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SEKA Journal Nr. 29, Dezember 2018

„Als ob eine große Last von meiner Brust genommen wurde ...”

Therapeutische Arbeit mit Mehrfachtraumatisierung

Psychodramatische Gruppenarbeit mit SymbolenPsychodramatische Gruppenarbeit mit Symbolen

Kadrija H. wurde von einer Freundin ermutigt, sich an SEKA zu wenden. Während unseres ersten Termins erzählte sie, dass sie bereits seit Jahren ihren nach einem schweren Schlaganfall behinderten Mann pflege. Sie war offensichtlich sehr erschöpft und litt selbst an einer fortgeschrittenen rheumatischen Arthritis - mit zeitweise unerträglichen Schmerzen und Bewegungsunfähigkeit. Im ersten Gespräch ging es hauptsächlich um Möglichkeiten, wie sie sich entlasten und Unterstützung bekommen könne.

Vierzig Jahre Martyrium

Beim zweiten Termin vertraute sie mir dann jedoch den eigentlichen Grund an, weswegen sie Hilfe benötigte: Seit fast vierzig Jahren wurde sie misshandelt - zunächst von ihren Schwiegereltern und den Schwägerinnen, dann auch immer mehr von ihrem Ehemann Senad. Vom Schwiegervater war sie auch physisch misshandelt, mit Waffen bedroht und sexuell belästigt worden; von der restlichen Familie psychisch unter Druck gesetzt. Ihr Mann schützte sie nicht, sondern begann sie auch selbst emotional und sexuell zu misshandeln. Auch nach der Geburt der zwei Töchter und schließlich dem Tod der Schwiegereltern verbesserte sich die Situation nicht. Der Psychoterror und die gezielten Verletzungen und Demütigungen durch ihren Mann wurden immer schlimmer. Zu Anfang ihrer Ehe hatte sie sich einmal ihren Eltern anvertraut, als diese zu Besuch kamen (sie lebten in einer anderen Stadt). Der Vater hatte damals versucht, mit Senad zu sprechen - erfolglos. Ihr Mann stritt alles ab und machte ihr danach erst recht das Leben zur Hölle.

Kadrija war streng traditionell erzogen. Ihre frühe Heirat war für sie zumindest teilweise eine Flucht aus der Enge und Rigidität des Elternhauses gewesen. Sie erwartete nicht wirklich Hilfe von den Eltern, als sie sich in ihrer Not an diese wandte. Eine Scheidung, das wusste sie, hätte für die Eltern „eine Schande” bedeutet.

Kadrija hatte als junge Frau niemanden, an den sie sich in ihrer Not wenden konnte. Sie befürchtete, dass ihr ohnehin niemand glauben würde, da ihr Mann in der Stadt angesehen und beliebt war. Niemand wusste offensichtlich, wie er sich zu Hause benahm. Kadrija versuchte dann damals, sich wenigsten innerhalb der Ehe einen Freiraum zu erkämpfen. Gegen den Willen ihres Mannes bewarb sie sich um eine Stelle in einer Firma und - sie bekam sie. Es gelang ihr, nach kurzer Zeit die Anerkennung ihrer Kolleginnen und Kollegen und ihres Chefs zu gewinnen. Dies gab ihr Auftrieb und half ihr, ihre zerstörte Selbstachtung ein Stück weit zurückzugewinnen.

Aber der Heimweg von der Arbeit war für sie jeden Tag entsetzlich. „Am liebsten wäre ich einfach nicht mehr nach Hause gegangen ... aber das musste ich doch, wegen der Kinder. Wenn ich nicht rechtzeitig da war, ließ Senad seine Wut an der Kleinen aus!”

