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SEKA Journal Nr. 27, Dezember 2016

„Aus dem Chaos in ein selbstbestimmtes Leben!”

Psychische Erkrankung als Ergebnis patriarchaler Unterdrückung

Psychodrama-Szene in der GruppenarbeitPsychodrama-Szene in der Gruppenarbeit

Bosnien-Herzegowina ist vor allem in den ländlichen Gebieten noch immer geprägt von massiv patriarchalen Strukturen - sowohl in den Familien als auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Mädchen wird von klein auf suggeriert, dass „sie weniger wert” bzw. „unwichtig” seien und ihre Daseinsberechtigung nur mit ihrem Nutzen für andere verknüpft ist. Sie erfahren, dass ihnen weder eigene Bedürfnisse noch das Recht, „Nein” zu sagen, zugestanden werden. Kurz gesagt, sie haben keine Rechte - aber ein Meer von Pflichten!

Die meisten Mädchen und Frauen passen sich dem familiären und gesellschaftlichen Druck an; sie akzeptieren (auch wegen des Mangels an Unterstützung und ermutigenden Vorbildern) die vorgeschriebene Rolle. Dadurch erhalten sie bis zu einem gewissen Grad gesellschaftliche Anerkennung als „richtige Mädchen / Frauen”.

Wenn Mädchen oder Frauen jedoch gegen die traditionelle Geschlechtsrolle und die damit verbundene Einschränkung, Diskriminierung und Unterdrückung aufbegehren, werden sie in der Regel massiv sanktioniert, bestraft und häufig misshandelt. Gleichzeitig werden sie als „unnormal”, „schlecht” oder gar „verrückt” abgestempelt.

Die Anpassung an die patriarchalen Normen und die damit verbundene Verleugnung und Unterdrückung eigener Bedürfnisse wirkt langfristig krankmachend. Dies zeigt sich fast täglich in unserer therapeutischen Arbeit mit Klientinnen.

Krankmachend sind jedoch auch die Sanktionen, der massive Druck und die meist damit verbundene psychische und physische Gewalt, denen Mädchen und Frauen ausgesetzt sind, wenn sie aus der vorgegebenen Rolle auszubrechen versuchen.

Dies möchte ich am Beispiel meiner Klientin Sanela H.[1] beschreiben - wie auch ihren Weg aus der Krankheit.

„Das Gefühl, dass mich jemand verfolgt”

Im Erstgespräch erklärte die 50jährige Sanela, dass sie wegen „familiärer Probleme” komme, dass es in der Familie - besonders zwischen ihrem Mann und ihr - nur noch Streit gebe und sie nicht mehr weiter wisse.

Sie berichtete auch, dass sie schon seit 12 Jahren in psychiatrischer Behandlung sei - mit der Diagnose „undifferenzierte Schizophrenie”, da sie „Stimmen gehört habe” und das Gefühl hatte, dass „jemand sie ständig beobachte und verfolge”. Obwohl sie die Medikamente regelmäßig nehme und auch zur Kontrolle gehe, fühle sie sich häufig depressiv oder bekomme heftige Wutausbrüche, die ihr hinterher wieder leid täten. Jeder Streit rege sie gleichzeitig sehr auf, verschlimmere ihre psychischen Probleme und führe zu erneuten „Anfällen”.

Die Psychiaterin hatte ihr daher geraten, sich an SEKA zu wenden und um psychotherapeutische Hilfe zu bitten.

Schon während des ersten Termins erzählte Sanela von sexuellen Problemen in der Ehe und dass sie häufig heimliche Affären habe, sich aber dadurch schuldig fühle.

Ich hörte ihr aufmerksam zu - ohne jede Wertung. Dann sagte ich ihr, dass alles, was wir tun, einen Grund habe und die Therapie ihr helfen könnte, sich selbst und ihre Verhaltensweisen besser zu verstehen. „Wenn wir uns selbst verstehen, können wir uns leichter entscheiden, was wir wollen!” Später sagte sie mir, dass es ihr sehr viel bedeutet habe, dass ich nichts bewertet, sondern sie einfach so akzeptiert hätte, wie sie war. Und dass ich ihr Hoffnung gegeben hätte, dass sie in ihr als chaotisch empfundenes Leben Ordnung bringen könnte.

