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SEKA Journal Nr. 26, Dezember 2015

Trauma hinter der Angst

Therapeutische Arbeit mit einer Klientin, die an Panikattacken leidet

Paarübung (Seminar Traumatherapie)Paarübung (Seminar Traumatherapie)

Sabina M. kam zu uns auf Anraten einer Verwandten, die SEKA aus eigener Erfahrung kannte. Sie wurde aufgrund einer Angststörung seit Jahren psychiatrisch behandelt, ihr Zustand hatte sich aber weiter verschlimmert. Sie war es müde, nur immer mehr Tabletten (Psychopharmaka) zu schlucken, die ihren Zustand nicht verbesserten sondern eher verschlechterten.

In unserem ersten Gespräch erklärte sie mir: „Die Tabletten helfen mir zwar, die Panikanfälle zu unterdrücken, aber ich fühle dann gar nichts mehr; ich bin wie tot und am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett bleiben ... So kann es nicht weiter gehen!”

Sabina erklärte mir, dass sie einerseits panische Angst vorm Alleinsein hatte - ihr Mann Ermin oder ihre 15jährige Tochter Aida mussten ständig um sie sein. Nur mit einem von ihnen konnte sie das Haus verlassen. Wenn sie nur für kurze Zeit alleine war, überfiel sie die Panik. Andererseits hatte sie sich von allen anderen Menschen völlig zurückgezogen. Nur noch zur Mutter und ihren Geschwistern hielt sie Kontakt. Die Begegnung mit anderen (auch mit der Familie ihres Mannes) erlebte sie als belastend - sie verursachte ihr Stress, da die Menschen in ihrer Umgebung kein Verständnis für ihre psychischen Probleme hatten. Ihr Mann und ihre Tochter waren die Einzigen, denen sie vertraute und von denen sie sich unterstützt fühlte „obwohl mein Zustand schon so lange dauert!”, wie sie sagte. Es machte ihr Sorge, dass sie besonders ihre Tochter dadurch zu sehr belastete.

Die massiven Ängste und damit verbundenen Einschränkungen hatten zu einem Verlust ihres Selbstwertgefühls geführt: „Ich hab das Gefühl, ich hab alles verloren, was ich einmal hatte: meine Fröhlichkeit, meine Kompetenz, meine Stärke! Ich habe das Gefühl, ich bin wertlos und eine Belastung für andere!”

Gleichzeitig war Sabina jedoch sehr motiviert, alles zu nutzen, was ihr helfen konnte: seit Jahren las sie alles, was sie über Angststörungen finden konnte; sie suchte im Internet nach Hilfsmöglichkeiten - und als sie von SEKA hörte, war sie sofort bereit, das Angebot zu psychotherapeutischer Hilfe zu nutzen.

Auch als ich ihr erklärte, auf der Grundlage welchen Konzepts und mit welchen Methoden (psychodramatische, imaginative und kreative Techniken) wir arbeiten, war sie sofort bereit, sich darauf einzulassen. Wichtig war ihr die absolute Diskretion (die leider in den bosnischen Institutionen noch immer ein Fremdwort ist) und unsere optimistische therapeutische Philosophie: dass wir an das Selbstheilungspotential und die ‚innere Weisheit’ in jedem Menschen glauben und unsere KlientInnen auf dem Weg zu ihrer Heilung bzw. zur Lösung ihres Problems begleiten und unterstützen, ihnen aber nichts ‚überstülpen’.

Bereits im Erstgespräch wurde deutlich, dass sie während des Krieges (sie war bei Kriegsausbruch achtzehn Jahre alt) eine Vielzahl extrem belastender bzw. traumatischer Situationen erlebt hatte. „Aber”, meinte sie, „das Seltsame ist, dass ich das damals alles eigentlich ohne größere Schwierigkeiten überstanden habe, als ob mir das nicht so viel ausgemacht hat - ich war trotz meiner Jugend diejenige, die andere unterstützte, z.B. meine Mutter als mein Vater an der Front fiel. Ich hab mich um andere gekümmert ... Es kommt mir heute so vor,als ob ich damals viel stärker war. Und jetzt, wo es eigentlich gar keinen Grund gibt, da habe ich ständig diese Angst, das gleich etwas Furchtbares geschehen wird ...!”

