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SEKA Journal Nr. 26, Dezember 2015

„... nicht nur Opfer des Krieges sondern auch Opfer des Friedens ...”

SEKA-Koordinatorin Esma Drkenda über die Situation der Überlebenden von Kriegsvergewaltigungen - zwanzig Jahre nach dem Krieg

Tribunal ‚Frauengericht’
Tribunal ‚Frauengericht’

Die Mehrzahl der Texte, die in diesem Jahr aus unterschiedlichsten Blickwinkeln über Bosnien-Herzegowina geschrieben werden, beklagen, dass „auch zwanzig Jahre nach Kriegsende” eine Vielzahl von Problemen noch immer nicht gelöst seien. Die Zeit vergeht, doch es gibt kaum oder gar keinen Fortschritt in der Bewältigung von Schlüsselproblemen der Menschen hier. Dies trifft im Besonderen auf die zivilen Opfer des Krieges zu, die Lager und Grausamkeiten überlebt haben - insbesondere auch für viele Opfer von Kriegsvergewaltigungen.

Die Verbesserung des Status' und der Lebenssituation dieser Überlebenden wurde daher auf dem ‚Weltgipfel gegen sexuelle Gewalt in Konflikten’ im Juni 2014 in London (der sogenannten ‚Hague-Konferenz’) zu einem zentralen Thema erklärt. Die Lösung dieser Frage wurde als eine der Zielvorgaben für die nächsten fünf Jahre benannt. Seitdem wurden die Überlebenden von Kriegsvergewaltigungen, wie es hier heißt ‚die Frauen - Opfer des Krieges’ (‚Zene zrtve rata’) in den Mittelpunkt des Interesses gestellt.

Wir (SEKA-Mitarbeiterinnen) hofften, dass dieser Gipfel zu wirklichen Veränderungen in der Praxis führen würde im Sinne einer systematischen Umsetzung der Rechte der Überlebenden. Die Regierung Bosnien-Herzegowinas hatte sich verpflichtet, ein ‚Staatliches Programm für die Opfer sexualisierter Gewalt im Krieg und nach dem Krieg’ auszuarbeiten, durch das die Überlebenden ihre grundlegenden Rechte auf ‚Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation’ verwirklichen könnten. Dieses Programm wurde zwar ausgearbeitet, aber bis heute nicht vom Parlament beschlossen!

In Bosnien-Herzegowina wurde vielen Überlebenden bis heute nicht der Status ‚Zivile Kriegsopfer’ zuerkannt. Und auch diejenigen, die diesen Status und damit eine vorläufige monatliche Zuwendung erhalten haben, müssen mit diesem bescheidenen Einkommen (das jederzeit widerrufen werden kann!) meist ihre gesamte Familie ernähren.

„Unser Schicksal wird von anderen zu Geld gemacht! ...”

Seit Ende des Krieges und ganz besonders nun nach diesem ‚Gipfel’ werden in rascher Folge die verschiedensten Konferenzen, Versammlungen und Workshops organisiert, sowie verschiedene Netzwerke zu diesem Thema gegründet. Auf all diesen Treffen wird wieder und wieder darüber geredet, was geschehen müsste, um den Überlebenden dieses oder jenes Recht oder eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung zu sichern.

Für die Organisation und Durchführung dieser Treffen werden große Summen - insgesamt Millionen - verbraucht (Honorare, Unterbringung und Verpflegung in teuren Hotels, Fahrtkosten etc), aber bei den betroffenen Frauen selbst kommt davon bisher kaum etwas an.

Mit Nafija S. (Name geändert), einer der Gorazder Überlebenden, fahre ich oft gemeinsam zu solchen Treffen. Mehrfach habe ich ihr voller Bewunderung zugehört, wie sie auf diesen Versammlungen mit einfachen aber eindringlichen Worten erklärt, was die Überlebenden wirklich benötigen würden:

„Es reicht uns mit den Zeugenaussagen, mit den Interviews! Es reicht uns, jeden Tag Angst haben zu müssen, wer nun wieder an unsere Tür klopfen und ein Interview verlangen wird und dass unsere Kinder dadurch erfahren, was uns zugestoßen ist! Wir möchten unser Leben leben! Was uns geschehen ist, können wir nicht vergessen, aber wir möchten auch wieder lachen können und das Leben genießen - und nicht ständig von anderen zurückgestoßen werden in die Vergangenheit! Es fragt uns niemand, was wir brauchen, um wieder ein normales Leben zu leben! Wir wollen uns nicht ständig um die Existenz unserer Familie sorgen müssen und nicht immer wieder die Rolle des Opfers einnehmen müssen, damit wir einige der Rechte realisieren können, die uns eigentlich zustehen!

