoffnungslosigkeit

Als wir über seinen gegenwärtigen Zustand sprachen, tat sich ein Abgrund von Hoffnungslosigkeit auf: Ramiz hatte den Glauben an sich selbst, an eine Zukunft und daran, dass er selbst etwas verändern könnte, verloren. Er fühlte Wut, Trauer und Ohnmacht über die Bedingungen unter denen er lebte, die er als zutiefst ungerecht empfand. Er bedauerte, dass er nicht rechtzeitig aus Bosnien weggegangen sei. Sein schlimmster Gedanke war „dass ich im Leben gar nichts werde erreichen können“. Er beklagte die Rohheit der Menschen in der Nachkriegszeit, ihren Egoismus, ihre Gier und Gleichgültigkeit anderen gegenüber. Das Vertrauen in andere Menschen hatte er verloren. „Die sagen sowieso, ich sei verrückt ...“, meinte er. Er hatte noch immer Suizidgedanken. Was ihn abhielt, war der Gedanke an seine Frau. Als ich ihn fragte, ob er denn auf irgendetwas stolz sei, entgegnete er: „darauf, dass ich mich noch auf den Beinen halte.“ Auf meine Frage, ob es Situationen gebe, in denen er sich wohl oder gar glücklich fühle, antwortete er nach einigem Nachdenken:„ allein im Wald im Gebirge, wenn ich die Vögel zwitschern höre und das Rauschen eines Baches.“

Während ich Ramiz zuhörte und überlegte, wie ich ihm am besten helfen könnte, sah ich ihn in einem Kreis der Leere und Hoffnungslosigkeit, die er um sich geschaffen hatte. Ich realisierte, dass er einerseits an den Folgen seiner schweren Kriegstraumata litt, aber ebenso an der Chancen- und Perspektivlosigkeit seiner Situation nach dem Krieg, an der Gleichgültigkeit dieses Staates, für den er „alles geopfert hatte“ und der ihn in seiner Not sich selbst überließ. Er fühlte sich in seiner körperlichen, seelischen, sozialen und geistigen Integrität und Würde verletzt und abgewertet - ausgestoßen von der Gesellschaft. Ich fühlte die Intensität seines seelischen und körperlichen Schmerzes, die ihn in jedem Moment wie ein Sturm aus seiner Existenz reißen konnte.

Ich sagte ihm, dass ich seine Gefühle sehr gut verstehen könne, dass sie berechtigt seien; auch ich sei der Meinung, dass dieser Staat seiner Verantwortung für die Opfer und die Veteranen des Krieges nicht gerecht würde. Außerdem sagte ich ihm, dass ich Vieles leider nicht ändern könne, aber gerne alles dafür tun würde und ihn darin unterstützen möchte, einen Ausweg aus seiner schwierigen Lage zu finden.

Ramiz sah mich zum ersten Mal wirklich an und ich hatte den Eindruck, dass meine Worte zu ihm durchgedrungen waren.

Da ich zuallererst die Notwendigkeit sah, Ramiz' Isolation zu durchbrechen, schlug ich ihm vor, den Veteranenklub ‚Svjetlost Drine’ zu besuchen, da er dort andere treffen könne, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und die ihn verstehen würden. Ich bot ihm außerdem an, an der neuen Therapiegruppe im Veteranenprojekt teilzunehmen, die in einigen Monaten beginnen würde und die ich selbst leiten würde. Weder das eine noch das andere konnte sich Ramiz allerdings zu diesem Zeitpunkt vorstellen. Es überwogen seine Angst und sein Misstrauen gegenüber anderen. Zudem war er überzeugt, dass nichts und niemand sein Leben verändern könne.

Dennoch kam er regelmäßig und pünktlich zur Einzelberatung ins Zentrum. Ich unterstützte ihn dabei, seine Lebenssituation wenigstens punktuell zu verbessern, half ihm, Anträge auf eine Invalidenrente bzw. auf einmalige Beihilfen zu stellen. Außerdem unterstützte ich ihn dabei, sich seiner Fähigkeiten und Ressourcen wieder mehr bewusst zu werden. Und immer wieder motivierte ich ihn, sich für die Teilnahme an der Therapiegruppe zu entscheiden, da ich die heilsame Wirkung der Gruppe seit Jahren beobachten konnte. Schließlich willigte Ramiz trotz seiner Bedenken ein, es mit der Gruppe „zu versuchen“.