Ihr Mann behandelte die beiden Töchter sehr unterschiedlich: die ältere war seine Prinzessin, ihr erlaubte er alles, sie wurde selten mal gerügt. Die Kleinere, die zart und sensibel war und schnell weinte, provozierte und demütigte er. „Sie konnte ihm nie etwas recht machen; er hatte immer etwas auszusetzen; er lachte sie aus und demütigte sie, wie mich. Das hat Folgen bis heute - es hat ihr Selbstvertrauen zerstört!” erzählte mir Kadrija. Sie litt darunter, dass sie auch ihre Kinder nicht besser hatte schützen können.

Übung: ‚Meine Stärken und Ressourcen’
Übung: ‚Meine Stärken und Ressourcen’

Krieg

Der Kriegsausbruch war für sie ein Schock. Ihr Mann war überwiegend an der Front zur Verteidigung der Stadt. Sie musste im belagerten Gorazde das Überleben der Familie organisieren. Zusätzlich kümmerte sie sich um ihre Eltern und die Familie ihrer Schwester, die als Muslime in ihrer Stadt bedroht worden und nach Gorazde geflohen waren. Sie hatte sie in ihrem Haus aufgenommen. Ihrem Mann passte das nicht; nachdem er immer wieder gestichelt hatte, Kadrijas Familie sei „feige davongelaufen” und hätte sich bei ihm „ins gemachte Nest” gesetzt, kehrten Kadrijas Angehörige wieder in ihren von den serbischen Truppen besetzten Heimatort zurück.

Kurz danach riss jede Verbindung zu ihnen ab. Flüchtlinge berichteten von Massakern und unvorstellbaren Grausamkeiten, die sich in Kadrijas Geburtstadt ereigneten. Erst Monate später erfuhr Kadrija, dass ihr Vater ins Lager verschleppt worden war und seit dem als vermisst galt.

Mutter und Schwester gelang es, mit den beiden kleinen Kindern der Schwester durch die Wälder nach Sarajevo zu fliehen, nachdem die serbischen Paramilitärs sie tagelang terrorisiert und misshandelt hatten, um den Aufenthaltsort des Schwagers zu erfahren. Diesem war gerade noch rechtzeitig die Flucht gelungen.

Kadrija hatte große Schuldgefühle, weil sie ihre Eltern und die Schwester nicht überredet hatte, bei ihr in Gorazde zu bleiben. Sie verurteilte sich selbst für ihre Ohnmacht, dass sie sich nicht gegen ihren Mann hatte durchsetzen können ...

Erst 15 Jahre nach Ende des Krieges wurden die sterblichen Überreste des Vater aus dem Fluss Drina geborgen und mussten von Kadrija (anhand von Bekleidungsresten) identifiziert werden. Zwei Wochen nach der Beerdigung des Vaters starb ihre Mutter am Herzinfarkt.

Dies war für Kadrija eine sehr schwere Zeit. Sie musste mit diesen Verlusten alleine fertigwerden.

Befreiungsversuch

Ihre Ehe wurde für sie immer unerträglicher. Die Töchter waren inzwischen erwachsen und studierten in Sarajevo. Sie war - außer an den Wochenenden - alleine mit ihrem Mann. Seine Methoden sie zu quälen wurden immer perfider. Insbesondere die sexualisierten Misshandlungen wurden immer schlimmer.

Sie beschloss, sich scheiden zu lassen. Doch als sie darüber mit einem befreundeten Anwalt sprach, redete dieser ihr das wieder aus - mit der Begründung, sie würde dann alles verlieren, was sie sich mit ihrem Mann aufgebaut habe, da der gesamte Besitz auf ihn eingetragen sei. Später erfuhr sie, dass diese Information falsch war. Doch der „Rat” des Anwalts verunsicherte sie. Sie entschied sich, bei Senad zu bleiben, sich aber ein Stück „eigenes Leben” zu erkämpfen. Sie las in dieser Zeit Bücher zur Frauenemanzipation, die ihr halfen, sich mehr abzugrenzen. Sie traf sich wieder mit Freundinnen, richtete sich ein eigenes Schlafzimmer ein, um den sexuellen Attacken ihres Mannes besser ausweichen zu können. Sie fand eine Arbeitsstelle. Diese musste sie jedoch aufgrund ihrer fortschreitenden rheumatischen Arthritis, die sie an manchen Tagen fast unbeweglich machte, nach einem Jahr wieder aufgeben.