Während der nächsten Termine erzählte Sanela mir ihre Lebensgeschichte. Aufgewachsen war sie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Gorazde - in einer sehr traditionell-patriarchalen Familie, in der der Vater und mehr noch die älteren Brüder dominierten. Von klein auf hatte sie das Gefühl, weniger wert zu sein als ihre beiden Brüder, die zwar in der Landwirtschaft mithelfen mussten, aber sehr viel mehr Freiheiten hatten. Sie selbst musste schon als kleines Mädchen mit ihrer Großmutter den Haushalt führen - die Mutter arbeitete auch auf dem Feld. Nach dem Tod der Großmutter (der für sie ein schwerer Verlust darstellte, da sie von dieser als einziger Liebe und Wärme erfahren hatte), war Sanela als Schulkind für den größten Teil des Haushalts alleine verantwortlich. Anerkennung bekam sie dafür keine.

Die Schule war für sie der einzige Ort, an dem sie sich etwas freier fühlte. Allerdings war es ihr streng verboten, nach der Schule noch mit Schulfreundinnen oder -freunden etwas zu unternehmen oder sich zu treffen. Sie musste stets sofort nach Hause - dort warteten ihre Pflichten.

Übung ‚Fluss des Lebens’Übung ‚Fluss des Lebens’

Gewalt und Widerstand

Als sie heranwuchs und in die Pubertät kam, erwachte ihr Widerstandsgeist und auch ihre Sexualität. Sie verliebte sich in einen Klassenkameraden, erfand Ausreden, um sich Zeit mit ihm zu „stehlen”. Natürlich erfuhr die Familie davon und es begann für Sanela ein Martyrium: Sie wurde beschimpft, geschlagen, eingesperrt. Die körperliche Misshandlung überließ der Vater den Brüdern. Die Mutter konnte ihr nicht helfen, sie war selbst machtlos.

Aber Sanela gab nicht auf: Trotz der Schläge, der Misshandlungen und Drohungen gelang es ihr immer wieder, sich mit ihrem Freund zu treffen. Sie hatte Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, aber auch sexuelle Bedürfnisse. Nach diesem ersten Freund hatte sie weitere. Sexualität spielte stets eine wichtige Rolle, allerdings ging sie - wie sie sagte - „nicht bis zum Äußersten”. Sie wollte „Jungfrau bleiben bis zur Ehe”. Diese patriarchale Norm war auch für sie unumstößlich.

Diese Jahre waren für Sanela die Hölle: Es verging fast kein Tag ohne Beschimpfungen, keine Woche ohne Misshandlungen. Sanela nutzte jede Möglichkeit, für ein paar Stunden zu entkommen. Sie war trotzig, sie log, sie entwickelte Schutzmechanismen ... Aber die Beschimpfungen und Verletzungen wirkten dennoch: Tief in ihrem Inneren begann sie zu glauben, dass etwas mit ihr nicht stimmte, dass sie vielleicht doch schlecht und schuldig war.

Doch die Sehnsucht nach einem anderen Leben war groß und als sie 18 wurde und damit volljährig, floh sie mit ihrem damaligen Freund (ihrem heutigen Ehemann) - aus dem Elternhaus und dem Dorf in die nächste Stadt - nach Gorazde. Sie heirateten.

Danach wurde sie von ihrer Familie endgültig verurteilt und verstoßen. Nur die Mutter hielt heimlich Kontakt zu ihr.

Sanela bekam zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Allerdings gab es auch in ihrer Ehe von Anfang an Probleme. Schon in der Hochzeitsnacht hatte sich gezeigt, dass Sanela doch „keine Jungfrau mehr war”, obwohl sie versicherte, es sei vorher nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen.

Dies zog Vorwürfe ihres Mannes nach sich, der von da an sehr eifersüchtig und misstrauisch war.

Das Verhältnis zwischen den Eheleuten verschlechterte sich. Sanela begann Affären zu haben, die sie zu verbergen versuchte. Sie verfing sich in einem Netz von Lügen. Die Eifersucht ihres Mannes wuchs; sie hatten ständig Streit. Es war wie eine (abgemilderte) Wiederholung dessen, was sie in ihrer Ursprungsfamilie erlebt hatte.

Sanela rutschte in eine Depression, unterbrochen von heftigen Wutausbrüchen.