Ich erklärte Sabina, dass das gar nicht ungewöhnlich sei, dass wir Menschen in extremen Situationen alle Kräfte mobilisieren, um diese Situation zu überstehen. Dabei nutzen wir unseren Verstand; die mit diesen Situationen verbundenen massiven Gefühle würden uns eher behindern, uns paralysieren, also spalten wir sie in der Regel ab oder ‚frieren sie ein’, um handlungsfähig zu bleiben. Später, wenn sich die Situation beruhigt bzw. wir in Sicherheit sind, geschieht es dann, dass wir diese Gefühle erst empfinden. Zum Beispiel gelingt es uns vielleicht in einer gefährlichen Situation klug zu reagieren, danach erst schlottern uns die Beine und die Angst überfällt uns. Wenn wir sehr lange einer extremen Situation ausgesetzt sind (z.B. im Krieg), müssen wir uns an diese Situation anpassen. Das hat langfristige psychische Folgen (neben den klassischen Traumasymptomen auch Angstzustände, Depressionen, psychosomatische Beschwerden oder sogar körperliche Erkrankungen), die sich aber oft erst viel später zeigen.

Ich erklärte Sabina, dass wir darüber im Verlauf der Therapie ausführlicher sprechen würden, dass es zunächst nur wichtig sei, zu wissen, dass alle Symptome, die wir entwickeln einen Grund bzw. einen Sinn haben, auch wenn wir den im Moment noch nicht sehen können. Auch ihre Angst habe sicherlich eine Ursache. Diese Erklärungen beruhigten Sabina ein Stück weit und gaben ihr Hoffnung, dass sie mit meiner Unterstützung einen Weg finden würde, ihre Ängste zu bewältigen. Als Ziel der Therapie formulierte sie: „Ich möchte meine Ängste loswerden, wieder meine Kraft spüren und ein erfülltes und glückliches Leben leben können!”

Psychodrama-Inszenierung
Psychodrama-Inszenierung

Die frühen Anzeichen erkennen
und gegensteuern ...

Während der nächsten Therapie-Termine erarbeiteten wir unterschiedliche Techniken und Übungen zur Selbstberuhigung und zur Kontrolle ihrer Angst, so zum Beispiel die Techniken ‚Tresor’ (in dem Unangenehmes weggepackt werden kann) oder das ‚Album der Gegenbilder’ (eine Liste schöner oder auch witziger Erinnerungen und Bilder, die vorbereitet und bei Bedarf dann genutzt werden kann, um auf positive bzw. beruhigende Gedanken ‚umzuschalten’).

Zusätzlich lernte Sabina verschiedene Imaginationsübungen, die sie zu Hause - besonders morgens nach dem Aufwachen und abends vorm Schlafengehen anwandte, sowie weitere Strategien, die ihr halfen, rechtzeitig die frühen Anzeichen einer nahenden Panikattacke (z.B. Nervosität, ein Druck im Magen u.a.) zu erkennen und aktiv gegenzusteuern.

Wir erarbeiteten eine Liste mit allem, was hilfreich war, damit Sabina ihre Gegenstrategien sofort zur Hand hatte.

Sie erkannte dabei, dass sie auch bisher schon bestimmte Strategien genutzt hatte, um sich zu beruhigen oder abzulenken und so Panikattacken zu vermeiden. Diese Erkenntnis war für sie ermutigend und gab ihr das Gefühl, „dass ich der Angst doch nicht so hilflos ausgeliefert war, wie ich immer dachte!”

Zum Beispiel half ihr körperliche Arbeit, zügiges Gehen, sich mit etwas Positivem abzulenken, Gespräche mit ihrem Mann oder ihrer Tochter. Trotz ihres „Zustands” (wie sie ihre Angststörung bezeichnete), hatte sie ein Erdbeerfeld angelegt - gefördert von einer internationalen Organisation, die auch den Aufkauf der Früchte garantierte. Die Arbeit auf diesem Feld tat ihr gut und die Einnahmen aus dem Verkauf der Früchte waren außerdem ein willkommenes Zubrot zum schmalen Familienbudget. Das Wichtigste war aber das Gefühl, dass sie wenigstens in einem Lebensbereich kompetent war.