Dann hatte Senad einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nur schwer erholte. Mit einem Mal war sie wieder an ihn und ans Haus gebunden. Sie pflegte ihn und kümmerte sich um ihn. Diese Nähe war für sie sehr schwer erträglich, da er jede Gelegenheit nutzte, um sie zu provozieren, zu verletzen und zu demütigen. Sie wusste sich nicht zu wehren. Sie weinte jeden Tag, bat ihn, sie nicht zu quälen - was sein gewalttätiges Verhalten nur noch mehr anstachelte. Am Schlimmsten war für sie, dass er sie - trotz seines Zustands - auf vulgäre Weise fast täglich zu sexuellen Handlungen nötigte.

Gleichzeitig konnte sie sich nicht vorstellen, ihn jetzt zu verlassen. „Er kommt doch alleine gar nicht zurecht!” Außerdem fürchtete Kadrija dass sich dann ihr ganzes gesellschaftliches Umfeld die Mäuler zerreissen würde, weil sie ihren Mann „nun im Stich lasse, wenn er sie am meisten brauche”.

Als ihr eine Freundin erzählte, dass sie ins SEKA-Haus zur Therapie gehe, wusste Kadrija, dass auch sie selbst um Hilfe bitten musste.

Vertrauensübung
Vertrauensübung

Aus der Opferrolle ausbrechen ...

Kadrija kam wöchentlich zu Terminen. In den ersten Wochen gab ich ihr vor allem Gelegenheit, über das erfahrene Leid zu sprechen. Ich war die erste Person, mit der sie immer offener über ihre Gewalterfahrungen sprach. Erst durch die Therapie begriff sie, dass das was sie seit Jahrzehnten erlitt, Gewalt war. Die psycho-edukativen Einheiten zum Thema Gewalt waren für Kadrija außerordentlich hilfreich. Sie erkannte ihre eigenen Erfahrungen wieder und konnte endlich benennen, was da geschah. Wir sprachen über Formen und Mechanismen von Gewalt, über die Dynamik von Gewaltbeziehungen und Möglichkeiten, sich zu schützen. Die theoretischen Erklärungen halfen Kadrija, mehr Verständnis für sich selbst zu empfinden. Sie verringerten ihre Schuldgefühle und ihre Verachtung für sich selbst dafür „dass mir so etwas passiert”. Es wurde ihr gleichzeitig mehr und mehr bewusst, dass ihre strenge patriarchale Erziehung bereits den Grundstein dafür gelegt hatte, dass sie in ihrer Ehe zum Opfer wurde. Von klein auf hatte sie gelernt, ihre Bedürfnisse und Grenzen seien unwichtig und ihr Wert bemesse sich daran, wie gut sie ihre Verpflichtungen anderen gegenüber erfüllte.

Durch unterschiedliche Imaginations- und Psychodrama-Übungen arbeiteten wir einerseits an Kadrijas Ressourcen und der Wiedergewinnung ihrer Selbstachtung - andererseits entwickelte sie mit meiner Unterstützung gezielte Strategien, um sich gegen die alltäglichen gewalttätige Übergriffe besser zu schützen, zu distanzieren und abgrenzen zu können. Besonders die Imaginationsübung ‚Schutzmantel’ erlebte sie als sehr wirksam. (Trennung oder Scheidung kamen für sie zu dieser Zeit nicht mehr in Frage, da sie inzwischen ökonomisch vollkommen von ihrem Mann abhängig war und es in Bosnien-Herzegowina kein funktionierendes soziales Sicherungssystem gibt.)

