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SEKA Journal Nr. 30, Dezember 2019

Für ein besseres Morgen ...

Mädchenarbeit in einer ländlichen Gemeinde des Kantons Gorazde

Die Symbole faszinieren die Mädchen immer wieder von neuem
Die Symbole faszinieren die Mädchen immer wieder von neuem

Seit vielen Jahren ist einer der Schwerpunkte der SEKA-Arbeit die besondere Unterstützung und das Empowerment von Mädchen. Gerade auf dem Land wachsen die Mädchen noch immer in einer sehr traditionellen und patriarchalen Umgebung auf, die sie in vielen Aspekten benachteiligt und auf die klassische Frauenrolle festlegt. SEKA hat bereits in den letzten Jahren einen besonderen Focus auf die Arbeit mit Mädchen aus den Dörfern des Kantons gelegt.
Unterstützt von der Organisation ‚World Vision Bosnien-Herzegowina’ begannen wir nun im Mai 2019 mit dem Projekt „Für ein besseres Morgen“. Es beinhaltet die Gruppenarbeit mit Mädchen in ländlichen Gemeinden. SEKA-Mitarbeiterin Amina Sarajlic schreibt im Folgenden über ihre Arbeit mit den Mädchen eines Dorfes.

Gestutzte Flügel ...

Gefördert von World Vision begannen wir im Mai 2019 mit einem neuen Projekt für Mädchen in ländlichen Gemeinden: Wir nannten es „Für ein besseres Morgen“, da wir die Mädchen dadurch unterstützen wollten, sich ihrer Potentiale bewusst zu werden und eine eigenständige Perspektive für ihr Leben zu entwickeln.

Seit vielen Jahren arbeite ich mit Mädchen in Gruppen oder auch einzeltherapeutisch und muss immer wieder feststellen, wie dringend nötig diese Arbeit ist. Auch heute noch werden Mädchen und Jungen sehr stark entsprechend der traditionellen (patriarchalen) Geschlechtsrollenstereotypen erzogen - ganz besonders in den Dörfern. Für Jungen bedeutet dies, dass sie deutlich mehr Freiheiten und weniger Verpflichtungen haben. Mädchen lernen schon im jüngsten Alter, sich den Bedürfnissen anderer anzupassen und oft deren Bedürfnisse als ihre eigenen zu sehen. Mädchen erleben noch immer, dass die Brüder „mehr wert sind“ und dass ihre eigene Meinung wenig zählt. Im Wunsch nach Anerkennung bemühen sie sich, es allen recht zu machen. Meist sind sie gute Schülerinnen, arbeiten im Haushalt mit, kümmern sich um jüngere Geschwister. Innerlich sind sie aber oft tief verunsichert, haben nur ein geringes Selbstwertgefühl. Nicht wenige leiden unter Ängsten und Depressionen. Viele Mädchen erleben Gewalt in der Familie - vom Vater, der Mutter, oder auch von Brüdern, immer wieder auch sexualisierte Gewalt. Sie flüchten sich oft in Träume und Phantasien, deren Grundlage meist die Seifenopern im Fernsehen sind. Sie erträumen sich ein anderes Leben - einen „Prinzen, der sie retten wird und mit dem dann alles gut und schön wird“. Viele fliehen in frühe Ehen, bekommen Kinder, ohne wirklich erwachsen zu sein, und nach kurzer Zeit wiederholen sie selbst die Dramen ihrer Ursprungsfamilie.

Manche agieren ihre Frustration und innere Not in selbstdestruktivem oder riskantem Verhalten aus (Selbstverletzungen, Anorexie, Drogen, Alkohol, Herumtreiben oder riskante Beziehungen, in denen sie oft ausgenutzt oder missbraucht werden). Diese Hilferufe werden vom Umfeld selten erkannt und stattdessen sanktioniert und die Mädchen stigmatisiert.

Die Mädchen erleben selten, dass sie ernst genommen und unterstützt werden; sie werden selten ermutigt, eine gute Ausbildung zu machen, sie werden nicht auf ein eigenständiges Leben vorbereitet, ihre „Flügel“ werden gestutzt noch bevor sie überhaupt zum ersten Mal „geflogen“ sind!