Wir würdigten diese Leistung. Sabina begann sich positiver zu sehen ...

In der Imaginations-Übung „Mein innerer sicherer Ort” stellte sie sich zu Anfang ihr Haus mit Mann und Tochter vor und gleich dahinter die ‚Notambulanz’, die Sabina wegen ihrer Panikattacken jahrelang mehrmals wöchentlich aufgesucht hatte. Diese Imagination veränderte sich über die Monate: die Ambulanz rückte immer mehr in den Hintergrund, bis sie ganz verblasste und Sabina meinte: „Ich muss sie nicht mehr ständig sehen, ich weiss ja wo sie ist!”

Auch die Übung ‚Lichtkreis’ bedeutete Sabina viel, sie nutzte sie fast täglich und die Übung gelang ihr immer besser und half ihr, leichter einzuschlafen.

Nach vier Monaten erklärte mir Sabina, dass sie nun schon einen Monat lang keine schwere Panikattacke mehr gehabt habe. In mehreren Situationen habe sie zwar die Anzeichen gespürt, aber dann sofort gegengesteuert und „es hat geklappt”, freute sie sich.

Es gab ihr Sicherheit, dass sie wusste, was sie tun konnte. Dadurch war sie nicht mehr in einer ständigen Anspannung und Erwartung einer Panikattacke. Sie hatte wieder mehr Energie für ihren Alltag, mehr Interesse an anderen Dingen und allmählich auch wieder ein wenig mehr Offenheit gegenüber anderen Menschen. In einer Therapiestunde meinte sie: „Ich glaube, dass ich Ermin und Aida erdrücke, all die Jahre hab ich mich an sie geklammert. Ich möchte wieder selbständiger werden und ... ich hätte sehr gerne eine richtig gute Freundin. - Das hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht!”

Wir überlegten, wie sie Freundinnen finden könnte. Dabei erkannte Sabina, dass andere sich durchaus für sie interessierten, dass sie bisher jedoch keine Nähe zugelassen hatte.

Da wir zu dieser Zeit in SEKA mit einer neuen Therapiegruppe beginnen wollten, schlug ich ihr vor, daran teilzunehmen. Nach einer Woche Bedenkzeit stimmte sie zu.

Der Ärger hinter der Angst

Während der ersten Gruppentermine war Sabina sehr still. Doch wenn sie etwas sagte, hatte sie sofort die konzentrierte Aufmerksamkeit der gesamten Gruppe. Die anderen beeindruckten ihre ernsthaften, reflektierten und ehrlichen Beiträge.

Wie sie uns später sagte, empfand sie zu Anfang die Erwärmungsübungen und Spiele eher als albern. Doch sie bemerkte, dass sie danach jedes Mal richtig gute Laune hatte, und sie realisierte, dass auch diese witzigen Spiele ein Teil der Therapie waren. Schließlich hatte sie genau so viel Spaß daran wie die anderen.

Wichtige Themen der Gruppenarbeit waren u.a.:

Alle diese Themen waren auch für Sabina von großer Bedeutung. Sie erkannte sich in den Geschichten und Problemen der anderen Frauen wieder. Sie war mit ihren Problemen nicht allein. Jede der Frauen hatte in ihrem Leben Gewalt erlebt. Die Offenheit der anderen ermöglichte Sabina auch über ihre eigenen Erfahrungen in ihrer Kindheit zu sprechen: Der Vater, den sie einerseits sehr geliebt hatte, war alkoholabhängig gewesen und, wenn er betrunken war, gewalttätig gegen Frau und Kinder.

Durch die Gruppenarbeit veränderte sich Sabinas Beziehung zu anderen - sie wurde offener. Auch in ihrem Alltag begann sie, Kontakte zu knüpfen bzw. zuzulassen. Sie begann, ohne Mann oder Tochter aus dem Haus zu gehen, sich mit anderen zu treffen. Mit zwei Frauen aus der Gruppe entwickelte sich eine Freundschaft. In der Gruppe endeckte Sabina auch ihren Humor wieder. Ihre trockenen Kommentare lösten häufig eine Lachsalve aus.