Mithilfe von Symbolen erarbeiteten wir psychodramatisch konkrete Szenen, die sich in den Tagen vor einem Therapietermin mit ihrem Mann ereignet hatten, in denen er sie provoziert, verletzt oder gedemütigt hatte. Wir analysierten die Szenen und entwickelten Verhaltensalternativen für Kadrija: z.B. wenn er anfing zu provozieren, den Raum zu verlassen. Wir sprachen über die Kontraproduktivität von Bitten, Emotionen zeigen und anderen Elementen einer konstruktiven Kommunikation in einer Missbrauchssituation und über die Wirksamkeit konsequenten Verhaltens und klarer Ansagen, soweit möglich.

Kadrija begann, dies Schritt für Schritt im Alltag umzusetzen: sie zeigte ihrem Mann, dass nicht-wertschätzendes Verhalten Konsequenzen nach sich zog. Sie war erstaunt, wie rasch ihre Konsequenz Effekte zeigte, da er darauf angewiesen war, dass sie ihm beim Ankleiden half, für ihn kochte, einkaufte und vieles mehr. Dadurch trat Kadrija mehr und mehr aus der Opferrolle heraus und wurde wieder handlungsfähiger. Die Angst vor ihrem Mann, die sie jahrelang geradezu paralysiert hatte, verringerte sich allmählich.

Wenn es dann allerdings einige Tage „gut ging”, er sie nicht provozierte und verletzte, schöpfte sie „Hoffnung, dass er sich vielleicht doch verändern würde”. Und sobald sie sich etwas entspannte und wieder mehr Nähe zuließ, nutzte er dies, um sie wieder zu verletzen.

In dieser Zeit sprachen wir viel darüber „warum er das macht”. Ich erklärte ihr die Dynamik von Gewaltbeziehungen und auch die generationenübergreifende Weitergabe von Traumatisierung. Ihr Mann stammte aus einer Familie, in der die Männer über Generationen hinweg extrem gewalttätiges Verhalten gezeigt hatten. Auch ihr Mann war als Kind schwer misshandelt worden. Die traditionellen patriarchalen Geschlechtsrollen machen aus kindlichen männlichen Opfern später häufig männliche Täter, kindliche weibliche Opfer werden dagegen häufig erneut zu Opfern. Das Verständnis dieser Dynamik half Kadrija, den Grund für das gewalttätige Verhalten ihres Mannes nicht mehr bei sich selbst zu suchen.

Nach einigen Monaten hatte Kadrija ihre Angst vor Senad verloren und dadurch „ihren Humor wieder gefunden” wie sie sagte. Es gelang ihr immer besser, seine Provokationen ins Lächerliche zu ziehen oder ihm zu spiegeln. Wenn er sie früher angetrieben hatte, schneller mit dem Essen fertig zu werden, indem er mit dem Besteck ständig auf den Tisch klopfte, klopfte sie nun auch - nur lauter. Wenn er Türen schlug, tat sie das noch heftiger, mit dem Effekt, dass er damit aufhörte. Wenn er ihr mit einer Handbewegung signalisierte, dass sie ohnehin verrückt sei oder nur dummes Zeug von sich gebe, wandte sie diese Handbewegung ständig an, wenn sie mit ihm sprach, bis er es sein ließ.

Oft lachten wir in der Therapiestunde, wenn sie erzählte, wie sie ihn nun mit seinen eigenen Mitteln schlug. Kadrijas

größter Erfolg war allerdings, dass sie die sexuellen Übergriffe ihres Mannes nach einigen Monaten Therapie ein für alle mal beenden konnte. Wenn er mit seinen Forderungen ankam, sagte sie ihm nur, dass bei ihr „der Sex schon in Rente gegangen sei”, lachte und ging. Er schimpfte dann zwar und wurde oft vulgär, aber es gab keine Übergriffe mehr.