Die einzig wirkliche Unterstützung, die wir in Gorazde bekommen haben, das ist die durch SEKA!

Wir sehen, dass Geld nach allen Seiten ausgegeben wird - alles angeblich zum Nutzen von uns Überlebenden. Wir sind uns bewusst, wie viele Male unser Schicksal von anderen zu Geld gemacht wurde.

Deswegen richte ich heute diesen Appell an Sie alle hier - in meinem Namen und im Namen der Frauen, die ich heute hier vertrete: Investieren Sie diese riesigen Summen von Geld in die direkte Lösung unserer Probleme! Wir benötigen eine gesicherte Existenzgrundlage, menschengerechte Wohnungen, Unterstützung für die Ausbildung unserer Kinder, Hilfe zur Wiederherstellung unserer Gesundheit. Solange wir nicht die Bedingungen für ein stressfreies Leben haben werden, solange werden wir nicht nur Opfer des Krieges, sondern auch Opfer des Friedens sein!”

Ich kann Nafija nur recht geben: Vor einigen Tagen kamen wir von einem erneuten Treffen zurück, auf dem ein weiteres Netzwerk gegründet worden war, das die unterschiedlichen Institutionen und Organisationen vernetzen soll, die den Überlebenden und ZeugInnen Unterstützung bieten. Es gibt bereits mehrere ähnliche Netzwerke, doch für das neue Netzwerk (mit erneut vielen Treffen, Seminaren, Workshops in teuren Hotels) gaben die internationalen Geldgeber (20 Jahre nach dem Krieg!) 1,7 Millionen Euro!

SEKA arbeitet in Gorazde gut mit den psychosozialen und den Gesundheitsinstitutionen zusammen und das neue Netzwerk wird an dieser über Jahre gewachsenen Zusammenarbeit nichts verändern. Allerdings müssen wir aus Gorazde dann für diese Treffen ins vier Stunden Fahrtzeit entfernte Zenica reisen und dort übernachten, anstatt die Treffen zur Vernetzung der Gorazder Institutionen und Organisationen in Gorazde selbst zu organisieren. Unser Vorschlag, die Treffen regional auszurichten und so in erheblichem Maße Geld zu sparen, wurde von den Organisatorinnen abgelehnt!

Viel sinnvoller wäre es meiner Meinung nach, die großen Summen der Geldgeber zur Finanzierung von Reparationen für die Überlebenden zu nutzen.

Kroatien hat diesen Weg vor kurzem gewiesen: Das kroatische Parlament verabschiedete ein Gesetz, nach dem jede Überlebende sexualisierter Gewalt im Krieg eine einmalige Zahlung zwischen 10.000 € und 20.000 €, sowie eine monatliche Zahlung von ca. 350 € erhält. Eine solche Regelung ist auch für Bosnien-Herzegowina überfällig. Jede Betroffene könnte mit diesem Geld einige ihrer brennendsten Probleme lösen.

Viele Frauen (und ihre Familien) leben - auch 20 Jahre nach dem Krieg! - noch immer in Notunterkünften oder sanierungsbedürftigen Häusern oder Wohnungen. Viele Familien leben unter dem Existenzminimum. Die Frauen können ihren Kindern keine weiterführende Schule oder gar ein Studium ermöglichen. Eine ganze Reihe dieser Probleme könnte durch die Reparationszahlungen gelöst werden.

Esma Drkenda auf einer der Konferenzen
Esma Drkenda auf einer der Konferenzen

Warum nimmt SEKA an diesen Treffen teil?

