SEKA-Logo

SEKA Journal Nr. 29, Dezember 2018

„Der Hüter des sicheren Orts”

Beginn der Einzeltherapie mit einem zwölfjährigen Mädchen

Kleingruppenarbeit mit Kindern
Kleingruppenarbeit mit Kindern

Die therapeutische Arbeit mit Kindern unterscheidet sich in vielen Aspekten von der Arbeit mit Erwachsenen - insbesondere, wenn die Kinder sich nicht selbst an SEKA gewandt haben, sondern von den Eltern oder anderen Erwachsenen vermittelt wurden. Es ist daher besonders wichtig, in den ersten Terminen das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, ihre Motivation zu wecken und auf altersgemäße, oft spielerische Weise eine Grundlage für die therapeutische Arbeit zu schaffen. Im folgenden Beitrag schildert Kindertherapeutin Amina Sarajlic wichtige Aspekte dieses Prozesses am Beispiel ihrer Arbeit mit der zwölfjährigen Zejna.

Vertrauen gewinnen

Einige Monate nach dem Tod ihres Mannes, der sehr plötzlich an einem schweren Herzinfarkt verstorben war, meldete sich Ilma K. im SEKA-Haus. Neben Terminen für sich selbst bat sie auch um Hilfe für ihre zwölfjährige Tochter Zejna, die unter dem Tod des Vaters sehr leide und sich seitdem sehr verändert habe. Zejna sei „Vaters Liebling” gewesen und die beiden hätten eine sehr enge Beziehung gehabt. „Sie ist wie verloren ohne ihn”, meinte die Mutter, „können Sie mit ihr sprechen?”

Ich war erst vor ein paar Wochen aus dem Elternurlaub zurückgekommen und konnte ihr daher rasch einen Termin für Zejna geben.

Bei unserer ersten Begegnung wirkte Zejna auf mich zurückhaltend und vorsichtig. Ich wollte sie einerseits bei unserem ersten Kontakt nicht sofort mit dem schmerzhaften Verlust ihres Vaters konfrontieren, andererseits wollte ich sie wissen lassen, dass ich darüber Bescheid wusste und ihr das Gefühl geben, dass ich verstehen konnte, wie ihr zumute war. Meine bisherigen Erfahrungen mit Kindern, die eine nahe Person verloren haben, sind die, dass es für sie sehr hilfreich ist, wenn ich kurz den Verlust meiner Mutter vor einigen Jahren erwähne. So war es auch bei Zejna.

Ich zeigte ihr den Kindertherapieraum und lud sie ein, sich zu setzen, wo und wie sie sich am bequemsten fühlte. Da es draußen sehr heiß war, bot ich ihr ein Glas Wasser an, das sie gerne annahm. Ich hieß sie willkommen, stellte mich kurz vor und sagte ihr dann, dass es mir sehr leid tue, dass sie ihren Vater verloren habe. Da ich vor zehn Jahren meine Mutter verloren hätte, könne ich mir vorstellen, wie schwer das für sie sei.

Sofort spürte ich, dass Zejna sich ein wenig entspannte.

Ich fuhr dann fort, mich vorzustellen und sprach über meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, was mir daran wichtig ist, auf welche Weise ich arbeite u.ä.

Zejna meinte, es sei super, dass es einen Ort wie SEKA gebe, da sie z.B. in der Schule niemanden habe, mit dem sie offen sprechen könne. Die Schulpädagogin erlebte sie als mürrisch und unfreundlich. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich wegen eines Problems an sie zu wenden.

Ich bat sie, mir ein wenig mehr von ihrer Schule, ihrer Klasse, ihren Schulkamerad*innen und Lehrer*innen zu erzählen.

Zejna lächelte und meinte, da gebe es nicht so viel zu erzählen. Ihre Schule sei eine kleine Dorfschule mit recht wenigen Schülerinnen und Schülern. In ihrer Klasse seien sie nur 12 Schüler*innen. „Ich bin froh, dass meine beste Freundin Ema mit mir in der Klasse ist. Mit ihr kann ich über Vieles sprechen.”

Mit ihrer Klassenlehrerin war Zejna nicht zufrieden: „Sie ist nicht fair, sie bevorzugt bestimmte Schüler ... Ich mag keine Ungerechtigkeit, das macht mich wütend ...”