In der Arbeit am Thema Emotionen erkannte Sabina, dass hinter ihrer Angst - zumindest zu einem guten Teil - eigentlich Ärger steckte.

Sie wurde sich bewusst, dass die traditionelle und patriarchalen Erziehung, die sie erfahren hatte, es ihr erschwerte, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu vertreten. Sie hatte immer alle anderen wichtiger genommen als sich selbst und war dadurch immer mehr von anderen ausgenutzt worden. Da dies ja für eine traditionelle Frau ‚normal’ war, konnte sie ihre Frustration und ihren Ärger darüber nicht wahrnehmen. Der unterdrückte Ärger wandelte sich zu Angst.

In der Therapiegruppe lernte Sabina, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und gegenüber ihrem Umfeld mit entwaffnender Offenheit und einer Dosis Humor zu vertreten - mit großem Erfolg: Ihre Schwiegermutter, von der sie sich früher in besonderem Maße missachtet und ausgenutzt fühlte, brachte ihr auf einmal Respekt entgegen.

Sabina merkte, dass sie ihre Angst vor anderen Menschen verloren hatte und deswegen dem Kontakt mit anderen auch nicht mehr ausweichen musste.

Begegnung mit der ‚Inneren weisen Frau’

Wie sie in der Evaluation am Ende der Gruppentherapie erklärte, profitierte sie am meisten von den psychodramatischen Szenen, mit denen wir zu bestimmten Themen arbeiteten.

Besonders die Szenen zum Thema ‚Innere weise Gestalt’ beeindruckte sie zutiefst. Nach einer geleiteten Imaginationsübung zu diesem Thema malten die Teilnehmerinnen zunächst ihre Erfahrungen während der Übung. Dann hatte jede die Möglichkeit - mit Hilfe der anderen Teilnehmerinnen in unterschiedlichen Rollen - ihre Szene auf die Bühne zu bringen. Die Arbeit mit diesen Szenen erstreckte sich über mehrere Gruppentermine.

Auch Sabina stellte ihre Szene (mit Hilfe der anderen Teilnehmerinnen) dar: Zunächst markierte sie mit Symbolen eine blühende Wiese, die für sie Sicherheit und Entspanntheit bedeutete. Doch gleich darauf stellte sie ein ‚erstes Hindernis’ (repräsentiert von einer anderen Teilnehmerin) dar - ihr Zögern und ihre Angst, ihre innere Weisheit evtl. nicht zu finden. Im psychodramatischen Interview mit Sabina in der Rolle des ‚ersten Hindernisses’ verwandelte sich dieses Hindernis in eine ‚Herausforderung’, die Sabina annehmen und dadurch überwinden konnte.

Nun stand sie auf einmal vor einem großen schwarzen schmiedeeisernen Tor, das auf sie bedrohlich wirkte. Doch als sie versuchte, das Tor zu öffnen, klappte dies ohne Probleme und sie kam in einen Garten, wo sich vor ihr schon das ‚zweite Hindernis’ befand - ein riesiger schwarzer Fels, der ihr den Weg versperrte.

Im Interview mit Sabina in der Rolle des Felsen, zeigte sich, dass auch dieser kein ‚Feind’ war, sondern sie ebenso herausfordern wollte, mehr an sich zu glauben und mehr für ihre Ziele zu kämpfen. Ohne Probleme konnte Sabina daraufhin den Felsen umgehen und kam zu einem lieblichen Garten mit vielen wunderschönen Blumen und in der Mitte einem Häuschen mit einer Bank davor, auf der die ‚weise Frau’ sie erwartete. Diese lud Sabina ein, sich neben sie zu setzen.

Im Interview mit Sabina in der Rolle der ‚weisen Frau’ sagte diese zu ‚Sabina’: „Ich habe gesehen, dass du Zweifel hattest, ob dir das gelingen würde, aber du hast es geschafft! Du hast alle Hindernisse überwunden und bist zu mir gekommen! Darüber freue ich mich sehr! Du musst einfach mehr an dich glauben!” Dann schenkte die ‚weise Frau’ Sabina einen Spiegel. „In diesem Spiegel wirst du mich immer sehen und mit mir sprechen können, wenn du mich brauchst.”

