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SEKA Journal Nr. 26, Dezember 2015

„Jetzt kann ich allmählich über alles reden ...”

Therapeutische Hilfe bei der Bewältigung des traumatischen Verlusts des Vaters

Die beiden Schwestern Alisa (13 Jahre) und Mirela (12 Jahre) wurden von ihrer Mutter, Frau H., zur Therapie bei mir (Amina Sarajlic) angemeldet. Sie erklärte mir, dass ihr Mann vor einigen Wochen auf dem Nachhauseweg von der Spätschicht überfallen und - als er sich zur Wehr setzte - ermordet worden war. Für sie und ihre beiden Töchter war dies ein furchtbarer Schock. Sie bat mich um Hilfe, da die Kinder mit dieser Situation nicht fertig würden. „Besonders Alisa macht mir Sorgen. Sie war schon früher sehr zurückhaltend und still, doch jetzt spricht kaum mehr, hat sich vollkommen zurückgezogen. Sie hing sehr an meinem Mann! Ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann! Bitte sprechen Sie mit meinen Töchtern! Helfen Sie ihnen!” bat sie mich.

Ich vereinbarte mit ihr einen ersten Termin für die Mädchen, bot ihr aber gleichzeitig an, auch für sich selbst Unterstützung anzunehmen - bei meiner Kollegin. Sie versprach, darüber nachzudenken.

Während der ersten Termine kamen die Schwestern gemeinsam. Sie wussten, warum sie zur Therapie kamen, signalisierten allerdings sehr deutlich, dass sie über den Tod des Vaters nicht sprechen wollten. Ich beruhigte sie, dass sie hier nichts tun müssten, was sie nicht wollten, dass wir über andere Themen sprechen könnten.

Es zeigte sich allerdings rasch, dass die beiden kein sehr enges Verhältnis hatten und gemeinsame Termine sie eher hinderten, sich zu öffnen. Sie waren sofort einverstanden, als ich vorschlug, dass sie einzeln zu mir kommen könnten.

In der Folgezeit kam die jüngere Schwester, Mirela, eher unregelmäßig. Oft brachte sie zum Termin eine Freundin mit - ich hatte das Gefühl - zum Schutz, dass sie nicht über ‚das Thema’ sprechen musste. Ich akzeptierte das. Wir sprachen über alltägliche Themen - hauptsächlich die Schule.

Gruppenarbeit mit Mädchen
Gruppenarbeit mit Mädchen

Das verlorene Vertrauen wiederfinden

Die ältere Schwester, Alisa, kam regelmäßig zu den Einzelterminen. Gleich beim ersten Termin bat sie mich, nicht über ihren Vater zu sprechen, sie nichts zu fragen. Ich erklärte ihr erneut, dass hier nichts geschehen würde, was sie nicht wollte, dass dies hier ihr Raum und ihre Zeit sei, die wir so nutzen würden, wie es ihr entspreche. Ich sagte ihr, dass wir über allgemeine Themen sprechen könnten, die ihr wichtig seien. Ich war mir bewusst, dass es nach einem so traumatischen Ereignis Zeit brauchte, bis sie allmählich zu mir Vertrauen entwickeln, sich in meiner Gegenwart sicher fühlen könnte.

Während der ersten Zeit war sie am ganzen Körper verkrampft und saß ganz in sich zusammengekauert. Doch sie kam immer pünktlich, ließ keinen Termin aus.

Nach vier Wochen, in denen wir hauptsächlich geredet hatten, schlug ich Alisa kleinere spielerische Übungen zur Entspannung vor: so z.B. ‚Selbstmassage mit einer imaginierten Zauberseife, die uns hilft, bestimmte Körperteile zu lockern’, imaginative Bewegungsübungen wie den ‚Wasserfall’ oder schließlich sogar Tanzspiele oder das Spiel ‚Grimassen schneiden’. Sie konnte sich jetzt darauf einlassen. Wir machten die Übungen gemeinsam. Allmählich entspannte sich Alisa, manche Übungen brachten sie sogar zum Lachen. Doch noch immer berührten wir ‚das Thema’ nicht.

