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SEKA Journal Nr. 27, Dezember 2016

„Ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Freude ...”

Rückblick auf sechs Jahre Gruppentherapie mit traumatisierten Kriegsveteranen

Therapeutische Gruppenarbeit mit Ehrenamtlichen
Therapeutische Gruppenarbeit mit Ehrenamtlichen

Als mich Gabriele (Müller) vor etwa sieben Jahren fragte, ob ich die Leitung der geplanten Therapiegruppe im Gorazder Veteranenprojekt übernehmen würde, erschrak ich zuerst.

Ich hatte zwar mehrere Seminare und eine sechsteilige Fortbildungsreihe zu Traumatherapie absolviert und hatte in meiner langjährigen Arbeit als Sozialarbeiterin im Zentrum für psychische Gesundheit in Gorazde täglich mit traumatisierten Menschen zu tun. Aber genau deswegen wusste ich auch, mit welchen schwerwiegenden Problemen diese Männer konfrontiert waren und in welch schlechter psychischer Verfassung sie sich befanden. Ich wollte Gabrieles Bitte ablehnen, aber sie bat mich, wenigstens darüber nachzudenken.

Ich hatte Angst, dass ich mit dem, was da auf mich zukommen würde, nicht fertig werden würde, dass ich den Männern keine adäquate Hilfe anbieten könnte. Doch andererseits ließ mich der Gedanke nicht los, welche Chancen eine solche Therapiegruppe für die Betroffenen bedeuten würde; denn es gab zu dieser Zeit in Gorazde für traumatisierte Männer keinerlei Angebote therapeutischer Gruppenarbeit.

Immerhin hatte sich die Anzahl von Verzweiflungstaten (Amoktaten oder Suizide) deutlich verringert, seit der Veteranenclub seine Arbeit aufgenommen hatte. Als ehrenamtliches Mitglied hatte ich - gemeinsam mit Gabriele Müller und Esma Drkenda - die Gründung des Veteranenvereins im November 2006 unterstützt und von Anfang an begleitet. Auch arbeitete ich gut mit dem jungen Sozialarbeiter Sanel Maslan und den Ehrenamtlichen zusammen. Allerdings konnten diese nur psycho-soziale Unterstützung und keine fachliche Hilfe leisten. Gabriele bot für die Veteranen Einzeltherapien und therapeutische Seminare an, ein regelmäßiges Gruppenangebot fehlte jedoch.

Schließlich, nach mehreren Gesprächen mit Gabriele und ihrer Zusicherung, dass sie mich unterstützen würde, wann immer es notwendig wäre, stimmte ich zu, es zu versuchen - gemeinsam mit Sanel als Co-Leiter. Wichtig war für mich auch die Perspektive, ab Herbst 2010 an der neuen dreijährigen SEKA-Fortbildungsreihe ‚Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’ teilnehmen zu können.

Relativ schnell stellten wir dann die Gruppe zusammen, da es bereits interessierte Besucher des Veteranenklubs gab. Nach Einzelgesprächen mit den Interessierten und einem Vortreffen entschieden sich schließlich acht Veteranen zur Teilnahme an der Gruppe.

Ich glaube, vor dem ersten richtigen Gruppentreffen, hatten wir alle Lampenfieber. Ich wusste, wie wichtig es war, bei diesem ersten Treffen eine Grundlage von Sicherheit und Vertrauen zu schaffen.

Einen sicheren Rahmen schaffen

Beim ersten Gruppentermin stellte sich jeder der Teilnehmer kurz vor und erklärte, warum er an der Gruppe teilnehmen wolle. Manche Männer sagten nur einige wenige Sätze. Bei allen war Vorsicht, Unsicherheit, Misstrauen und teilweise Verwirrung zu spüren.

Um diese anfänglichen Ängste und Zweifel zu überwinden, erarbeiteten wir zunächst gemeinsam die Gruppenregeln: Was brauchte jeder, damit er sich in der Gruppe so sicher und entspannt wie möglich fühlen könnte? Was würde stören oder wäre unangenehm? Die Teilnehmer schrieben ihre Antworten und Vorschläge anonym auf kleine Zettel, die wir dann gemeinsam diskutierten und daraus Regeln formulierten.