In unseren Mädchengruppen erleben die Mädchen oft zum ersten Mal einen Raum, in dem sie sich sicher fühlen, in dem es Regeln gibt, die sie gemeinsam bestimmen konnten. Sie erleben, dass sie ernst genommen werden, dass ihre Meinung etwas zählt, dass andere ihnen aufmerksam zuhören.

Sie haben Spaß zusammen, lernen sich selbst und die anderen besser kennen, werden sich ihrer Stärken und Potentiale bewusst. Sie können ohne Angst und immer offener über die Themen reden, die sie beschäftigen: über Gefühle, Ängste, Träume, Sehnsüchte, Zukunftspläne, über Beziehungen, Liebe, Körper, Sexualität und vieles andere mehr.

Sie lernen, dass sie Bedürfnisse und Grenzen haben dürfen, dass sie Rechte haben; sie lernen, leichter zu kommunizieren, ihre Meinung zu vertreten, aber auch anderen zuzuhören ...

In der Arbeit nutzen wir Psychodramatechniken, kreative Methoden, Bewegungsspiele, Musik, Tanzen und Imaginationsübungen, je nach den Bedürfnissen und Themen der Gruppe.

Im Folgenden will ich die Arbeit mit einer Gruppe Mädchen aus dem Dorf ‚Malo selo’ beschreiben.

Das Gestalten mit Ton macht den Mädchen Spaß
Das Gestalten mit Ton macht den Mädchen Spaß

Die Sehnsucht nach etwas Neuem

Das Dorf ‚Malo selo’ liegt im Kanton Gorazde etwa 15 km von der Stadt Gorazde entfernt. Zu ihm gehören noch viele kleine Weiler in der Umgebung. Die Bewohner leben überwiegend von der Landwirtschaft. Die Straße zum Dorf ist in schlechtem Zustand und vor allem im Winter schwer befahrbar. Dadurch lebt die Bevölkerung des Dorfes eher isoliert. Es gibt wenig kulturelle oder soziale Ereignisse. Das Leben erstreckt sich überwiegend auf die Arbeit in der Landwirtschaft und im Haus.

Für Kinder und Jugendliche gibt es in der Freizeit keinerlei Angebote. Viele junge Menschen verlassen das Dorf und ziehen in die Stadt.

Die Grund- und Hauptschule in Malo selo hat neun Jahrgangsstufen mit insgesamt 74 Schüler*innen, davon 35 Mädchen. Nach Rücksprache mit den Lehrer*innen und dem Sozialarbeiter der Schule, entschieden wir, in das Projekt alle siebzehn Schülerinnen der Jahrgangsstufen sechs bis neun einzubeziehen, das heißt Mädchen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren. Die Schule unterstützte unsere Arbeit und stellte uns nach Schulschluss ein Klassenzimmer für die Gruppenarbeit zur Verfügung. Dieses konnten wir auch in den ersten Wochen der Sommerferien nutzen.

Zu unserem ersten Treffen kamen alle siebzehn Mädchen der Jahrgangsstufen sechs bis neun.

Wie immer, wenn ich zum ersten Mal vor eine Gruppe Kinder oder Jugendlicher trete, um ihnen von SEKA zu erzählen und sie für ein Angebot zu gewinnen, fühlte ich eine positive Aufregung. Ich spürte die Erwartung der Mädchen, die mich aufmerksam anschauten, ihren Wunsch, etwas Neues zu sehen und zu hören; etwas anderes kennenzulernen, das die Alltagsmonotonie durchbrechen würde. Ich wusste, dass sie darauf warteten, dass sie jemand wichtig nehmen, ihnen zuhören würde.

Ich begann, über die SEKA-Arbeit zu sprechen, über meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, über meine Motivation für diese Arbeit. Dann erklärte ich, warum wir besondere Gruppen für Mädchen anbieten und stellte ihnen das Projekt ‚Für ein besseres Morgen’ vor. Es sollten zunächst 11 wöchentliche Termine stattfinden, in denen wir mit unterschiedlichen Methoden Themen bearbeiten würden, die sie interessierten. Auf diese Weise könnten sie sich selbst und ihre Stärken und Fähigkeiten kennenlernen, ihr Selbstvertrauen stärken, sich untereinander besser kennenlernen, lernen, ihre Meinung zu vertreten und vieles andere mehr. Und natürlich würden wir auch kreative Dinge tun und einfach Spaß miteinander haben.