Zejna erzählte mir weiter, dass sie es mochte, wenn es ordentlich und sauber war. Sie helfe ihrer Mutter zu Hause im Haushalt: „Meine Mama ist Reinigungskraft in einer Schule. Wenn sie nach Hause kommt, ist sie sehr müde. Deswegen helfe ich ihr gern. Sie hilft mir ja auch, wenn ich etwas brauche. Meine Mutter ist eine mutige Frau ... es ist auch für sie jetzt nicht einfach. Nur manchmal kann sie mich nicht verstehen.”

Im Haus lebte auch noch der Großvater väterlicherseits. Zu ihm schien sie kein nahes Verhältnis zu haben. Ihre älteren Geschwister (Bruder und Schwester) arbeiteten in Sarajevo, aber kamen häufig am Wochenende nach Hause. „Es ist schön, wenn sie kommen, dann ist immer was los!” sie machte eine kurze Pause und fuhr fort „Aber Papa fehlt überall ... Wir waren uns so nah.. mit ihm mochte ich über alles sprechen. Wenn ich Schwierigkeiten in der Schule hatte, hat er mir immer geholfen, hat mir vieles erklärt und mich ermutigt. Ohne ihn fällt mir die Schule viel schwerer. Das ganze Leben ist schwerer ...”

Ich sagte Zejna, dass mir dieses Gefühl bekannt sei ...

Sie fuhr fort: „Und wenn ich weine sagen sie, ich soll damit aufhören! Am meisten nervt mich mein Onkel Nedzad und ich glaube, dass das nie vorübergehen wird ...” Sie weinte nun: „Er hat mir nicht erlaubt, dass ich meinen Papa noch einmal sehen kann. Ich wollte ins Krankenhaus und ihn noch einmal sehen!” Sie schluchzte.

Der Bruder ihres Vaters hatte ihr nicht erlaubt, den toten Vater in der Leichenhalle noch einmal zu sehen. Er war der Meinung, dass dies ein zusätzlicher Schock für Zejna gewesen wäre und sie dies erst recht traumatisiert hätte.

Gestaltung von Öko-Leinentaschen im Rahmen des Ökoprojekts
Gestaltung von Öko-Leinentaschen im Rahmen des Ökoprojekts

„Vielleicht hätte ich ihn retten können ...”

Ich berührte sanft ihre Hand und fragte sie, ob ich sie in den Arm nehmen dürfe. Sie gab mir ihre Hand und lehnte sich an mich. Als ich den Arm um sie legte, begann sie noch heftiger zu weinen. Ich sagte ihr: „Weine Zejna, es ist so traurig, was geschehen ist; weine solange du das brauchst. Ich bin hier bei dir!”

Ich gab ihr Zeit und Zejna begann unter Tränen und Schluchzen zu sprechen: „Vielleicht hätte ich ihn retten können; wenn nur alles anders gewesen wäre ...”

Ich gab ihr Zeit, bis sie sich wieder beruhigte und die Tränen versiegten. Dann fragte ich sie, ob wir denn weiter sprechen könnten. Sie nickte: „Hier fühle ich mich so entspannt ... so angenehm. Hier kann ich über Papa sprechen. Zu Hause kann ich nicht viel über ihn reden. Alle vermeiden das. Wenn ich ihn erwähne, wechseln sie gleich das Thema. Ich hab Angst, dass, wenn wir nicht über ihn sprechen, er vielleicht denkt, wir hätten ihn vergessen!”

Ich fragte Zejna dann, wieso sie denke, dass sie ihn hätte retten können

Sie erzählte mir von ihrer letzten Begegnung mit ihrem Vater: „Es war Dienstag, seit diesem Tag muss ich an jedem Dienstag an diesen schrecklichen Tag denken ... Ich bin an dem Tag nicht zur Schule gegangen, weil ich Fieber hatte. Am Morgen haben Papa und ich gefrühstückt, er hat mir Tee gemacht und dann hab ich mich wieder ins Bett gelegt. Er hat meine Hand gehalten und sie gestreichelt.”