Nun fragen Sie sich vielleicht, warum ich als Vertreterin von SEKA trotz aller Kritik an diesen Netzwerken und Treffen teilnehme? Wir haben uns nach intensiver Diskussion im SEKA-Team dazu entschieden. Zwar billigen wir diese Art der Geldverschwendung nicht, aber wir sind der Meinung, dass es notwendig ist, an diesen Treffen teilzunehmen und dazu beizutragen, den Stimmen der betroffenen Frauen, um die es eigentlich gehen sollte, dort größeres Gewicht zu verleihen und zumindest ein Stück weit Einfluß zu nehmen auf die zukünftige Verwendung dieser Gelder; denn an einigen dieser Konferenzen nehmen auch Geldgeber teil, die oft aus der Ferne und am ‚grünen Tisch’ entscheiden, wie die von ihnen gegebenen Mittel verwendet werden sollen, ohne wirklich die Situation vor Ort zu kennen. Die von ihnen finanzierten Projekte gehen dadurch oft an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Frauen vorbei oder belasten sie am Ende mehr, als dass sie ihnen nützen.

Wir SEKA-Mitarbeiterinnen unterstützen die Gorazder Überlebenden seitdem SEKA nach Gorazde gekommen ist - traumatherapeutisch, beraterisch und durch ganz konkrete Lobby-Arbeit auf den unterschiedlichen politischen Ebenen. Durch unsere Arbeit kennen wir die Nöte und die Probleme, aber auch die Bedürfnisse und Träume der Frauen sehr gut. Wir empfinden es als Kompliment, dass die Betroffenen uns in einem großen Ausmaß vertrauen und fühlen uns daher verpflichtet , sie auf jede uns mögliche Weise zu unterstützen!

Es muss endlich Schluss damit sein, die Überlebenden immer weiter zu manipulieren, für eigene Zwecke zu missbrauchen oder falsche Hoffnungen in ihnen zu wecken, die dann zum hundertsten Mal enttäuscht werden (wie das in zwanzig Nachkriegsjahren geschehen ist). Was die Frauen und ihre Familien benötigen, das sind konkrete Zusagen, unbürokratische Hilfen, die ihren Bedürfnissen entsprechen und rasch realisiert werden; denn viele Frauen sind krank und werden möglicherweise kein hohes Alter erleben. Da sollte es die Pflicht dieser Gesellschaft sein, ihnen jetzt jede mögliche Erleichterung, Unterstützung und Sicherheit zu gewähren.

Eigentlich braucht es gar nicht so viel ...

Wenn ich darüber nachdenke, was den Frauen wirklich helfen würde, erinnere ich mich an das sechstägige therapeutische Seminar mit einer Gruppe von Überlebenden in Neum an der Adria, das wir mit finanzieller Unterstützung der Ökumenischen Fraueninitiative Omis im Juni 2013 realisieren konnten.

Ich habe die Frauen bei ihrer Abreise nach Neum erlebt - still, scheu, in sich zurückgezogen ... und dann am letzten Tag ihres Aufenthalts dort. Nach fünf Tagen intensiver therapeutischer Arbeit und des Zusammenseins konnte ich die Frauen nicht wiedererkennen: Fröhlich und entspannt vergnügten sie sich am Strand und im Meer, scherzten, lachten und genossen ganz offensichtlich jede Minute.

Eine von ihnen sagte mir: „Ich komme mir vor, als ob ich träume! Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich je wieder so wundervoll fühlen könnte!”

Noch heute sprechen die Frauen der Gruppe von diesem Aufenthalt und träumen davon noch einmal gemeinsam ans Meer fahren zu können. Für ein erneutes sechstägiges therapeutisches Seminar für eine Gruppe von 8 Frauen wären nicht einmal 5.000,- € nötig! Aber dafür konnten wir bisher leider keinen Geldgeber finden!