Inzwischen hatte Kadrija ihm auch gesagt, dass sie ins SEKA-Haus zur Therapie gehe. Auch dies wirkte wohl als ein zusätzlicher Schutz.

Natürlich war das Leben mit ihrem Mann dennoch sehr anstrengend für Kadrija, da sie sich einerseits um ihn kümmern und gleichzeitig immer auf alles vorbereitet sein musste. Dennoch erlebte sie deutlich mehr Lebensqualität als während ihrer gesamten bisherigen Ehe. Sie traf sich wieder mit Freundinnen, ging spazieren; las wieder viel Belletristik und Poesie ... und es ging ihr auch gesundheitlich besser. Dann hatte Senad kurz hintereinander weitere Schlaganfälle. An den Folgen des letzten starb er schließlich. Sie war bei ihm und erst in diesen letzten Minuten bat er sie um Verzeihung für alles, was er ihr angetan habe. Sie verzieh ihm, merkte aber danach, dass das gar nicht stimmte, dass sie ihm noch lange nicht verzeihen konnte.

Trauer und Wut

Die ersten Wochen nach dem Tod ihres Mannes war Kadrija mit den Trauerfeierlichkeiten und den zahlreichen Kondolenzbesuchen beschäftigt. Danach fiel sie erst mal in ein Loch. Obwohl sie sich in der Therapie auf seinen Tod vorbereitet hatte, traf sie die Leere mit voller Wucht. Die Erleichterung, die sie erwartet hatte, stellte sich zunächst nicht ein. Sie fühlte sich einerseits betäubt, andererseits noch immer getrieben. Ständig meinte sie, Senad rufen zu hören. Nachts schreckte sie hoch mit dem Gefühl, dass sie nach dem Kranken sehen müsse. Morgens überfiel sie eine heftige Trauer, die sie lähmte. In unseren Gesprächen ging es hauptsächlich darum, dass sie ihre eigenen Reaktionen und Gefühle verstand. Und dass sie mit sich Geduld hatte.

Hier war die Technik der „inneren Beobachterin” hilfreich, die Kadrija schon zu Anfang der Therapie kennengelernt hatte. Aus der Position der „Beobachterin” konnte sie wahrnehmen, wie extrem anstrengend ihr Leben vor allem in den letzten Jahren gewesen war. Sie konnte sehen, was sie alles geleistet und erreicht hatte. Aus dieser Position heraus spürte sie großen Respekt, aber auch Trauer darüber, dass sie so viel Schweres hatte durchmachen müssen. Kadrija erkannte, dass sie eigentlich nicht um den Verlust ihres Mannes trauerte, sondern darum, dass ihre Ehe nicht anders gewesen war: alle ihre Träume und Hoffnungen, die sie einmal damit verknüpft hatte, waren unwiederbringlich verloren. Sie trauerte um „die verlorenen Jahre” und um sich selbst, dass sie all diese Verletzungen erleiden musste.

Sie hatte nun das Bedürfnis, ausführlich über viele Situationen in ihrer Ehe zu sprechen und war schließlich auch bereit, sich mit einigen der Schlüsselsituationen (mit den Schwiegereltern und mit Senad) zu konfrontieren und sie psychodramatisch mithilfe von Symbolen durchzuarbeiten.

Dabei realisierte sie, wie schwer ihr Leben und wie alleine sie gewesen war. Sie erkannte, dass sie versucht hatte, sich auf ihre Art zu schützen und zu wehren, aber dass sie viele Jahre keinerlei Unterstützung gehabt hatte. Sie spürte Verständnis für sich selbst, Trauer um sich und zum ersten Mal auch ihre Wut - die sie nun nicht mehr auf sich selbst lenkte: ihre Wut auf die Schwiegereltern, ihre Wut auf ihren Mann und schließlich auch Wut auf ihren Vater. „Er hat mich förmlich darauf abgerichtet, zum Opfer zu werden!” Doch kaum hatte sie das ausgesprochen, überfielen sie wieder die Schuldgefühle, dass sie über den ermordeten Vater „so” sprach. Wir vereinbarten, dass wir die Beschäftigung mit dem Vater auf später verschieben und uns zunächst mit den Schwiegereltern und ihrem Mann beschäftigen würden.