Er saß an meinem Bett ... Nach einer Weile begann er mit der Hand seine Brust zu massieren und sagte, dass er schon den ganzen Morgen einen Druck auf der Brust spüre und schwer Luft bekomme. Ein wenig später sagte er mir, dass er mit dem Auto in die Stadt fahren würde und dann auch zum Arzt ginge. Das war unser letztes Gespräch, das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Seine Hand hat meine Hand gehalten ... (sie weinte) „Ich hätte mit ihm in die Stadt fahren sollen ... Vielleicht hätte ich ihm helfen können ... vielleicht wäre dann alles anders gekommen ...”

Ich gab ihr noch ein wenig Zeit und wir schwiegen beide. Dann sagte ich Zejna, dass manchmal unsere Wünsche stärker sind als unser Verstand und die Realität ... Es gebe keinerlei Garantie, dass der Tag anders verlaufen wäre, wenn sie mit ihm gefahren wäre. Ich sagte ihr außerdem, dass alles, was sie fühlte und worüber sie sich Gedanken machte, ganz normal sei ... dass das zum Trauern gehöre. Dass es uns allen so ginge in so einer Situation: wir weinen, dann wieder lachen wir, dann fühlen wir uns schuldig, weil wir gelacht haben, dann fühlen wir Ärger auf die Person, die uns verlassen hat, Ärger auf andere, auf uns selbst ... Wir suchen etwas, was wir hätten anders machen können, geben uns die Schuld, weil das Gefühl der Ohnmacht am schwersten zu ertragen ist ... Ich erklärte Zejna mit einfachen Worten die Phasen des Trauerns und wie wichtig sie sind für diesen Prozess, dass wir den Verlust am Ende akzeptieren und unser Leben weiterleben können.

Angenommen und verstanden werden

Die nächsten Termine nutzten wir zum weiteren Kennenlernen und dem weiteren Aufbau von Vertrauen und einer stabilen Grundlage für die therapeutische Arbeit. Dies geschah unter Verwendung unterschiedlicher - auch spielerischer und kreativer Methoden: Zejna mochte es - wie die meisten Kinder - dass wir redeten, während wir etwas malten oder Schmuck bastelten. Das entspannte sie und sie begann von selbst über die Themen zu sprechen, die ihr wichtig waren. Ich wollte sie spüren lassen, dass hier „ihr Ort” war, wo sie sich sicher und frei fühlen konnte, wo sie ohne Bewertungen angenommen und verstanden wurde - mit ihren Tränen und ihren Träumen ...

In diesen Gesprächen erfuhr ich, was ihr Freude machte und was sie belastete. Es zeigte sich, dass sie in sich eine große Unsicherheit hatte, dass sie oft dachte, alles was sie tue, sei nicht gut genug, dass sie sich oft nicht gut fühlte und mit ihrem Aussehen unzufrieden war. Ausserdem war sie oft sehr müde und es war offensichtlich, dass sie in ihrem Umfeld großem Druck ausgesetzt war - insbesondere was den Umgang mit dem Tod ihres Vaters betraf. Auch in der Schule hatte Zejna in vielen Fächern mit ihren Leistungen nachgelassen. Zejna hatte das Gefühl, nichts richtig zu machen.

Deswegen war es mir umso wichtiger, ihr zu vermitteln, dass sie hier „richtig war”, dass sie während unserer Termine bestimmen konnte, was sie tun will, worüber sie sprechen will und auf welche Weise. Ich machte ihr nur Angebote.

Zejna sagte mir, dass sie gerne stärker und selbstsicherer werden wolle, dass sie mutiger ihre Meinung sagen wolle. Im Hinblick auf den Verlust ihres Vaters meinte sie: „Ich weiß, dass ich hier darüber sprechen kann, aber im Moment möchte ich das lieber ein wenig zur Seite packen.”

Ich wusste aus Erfahrung, dass die Beschäftigung mit diesem Thema im richtigen Moment ganz von selbst kommen würde.

‚Sicherer Ort’
Zejnas ‚Sicherer Ort’

Mein sicherer Ort

In der Arbeit mit verletzten und verunsicherten Kindern hatte ich immer wieder erlebt, wie hilfreich die Übung „Mein innerer sicherer Ort” für sie sein kann. Es handelt sich um eine Imaginationsübung zur Selbstunterstützung, in der die Kinder in ihrer Phantasie einen Ort kreieren können, an dem sie sich vollkommen sicher und frei fühlen. Die Übung hilft den Kindern (aber auch Erwachsenen) sich selbst zu beruhigen und ein Gefühl von innerer Sicherheit und Frieden zu spüren. Sie trägt zur Stabilisierung bei, macht den Kindern ihre eigenen Ressourcen bewusst und hilft ihnen - wenn sie sie im Alltag anwenden - das Gefühl der Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen.