Ihre Mutter erzählte mir einige Wochen später, dass sich Alisa, seit sie zur Therapie gehe, sehr positiv verändert habe: Sie sei entspannter, würde auch wieder mehr reden, manchmal sogar lachen und einige Male, habe sie sie sogar tanzen gesehen. Aber noch immer wolle sie nicht über den Vater reden ...

Ich sagte Frau H., dass sie Alisa nicht drängen solle. Damit würde sie nur das Gegenteil erreichen. „Es ist wichtig, Geduld zu haben und das Vertrauen, dass Alisa darüber sprechen wird, wenn sie bereit ist. Sie weiss, dass sie mit mir und mit Ihnen darüber sprechen kann, wenn sie möchte. Aber offensichtlich ist es für sie immer noch zu schmerzhaft!”

Noch einmal bot ich Fr. H. Termine bei meiner Kollegin an. Doch sie meinte: „Ich finde es gut, wenn ich ab und zu mit Ihnen sprechen kann. Ich kenne Sie nun schon. Im Großen und Ganzen komme ich schon zurecht. Meine Töchter waren meine größte Sorge! Ich bin froh, dass Sie da sind für sie!”

„Mit ihr kann ich über alles sprechen!”

Neben den Entspannungsübungen und Spielen vermittelte ich Alisa auch verschiedene Selbsthilfetechniken, wie z.B. ‚den imaginierten Tresor’, um unangenehme Gedanken und Belastendes für eine Weile ‚wegzupacken’.

In der Übung ‚Meine Kraftquellen’ wurde sich Alisa bewusst, welche Dinge und Personen sie als unterstützend erlebt. Diese stellte sie mit Symbolen auf der ‚kleinen Bühne’ (einem Seidentuch als Unterlage) dar. Ich spürte, dass sie auch an ihren Vater dachte, aber dann sprach sie über ihre beste Freundin Dalila, mit der sie über alles sprechen könne, die ihr immer aufmerksam zuhöre und die sie immer unterstützt habe. Ich erzählte dann von meiner Erfahrung mit meiner besten Freundin - welche gemeisamen Geheimnisse und Rituale wir hatten und wie wichtig sie für mich war und noch heute ist. Ich fügte hinzu: „Besonders viel hat mir ihre Unterstützung bedeutet, als meine Mutter starb. Da war sie immer für mich da.” Dies sagte ich, um Alisa zu signalisieren, dass ich ebenfalls die Erfahrung eines schmerzhaften Verlusts gemacht habe. Alisa nickte nachdenklich und zustimmend.

Nach drei Monaten Einzeltherapie ergab sich für Alisa und Mirela die Möglichkeit, sich einer der Mädchentherapiegruppen anzuschließen. Ich sah die Teilnahme an dieser Gruppe für Alisa und Mirela als besonders günstig an, da an der Gruppe bereits ein anderes etwa gleichaltriges Schwesternpaar (Emina und Enisa) teilnahm, das einige Jahre zuvor die Mutter verloren hatte. Diese war an einer Krebserkrankung gestorben. Die Schwestern hatten den Verlust der Mutter in der Mädchentherapiegruppe bearbeiten können. Ich ging davon aus, dass sie für Alisa und Mirela eine große Unterstützung sein könnten.

Mirela entschied sich rasch und ohne zu Zögern für die Teilnahme an der Gruppe. Alisa entschied sich, nachdem ich ihr versichert hatte, dass sie neben der Gruppe weiter zu Einzelterminen kommen konnte. Es zeigte sich, dass sie die anderen Mädchen bereits aus der Schule (allerdings nicht näher) kannten.

‚Markt der Fähigkeiten’
Gruppenspiel ‚Markt der Fähigkeiten’

Sich in anderen wiedererkennen ...

Zunächst hatten die Mädchen durch verschiedene Übungen und Spiele Gelegenheit, sich untereinander besser kennenzulernen. Wir besprachen die Gruppenregeln, mit denen auch die beiden neuen Teilnehmerinnen einverstanden waren.