Sabina bewegte ihre Szene zutiefst und noch wochenlang dachte sie darüber nach.

In der abschließenden Evaluation der Gruppenarbeit (etwa ein Jahr nach dieser Übung) benannte sie im Rückblick den Gewinn aus ihrer Szene: „Diese Szene hat mir geholfen, wieder mehr an mich zu glauben und an meine Fähigkeiten, Schwierigkeiten zu überwinden. Mein Selbstvertrauen ist gewachsen und meine Ängste haben sich verringert. Ich fühlte mich wieder sicherer und entspannter - auch im Kontakt mit anderen; ich konnte wieder Freude empfinden ...”

Kleingruppenarbeit (Seminar Traumatherapie)
Kleingruppenarbeit (Seminar Traumatherapie)

Die Angst verstehen ...

Parallel zur Gruppentherapie arbeiteten wir weiterhin auch einzeltherapeutisch. In mehreren psycho-edukativen Einheiten erklärte ich Sabina grundlegende Aspekte von Trauma (Was ist eine traumatische Erfahrung? Was geschieht da genau mit uns? Welche Trauma-Symptome entwickeln sich als Folge? Was hilft uns bei der Überwindung eines Traumas?). Diese Erklärungen waren für Sabina sehr wichtig. Sie erkannte eine ganze Reihe eigener traumatischer Erfahrungen (sowohl aus dem Krieg als auch aus ihrer Kindheit), die sie kurz schildern konnte, ohne sich dabei zu destabilisieren. Sie erlebte es als Erleichterung, den Sinn ihrer Symptome zu verstehen. Und sie sah nun einen klaren Zusammenhang zwischen diesen Erfahrungen und ihrer Angst - die unterschwellig noch immer da war, auch wenn sie schon lange keine Panikattacken mehr hatte.

Danach war Sabina bereit, sich psychodramatisch mit ihrer Angst zu konfrontieren.

Zunächst explorierten wir näher, in welchen Situationen sich die Angst meldet; wovor genau Sabina sich dann fürchtet und wie sie damit umgeht.

Sabina meinte, dass diese Angst unterschwellig immer da sei, aber sich verstärke, wenn sich irgend etwas Unvorhergesehenes ereignete (oft Kleinigkeiten), die ihren geplanten Tagesablauf durcheinander brächten; oder wenn irgendeine Anforderung an sie gestellt würde, auf die sie nicht vorbereitet sei. Auch im Lift oder wenn sie sich nur vorstellte, wieder Auto zu fahren, hatte sie diese Panikattacken erlebt. Sie hatte deshalb solche Situationen immer mehr vermieden. Die Angst äußerte sich im Gefühl, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde und sie dem ohnmächtig ausgeliefert wäre. Körperlich hatte sie das Gefühl zu ersticken, einen furchtbaren Druck auf der Brust und das Gefühl, als ob ihre Beine versagten.

Sabina war bereit, psychodramatisch in die Rolle ihrer ‚Angst’ (dargestellt von einer gedrehten Muschel) zu wechseln. Im Interview, das ich dann mit Sabina in der Rolle ‚ihrer Angst’ führte, stellte sich heraus, dass die Wurzeln für Sabinas Angst in ihrer Kindheit liegen: Viele Jahre hatte sie in der ständigen Angst vor den gewalttätigen Ausbrüchen des betrunkenen Vaters - besonders gegen ihre Mutter - gelebt. Als 12jährige hatte sie bereits versucht, einzugreifen und ihre Mutter zu schützen oder den Vater abzulenken.

Im Bemühen, diese Ausbrüche zu verhindern, entwickelte sie einen großen Perfektionismus und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle.

Mit 18 Jahren hatte sie den Mut, den Vater direkt mit seinem Verhalten zu konfrontieren. Sie drohte ihm, wenn er mit dem Trinken nicht aufhören würde, dass sie ihn dann mit ihrem Verhalten kompromittieren würde. Erstaunlicherweise hatte diese Drohung bei dem sehr traditionellen Mann Erfolg. Er hörte tatsächlich auf zu trinken. Sabinas Angst verringerte sich dadurch.