Kleine Feier zu Neujahr
Kleine Feier zu Neujahr

Erste Schritte

Während des ersten Gruppentermins im Veteranenklub verhielt er sich sehr zurückhaltend und scheu. Zu den anderen Männern nahm er kaum Kontakt auf. In der Vorstellungsrunde gab er nur wenige Informationen über sich: verheiratet, kein festes Einkommen, Kriegsveteran mit der Diagnose PTBS. Er fügte hinzu, dass er an Schlaflosigkeit und Apathie leide und „an nichts mehr glaube“. Während dieses ersten Treffens beteiligte er sich nicht am Gruppengespräch, aber er blieb bis zum Ende des Termins - und das war mir wichtig; denn ich war überzeugt, dass das Zusammensein mit den anderen Veteranen, von denen jeder ein schweres Schicksal mit sich herumtrug, schon seine Wirkung entfalten würde.

Und so war es auch: Mit jedem folgenden Termin begann Ramiz, sich gegenüber den übrigen Teilnehmern mehr zu öffnen, zunächst in den Pausen, allmählich nahm er dann auch an den Gruppengesprächen teil. Er erlebte, dass die anderen ihm aufmerksam zuhörten, wenn er über seine Probleme, seine Angst vor der Zukunft, seine Hoffnungslosigkeit sprach. Er hörte den anderen zu, nahm Anteil an deren Problemen, Misserfolgen und Erfolgen. An den Beispielen der anderen erkannte er, dass die Arbeit an sich selbst anstrengend und manchmal schwer ist, aber dass sie sich auszahlt.

Parallel zur Gruppenarbeit setzte ich mich in meiner Funktion als Sozialarbeiterin des Zentrums, dafür ein, dass Ramiz ausnahmsweise einen kleinen Betrag als regelmäßige Sozialhilfe bekam - solange, bis seine Invalidenrente bewilligt werden würde. Und ich erreichte, dass er einen zweiwöchigen Kuraufenthalt bewilligt bekam. Die konkrete Verbesserung seiner ökonomischen bzw. gesundheitlichen Lage und die Erfahrung, dass sich jemand für ihn einsetzte, bewirkten, dass Ramiz ganz allmählich wieder Vertrauen in andere Menschen und ein vorsichtiges Gefühl der Zuversicht entwickelte.

In einer der Gruppensitzungen bekannte er, dass er sich emotional stabiler fühle, dass er begonnen habe, wieder an das Gute im Menschen zu glauben und dass er sich nicht mehr einsam fühle. Er habe auch schon lange keine Suizidgedanken mehr. „Das hab ich euch allen zu verdanken!“, meinte er.

Inzwischen nahm er aktiv an der Gruppe teil, erzählte den anderen von den schrittweisen Veränderungen in seinem Leben und konnte offener über seine Gefühle und Gedanken sprechen. Jeder seiner Beiträge berührte mich und wir alle freuten uns mit ihm über die Schritte, die er machte.

Tagesausflug des Veteranenprojekts
Tagesausflug des Veteranenprojekts

Zurück ins Leben

Durch unterschiedliche Übungen unterstützte ich die Gruppenmitglieder darin, sich ihrer Ressourcen, ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst zu werden und damit ihre Selbstachtung wiederzugewinnen. In der Imaginationsübung ‚Glück’ hatten sie z.B. Gelegenheit, sich glücklicher Momente in ihrem Leben zu erinnern, die ihnen eine Ressource sein konnten.