Krankheit als letzter Ausweg

Dann brach der Krieg aus und ihr Mann musste an die Front zur Verteidigung Gorazdes. Sanela war mit dem Überleben der kleinen Familie allein gelassen. Die Streitereien mit ihrem Mann wurden weniger; die Kriegsereignisse überlagerten alles andere.

Als Gorazde umzingelt unter ständigem Beschuss lag, eine schlimme Hungersnot herrschte und auch Sanela nicht mehr wusste, wie sie ihre Kinder ernähren sollte, schlug sie sich mit den Kindern zum Dorf ihrer Eltern durch und bat diese um Aufnahme. (Nach der Geburt der Kinder hatte sich allmählich wieder ein oberflächlicher Kontakt entwickelt.)

Ihr Vater und die Brüder verweigerten dies. Sie musste mit den Kindern in das umkämpfte Gorazde zurückkehren. Diese Reaktion erlebte sie als eine Wiederholung und Verstärkung ihrer früheren Traumata.

Einige Monate später mussten allerdings die Eltern und die Brüder mit ihren Familien fliehen, da das Dorf eingenommen und verwüstet wurde. Wie selbstverständlich kamen sie zu Sanela und blieben in ihrem Haus bis zum Kriegsende.

Wieder fühlte sie sich benutzt und missbraucht. Die Last, diese vielen Personen zu ernähren, lag hauptsächlich auf ihr. Anerkennung dafür gab es nicht, sondern nur Forderungen, Vorwürfe, Beleidigungen und Verletzungen ... Kurz vor Ende des Krieges wurde ihr Mann verwundet.

Auch nach dem Krieg lag daher die Hauptlast, die Familie zu ernähren, auf Sanela. Ihr Mann bekam nur eine kleine Invalidenrente.

„Jede Arbeit hab' ich angenommen, alles hab' ich versucht: Zwei Kinder zu ernähren, zu kleiden und ihnen die Schulbildung zu ermöglichen - das war sehr schwer ohne jede Unterstützung!”

Sanela stand diese Belastung durch. Doch nach einigen Jahren - die Kinder waren schon fast erwachsen - ging es ihr psychisch immer schlechter. Es gab wieder fast täglich Streit mit ihrem Mann, Sanela flüchtete sich erneut in Affären (sie war noch immer eine gutaussehende Frau). Doch ihre Depression verstärkte sich und ihre aggressiven Ausbrüche häuften sich. Schließlich kamen noch auditive Halluzinationen dazu (sie hörte Stimmen, die sie beschimpften) und das Gefühl, dass sie ständig jemand beobachtete oder gar verfolgte.

Nun suchte sie psychiatrische Hilfe.

Vieles ging mir durch den Kopf, während ich Sanela zuhörte: die nicht endenwollende Kette von Verletzungen und Misshandlungen, die besondere Bedeutung der Sexualität in ihrem Leben, ihre Promiskuität... Ich fragte mich, ob es da möglicherweise auch die Erfahrung sexualisierter Gewalt gegeben hatte? Aber als ich sie darauf ansprach, ob sie in ihrem Leben evtl. auch unangenehme sexuelle Erfahrungen gemacht habe, verneinte sie dies. Ich ließ dies so stehen. Ich war mir sicher, falls es da doch etwas gäbe, würde sich das von selbst zeigen - wenn Sanela dazu bereit wäre.

Als Therapieziel formulierte Sanela eine „Verbesserung der Beziehungen in ihrer Familie” und „dass ich im Alltag wieder ohne diese ‚Anfälle’ funktioniere!” Damit meinte sie sowohl die Wutanfälle als auch die psychotischen Phasen. Außerdem wünschte sie sich, ihr Selbstbewusstsein (das u.a. durch die psychische Erkrankung sehr gelitten hatte) wieder zurückzugewinnen.

Zeichnung einer TeilnehmerinZeichnung einer Teilnehmerin

Selbstachtung wiedergewinnen

Zunächst arbeiteten wir in mehreren Terminen am Thema ‚Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten’. Gespräche und Inszenierungen mit Symbolen auf der ‚kleinen Psychodrama-Bühne’ halfen Sanela, wieder in Kontakt mit ihren Ressourcen zu kommen und sich ihrer Potentiale und Stärken (wieder) bewusst zu werden.