Die Mädchen hörten mir sehr aufmerksam zu und zeigten ihr Interesse, waren aber eher schüchtern.

Erst als ich das Tuch mit den Halbedelsteinen und Muscheln auspackte und sie einlud, sich die Symbole, die wir neben anderem in der Arbeit nutzen würden, genauer anzuschauen, tauten sie auf und bewunderten die Steine und Muscheln, berührten sie, nahmen sie in die Hand und fragten neugierig, was wir denn damit machen würden. Ich lud sie ein, dass jede sich einen Stein auswählen könnte, der sie im Moment am meisten anzog. Danach würden wir uns in einen Kreis setzen und uns mit Hilfe der Steine auf eine etwas andere Art vorstellen.

Lange Zeit schauten die Mädchen sich die Steine an und suchten nach „ihrem“. Ich konnte gleich erkennen, dass der ausgewählte Stein für jede von ihnen eine tiefere Bedeutung hatte.

Dann stellte sich jede vor mit dem Namen, ihrem Alter und welche Klasse sie besuchte und sagte etwas darüber, warum sie gerade diesen Stein ausgewählt hatte, z.B.:

„Ich hab diese Muschel ausgewählt, weil ich so verschlossen bin wie sie!“

„Dieser Stein hat meine Lieblingsfarbe (lila), aber er hat auch drei Teile, wie drei Arme; der eine stellt mich dar, der zweite meine Liebe zum Schreiben und der dritte meine Katze, die meine beste Freundin ist.“

„Diese Murmel hier präsentiert mich: aktiv und immer in Bewegung. Ich mag nicht, wenn mir langweilig ist.“

Nach dieser kleinen Vorstellungsübung fragte ich die Mädchen, wie sie sich fühlten. Sie meinten, es habe ihnen gefallen; die Steine seien wundervoll, sie erinnerten sie an Edelsteine. Ein Mädchen sagte: „Ich bin eigentlich sehr schüchtern, wenn ich über mich sprechen soll, aber jetzt hab ich das nicht so empfunden.“

Danach fragte ich die Mädchen, welche von ihnen weiterhin an den (geplanten 11) Terminen teilnehmen wollten bzw. konnten. Es zeigte sich, dass die drei Schülerinnen der neunten Jahrgangsstufe aufgrund der anstehenden Prüfungen und vielerlei Aufgaben leider keine Möglichkeit sahen, weiter zur Gruppe zu kommen. Die übrigen 14 Mädchen wollten gerne weiter teilnehmen.

Ein Freiraum, um sich auszuprobieren

In den folgenden Gruppenstunden lernten wir uns auf spielerische Art besser kennen; die Gruppe wuchs zusammen und es entstanden tiefere Freundschaften zwischen den Mädchen. Wir genossen unser Zusammensein. Die Gruppenstunden vergingen wie im Flug.

Die Mädchen waren geradezu „hungrig“ nach Möglichkeiten, ihre Kreativität auszuleben und Anerkennung zu bekommen. Sie liebten es, z.B. zu malen oder mit Ton zu modellieren. Wir sprachen über unterschiedlichste Themen, über das, was ihnen Freude macht, was ihnen wichtig ist; über Probleme und Konflikte, die sie erlebten. Sie genossen es, frei ihre Meinung äußern zu können - offensichtlich war ihnen dies sonst selten möglich.

In dem Maße wie die Mädchen sich untereinander näher kamen, lernte auch ich sie besser kennen. Fast alle Mädchen hatten neben der Schule zahlreiche andere Verpflichtungen: Sie halfen den Eltern im Haus, im Stall und auf den Feldern; sie kümmerten sich auch oft um jüngere Geschwister oder auch um alte oder kranke Familienmitglieder. Es kam vor, dass sie aufgrund dieser Verpflichtungen die eine oder andere Gruppenstunde versäumten, beim nächsten Termin aber wieder dabei waren. Die Mädchen kamen aus unterschiedlichen Familienstrukturen (mit einem Elternteil, mit beiden Eltern oder auch mit den Großeltern oder weiteren Verwandten) und einige lebten in sehr schwierigen ökonomischen Verhältnissen. Alle waren sehr traditionell erzogen. Manche der Mädchen hatten Gewalt in der Familie erfahren.