Besonders wichtig war allen, „dass aus der Gruppe nichts hinausgetragen wird!”, aber auch gegenseitiger Respekt und das Akzeptieren unterschiedlicher Meinungen und: „dass alle sich äußern können und sich gegenseitig zuhören”. Wichtig war allen auch „gegenseitige Unterstützung und Verständnis”.

Mit einer gewissen Erleichterung stellten die Männer fest, dass ihnen allen im Wesentlichen die gleichen Dinge wichtig waren. Die gemeinsame Formulierung der Gruppenregeln trug sehr zu einer Entspannung der Atmosphäre bei. Auch ich empfand Erleichterung, dass das erste Treffen so gut gelaufen war.

Kriegstraumata, Krankheit, familiäre Konflikte und wirtschaftliche Not

Während der nächsten Gruppentreffen gaben wir den Männern Gelegenheit, über all das zu sprechen, was sie aktuell belastete. Dies bot ihnen Entlastung und förderte gleichzeitig das Kennenlernen untereinander.

Es zeigte sich, dass alle stark kriegstraumatisiert waren und unter massiven Symptomen litten (Überflutung mit Erinnerungen, bzw. negativen Gedanken, Angstzustände, häufige aggressive Ausbrüche; Gefühl von Sinnlosigkeit und der eigenen Wertlosigkeit, Verzweiflung; Depressionen; Suizidgedanken). Die meisten waren auch physisch krank (Behinderung durch Kriegsinvalidität, Diabetes, Herzinfarkt, Krebserkrankung u.a.). Dazu kamen soziale Probleme, heftige Konflikte in der Familie, die ihr Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Isolation noch verstärkten.

Zu all diesen Problemen kam noch hinzu, dass fast alle Teilnehmer in großer finanzieller Not lebten - einige von ihnen noch immer in beengten provisorischen Verhältnissen (Notunterkünften, oder mehr oder weniger „geduldet” im Haus von Verwandten). Es wurde mir schnell klar, dass es nicht ausreichte, den Betroffenen „nur” therapeutische Hilfe anzubieten, sondern dass es notwendig war, ihnen zu helfen, ihre brennenden existentiellen Probleme zu lösen und ihre konkreten Lebensumstände zu verbessern. Nach jedem Gruppentreffen besprachen Sanel und ich daher, welche Schritte konkreter Einzelfallhilfe anstanden.

Ausflug ins Gebirge ‚Zelengora’
Ausflug ins Gebirge ‚Zelengora’

Die Gruppe als Katalysator

Während der regelmäßigen wöchentlichen Termine gab ich den Teilnehmern jeweils zu Anfang der dreistündigen Gruppenarbeit Gelegenheit, über die Ereignisse seit dem letzten Treffen sowie über aktuelle Probleme oder positive Veränderungen zu sprechen.

Danach erst erarbeiteten wir das für diesen Termin geplante Thema.

Struktur, Themen und Methode der Gruppenarbeit waren traumatherapeutisch ausgerichtet und zielten in erster Linie auf die Stabilisierung und Stärkung der Teilnehmer, die Wiedergewinnung ihrer Handlungsfähigkeit, ihrer Selbstachtung und ihrer sozialen Kompetenz. Gleichzeitig orientierten wir uns in der Auswahl der Themen und Übungen an den aktuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Teilnehmer. Jedes der Themen beinhaltete auch kurze psycho-edukative Einheiten, die den Männern halfen, sich selbst und die eigenen Reaktionen aber auch die Menschen in ihrer Umgebung besser zu verstehen.

Im Zeitraum von zwei Jahren erarbeiteten wir u.a. die Themen: ‚Trauma, Traumasymptome sowie Techniken und Übungen zur Selbsthilfe und Selbstberuhigung’; ‚Ressourcen, Kompetenzen, Fähigkeiten’; ‚Emotionen’ - insbesondere Umgang mit den Emotionen Angst / Ohnmacht, Wut, Trauer und Freude / Glück; ‚Beziehungen’; ‚Kommunikation’; ‚Stressbewältigung und Coping-Strategien’; teilweise (soweit in der Gruppe möglich) ‚Konfrontation und Einordnung traumatischer Erlebnisse in die Kontinuität des eigenen Lebens’; ‚Selbstachtung und Selbstbild’.