Sie erinnerte sich, auf welch vielfältige Weise es ihr gelungen war, ihre Familie während des Krieges und nach dem Krieg zu ernähren. Sie wurde sich bewusst, wieviel Stärke, wieviel Kreativität, Hartnäckigkeit, Anpassungsfähigkeit und Mut dies erfordert hatte. Aus der Rolle der ‚Inneren Beobachterin’ erkannte sie, was sie da geleistet hatte und spürte Respekt, Anerkennung und Bewunderung.

Sie erinnerte sich auch an ihren Trotz und ihre Widerständigkeit als Jugendliche - Eigenschaften, die von ihrer gesamten Umgebung als negativ sanktioniert wurden. Die Distanz und die therapeutische Unterstützung halfen Sanela, „mit anderen Augen auf dieses Mädchen zu blicken, das einfach nur leben und auch ein Stück vom Glück haben wollte!”, wie sie nun erkannte.

Durch diese Arbeit an den Ressourcen und durch das wachsende Verständnis für sich selbst begann Sanela auch, sich heute anders wahrzunehmen - sich nicht mehr nur über ihre Krankheit zu definieren.

Ihre Selbstachtung wuchs. Das wirkte sich auch auf ganz konkrete Aktivitäten im Alltag aus, die sich Sanela wieder aneignete.

So war sie z.B. seit Jahren nicht mehr Auto gefahren, da sie es sich aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr zugetraut hatte. Nachdem wir das Autofahren und alle damit verknüpften möglichen Ängste, Schwierigkeiten und Lösungen psychodramatisch in der Imagination erarbeitet hatten, probierte sie es schließlich auch in der Realität aus und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sie ohne Probleme fahren konnte.

„Die Stille und die Wütende”

Neben der Arbeit an Ressourcen und Selbstbild widmeten wir zahlreiche Termine in den ersten Therapiemonaten konkreten Konfliktsituationen, die Sanela alltäglich in ihrer Familie erlebte, unter denen sie litt und die sie fürchtete, weil sie sie jedes Mal destabilisierten. Mehrere dieser Situationen erarbeiteten wir auch psychodramatisch in Szenen. Dabei wurde deutlich, dass sowohl Sanela als auch ihr Mann und ihre Kinder über wichtige Dinge nicht oder nur destruktiv kommunizierten. Der Streit entzündete sich an Nebensächlichkeiten, darunter lagen aber tiefere Konflikte (Ängste, Unsicherheit, das Gefühl nicht gesehen oder wertgeschätzt, oder fremdbestimmt zu werden u.ä.). Durch diese Szenen kamen wir auch an die Themen ‚Bedürfnisse und Grenzen’, ‚Ärger / Wut’ und ‚konstruktive Kommunikation’.

Zu all diesen Themen gab ich auch psycho-edukative Erklärungen, die für Sanela sehr wichtig waren.

Insbesondere sprachen wir über die traditionelle Geschlechtsrollen und patriarchalen Strukturen in Familie und Gesellschaft sowie deren Auswirkungen. Diese theoretischen Erklärungen halfen Sanela ihre Unzufriedenheit und ihre untergründige Wut, die sie fast ein Leben lang spürte, zu verstehen und einzuordnen.

In einer Therapiestunde stellte Sanela auf der kleinen Psychodramabühne ihre „beiden Seiten” dar: die „stille Sanela, die von anderen akzeptiert wird” und die „wütende Sanela, die immer in Schwierigkeiten gerät”. Sie meinte: „Die Stille schluckt alles und bemüht sich, es allen recht zu machen. Wenn sich dann zuviel Frustration angesammelt hat, dann kommt mit voller Wucht die Wütende und machte einen Aufstand ... Das sind meine Wutanfälle ... Es sind zwei Extreme ...”

In der Auseinandersetzung mit beiden Rollen erkannte sie, „dass in beiden etwas Wichtiges steckt: in der wütenden Sanela die Kraft, für mich einzustehen und meine Meinung zu sagen, und in der ruhigen, auch die anderen wahrzunehmen und die richtigen Worte zu finden .... Ich glaube, die beiden sollten zusammenarbeiten und nicht gegeneinander!” Sie beschloss, in der nächsten Zeit damit zu experimentieren.

