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SEKA Journal Nr. 26, Dezember 2015

Einen Neuanfang wagen ...

Diskussion im Veteranenklub
Diskussion im Veteranenklub

Alen S. (Name geändert) ist Teilnehmer der 2014 begonnenen Therapiegruppe für Veteranen. Er war bereit aufzuschreiben, was die Therapiegruppe für ihn bedeutet, aber auch, wie schwer der Weg dahin für ihn war. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf nahe Gorazde, das während des Krieges von der bosnisch-serbischen Armee eingenommen und vollkommen zerstört wurde. Alen war zu dieser Zeit an der Front zur Verteidigung Gorazdes. Seine gesamte Familie wurde ermordet.

Ich war im absoluten Bodensatz des Lebens angekommen. Kaum je verließ ich das kleine Zimmer in der Wohnung meiner Schwester Aisa, der einzigen, die mich noch nicht aufgegeben hatte. Aber auch sie - das nahm ich trotz allem irgendwie wahr - verzweifelte mehr und mehr, weil ich alles, was sie mir anbot, um mir zu helfen, ausschlug. Monatelang saß ich auf meinem Bett und schaute in einer tiefen Lethargie gefangen nur dem Rauch meiner Zigarette zu, die allmählich zwischen meinen Fingern verlöschte. Ich ließ es zu, dass sie mich verbrannte, die Schmerzen waren mir ein Synonym dafür, wie das Leben mich mit seiner ganzen Grausamkeit beutelte. Ich redete mit niemandem, auch nicht mit Aisa - ich hatte nichts zu sagen ...

Ich wartete - als ob das Leben schon aus mir herausgeflossen wäre - auf den Moment, in dem ich die Entschiedenheit aufbringen würde, dem allem wirklich ein Ende zu setzen.

Nur manchmal tauchten in dem Meer von Gleichgültigkeit und Schmerz Bilder auf, Erinnerungen an früher, daran, dass auch ich einmal ein gutes Leben hatte, Erfolge, Glück, Zufriedenheit ... und dann wieder durchzuckte mich der Schmerz der Erkenntnis, dass ich all das nie wieder erleben würde ...

Meine Familie, mein Heim, meine Firma, meinen Glauben an die Menschen, meine Hoffnung - all das hatte der Krieg verschluckt. Das Schicksal hatte mich in einen unerbittlichen zerstörerischen Strudel gerissen. Meine Schwester war die Einzige die mir von allen geblieben war.

Selten verließ ich das Haus - und mit mühsamen Schritten ging ich durch die Stadt, deren Einwohner - wie es mir schien - für immer gezeichnet waren von den Schrecken und Grausamkeiten dieses vergangenen Krieges. Mit verlorenem Blick und eingefrorenem Lächeln - als ob ich irgendwie doch eine Rettung suchte - spürte ich, dass mich niemand bemerkte, niemand erkannte - das schmerzte mich zusätzlich.

Ich sah mein unglückliches Schicksal verwoben mit dem Schicksal dieser unglücklichen vom Krieg schwer getroffenen Stadt ...

In dieser Sinnlosigkeit und Leere tauchten wieder die Bilder von früher auf: von unserem kleinen Dorf, meinem Elternhaus; die sorglosen Jahre meiner Kindheit; Schule, dann Berufstätigkeit; ich verliebte mich, heiratete meine große Liebe, gründete meine eigene Familie, unsere Kinder wurden geboren ... viele Jahre, in denen unser Leben unter dem Glücksstern stand!

Dann kamen die Neunziger Jahre und ich ahnte, dass das Schicksal vorhatte, unsere Leben vollkommen aus der Bahn zu werfen ... Der Krieg brach aus. Ich war nicht vorbereitet auf eine solche furchtbare Dimension menschlicher Brutalität und Grausamkeit, die alles zerstören wollte, was angeblich ‚anders’ war ... Ein so furchtbarer Schmerz traf mich, der alles, was gewesen war, zertrümmerte und mich ins Nichts schleuderte. Ich verlor alles und war ohnmächtig, dies zu verhindern. Ich fühlte eine tiefe Schuld, dass ich nicht in der Lage gewesen war, die mir liebsten Menschen - meine Frau, meine Kinder, meine Eltern - zu schützen und zu retten.

Das Ende des Krieges erlebte ich in einem Zustand am Rande der Verrücktheit. Allein geblieben versuchte ich, die Bruchstücke meines Lebens aufzusammeln, was mir nicht gelingen wollte. Zuflucht fand ich in dem kleinen Zimmerchen in der Wohnung meiner Schwester - doch mit mir hausten dort all die Geister aus dem Krieg, die mich Tag und Nacht noch immer quälten.

Die Stille, das Alleinsein, das Schweigen in mir und um mich wurde immer tiefer und auswegsloser - es war mein Schutz, doch gleichzeitig erstickte ich allmählich daran.