Ich erinnere mich sehr gut, wie Ramiz lebhaft und mit leuchtenden Augen seinen ersten Schultag beschrieb, zu dem ihn sein ältester Bruder begleitet hatte, mit dem er sehr verbunden gewesen war (Anm.: Leider ist der Bruder heute nicht mehr am Leben.) Er erinnerte sich voller Freude an Schulausflüge, Kinderstreiche und an seine erste Reise mit dem Lieblingsbruder durch verschiedene Regionen Jugoslawiens. Er erzählte uns von seiner ersten Begegnung mit dem Meer und von der Zeit, in der er (vor dem Krieg) an der Adriaküste arbeitete. Er erinnerte sich an besondere Momente mit seiner ersten großen Liebe.

Wie auch den anderen Teilnehmern, wurde Ramiz durch diese Übung sein innerer Reichtum bewusst und seine Fähigkeit glücklich zu sein, die er auch heute noch immer besaß.

„Es ist kaum zu glauben, aber ich fühle mich wirklich glücklich mit all diesen schönen Erinnerungen! Ich hab´ das Gefühl, dass ich das eben noch einmal erlebt hab´!“

In der Übung ‚Fluss meiner Identität’ zeichneten die Männer ihr bisheriges Leben als einen Fluss, der ihre heutige Identität geformt hatte. Diese Übung, an der wir über mehrere Sitzungen arbeiteten, löste viele Gefühle aus. Sie half den Teilnehmern dabei, positive Erfahrungen als Ressourcen zu begreifen und schmerzhafte Geschehnisse besser zu integrieren. Ramiz fiel diese Übung nicht leicht, aber sie half ihm, die verschiedenen Segmente seines Lebens besser zu begreifen und in Zusammenhang zu sehen. Er verstand auch seine eigenen Reaktionen besser.

Mit den Übungen ‚Landkarte meiner Emotionen’ und ‚Haus meiner Gefühle’ arbeiteten wir am Umgang mit Emotionen und Gefühlen. Ramiz konnte sich mit seiner Angst konfrontieren, mit seiner Wut auf die Ungerechtigkeit, die er erlebte, und er begann, seine Trauer zuzulassen.

In vielen Sitzungen bot ich außerdem Übungen zur Selbsthilfe an, die die Teilnehmer in ihrem Alltag nutzen konnten, um sich zu beruhigen, zu entspannen oder ein Gefühl der inneren Sicherheit zu fördern, so z.B. die Imaginationsübungen „Reise durch unterschiedliche Landschaften“, „Mein innerer sicherer Ort“, „Lichtkreis“ und andere.

Auch Ramiz konnte sich immer besser auf diese Übungen einlassen und profitierte offensichtlich davon.

Er wandte sie, wie er sagte, auch zu Hause an: „Sie helfen mir wirklich! Wenn irgendetwas mich aufgeregt hat oder ich eine schlechte Nachricht bekommen habe, dann hab ich mich früher richtig reingesteigert, bis ich nur noch Schwarz gesehen habe. Jetzt helfen mir diese Übungen, wieder runter zu kommen und mich zu beruhigen ...“

Auch das Thema ‚Meine Beziehungen / mein soziales Netzwerk’ war für Ramiz wichtig. Er realisierte, dass er sich viele Jahre von allen Kontakten zurückgezogen hatte. Das veränderte er nun schrittweise. In seinem ‚Sozialen Atom’ hatte die Therapiegruppe einen besonderen Platz. „Ihr habt mich ins Leben zurückgebracht!“ erklärte Ramiz, „Ihr seid für mich wie meine engste Familie!“ Auch die Beziehung zu seiner Frau, Emina, verbesserte sich. „Wir reden nun mehr miteinander,“ meinte er, „erst jetzt hat sie mir gesagt, wie schwer all die Jahre auch für sie waren ... wieviel Angst sie um mich hatte!“

Ramiz' Veränderungen innerhalb der ersten zwölf Monate waren erstaunlich und seine Erfolge motivierten ihn, immer wieder einen Schritt weiter zu gehen.