In mehreren Psychodrama-Inszenierungen traumatischer Situationen ihrer Ehe gelang es Kadrija, aus ihrer heutigen Position in die Situation einzugreifen, die „junge Kadrija” und die „Kinder” in Sicherheit zu bringen und den „Schwiegereltern” bzw. dem „Ehemann” die Meinung zu sagen. Auf Kadrijas Wunsch konfrontierte auch ich die „Täter” mit ihrem Verhalten. Nach jeder dieser Psychodrama-Inszenierungen spürte Kadrija ein Stück Erleichterung.

Schließlich „entließ” Kadrija die „Schwiegereltern in die Vergangenheit”. „Ich glaube, mit ihnen bin ich fertig! Sie haben für mich keine Bedeutung mehr!”

Therapeutin Irena Dumic in der Arbeit mit einer TeilnehmerinTherapeutin Irena Dumic in der Arbeit mit einer Teilnehmerin

Was ich dir wirklich übelnehme ...!

Allmählich gewöhnte sich Kadrija an ihr „neues Leben”: Sie realisierte, dass sie nun über ihr Leben selbst bestimmen konnte: Sie begann, Veränderungen im Haus und im Garten vorzunehmen, diese nach ihrem Wunsch zu gestalten. Sie kaufte sich Dinge, die ihr Freude machten. Doch immer wieder zuckte sie innerlich zusammen, als ob sie noch Senads Stimme hörte „Was soll das, das brauchst du nicht, das ist Geldverschwendung ... du kannst mein Geld ja nur mit vollen Händen ausgeben!” Oder wenn sie sich nachmittags ausruhte, fand sie keine Ruhe. Dieselbe „innere Stimme” sagte ihr, sie sei faul, es gäbe doch so viel Arbeit im Haus und sie läge nur herum ... Noch immer lebte sie unter Druck und Anspannung. Senad war nicht mehr da und lebte doch in ihr weiter.

Da wir im Laufe der Therapie bereits über das Ego-States-Konzept gesprochen hatten und mit den unterstützenden und den verletzten Ego-States gearbeitet hatten, erkannte Kadrija rasch, dass es sich bei der „inneren Stimme” um ein Täterintrojekt handelte. In den nächsten Wochen gelang es ihr, das Introjekt zu visualisieren, sich psychodramatisch mit ihm auseinanderzusetzen und sich schließlich immer erfolgreicher davon zu distanzieren.

Gleichzeitig trat das Thema ‚Liebe und Sorge für sich selbst’ in den Vordergrund. Kadrija berührte das sehr und sie erkannte, dass sie weder als Kind noch später in ihrem Leben bedingungslose Liebe und echte Fürsorge erfahren hatte. Erst durch die Therapie hatte sie eine solche fürsorgliche Haltung erlebt.

Immer wieder meldete sich ihre Wut auf Senad. Ich regte an, dass sie diese in einer Art Brief an ihn formulieren könne: „Was ich dir wirklich übelnehme ...!” Kadrija nutzte diese Übung bereitwillig. Über Wochen ergänzte sie diesen Brief, immer wenn in ihr die Wut hochkam. Schließlich lasen wir den Brief gemeinsam, danach verbrannte Kadrija ihn in einem kleinen Ritual.