An den Folgeterminen redeten wir über aktuelle Themen der Mädchen, wir wiederholten einige der Selbsthilfe-Übungen, sprachen über Ressourcen bzw. über Strategien, Probleme zu lösen. Alisa und Mirela konnten sich auf die Gruppenarbeit immer mehr einlassen. Auch sie wussten - ohne dass darüber gesprochen wurde (Gorazde ist eine Kleinstadt!) - dass Emina und Enisa die Mutter verloren hatten. Ich war mir sicher, dass ihnen dies erleichterte, Vertrauen aufzubauen. Mit jeder Gruppenstunde war zu spüren, dass die Schwestern sich mehr entspannten.

Schließlich hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, mit der Gruppe noch einmal am Thema ‚Emotionen’ zu arbeiten - um auch den beiden neuen Mädchen die Möglichkeit zu eröffnen, evtl. einen Weg zu finden, über den Verlust des Vaters zu sprechen.

Wir bearbeiteten zunächst die Emotionen ‚Angst’ und ‚Ärger / Wut’. Beim nächsten Termin (an dem wir über die Emotion ‚Trauer’ sprechen wollten) ergab es sich zufällig, dass zwei der anderen Mädchen absagten und dadurch nur die beiden Schwesternpaare an der Gruppe teilnahmen. Es schien mir, als sollte es so sein!

Zunächst sprachen wir allgemein darüber, welche Situationen bei uns Trauer auslösen. Die Mädchen sprachen über Situationen, die sie traurig machten: schlechte Noten, Streit mit einer Freundin, wenn sie sahen, dass Tiere litten u.a. mehr. Schließlich begann Emina über ihre Trauer über den Tod ihrer Mutter zu sprechen. Ich spürte, wie aufmerksam Alisa und Mirela ihr zuhörten. Emina sprach über all die Reaktionen der Familie und Verwandtschaft, die für sie überhaupt nicht hilfreich gewesen waren...

„Als Mama gestorben ist, da war ich wie erstarrt ... und alle um uns herum sagten, wir sollten nicht weinen sondern stark sein. Ich hatte das Gefühl, ich würde zerbrechen ... Ich hatte einen furchtbaren Druck auf der Brust, dass ich keine Luft bekam. Heute weiss ich, dass das so war, weil ich meine Trauer unterdrückt habe ... Niemand hat mit uns gesprochen, auch mein Vater nicht ... Das hätte ich damals so gebraucht ... Immerzu haben sie uns raus geschickt: „Geht spielen!” und draußen fragten uns die anderen Kinder: „Wie könnt ihr denn jetzt spielen, wo eure Mama gestorben ist ...?” Wenn ich heute traurig bin, dann kann mir kein Mensch verbieten, dass ich weine und trauere ...”

Enisa nickte heftig dazu: „Ja, heute sind wir erwachsener und reifer ... Gott sei Dank, dass wir von SEKA erfahren haben, denn hier können wir über alles sprechen. Die Gruppe hier und die Gespräche mit Amina haben mir am meisten geholfen, den Tod von Mama zu akzeptieren und damit klarzukommen ...”

Nun war Alisa an der Reihe, sie erklärte, sie erkenne sich in Vielem, was Emina und Enisa gesagt hatten, wieder... Dann stockte sie. Es war deutlich, dass sie mit sich und ihren Tränen kämpfte.

Ich sagte ihr, dass sie nicht sprechen müsse, wenn sie das nicht wolle und machte den Mädchen den Vorschlag, dass sie zu viert - ohne mich - über verschiedene Fragen zum Thema Trauer diskutieren könnten und wir dann anschließend die Ergebnisse besprechen würden. Ich gab ihnen einen vorbereiteten Zettel mit den Fragen und vertraute darauf, dass Emina und Enisa es Alisa und Mirela erleichtern würden, sich zu öffnen. Und so war es. Im vertraulichen Vierergespräch begannen auch Alisa und Mirela über ihre traumatische Erfahrung zu sprechen. Der Bann war gebrochen!