Wir nutzten dabei neben dem Gespräch imaginative Übungen, psychodramatische Arbeit mit Symbolen, sowie kognitive und kreative Techniken, die die Teilnehmer nach anfänglicher Unsicherheit gut annahmen.

Viele der Männer sprachen in der Gruppe zum ersten Mal offen über persönliche Themen, teilten ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre Gefühle mit den anderen. Von Woche zu Woche wuchs das Vertrauen und das Gefühl von Sicherheit in der Gruppe. Jeder der Männer bekam die volle Aufmerksamkeit von uns allen. Das hatte keiner der Teilnehmer bisher erlebt. Diese unterstützende Atmosphäre ermöglichte auch denen, die zunächst sehr verschlossen waren, sich allmählich zu öffnen. Die Gruppe erwies sich als ein unglaublich wirksamer Katalysator. Die Erfahrungen eines jeden flossen in das Bewusstsein der gesamten Gruppe ein. Nach einigen Monaten zeigten sich bereits wesentliche Veränderungen bei den Teilnehmern: Sie reflektierten mehr, erinnerten sich oft im Alltag an etwas, das in der Gruppe gesagt worden war. Sie reagierten deutlich weniger impulsiv, nutzten die Techniken zur Selbstberuhigung und Distanzierung. Es gab weniger Konflikte in den Familien.

„Das bedeutet für mich Glück!”

Sanel und ich wuchsen immer mehr in diese Arbeit hinein. Bereits nach einigen Wochen fühlte ich mich mit dieser Gruppe sehr verbunden. Die Schicksale der Männer berührten mich tief, aber auch ihr Mut, sich den großen Herausforderungen zu stellen. Jeder ihrer Erfolge machte mich glücklich. Eine große Unterstützung waren für uns auch die regelmäßigen Supervisionstermine mit Gabriele. Mit ihr konnten wir Probleme und Dilemmata besprechen, uns gemeinsam über Erfolge freuen und die weitere Arbeit konzipieren.

Nach zwei Jahren beendeten wir die Arbeit mit der ersten Gruppe mit der Übung: „Ich zu Anfang der Gruppe - ich heute”. Durch diese Übung wurden sich die Männer der großen Veränderungen bewusst, die sie während der zwei Jahre durchlaufen hatten: Ihr Bewusstsein über sich selbst, ihre Beziehungen zu ihrem sozialen Umfeld, ihre Kommunikations- und Konfliktfähigkeit und ihre psychische und physische Gesundheit hatten sich stark zum Positiven hin verändert; allen Teilnehmern war es zudem gelungen, ihre jeweilige Lebenssituation erheblich zu verbessern.

Alle hatten inzwischen eine eigene Wohnung, zwei hatten eine Arbeit gefunden; andere erwirtschafteten nun durch Gartenbau und Landwirtschaft ein Einkommen. Einer der Teilnehmer formulierte die Veränderungen in seinem Leben so: „Vor zwei Jahren hatte ich das Gefühl, dass mein Leben sinnlos ist, dass ich wertlos und unfähig bin und nur zu feige, mich umzubringen ... Heute bin ich mir zwar bewusst, dass ich noch allerlei Probleme anpacken muss, aber ich habe das Gefühl, ich kann das! Ich habe mit eurer Hilfe schon soviel geschafft, da kann ich auch noch mehr schaffen! Unsere Gruppe hier, ihr alle, wart für mich da, als es mir am schlechtesten ging. Ihr habt mir geholfen, wieder an mich zu glauben. Heute freue ich mich, morgens aufzustehen - und das bedeutet für mich Glück!”

Nach Beendigung der Arbeit mit dieser Gruppe war es für Sanel und mich dann gar keine Frage, mit einer zweiten zu beginnen - und inzwischen arbeiten wir bereits seit zwei Jahren mit der dritten Gruppe!

Natürlich ist diese Arbeit nicht leicht; jede Gruppe empfand ich zu Beginn als eine große Herausforderung. Die Massivität der existentiellen Probleme und die schweren Traumatisierungen fordern uns auf allen Ebenen.

Aber ich möchte diese Arbeit mit den Veteranen heute nicht mehr missen. Nichts in meinem langjährigen Berufsleben hat mich mit so einem Gefühl von Sinnhaftigkeit und mit solcher Freude erfüllt wie die Arbeit mit diesen vom Leben schwer getroffenen Männern.

Gordana Sapcanin

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