In der Gruppe erlebten die Mädchen etwas vollkommen Neues: jede war gleich wichtig wie die anderen, jeder wurde zugehört; es gab Regeln, die wir zu Anfang gemeinsam erarbeitet hatten. Die unterschiedlichen Spiele und Übungen empfanden sie als abwechslungsreich und spannend. Am liebsten mochten sie die Imaginationsübungen, durch die sie die Möglichkeit hatten, zu Orten zu „reisen“, die sie im wirklichen Leben nicht besuchen konnten.

Nach der Übung ‚Mein sicherer Ort’ meinte die 13jährige Sanela: „Das war für mich eine einzigartige Gelegenheit, endlich ans Meer zu reisen!“

Auch die Bewegungsspiele und Entspannungsübungen liebten sie, besonders die von Musik begleiteten. Einzig die Tatsache, dass wir die Gruppenstunden in der Schule durchführen mussten, wirkte teilweise hinderlich, da die Mädchen immer wieder fürchteten, zu laut zu sein, und sie dies hinderte, manche Rollen unbeschwert auszuleben. Da sie die rigiden sozialen Mechanismen im Dorf kannten, fürchteten die Mädchen: „Was wird über uns geredet werden, wenn man uns hört?“

Um einen Eindruck über die konkrete Arbeit mit dieser Mädchengruppe zu geben, beschreibe ich im Folgenden einen Gruppentermin ausführlich:

Blumen, die erblühen ...

Diese sechste Gruppenstunde hatte zum Ziel, das Bewusstsein der Mädchen über ihre inneren Ressourcen zu wecken und zu fördern, sowie ihre Selbstachtung und innere Sicherheit zu stärken. Es ging auch um die Veränderungen, die die Mädchen in der Adoleszenz erleben.

In den vorangegangenen Gruppenstunden war es um das Kennenlernen und den Gruppenzusammenhalt, um unsere Gemeinsamkeiten und Unterschiede und deren Wertschätzung gegangen.

In der Anfangsrunde erzählten die Mädchen, dass es in der ersten Ferienwoche sehr heiß gewesen sei und sie sich gelangweilt hatten. Sehnsüchtig hatten sie den heutigen Donnerstag erwartet, an dem unsere Gruppe stattfand. Sie waren neugierig darauf, was wir heute machen würden.

Wir begannen mit der ‚Übung Blume’: Ich teilte die Mädchen in Paare auf und nahm (wegen der ungeraden Zahl der Mädchen) auch selbst an der Übung teil. Bei jedem Paar hockte sich Partnerin A zusammengefaltet auf den Boden und stellte sich vor, sie sei eine Blume mit einer geschlossenen Blütenknospe. Partnerin B hatte nun jeweils die Aufgabe, A Sätze zu sagen, die die Fähigkeiten und positiven Eigenschaften von A benannten, um diese zu motivieren zu wachsen und ‚zu erblühen’. Die Übung endete, wenn alle‚ Blumen erblüht’ waren. Danach wechselten die Partnerinnen die Rollen.

Nach Abschluss der Übung schilderten die Mädchen, wie sie die Übung erlebt hatten. Sie hatte ihnen gefallen, aber sie hatten es auch als sehr ungewöhnlich erlebt, dass jemand „so schöne Dinge“ über sie sagte. Einigen war es zunächst schwer gefallen, die Sätze für sich anzunehmen. Doch dann tat die Übung ihre Wirkung und ich bemerkte, dass sie ihre Rolle als Blume mehr und mehr genossen. Anderen solche positiven Sätze zu sagen, fiel den Mädchen deutlich leichter.

Aida, 12 Jahre, sagte in ihrem Feedback: „Ich bin irgendwie nicht daran gewohnt, dass mir jemand so viel Positives sagt wie: ich sei ein guter Mensch, ich sei so hilfsbereit, ich sei eine gute Mathematikerin - obwohl ich weiß, dass ich das bin“ (Sie lachte verschmitzt).

Und Elma (13 Jahre) meinte: „Es macht mir Freude, anderen etwas Positives zu sagen, aber wenn mir jemand etwas Schönes sagt, werde ich sofort rot ... Doch ich muss zugeben, dass es schön war, eine Blume zu sein und jedes Mal ein Blütenblatt zu öffnen, wenn ich einen positiven Satz über mich hörte ... Jeder Satz ist mir bis ins Herz gedrungen!“

Ich habe die Mädchen in dieser Übung tatsächlich wie Blumen erlebt, die Aufmerksamkeit und Pflege brauchen, um zu wachsen und zu erblühen ... wie wir auch im realen Leben Unterstützung, Anerkennung und Zuwendung benötigen, um zu wachsen und unsere Potentiale zu entwickeln.