Doch dann brach der Krieg aus und nach wenigen Monaten fiel der Vater. Sabinas Angst vergrößerte sich wieder, aber sie blockierte sie nicht, sondern trieb sie an, möglichst vorsichtig zu sein und zu verhindern, dass ihr - und noch mehr - ihrer Familie etwas zustieß.

Die Angst vergößerte sich weiter, als ihr jüngerer Bruder mit 18 Jahren an die Front geholt wurde. Nächtelang lag sie wach und wartete, ob er nach Hause kam, immer mit dem Schlimmsten rechnend.

Dann verliebte sich Sabina und nach einigen Monaten verlobte sie sich mit ihrem Freund. Auch dieser musste an die Front. Und eines Tages kam er nicht zurück. Das Schlimmste war, dass sie nicht wusste, was mit ihm geschehen war. Erst nach dem Krieg wurden seine sterblichen Überreste in einem Massengrab identifiziert.

Als ich im Interview mit der ‚Angst’ diese fragte, ob sie Sabina „terrorisieren wolle”, oder warum sie ihr das Leben so schwer mache, meinte diese, dass sie Sabina nur zu äußerster Wachsamkeit antreiben wollte - damit sie immer auf das Schlimmste vorbereitet sei.

Ich erwiderte der ‚Angst’ (Sabina), dass sie ja wohl seit Jahren das Gegenteil erreiche, da die Panikattacken Sabina immer handlungsunfähiger gemacht hätten und dass auch die Situation heute - so viele Jahre nach dem Krieg eine völlig andere sei.

Psychodrama-Skulpturierung
Psychodrama-Skulpturierung

... und mit ihr verhandeln

Ich fragte ‚die Angst’, ob sie denn bereit sei, mit Sabina darüber zu verhandeln, welche Rolle sie in Sabinas Leben heute einnehmen solle. ‚Die Angst’ war dazu bereit. Zum Abschluss sagte Sabina aus der Rolle ‚der Angst’ zu ‚Sabina’ (symbolisiert von einer Puppe): „Ich will dir das Leben nicht schwermachen, aber ich will dich schützen und auf das Schlimmste vorbereiten!”

Wieder zurück in ihrer Rolle meinte Sabina, dass sie dieses Gespräch fasziniere und dass sie nun ihre Angst mit anderen Augen sehe - nicht mehr so bedrohlich. Wir sprachen darüber, dass sie mit ihrer Angst verhandeln könnte, was sie sich von ihr heute wünsche. Sabina sagt der ‚Angst’: „Ich will dich nicht ganz loswerden. Ich weiß, dass du nützlich bist, dass du mir hilfst, vorsichtig zu sein. Aber ich möchte dich auf ein normales Niveau reduzieren. Nicht, dass du mich überfällst, wenn es gar nicht nötig ist. Ich möchte, dass du auf mich hörst, wenn ich mit dir spreche!”

‚Die Angst’ war dazu bereit (Sabina ‚hörte ihre Antwort’).

Zu Beginn des nächsten Termins berichtete Sabina, dass sie in mehreren Situationen, als die Angst sich meldete, mit dieser geredet habe: „Was kommst du jetzt, es ist alles in Ordnung, ich brauche dich nicht!” und diese dann verschwunden sei. Sabina war begeistert von diesem Erfolg.

Sich um das verletzte und verängstigte innere Kind kümmern

Da der Ursprung für Sabinas Angst in der Gewalterfahrung in ihrer Kindheit begründet lag, arbeiteten wir weiter mit dem Ego-States-Konzept, das uns die Möglichkeit gibt, u.a. mit verletzten bzw. bedürftigen inneren Anteilen zu arbeiten.

Wenn eine Person sehr belastende oder traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit nicht verarbeiten konnte, werden die damit verbundenen Gefühle in der Regel aktiviert, wenn irgendein Segment (Trigger) einer aktuellen Situation an die traumatische Situation erinnert. Die massiven Gefühle aus der traumatischen Situation überfluten sie und machen sie handlungsunfähig oder lassen sie überreagieren. Es ist, als ob die Person von früher (z.B. das verletzte und verängstigte Kind) noch immer in ihr lebt, durch den Trigger aktiviert wird und ‚das Kommando übernimmt’.