Nun war sie bereit für eine symbolische Konfrontation mit „Senad”, den wir zu diesem Zweck „aus dem Jenseits in den Therapieraum riefen”, wo Kadrija ihn durch einen Gegenstand symbolisierte. Kadrija hatte nun Gelegenheit, „Senad” all das zu sagen, was sie ihm zu seinen Lebzeiten nicht hatte sagen können. „Er” musste schweigen und zuhören. Im Laufe der Übung wurde Kadrijas Stimme immer fester, klarer und wütender. Schließlich führte ich ein psychodramatisches Interview mit „Senad” - Kadrija „hörte” seine Antworten. (Dies ist ein Abwandlung der psychodramatischen Technik des „Rollenwechsels”, die eine kontrollierte Identifikation mit einer belastenden antagonistischen Rolle ermöglicht aber gleichzeitig die Protagonistin schützt.) Nachdem „er” zunächst zynisch und abwehrend reagierte, war „er” dann doch bereit, über sein Leben und sein Verhältnis zu seiner Frau zu reflektieren. Seit seiner Kindheit sei „er” voller Aggression gewesen, die er Fremden gegenüber noch kontrollieren konnte, aber in seiner Familie auslebte. „Er” sei sich inzwischen bewusst, wie schrecklich sein Verhalten für Kadrija gewesen sei ... Schließlich bat „Senad” sie sogar um Verzeihung. Kadrija entgegnete darauf, dass sie nicht sicher sei, ob sie „ihm” jemals verzeihen könne, aber sie dankte „ihm” dennoch für „seine Bereitschaft mit ihr zu reden”. Nach dieser Konfrontation war Kadrija sehr erschöpft aber sie fühlte auch eine große Erleichterung, die auch in den Wochen danach anhielt. Sie bemerkte, dass sich die „innere Stimme” nur noch selten meldete und sie diese leicht stoppen konnte.

In den nächsten Wochen reflektierte Kadrija über die ihr emotional wichtigen Beziehungen in ihrem Leben. Wir nutzten dazu die soziometrische Technik des „Sozialen Atoms”. Dies führte in der Realität zu konstruktiven Auseinandersetzungen mit den beiden erwachsenen Töchtern und einer Beziehungsklärung mit ihrer Schwester, mit der sie sich auseinandergelebt hatte. Sie erkannte, dass sie noch immer Schuldgefühle hatte, und konnte sich mit ihrer Schwester aussprechen. Dann wurde die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter Thema. Auch hier half die sychodramatische Arbeit mit Symbolen, ihre Beziehung zu ihrer Mutter zu klären und um sie zu trauern.

„Verzeih mir ...”

Schließlich war Kadrija bereit, sich mit der Beziehung zu ihrem Vater auseinanderzusetzen. Zunächst sprachen wir darüber, wie ihr Vater aufgewachsen war (in einem Dorf als Sohn wohlhabender Bauern). Sie erzählte mir von der Liebesheirat ihrer Eltern und von einigen Situationen als kleines Kind, in denen sie die Liebe und Zärtlichkeit ihres Vaters erlebt hatte.Daher hatte sie später seine Strenge und sein Unverständnis umso mehr getroffen. Wir erarbeiteten mehrere Szenen, die sie als sehr schmerzhaft erlebt hatte und die in ihr ein Gefühl von vollkommener Ohnmacht und Verlassenheit hervorgerufen hatten. Gleichzeitig hatte sich in ihr ein grundlegendes Schuldgefühl eingebrannt, dass sie den Wünschen und Anforderungen ihres Vaters nicht gerecht werden konnte, wenn er z.B. erwartete, dass sie bereits im Alter von neun Jahren perfekt die Hausarbeit erledigen sollte (Brot backen, putzen, waschen, bügeln ...), da ihre Mutter kränklich war. Gleichzeitig sollte sie aber auch eine hervorragende Schülerin sein.