Während der Therapiestunde gebe ich den Kindern meist Gelegenheit, nach der Imagination das Erlebte auch durch Symbole psychodramatisch darzustellen.

Zejna konnte sich gut auf die Übung einlassen. Ich freute mich, dass sie die Übung in manchen Punkten so anpasste, wie es ihr entsprach: Sie wählte für sich die Möglichkeit, die Augen während der Übung offen zu lassen, und als ich sie anleitete, zu imaginieren, sie ginge barfuss über eine Wiese, meinte sie, „ich trage lieber Stiefel, weil ich nicht mag, dass das Gras mich an den Fußsohlen kitzelt”. Das zeigte mir, dass sie sich inzwischen in unserem Kontakt wirklich frei und entspannt fühlte.

Nachdem wir die Imaginationsübung beendet hatten, gab ich Zejna noch ein wenig Zeit, darüber nachzudenken, wie sie die Übung erlebt und wie sie sich gefühlt hatte.

„Die Übung hat mir sehr gut gefallen!” begann Zejna. „Sie hat mich so entspannt, dass ich fast eingeschlafen wäre. Es war für mich schön, mir so einen Ort vorzustellen, der nur mir gehört und an dem nur meine Regeln gelten! - Als du gesagt hast, ich solle mir vorstellen, über eine Wiese zu gehen, da ist mir sofort ein Ort in der Nähe unseres Dorfes eingefallen. Das ist eine Wiese mit einem kleinen Pfad, der zum Wald führt. Diese Wiese ist etwas Besonderes, sie riecht wunderbar nach vielen verschiedenen Blumen und Kräutern. Hier habe ich oft mit meinem Vater Kräuter für Tee gesammelt. Daran hab ich mich sofort erinnert. Als ich weiter in den Wald ging, hab ich Vogelgezwitscher gehört ... der Wald hatte die Farben des Herbsts ... Als ich aus dem Wald wieder heraustrat, sah ich einen großen Wasserfall, der sich in einen See ergoss. Hinter dem Wasserfall befand sich eine versteckte Höhle - in der befand sich das, was in meinem Herzen ist.”

Ich schlug Zejna vor, dass sie ihren „Sicheren Ort” mit Symbolen (die sie schon von früheren Übungen kannte) darstellen könne. Das wollte sie gerne.

Mit Tüchern, Stofftieren, Halbedelsteinen, Murmeln u.ä. stellte sie ihre Szene dar: die Wiese, den Wald und dann den See und die Höhle. In der Höhle befanden sich all die Dinge und Personen, die Zejna wichtig sind: ihr Zeichenblock (sie liebt es zu zeichnen und ist sehr kreativ), ihr Handy, ihre Lieblingsspielzeuge und ihr Kopfkissen (das sie immer mitnimmt, wenn sie anderswo übernachtet). Eine große Stoffente wählte sie als Symbol für ihren verstorbenen Vater. Sie lehnte diese an die „Höhle” und erklärte, dass der „Vater” ihr immer zuschaue, dass er der Hüter ihres sicheren Ortes sei.

Als ich sie fragte, ob es neben ihrem Vater noch andere Personen an diesem Ort gäbe, verneinte sie das. Sie erklärte mir, dass es dort nur Dinge gebe, die ihr wichtig sind oder Symbole, die sie an die Personen, die sie mag, erinnern. Als Symbole, die sie an ihre Mutter und ihre Geschwister erinnern, wählte sie drei Halbedelsteine (rosa und lila). Sie platzierte sie auch in der Höhle.

Dann fuhr sie fort: „Auch wenn ich weiß, dass es meinen Vater nicht mehr gibt, musste ich ihn hier doch darstellen, damit er hier anwesend ist .... Wahrscheinlich kommt irgendwann der Tag, wo er nicht mehr diese gelbe Ente sein wird, sondern einer dieser wundervollen Steine ...”