Es ist daher wichtig, zunächst die Klientin in ihrer heutigen Kompetenz zu stärken (auch durch die Arbeit, bzw. das Kreieren von hilfreichen Ego-States wie z.B. der ‚Inneren weisen Gestalt’ s.o.) und ihr dann zu ermöglichen, sich symbolisch um ‚den inneren verletzten Anteil’ zu kümmern.

Nach einer kurzen Erklärung des Ego-States-Konzepts bot ich Sabina an, sich ein Symbol für die ‚kleine Sabina’ auszuwählen. Sie wählte eine Puppe für ‚die 12jährige Sabina’. Dann bat ich sie, mir von der ‚12jährigen Sabina’ zu erzählen: Wie sie aussah, was für ein Mädchen sie war, was ihr Freude machte, welches ihre Stärken waren, was ihr schwer fiel, sie traurig oder ihr Angst machte. Meine Fragen halfen Sabina, sich zu erinnern und immer mehr Verständnis und Empathie für ‚die Kleine’ zu empfinden - aber auch Achtung davor, wie mutig und klug die 12jährige mit der schwierigen Situation in ihrem Elternhaus umgegangen ist. Sie erkannte aber auch, wie allein die kleine Sabina gewesen war, dass sie sich niemandem anvertrauen konnte.

Anschließend erarbeiteten wir einen ‚Sicheren Ort’ für ‚die 12jährige Sabina’, an den Sabina ‚die Kleine’ (in der Imagination) in Sicherheit bringen konnte, falls aktuelle Situationen als ‚Trigger’ wirkten.

Der ‚Sichere Ort’ war im Haus ihrer Lieblingstante, zu der sie als Kind manchmal in den Ferien fahren durfte. Leider wohnte die Tante Hunderte Kilometer entfernt und konnte in aktuellen Situationen nicht intervenieren. Aber sie liebte und verstand ihre Nichte. Mit der Tante konnte Sabina reden und außerdem hatte sie dort viele Freundinnen, mit denen sie spielen konnte. Bei der Tante durfte sie einfach Kind sein.

Nachdem Sabina mit Tüchern und Puppen den ‚Sicheren Ort für die 12jährige Sabina’ gestaltet hatte, brachte sie diese dort in Sicherheit. Dann schaute sie die Szene an und meinte: „Ich bin so froh und berührt, die Kleine hier zu sehen. Es ist, als ob ich sie wirklich in Sicherheit gebracht hätte! Ich fühle mich nun ganz ruhig!” Wir fotografierten die Szene und Sabina erhielt beim nächsten Termin das Foto, um ihr zu helfen das Bild ‚der Kleinen, die nun in Sicherheit ist’, in sich zu verankern.

Einige Termine später war Sabina bereit für eine psychodramatische Annäherung an das Trauma ihrer Kindheit. Mit Symbolen erarbeiteten wir die Situation der ‚12jährigen Sabina’ in der Schule, in der sie nur teilweise dem Unterricht folgen kann, weil die Gedanken und die Angst, was sein wird, wenn der Vater nachts nach Hause kommt, sie beherrschen.

Detailliert erarbeiteten wir diese Szene - die Gedanken, die Gefühle und die Körpergefühle der kleinen Sabina. Schließlich nahm Sabina ‚die Kleine’ in den Arm und sprach mit ihr, sagte ihr das, was sie damals gebraucht hätte, und brachte sie dann zum ‚Sicheren Ort’, den sie zuvor bereits vorbereitet hatte.

Diese Szene war für Sabina nicht einfach, da sie Gefühle und Körpergefühle ‚der 12jährigen Sabina’ noch einmal durchlebte. Doch sie blieb stabil, da sie inzwischen gut mit ihren Gefühlen umgehen konnte.

Nach Auflösung der Szene meinte sie, dass sie das Gefühl habe, als ob in ihrem Herzen etwas zu heilen begonnen habe.

Symbolarbeit - Evaluation des Therapieprozesses
Symbolarbeit - Evaluation des Therapieprozesses

Konfrontation

In den nächsten Terminen sprachen wir über aktuelle Themen. Dabei stellte Sabina fest, dass sie inzwischen nur noch manchmal an die Angst dachte, diesen Gedanken dann aber wieder loslassen könne („Ich brauche dich jetzt nicht!”).