Anschließend sprachen wir alle zusammen, auch ich teilte meine Erfahrungen mit Tod und Trauer. Wir sprachen darüber, was hilfreich und entlastend ist und was den Trauerprozess erschwert oder gar blockiert.

Ich gab den Mädchen auch einige theoretische Erklärungen zum Thema Trauer und Trauerprozess, um ihnen zu helfen, sich und die eigenen Reaktionen dadurch besser zu verstehen.

Am Ende dieses Gruppentermins wirkten Alisa und Mirela wie erlöst. In der Abschlussrunde versicherten alle auf meine Frage, ob das heutige Thema für sie sehr anstrengend gewesen sei, dass es für sie nicht anstrengend sondern sehr nützlich gewesen sei.

Wir beendeten die Gruppenstunde diesmal mit einem imaginierten ‚Strandspaziergang’, der die Mädchen begeisterte und ihnen zusätzlich half, sich zu entspannen.

Die Trauer zulassen und den Schmerz anerkennen ...

Auch in der Einzeltherapie, zu der Alisa weiterhin kam, konnte sie nun viel offener über ihren verstorbenen Vater sprechen, sich an schöne oder auch witzige Begebenheiten erinnern, aber auch ihren Schmerz über seinen Tod mit mir teilen. Sie schämte sich nicht mehr in Tränen auszubrechen.

„Am schlimmsten finde ich die Ungerechtigkeit,” brach es einmal aus ihr heraus, „dass die Polizei noch immer nicht die Täter verhaftet hat. Es scheint sie gar nicht zu interessieren. War mein Vater nicht wichtig genug? Und es tut mir so weh, mir vorzustellen, dass ihm niemand geholfen hat. Wenn man ihn gleich gefunden hätte, vielleicht würde er dann noch leben!”

Ich unterstützte sie, ihren Schmerz und ihre Trauer auszudrücken, war einfach da, bis sie sich allmählich wieder beruhigte. Sie erinnerte sich nun daran, wie stolz ihr Vater auf sie war, wenn sie gute Noten aus der Schule mitbrachte, wie er sagte, „Du wirst es noch weit bringen!” oder daran, dass sie sich oft auch ohne Worte verstanden, was Mutter und Schwester manchmal eifersüchtig machte ...

Viele Termine verbrachten wir so mit der Trauerarbeit, Alisa konnte nun auch mit der Mutter offener über den Vater und über ihre Gefühle sprechen. Auch das kleine Buch „Es ist in Ordnung, traurig zu sein”, das ich Alisa ausgeliehen hatte, gab sie der Mutter zu lesen.

Bevor ich im April 2015 in den Mutterschutz ging, schlossen wir die Einzeltherapie mit einer kleinen Evaluation ab. Alisa stellte im Rückblick fest, wie verzweifelt aber auch total verschlossen sie nach dem Tod ihres Vaters gewesen war. Sie hatte sich nur noch im Haus verkrochen. Am liebsten wäre sie auch nicht mehr zur Schule gegangen. „Ich konnte diese mitleidigen Blicke und das Getuschel über uns nicht mehr ertragen ... Ich weiss nicht, was geschehen wäre, wenn Mama uns hier nicht zu dir geschickt hätte. Am Wichtigsten war mir, dass du mich zu nichts gedrängt hast; und ich bin sehr froh, dass ich Emina und Enisa kennengelernt habe. Sie haben mir sehr viel geholfen! Jetzt kann ich allmählich über alles reden ... es tut noch weh, aber es ist doch leichter, ich ersticke nicht mehr an dem Schmerz. Und noch etwas hat sich verändert: ich komme mit meiner Schwester besser aus und versteh mich viel besser mit meiner Mutter!”

Amina Sarajlic

Anmerkungen:

* Namen geändert

Wasserfall
In dieser Übung stellen wir uns einen Spaziergang über eine Wiese, durch einen lichten Wald vor - bis wir zu einem kleinen See mit einem Wasserfall kommen, den wir als ‚Dusche’ benutzen und der uns äußerlich und innerlich reinigt, von allem, was uns bedrückt.

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