Wenn andere Mädchen draußen spielen konnten, oder als Teenager auf der Promenade spazieren oder gar zum Tanzen gingen, musste sie zu Hause bleiben, denn jedes Vergnügen war „schlecht”. Als sich Kadrija als Teenager von einem Geldgeschenk ihrer Tante ein schönes Kleid kaufte, das ihr - wie sie sagte - wunderbar stand, zwang ihr Vater sie dazu, dieses Kleid zur Schneiderin zu bringen, die es weiter und länger nähte, so dass es wie ein Sack an Kadrija hing. Sie zog es nie wieder an. Sie verstand nicht, warum ihr Vater, sich so zu ihr verhielt. Sie fragte sich, ob sie es nicht verdiente, ob sie schlecht sei, dass er sie so quälte ... „Ich hatte das tiefe Gefühl, dass ich einen schlimmen Fehler gemacht hatte, von dem ich aber nichts wusste, und dass mein Vater mich nicht mehr liebte,” erzählte Kadrija unter Tränen. „Ich bemühte mich so sehr, ihn zufriedenzustellen - aber es war nie genug.” Erst durch die Erzählungen ihrer Mutter nach dem Krieg erfuhr Kadrija, dass ihr Vater sie sehr geliebt habe und sehr stolz auf sie gewesen war.

Schließlich war Kadrija bereit, sich mit ihrem verstorbenen Vater psychodramatisch zu konfrontieren. In einer sehr berührenden Szene sagte sie dem „Vater” (dargestellt durch ein Symbol) all das, was sie ihm nie sagen konnte. Sie sagte ihm, wie schmerzhaft sie sein Verhalten erlebt hatte und welche Folgen es für sie ihr ganzes Leben hindurch hatte, aber auch, dass sie sich schuldig fühlte für seinen grausamen Tod. Das anschließende Interview mit dem „verstorbenen Vater” (wieder „hörte” Kadrija die Antworten) bedeutete für sie eine große Erleichterung: Der „Vater” sagte, wie sehr er sie immer geliebt habe, wie stolz er auf sie sei, aber auch, dass ihn seine Fehler sehr schmerzten: „Ich wollte dich auf den rechten Weg führen und ich wollte dich beschützen. Stattdessen hab ich dir deine Flügel beschnitten. Das tut mir sehr leid! Bitte verzeih mir!”

Diese Sätze, die Kadrija von „ihrem Vater” „hörte” hatten eine kathartische Wirkung. Kadrija war am Ende dieser Sitzung sehr erschöpft, doch in den folgenden Wochen zeigte sich die befreiende Wirkung dieser Schlüsselszene. In einer der nächsten Therapiestunden sagte sie mir: „Ich bin so froh, dass ich den Mut zu der Konfrontation mit meinem Vater hatte! Es ist eine Sache darüber zu sprechen, aber es ist etwas völlig anderes, so etwas zu erleben. Es ist, als ob er wirklich da war und ich wirklich mit ihm sprechen konnte! Ich fühle mich, als ob eine große Last von meiner Brust genommen wurde. Ich spüre nun wieder seine Liebe. Erstaunlicherweise haben sich auch meine Schuldgefühle aufgelöst und ich habe nun eine solche Ruhe in mir wie noch nie in meinem Leben!”

Die Begleitung von Kadrijas therapeutischem Prozess war auch für mich sehr berührend - insbesondere ihr Mut und ihre Bereitschaft, sich mit den vielfachen Traumata ihres Lebens auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist die Arbeit mit ihr für mich ein erneuter Beweis für die Wirksamkeit der sorgsam angewandten Psychodrama-Methode in der Traumatherapie.

Gabriele Müller

Anmerkung 1: Namen geändert

Anmerkung 2: Das Ego-States-Konzept ist eine Weiterentwicklung des psychoanalytischen ‚Ich-Es-Überich-Konzepts’. Wir nutzen es in der u.a. von Luise Reddemann vermittelten Form, die von drei Gruppen innerer Anteile ausgeht: den hilfreichen / unterstützenden, den verletzten bzw. bedürftigen und den destruktiven inneren Anteilen. Dieses Konzept ist insbesondere in der traumatherapeutischen Arbeit sehr effektiv.

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