Gruppenarbeit mit Frauen
Gruppenarbeit mit Frauen

Mutig die eigenen Rechte einfordern

Und dennoch, trotz aller Widrigkeiten, mit denen die Überlebenden kämpfen müssen, trotz der alltäglichen Sorgen und Probleme, hat sich bei den Frauen viel verändert. Die therapeutische Unterstützung zeigt deutlich ihre Wirkung. Die Frauen der Gorazder Gruppe, die zu Einzel- und Gruppentherapie ins SEKA-Haus kommen, sind viel stärker und selbstbewusster geworden. Seit langem haben sie beschlossen, sich nicht mehr von anderen missbrauchen zu lassen: nicht von den Medien für Interviews, nicht von der nationalen Organisation für Protestaktionen, nicht von den verschiedensten Organisationen oder Einzelpersonen, die auf Kosten der Betroffenen ihre Projekte durchführen und sich profilieren wollen: Bücher schreiben, Filme drehen, Studienarbeiten schreiben und anderes mehr ...

Und: Die Gorazder Frauen haben begonnen, mutig und selbstbewusst von den lokalen politischen Instanzen und Institutionen ihre Rechte einzufordern. Dabei können sie sich stets auf unsere Unterstützung verlassen.

Eine Gelegenheit, bei der sich dies deutlich zeigte, war ein Treffen von Vertreterinnen der Gorazder Gruppe mit VertreterInnen der Kantonsregierung Ende September im SEKA-Haus. SEKA-Leiterin und Therapeutin Gabriele Müller und ich selbst bereiteten auf Wunsch der Frauen das Treffen mit der gesamten Gruppe vor. Gemeinsam formulierten wir die Fragen, Probleme und Themen, um die es bei dem Treffen gehen sollte, die dann bereits im Einladungsschreiben erwähnt wurden.

Am Treffen selbst nahmen zwei Vertreterinnen der Gruppe, Gabriele, ich selbst und von Seiten der Kantonsregierung der Premier, die Vorsitzende des Parlaments (die in Bosnien eine wichtige Funktion ausübt), der Bildungsminister und der Sekretär des Ministers für Soziales, Gesundheit und Flüchtlingsfragen teil. Die RegierungsvertreterInnen waren schon einige Male zu Gesprächen ins SEKA-Haus gekommen und hatten dabei bewiesen, dass sie die SEKA-Arbeit schätzen.

Gruppenarbeit mit Frauen
Gruppenarbeit mit Frauen

Eine positive Erfahrung

Dennoch waren wir sehr positiv überrascht, dass außer dem Sozialminister (der seinen Sekretär geschickt hatte) trotz zahlreicher anderer Termine und Verpflichtungen alle eingeladenen PolitikerInnen kamen.

Das Gespräch verlief in einer sehr persönlichen und warmherzigen Atmosphäre ohne jegliche Phrasen, wie wir das mit PolitikerInnen so noch nie erlebt hatten! Geduldig und voller Wertschätzung hörten die RegierungsvertreterInnen den Überlebenden zu. Offensichtlich hatten der Premier und die Parlamentsvorsitzende bereits die Themen des Einladungsbriefs diskutiert und sich über Lösungen Gedanken gemacht, die sie uns nun vorstellten.

Wir vereinbarten schließlich konkrete Schritte, die es ermöglichen sollten, Zug um Zug die im Vorfeld formulierten Probleme (Räumlichkeiten für den Gorazder Verein der Überlebenden, menschenwürdiger Wohnraum, Heizungsbeihilfen, kostenlose Lernmittel u.a.) entsprechend der individuellen Bedürfnisse der einzelnen Betroffenen zu lösen.

Für die beiden Vertreterinnen der Gorazder Gruppe bedeutete dieses Treffen ein sehr positives Erlebnis. Nach vielen frustrierenden Erfahrungen in Institutionen und mit Vorgänger-Regierungen bzgl. der Lösung ihrer Probleme hatten sie nach diesem Treffen zum ersten Mal das Gefühl, „dass die PolitikerInnen uns wirklich angehört haben und dass sie unsere Probleme ernst nehmen.”

Vielleicht wird sich unsere Hoffnung vom vergangenen Herbst bzgl. der damals neu gewählten Kantonsregierung ja doch erfüllen, dass die vielen recht jungen Regierungsmitglieder parteiübergreifend einen ‚neuen Wind’ in die Politik bringen würden! Nach diesem Treffen würden wir das gerne glauben!

Esma Drkenda

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