Trotz seiner teilweisen Behinderung bewarb er sich auf die Ausschreibungen befristeter öffentlicher Arbeiten der Stadt Gorazde und wurde angenommen. Im September und Oktober 2018 hatte er so einen sicheren Verdienst. Dieses Einkommen nutzte er, um den Eigenanteil von 30% an einem landwirtschaftlichen Motorkultivator (mit Pflug, Fräse und kleinem Anhänger) zu bezahlen, der ihm durch die Intervention der Kollegen des Veteranenprojekts von einer Humanitären Organisation angeboten wurde.

Die Maschine erleichterte ihm nun nicht nur die Arbeit auf den eigenen Feldern und im Garten, sondern ermöglichte ihm außerdem, Arbeiten für andere Dorfbewohner zu übernehmen und sich dadurch ein kleines zusätzliches Einkommen zu sichern, das die Finanzsituation der Familie spürbar entlastete.

Im Januar 2019 begann Ramiz außerdem, den Führerschein zu machen. Im Mai bestand er die Führerscheinprüfung und kaufte ein altes Auto. Dies verbesserte die Lebensbedingungen seiner Familie weiter. Er und Emina waren nun mobil und konnten ihre landwirtschaftlichen Erträge auf dem Markt in Gorazde verkaufen. Ramiz kam auch leichter zur Gruppe und er erzählte stolz: „Jetzt kann ich mit Emina auch mal sonntags einen Ausflug machen oder auch mal für ein paar Tage zu Verwandten fahren!“

Seine Lebensqualität hatte sich deutlich verbessert.

Ich kann von meiner Hände Arbeit leben

Nach jedem Jahr Gruppenarbeit mache ich mit den Teilnehmern eine Übung zur Evaluation, um ihnen die Gelegenheit zu geben, sich ihres eigenen Prozesses in diesem Jahr und der erreichten Veränderungen und Erfolge bewusst zu werden und diese zu benennen. Dies fördert ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstachtung und stärkt die Motivation, weiter an sich zu arbeiten. Vor kurzem machten wir diesen Rückblick auf das zweite Jahre Gruppenarbeit.

Jeder Teilnehmer benannte wichtige Themen oder Übungen, aber auch das, was ihn von anderen beeindruckt hatte und welche Auswirkungen das auf ihn selbst hatte; außerdem reflektierten die Männer darüber, was sie selbst verändert hatten und was sich dadurch in ihrem Leben ereignet hatte.

Es ist jedes Mal ein wenig wie eine Feier, wenn jeder Teilnehmer über seinen eigenen Prozess in der Gruppe und im persönlichen Leben berichtet; so war es auch in dieser Gruppe. Für jeden einzelnen hatte sich viel verändert, die Lebensqualität der Teilnehmer hatte sich in vielen Aspekten stark verbessert.

Als Ramiz an der Reihe war, konnte ich in ihm kaum mehr den Mann erkennen, den ich im Januar 2017 im Zentrum kennengelernt hatte.

Voller Stolz benannte er all das, was sich in seinem Leben verändert hatte: „Ich fühle mich wieder sicher in meinem Leben, es hat wieder eine Stabilität; meine ständige Angst vor der Zukunft und das Gefühl von Ohnmacht und Wertlosigkeit sind verschwunden. Mein Selbstvertrauen ist zurückgekehrt ... und mein Glaube an mich selbst! Natürlich ist meine Behinderung da und ich habe oft Schmerzen, aber ich weiß jetzt besser, wie ich damit umgehen kann! Ich erlebe jeden Tag, dass ich trotzdem etwas tun kann ... und das Wichtigste ist: Ich kann wieder von meiner Hände Arbeit leben! In meinem Leben hat sich so viel geändert, wie ich das vor ein paar Jahren überhaupt nicht für möglich gehalten hätte. Ich hatte den Glauben an mich aufgegeben! Ich bin so froh, dass ich damals zu Gordana gekommen bin und dass sie mir keine Ruhe gelassen hat (lachte), bis ich in diese Gruppe gekommen bin! Ich danke euch allen, jedem einzelnen! Ihr seid für mich wie meine Brüder, die ich verloren habe!“