Schließlich konnte sie sich vorstellen, sich mit der Gewaltsituation in ihrer Kindheit zu konfrontieren.

Nachdem sie wieder den ‚Sicheren Ort für die Kleine’ gestaltet hatte, baute sie die Szene in ihrem Elternhaus auf. Sie erklärte: „Der Vater ist wieder mitten in der Nacht betrunken nach Hause gekommen, hat sie aus den Betten gerissen. Zitternd stehen die Kinder in ihren Nachthemden in der Küche; die 12jährige Sabina versucht ihre kleineren Geschwister zu schützen. Der Vater brüllt, wirft Gegenstände und stürzt sich auf die Mutter ...”

Hier bat ich sie innezuhalten. Ich bot ihr an, als heutige erwachsene Sabina das zu tun, was damals jemand hätte machen müssen.

Sabina war dazu bereit, sie schritt ein, stoppte den ‚Vater’. Dann brachte sie alle Kinder zum ‚Sicheren Ort’. Danach konfrontierte sie sowohl den ‚Vater’ als auch später die ‚Mutter’ („du hättest mit uns weggehen, dich scheiden lassen sollen!”) mit ihrem Versagen als Eltern, sagte ihnen, was ihre Pflicht und Verantwortung gewesen wäre. Hielt ihnen vor, welche Schäden sie bei ihren Kindern angerichtet haben. Dabei wuchs ihre Wut. Die ‚Eltern’ mussten zuhören. Als sie geendet hatte, ergriff ich das Wort, konfrontierte die ‚Eltern’ mit ihrem Verhalten. Sabina hörte genau zu.

Schließlich wandten wir uns der ‚kleinen Sabina’ und den ‚Geschwistern’ am ‚Sicheren Ort’ zu. Sabina tröstete sie, erklärte ihnen die Situation, sagte ihnen, dass sie nun in Sicherheit bei der Tante seien.

Psychodrama-Szene

Danach löste Sabina die Szene auf. In der Nachbesprechung sagte sie mir: „Ich fühle mich sehr erleichtert! Der Druck in meinem Magen, der mich viele Jahre gequält hat, den ich am liebsten auskotzen wollte, aber nicht konnte, ist weg! Immer hatte ich das Gefühl, dass auf mir ein Schmutzfleck ist, weil ich so einen Vater hatte und sich in unserer Familie solche schrecklichen Dinge ereignet haben! - Jetzt weiss ich, dass ich mich dafür nicht schämen muss! Im Gegenteil, ich empfinde großen Respekt und Liebe für das Mädchen, das ich war. Ich bin stolz auf sie. Es tut mir nur leid, dass sie und ihre Geschwister das alles erleben mussten!”

Während der nächsten Termine zeigte es sich, dass die Konfrontationsszene bei Sabina ihre Wut und ihre Trauer freigesetzt hatte - ein Zeichen für den Beginn des Trauer- und Integrationsprozesses ihres Kindheitstraumas. Inwieweit sie auch an ihren Traumata aus dem Krieg arbeiten will, das wird Sabina zu gegebener Zeit entscheiden. Zunächst möchte sie, wie sie sagte, „mein neues Leben ohne Angst genießen!”

Gabriele Müller

Anmerkungen:

* Namen geändert

Übung ‚Lichtkreis’
die die Vorstellung beinhaltet, dass sich ein Licht in unserem Herzen - von den Strahlen der Sonne genährt - im ganzen Körper wärmend, beruhigend und heilend ausbreitet und schliesslich einen Lichtkreis um uns bildet, der uns schützt und Geborgenheit gibt.

Das Ego-States-Konzept ist eine Weiterentwicklung des psychoanalytischen ‚Ich-Es-Überich-Konzepts’. Wir nutzen es in der u.a. von Luise Reddemann vermittelten Form, die von drei Gruppen innerer Anteile ausgeht: den hilfreichen / unterstützenden, den verletzten bzw. bedürftigen und den destruktiven inneren Anteilen. Dieses Konzept ist insbesondere in der traumatherapeutischen Arbeit sehr effektiv.

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