Sanela wurde deutlich, dass ihr genau dies, ihr Eintreten für ihre Bedürfnisse, in ihrer Ursprungsfamilie strikt verboten und massiv sanktioniert worden war. Ihr Ärger und ihre Trotzreaktionen waren mit brutaler Gewalt beantwortet worden. Sie hatte dadurch nie gelernt, ihre Bedürfnisse und Grenzen konstruktiv und selbstbewusst zu vertreten, sie hatte stattdessen indirekte Strategien entwickelt, um ihre Bedürfnisse wenigstens zu einem Teil zu verwirklichen: Heimlichkeiten, Lügen, Vertuschen, Flucht. Dies bewirkte wiederum Schuldgefühle, die gespiegelt und verstärkt wurden durch die Sanktionen und Abwertungen ihrer Umgebung. Trotz allen Widerstands hatte sie diese Abwertungen und Verletzungen verinnerlicht. Das waren - wie sie erkannte - „die inneren Stimmen”, die sie in extremen Stress-Situationen „hörte”

Arbeit mit der ‚kleinen Psychodrame-Bühne’Arbeit mit der ‚kleinen Psychodrame-Bühne’

Veränderungen

Anhand verschiedener Konflikt-Situationen in der Familie arbeiteten wir an der Wahrnehmung der eigenen Gefühle durch Körpersignale und der Definition der eigenen Bedürfnisse. In Psychodramatischen Szenen hatte Sanela dann Gelegenheit auszuprobieren, ihre Bedürfnisse und Gefühle zu kommunizieren. Dies fiel ihr zunächst schwer.

Auf ihren Wunsch hin nahm dann an einigen Terminen auch ihr Mann, Atif[2], teil. Mit meiner Moderation war es den beiden möglich, zum ersten Mal offen über die Probleme in ihrer Ehe zu sprechen. Atif sagte Sanela, dass es ihm leid tue, dass er ihr in den ersten Jahren ihrer Ehe so viele Vorwürfe gemacht habe, dass er heute wisse, dass das sehr schwer für sie war - gerade nach ihrer Erfahrung mit ihrer Familie ... Sanela berührte das sehr. Es zeigte sich, dass für beide - trotz aller Schwierigkeiten - der / die andere noch immer sehr wichtig war und dass sie bereit waren, an ihrer Beziehung zu arbeiten.

Aber es wurde auch deutlich, dass dafür Ehrlichkeit unerlässlich war. Atif formulierte deutlich, wie wichtig Sanela ihm ist, dass er aber Angst habe, sie würde ihn verlassen, da er wisse, dass da noch ein anderer sei, „der wahrscheinlich deine Bedürfnisse besser erfüllen kann”. Sanela schwieg betroffen.

In mehreren darauffolgenden Einzelterminen sprach sie über ihr Dilemma: Ihr Mann hatte recht, sie hatte noch immer eine „Affäre” mit einem anderen Mann - obwohl sie diesen nur selten sah. Sie wisse selbst nicht, was das eigentlich sei, dass sie immer wieder in so ein außereheliches Verhältnis flüchte. „Es ist eigentlich gar nicht so sehr die Sexualität, eher das Abenteuer - das Gefühl, bewundert zu werden, die Bestätigung .... für jemanden etwas Besonderes zu sein ...”

Einige Wochen später teilte Sanela mir dann allerdings mit: „Ich hab' mich entschieden: Ich kann nicht beides gleichzeitig haben ... Meine Ehe ist mir wichtiger ... In unserer Ehe hat sich so Vieles verändert ... Ich kann es manchmal kaum glauben ... wir reden jetzt viel mehr. Ich hätte nie gedacht, dass ich von Atif so viel Verständnis und Unterstützung bekommen könnte ... Jahrelang habe auch ich nur an ihm herumkritisiert ... und meine schlimmen Wutausbrüche ... das alles hat er mit mir ausgehalten. Jetzt haben wir häufig gute Gespräche - und sind beide viel ehrlicher miteinander.”

Sanelas familiäre Situation verbesserte sich in den Folgemonaten deutlich. Sie selbst stabilisierte sich und wurde ruhiger, ihr Selbstbewußtsein wuchs. Sie hatte keine ‚Halluzinationen’ mehr bzw. das Gefühl, beobachtet zu werden, und sie erlebte kaum noch Wutanfälle.