Übung ‚Ich einst ... ich heute ... ich in der Zukunft’
Übung ‚Ich einst ... ich heute ... ich in der Zukunft’

Ich einst, heute und in der Zukunft

Für die nächste Übung bat ich die Mädchen, darüber nachzudenken, wie sie früher gewesen seien („Ich einst“), wie sie sich heute sähen („Ich heute“) und wie sie sich vorstellten, in fünf Jahren zu sein („Ich in der Zukunft“). Die Mädchen konnten diese drei „Ichs“ und wichtige Aspekte, die mit diesen verknüpft waren, durch Malen bzw. durch Symbole darstellen und dazu aufschreiben, welche Eigenschaften, Gefühle, Situationen sie mit dem jeweiligen „Ich“ verknüpften.

Ich wollte ihnen Gelegenheit geben, über sich zu reflektieren und sich der Veränderungen bewusst zu werden, die sie durchlaufen hatten. Außerdem wollte ich ihnen die Möglichkeit bieten, sich über ihre Träume, Wünsche und Pläne für die Zukunft bewusst zu werden.

Die Mädchen vertieften sich sehr in diese Übung. Ich ließ ihnen Zeit. Anschließend konnte jede ihre Zeichnung, kleine Szene oder ihre schriftlichen Überlegungen vorstellen.

Die dreizehnjährige Mirsada trug ihre Überlegungen in Form eines kleinen Texts vor:

„Ich einst - war klein, jetzt bin ich größer und in Zukunft werde ich erwachsen sein. Einst hatte ich Angst vor der Angst, die mir andere eingeredet haben. Jetzt weiß ich, dass ich viel größer bin als jede Spinne (sie lachte) und in Zukunft werde ich am Glücklichsten sein, weil ich dann mein eigenes Leben haben werde ... Einst kannte ich keine Buchstaben, jetzt kann ich schreiben ... und genau so werde ich auch all die Schwierigkeiten meistern, die das Leben vor mich stellt; denn in der Zukunft will ich meine Träume verwirklichen. Einst hab ich davon geträumt, Fotomodell zu werden, aber diesen Wunsch habe ich jetzt nicht mehr. Jetzt interessieren mich weder Mode noch irgendwelche Markenkleidung, ich will in der Zukunft Tierärztin sein.“

Merisa, ebenfalls dreizehn Jahre alt, hatte ein Bild gemalt, das sie nun präsentierte: Sie stellte sich als Baum mit Wurzeln („Ich früher“), dem Stamm („Ich heute“) und einer großen Krone („Ich in der Zukunft“) dar. Die Wurzeln hatte sie mit verschiedenen Farben dargestellt. Um die Wurzeln und auf dem Stamm hatte sie viele Fragezeichen gezeichnet. Sie erklärte, dass die Farben dafür stünden, dass sie ein fröhliches und unbeschwertes Kind gewesen sei, aber auch neugierig und mit vielen Fragen. Auch heute habe sie viele Fragen und fühle sich oft verwirrt, da sie auf viele Fragen keine Antworten wisse. In die Krone hatte sie ihre Hoffnungen und Träume für die Zukunft gezeichnet und geschrieben:

Liebe, Wärme, Musik, Gesundheit und einen Beruf. „Da sind mein Bruder und meine Schwester, unser Haus, eine Arbeit, von der ich hoffe, dass ich sie haben werde ...“

Lejna (12 Jahre) meinte, dass nach dieser Übung für sie die „Blumenübung“ noch einen tieferen Sinn bekommen habe: „Wir vierzehn hier sind Blumen die unterschiedlich sind, aber jede Blume ist auf ihre Art schön und schmückt diesen Blumengarten (unsere Gruppe), den wir pflegen sollen!“

Die Übung half den Mädchen, sich ihrer Ressourcen, ihrer Talente und Ambitionen bewusst zu werden, die Veränderungen an sich wahrzunehmen und sich über ihre Wünsche und Träume für die Zukunft klarzuwerden.