Ich sagte Zejna, dass auch die Ente ein genauso wundervolles Symbol ist und dass es offensichtlich für sie wichtig sei, dass der „Vater” in ihrer Szene so groß ist ... so wie sie das ja erlebt.

Ich bat Zejna dann, mir noch ein wenig zu erklären, auf welche Art er der Hüter ihres sicheren Ortes sei.

„Mein Papa und ich hatten eine ganz besondere Beziehung!” antwortete Zejna leise. „Er war mir Unterstützung und Halt, aber wir haben auch gerne miteinander Späße gemacht und gelacht. Mit ihm fühlte ich mich immer sicher und beschützt. Er hat mir auch mit der Schule geholfen und er hat mich in allem verstanden. Ich glaube, dass dieser Ort für mich nicht sicher wäre, wenn es ihn da nicht gäbe ... Ich möchte ihn da nicht missen ... Ich bin da auch - auf der linken Seite, als blauer Fisch. So fühle ich mich - wie ein Fisch, der nicht viel redet, aber schwimmt und er ist da irgendwo ...”

Der blaue See war voller glitzernder Perlen ...

Zejna erklärte mir: „Diese Perlen leuchten in der Nacht, sie zeigen mir immer den Weg. Sie entstehen durch die Wassertropfen, die mit dem Wasserfall herunterfallen ... Und diese zartrosa Farbe ist entstanden durch meine Tränen ... denn da kann ich weinen ...”

Wieder wurde deutlich, wie wichtig für Zejna ein Ort war, an dem sie ausdrücken und zeigen konnte, was sie wirklich empfand. Trauer, Schmerz, Sehnsucht ...

Für einige Augenblicke schauten wir gemeinsam still auf die Szene. Dann fragte ich Zejna, wie sie sich fühlte, wenn sie so auf ihren „sicheren Ort” blickt und sich vorstellt, dort zu sein. Noch einmal vertiefte sie ihren Blick in die Szene, dann sagte sie mit einem Lächeln: „Frei”.

Ich erklärte ihr, dass sie diese Übung auch in ihrem Alltag anwenden könne, wenn sie sich unruhig, traurig, einsam, sehnsüchtig oder ängstlich fühle. Ich sagte ihr auch, dass sie ihren „sicheren Ort” jederzeit entsprechend ihrer Bedürfnissen und Wünsche verändern könne.

Zejna nickte und schaute dann lange Zeit auf die Szene, berührte immer wieder die unterschiedlichen Symbole. Die Ente, das Symbol des „Vaters”, verrückte sie mehrmals ein wenig, band ihr eine Schleife um den Hals. Es war für sie offensichtlich schön, auf diese Weise noch den „Vater” anfassen und berühren zu können. Aber es war auch zu spüren, wie sehr sie ihn vermisste.

Obwohl Zejna das Thema Trauer zunächst auf „später” verschoben hatte, war es in unserer Arbeit doch ständig präsent und wurde durch die Imaginationsübung in besonderem Maße berührt.

Durch die psychodramatische Inszenierung war es für Zejna möglich, die Form des Umgangs damit zu finden, die ihr im Moment entsprach. Es erleichterte sie, ihre Gefühle des Verlusts und der Trauer auszudrücken, aber auch zu fühlen, wie wichtig ihr Vater für sie war und noch immer ist. Sie konnte zumindest ein wenig wieder die Geborgenheit spüren, die er für sie bedeutet hatte.

Während der Sommerferien ist Zejna bei Verwandten in einer anderen Stadt. Im September werden wir unsere Arbeit fortsetzen. Darauf freue ich mich!

Nach meiner längeren Abwesenheit durch den Elternurlaub konnte ich gerade auch in der Arbeit mit Zejna wieder diese besondere Schönheit und Wahrhaftigkeit in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spüren, die mich immer wieder zutiefst erfüllt und dankbar macht. Es wurde mir bewusst, wie sehr mir diese Arbeit, die ich über alles liebe, gefehlt hat. Aber ich spüre auch, dass mir meine eigene Elternschaft eine ganz neue Dimension meiner Motivation eröffnet hat.

Amina Sarajlic

August 2018

Anmerkung: Namen geändert

Pfeil nach oben
SEKA Logo