Sanela erklärte mir: „Ich merke jetzt rechtzeitig, wenn mich diese Unruhe und Nervosität erfasst. Dann ziehe ich mich zurück und nehme mir Zeit für mich, um herauszufinden, was dahintersteckt. In der Regel habe ich mich über etwas geärgert, das aber ignoriert. Ich überlege dann, was ich tun kann. Meist überschlafe ich das Ganze nochmal und rede am nächsten Tag mit der jeweiligen Person. Das klappt vor allem mit meinem Mann und den Kindern erstaunlich gut!”

Kurze Zeit später kam Sanela freudestrahlend zu unserem Termin: Der neue junge Psychiater hatte nach gründlicher Untersuchung und einem ausführlichen Gespräch Sanelas Diagnose ‚Schizophrenie’ verändert in ‚Depression ohne psychotische Symptome’ und auch ihre Medikation verändert. Sanela war darüber sehr glücklich. Sie war stolz darauf, was sie durch die Therapie erreicht hatte.

Die Dinge beim Namen nennen

Ein schmerzhafter Punkt war aber nach wie vor Sanelas Verhältnis zu ihrer Ursprungsfamilie. Nachdem ihre Mutter, die sie zumindest im Stillen unterstützt hatte, einige Jahre zuvor gestorben war, hatten sich die Beziehungen weiter verschlechtert.

Sanela besuchte zwar wöchentlich ihren Vater, der nun alt und krank war. Aber jedes Mal gab es Streit, Vorwürfe, sie würde sich zu wenig um den Vater kümmern, Verletzungen, wie sie das schon ihr Leben lang kannte. Aber sie war nun immer weniger bereit, dies zu ertragen. Nach einem schlimmen Streit mit Bruder und Vater beschloss Sanela, vorerst den Kontakt abzubrechen: „Jedes Mal bin ich vollkommen außer mir, wenn ich zurückkomme. Das mussten jahrelang mein Mann und meine Kinder ausbaden ... Es ist genug! Jetzt sollen sie mal ohne mich auskommen!”

In der nächsten Zeit arbeiteten wir in verschiedenen psychodramatischen Szenen an Sanelas Beziehungen gegenüber ihrer Ursprungsfamilie. Sie hatte die Möglichkeit, sich in dem geschützten Raum der Therapie über ihre Gefühle gegenüber den einzelnen Familienmitgliedern klar zu werden und „diesen” jeweils in einer symbolischen Konfrontation das zu sagen, was sie im Leben nie hatte sagen können.

Diese Konfrontationen waren für Sanela nicht einfach: Sie erschütterten sie; aber sie bedeuteten auch eine Befreiung. Endlich konnte sie all das ausdrücken, was sie verletzte, was sie wütend machte, was sie von ihrer Familie eigentlich brauchen würde oder gebraucht hätte ... ohne dass sie erneut verletzt wurde ...

Durch die Szenen erkannte Sanela, dass sie mit ihren Brüdern inzwischen mehr oder weniger abgeschlossen hatte: Sie erwartete nichts Positives mehr von ihnen. Die aktuelle Distanz entsprach ihren Bedürfnissen.

Doch die Beziehung zu ihrem Vater schmerzte sie noch immer.

„Als ich noch ganz klein war, da war es noch anders, da habe ich noch Zuwendung von meinem Vater bekommen, aber sobald ich in die Schule kam, wurde er immer strenger und ich konnte den liebevollen Vater nie mehr wieder finden.”

Sanela spürte, dass sie mit ihrem Vater auch in der Realität gerne reden würde - aber allein - es wenigstens versuchen.

Einige Wochen später verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Vaters und er musste ins Krankenhaus nach Gorazde.

Sie besuchte ihn dort täglich - und als er entlassen werden sollte (es war klar, dass er nicht mehr lange leben würde), fragte sie ihn, ob er zu ihr kommen wolle - wenigstens für ein paar Wochen. Zu ihrer Überraschung stimmte er zu. Zwei Wochen später starb er in Sanelas Haus.

Als Sanela zum nächsten Therapietermin kam, spürte ich, dass sich etwas verändert hatte; Sanela strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus.