Ramiz' Worte berührten uns alle. Auch ich war glücklich über seinen Erfolg! Besonders freute ich mich darüber, wie selbstbewusst und zuversichtlich er nun in die Zukunft schaute und wie stark sich sein Lebensradius erweitert hatte. Ich freute mich, dass er nun auch die Möglichkeit und den Wunsch hatte, sich für andere zu engagieren. Er hatte mehrfach an Demonstrationen zur Durchsetzung der Rechte anderer Veteranen teilgenommen, hatte diese unterstützt und ermutigt; er hatte seine Frau unterstützt, eine bessere medizinische Versorgung zu bekommen, sie auch zu einem Facharzt in eine andere Stadt gefahren; regelmäßig holte er ein anderes Gruppenmitglied aus dem Nachbardorf ab, wenn er zur Gruppe kam. Er nahm wieder an kulturellen Ereignissen teil und genoss die Gemeinschaft mit anderen. Er nahm Anteil am Leben anderer und teilte seine eigenen Erfahrungen mit ihnen. Er sah sich selbst wieder als „ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, der nicht nur Hilfe benötigt, sondern auch anderen helfen kann!“

Mit Ramiz Geschichte, die nur eine von vielen ist, möchte ich zeigen, wie wichtig es ist, dass wir als professionelle Helfer*innen an die Potentiale und Fähigkeiten jedes Klienten glauben, auch wenn er in einer schweren Krise ist und den Glauben an sich selbst verloren hat. Die richtige Mischung aus Empathie und konkreter notwendiger Hilfe zur Verbesserung seiner Lebenssituation, die Arbeit an seinen ‚gesunden Anteilen’, die Erfahrungen in der Gruppe ähnlich Betroffener, in der er sich und anderen ehrlich begegnen kann, das Anknüpfen an seinen früheren positiven Erfahrungen und unsere ehrliche Freude über jeden Fortschritt sind sicher wesentliche Aspekte, die zum Erfolg auch in scheinbar ausweglosen Situationen beitragen.

Die Arbeit mit Menschen in solch schweren Krisen stellt für mich - trotz langjähriger Berufserfahrung - immer wieder eine Herausforderung dar. Aber sie erfüllt mich auch immer wieder mit tiefer Bewunderung für die Selbstheilungskräfte von Menschen, mit Freude und oft sogar mit Glück.

Zum Schluss will ich aber auch betonen, wie wichtig für diese Prozesse das Bestehen eines Ortes wie des Veteranenprojekts ist - eines Sicheren Raumes, wo die Männer sich willkommen und verstanden fühlen, wo sie Hilfe und Beratung bekommen oder auch einfach vorbeischauen und sich mit anderen austauschen können. Ohne das Projekt ‚Svjetlost Drine’ würde es auch die Therapiegruppe für Veteranen nicht geben. Ich wünsche mir, dass das Projekt noch lange bestehen kann!

Gordana Sapcanin

Treffen mit Gabriele Müller im September 2019
Treffen mit Gabriele Müller im September 2019

Bitte um Spenden:

Leider hat das Gorazder Veteranenprojekt ,Svjetlost Drine' zur Zeit mit einer sehr schweren Finanzkrise zu kämpfen, da die vom Kanton Gorazde und von der Stadt Gorazde bewilligten Mittel bisher nur zu einem Teil ausgezahlt wurden. Von beiden Geldgebern stehen noch je fünf Monatszahlungen aus. Es ist unklar, ob diese überhaupt noch nachgezahlt werden, da sich auch Kanton und Stadt in einer finanziellen Notlage befinden.

Laufende Projektkosten wie Miete, das Gehalt des Sozialarbeiters und das Honorar für die Therapiegruppe müssen jedoch bezahlt werden.

Wenn Sie für die Arbeit des Veteranenprojekts spenden wollen, können Sie dies hier:

https://www.betterplace.org/de/projects/587-psych-hilfe-fuer-kriegstraumatisierte-veteranen

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Anmerkung 1: Die Namen des Klienten und seiner Frau sind zu deren Schutz verändert.

Anmerkung 2: Nur wenige Medikamente werden in Bosnien-Herzegowina von der Krankenkasse bezahlt.

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