Es wurde aber auch sehr deutlich, dass die aktuelle schwierige politisch-ökonomische Situation in Bosnien-Herzegowina einen starken Einfluss auf die Mädchen hatte. Fast alle erwähnten, dass es schwierig sei, über die Zukunft nachzudenken, wenn sie sowohl in den Medien als auch in der Familie fast täglich Negatives über die Situation in Bosnien-Herzegowina hörten. Es hieß, dass doch sowieso alle das Land verließen, die die Möglichkeit dazu hätten, dass es in Bosnien-Herzegowina doch keine Zukunft gäbe. Andererseits wurde von ihnen erwartet, dass sie lernten und ihr Bestes gäben.

Ich spürte ihre Angst vor der Ungewissheit, ihre Hilflosigkeit und Trauer und gleichzeitig ihre Sehnsucht nach einem guten Leben - in diesem ihrem Land. Ich konnte sie so gut verstehen, da mich die politische und wirtschaftliche Situation selbst immer wieder frustriert. Es war mir wichtig, den Mädchen in unserer Gruppe den Raum zu bieten, über all das offen sprechen und ihre Gefühle ausdrücken zu können. Und ich bestärkte sie darin, an sich zu glauben und sich weiterhin für ihre Träume und Pläne stark zu machen: „Es gibt keine Garantie, dass uns das gelingt, wofür wir uns einsetzen, aber wir werden auf jeden Fall davon profitieren, dass wir uns darum bemüht haben! Jede Schwierigkeit, die wir überwinden, macht uns stärker, vergrößert unsere Fähigkeiten und stärkt unser Selbstbewusstsein!“

Mirsada meinte schließlich: „"Ich will nicht hier weggehen müssen. Hier hab ich all meine Freundinnen und Freunde, meine Familie! Ich werde für meine Zukunft kämpfen!“

Wir beendeten die Gruppenstunde mit der Übung „Wasserfall“: Ich lud die Mädchen ein, mit mir auf eine bewegte Imaginationsreise zu gehen - durch eine schöne Landschaft zu einem Fluss mit einem magischen Wasserfall, unter dem wir uns „von allem Belastenden und Unangenehmen“ reinigen konnten. Das Wasser konnte auch „durch uns hindurchfließen“. Die Mädchen konnten sich ganz schnell auf dieses Spiel einlassen, sie genossen es und hatten viel Spaß damit, die Szenerie nach ihren Bedürfnissen zu verändern. Im See unterhalb des Wasserfalls schwammen nun auch Delfine und darüber spannte sich ein großer bunter Regenbogen.

Es war schön, sie so zu sehen und ihre Freude, ihre Ausgelassenheit und positive Energie zu spüren.

In der Abschlussrunde drückten die Mädchen aus, wie wichtig ihnen die Themen der Gruppenstunde gewesen seien und dass der „Wasserfall“ am Ende genau das Richtige gewesen sei. Sie freuten sich bereits auf unser nächstes Treffen.

Merisas Baum
Merisas Baum

Zuversicht ...

In den folgenden Treffen im Juli arbeiteten wir an den Themen „Meine Bedürfnisse und Grenzen“, „Umgang mit Emotionen“ und „Kommunikation“. Nach einer Sommerpause im August (während derer ich diesen Bericht schreibe) werden wir auf Wunsch der Mädchen im September die Gruppenarbeit fortsetzen - auch ohne die Förderung von World Vision, die nach dem 11. Termin endet.

Es ist für mich immer wieder schön, zu erleben, wie die die Mädchen sich mit jedem Gruppentermin verändern, wie sie selbstsicherer und sich ihrer Potentiale bewusst werden; wie sie lernen, ihre Bedürfnisse zu äußern und ihre Meinung zu vertreten; wie sie beginnen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, wie ihr Humor und ihre Kreativität zum Vorschein kommt ...

Das gibt auch mir die Zuversicht, dass diese jungen Frauen den Weg in ihre Zukunft finden werden - als Journalistinnen, Ärztinnen, Tierärztinnen, Künstlerinnen, Aktivistinnen, vielleicht auch Firmenchefinnen oder Ministerinnen? - und dass diese neue Generation eine große Chance für Bosnien-Herzegowina sein kann.

Amina Sarajlic

Anmerkung: Name des Dorfes und alle Namen der Mädchen wurden zu ihrem Schutz verändert.

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