Sie erzählte mir, wie froh sie sei, dass ihr Vater diese beiden letzten Wochen bei ihr war. Sie hatten zwar nicht über die Vergangenheit und über ihre Beziehung geredet. Aber der Vater nahm ihre Unterstützung an, sie sprachen über unverfängliche Themen, aber Sanela hatte den Eindruck, dass auch er seinen Frieden mit ihr machen wollte. Er war nicht darin geübt, über Gefühle zu reden, doch zwei Tage vor seinem Tod dankte er ihr, dass sie ihn zu sich geholt hatte. Und er sagte ihr: „Ich bin glücklich, dass ich dich habe!”

Sanela bedeutete das ungeheuer viel. „Wir haben nicht über all das geredet, was geschehen ist, aber ich habe begriffen, dass auch mein Vater letzten Endes ein ‚Opfer’ der Tradition und dieser autoritären Erziehung ist und dass er offensichtlich nicht aus seiner Haut konnte. Das, was er mir in den letzten Tagen gesagt hat und die Wärme, die ich da von ihm gespürt habe, waren wie ein Balsam für meine Seele. Ich glaube, darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet. Wenn ich jetzt an ihn denke, fühle ich Frieden in meinem Herzen! Ohne die symbolischen Szenen hier, hätte ich jedoch nicht diesen Schritt auf ihn zu gehen können, der schließlich unsere Versöhnung ermöglichte!”

Ritual ‚Loslassen-Transformieren’Ritual ‚Loslassen-Transformieren’

„Ich war ein verwundeter Stein”

Einige Wochen später evaluieren wir Sanelas Therapieprozess. Mithilfe von Symbolen bezeichnet sie ihren Weg durch die Therapie:

„Bevor ich hierher kam, lebte ich in einem vollkommenen Chaos und in einem Zustand ständiger Angst - Angst vor allem und jedem. In meinem Kopf gab es so viele irreale Gedanken und Bilder ... erst jetzt sehe ich, wie schlimm mein Zustand war ... Gott sei Dank ist das vorbei ... Ich wollte damals mit meiner Familie über meinen Zustand reden, aber mein Mann und meine Kinder wehrten das immer ab ... Ich weiß jetzt, dass ihnen das selbst Angst machte und sie sich hilflos fühlten.

Als ich zu dir kam, war ich ein verwundeter Stein - tief verwundet und gleichzeitig versteinert. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich jemals so mit einem anderen Menschen sprechen könnte, wie hier mit dir! Deine achtsame Art zu fragen hat mir geholfen, dass ich mich allmählich doch öffnen konnte, obwohl das schwer war, weil ich mein ganzes Leben lang meinen Schmerz in meiner Brust verschlossen hatte. In der ersten Zeit habe ich dich genau beobachtet, da ich nicht sicher war, wie du reagieren würdest. Aber jeder Schritt weiter war für mich ein Schritt zum Licht und zur Klarheit.”

Wir erinnern uns gemeinsam anhand der Symbole an wichtige Stationen der Therapie. Die Tücher, die den „Weg” bezeichnen, werden zum Ende immer heller.

Ans Ende hat Sanela eine offene Muschel platziert, mit einer strahlenden Glasmurmel als „Perle” in der Mitte.

„Das bin ich heute”, sagt sie.„Durch die Therapie habe ich die Perle in meinem Inneren entdeckt und ich habe begonnen mich zu öffnen ... mehr und mehr. So vieles in meinem Leben hat sich für mich geklärt. Ich habe mich selbst neu kennen und verstehen gelernt und ich habe gelernt, dass ich das Recht auf eigene Bedürfnisse und Wünsche habe und dass ich die vertreten kann!

In einem Gespräch mit meinem Sohn hab ich ihm gesagt: ‚Weißt du was: Ich gehe zur Psychotherapie und da hab ich gelernt, dass es nicht in Ordnung ist, dass ihr mich als minderwertig betrachtet, weil ich eine Frau bin! Ich bin gleichberechtigt mit meinen Brüdern, mit deinem Vater und mit dir!’ ”

Ihren mit Symbolen dargestellten Weg durch die Therapie zeichnete Sanela schliesslich ab auf ein Blatt Papier, das sie dann mitnahm - zur Erinnerung an all das, „was ich in der Therapie erreicht habe, und als Ansporn, darüber nachzudenken, was ich noch in meinem Leben erreichen möchte”.

Mevlida Rovcanin

Anmerkungen

1: Name geändert
2: Name geändert
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