Ein kleiner Lichtfunke

Und dann lag da plötzlich ein kleines gelbes Faltblatt auf dem Tisch - meine Schwester hatte mir das hingelegt - in einem erneuten Versuch, mich aus meinem hoffnungslosen Zustand zu befreien. Das Faltblatt informierte über den Beginn einer neuen Therapiegruppe für traumatisierte Veteranen im Verein ‚Svjetlost Drine’ (‚Licht der Drina’). Ich wusste, wo dieser Verein seine Räume hatte. Einige Male war ich daran vorbeigegangen und hatte dabei versucht, einen Blick ins Innere zu werfen. Aber da hineingehen ... nein das war nichts für mich ... Mir war ohnehin nicht zu helfen ...

Ich schob das Faltblatt zur Seite. Doch ich warf es nicht weg ... Einige Tage lag es da ... Manchmal schaute ich rein.. allmählich wusste ich schon auswendig, was da stand ... Besonders blieb ich an den Worten eines Teilnehmers der letzten Therapiegruppe hängen: „Meine Gruppe hat mich ins Leben zurückgebracht! Die Unterstützung und das Verständnis der anderen haben mir Kraft gegeben, für ein neues Leben zu kämpfen ... Es ist mir gelungen, meine Ängste zu überwinden .... Heute weiss ich wieder, dass ich ein wertvoller Mensch bin ... Heute bin ich glücklich, dass ich die Hilfe der Gruppe angenommen habe!”

Diese Worte rührten etwas in mir an.. Am nächsten Tag raffte ich mich auf, ein wenig aus dem Haus zu gehen. „Ich werde aber nicht dort hin gehen!” sagte ich zu mir selbst ... Doch dann, als ob meine Beine ein Eigenleben hätten, fand ich mich plötzlich vor der Ladenwohnung, in der der Verein ‚Svjetlost Drine’ seine Räume hatte. In diesem Moment kam einer meiner Kameraden aus dem Krieg aus der Tür. Er erkannte mich sofort und lud mich ein, mit ihm nach drinnen zu kommen. In mir spielte sich ein Kampf ab - zwischen dem Wunsch zu fliehen und einer seltsamen Hoffnung, die in mir erwachte. Schließlich folgte ich der Einladung.

Dieser erste Besuch des Veteranenklubs war für mich entscheidend. Ich wurde so herzlich aufgenommen, dass ich das Gefühl bekam, alle hätten gerade auf mich gewartet - wie auf den verlorenen Sohn, der nach Hause kommt.

Nach einer Stunde hatte ich mich für die Teilnahme an der Therapiegruppe eingeschrieben und versprochen, dass ich nun häufiger zu den Öffnungszeiten kommen würde.

Wieder zu Hause überfiel mich Unruhe und Angst: auf was hatte ich mich da eingelassen? In der Gruppe musste ich über mich sprechen ... wer würden die anderen sein? Wie würden sie mich aufnehmen?

Zum ersten Mal seit langem sprach ich mit meiner Schwester darüber. Sollte ich da wirklich hingehen? Vielleicht machte ich mich nur lächerlich ... Aisa - froh, dass ich mit ihr sprach und noch mehr, dass ich überlegte, zu dieser Gruppe zu gehen - ermutigte mich: „Einmal kannst du doch wenigstens hingehen, schauen, wie das läuft ... dann kannst du dich doch noch immer dagegen entscheiden!”

Vortrag zum Thema ‚Trauma’ im Veteranenklub
Vortrag zum Thema ‚Trauma’ im Veteranenklub

Wie die Mitglieder meiner nächsten Familie!

Zum ersten Gruppentermin ging ich voller Zweifel, jede Faser meines Körpers angespannt. Noch auf dem Weg wäre ich am liebsten umgekehrt ... Ich hatte fast panische Angst, dass ich an all die Schmerzen rühren müsste und Angst, ob andere mich verstehen würden.

Als ich in den Raum kam, bemerkte ich, dass ich fast alle anderen Teilnehmer aus dem Krieg kannte. Wir begrüßten uns und in ihren Augen erkannte ich einen ähnlichen Schmerz gepaart mit Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit, wie ich ihn selbst fühlte ...

Ich dachte, dass wir alle Geiseln dieses verfluchten Krieges waren, dass jeder von uns ein furchtbares Schicksal mit sich herumschleppte, aber dass dennoch jemand uns helfen wollte. Ich erkannte Gordana S., und den jungen Sozialarbeiter Sanel M., die die Gruppe leiten würden. Wie wollten sie uns helfen? Noch immer beherschten mich hauptsächlich Zweifel.

An diesem ersten Termin erklärten uns die Leiter, auf welche Weise die Gruppe funktionieren würde. Dann hatte jeder von uns Gelegenheit, über sich zu sprechen, warum er da war. Ich sagte wenig, wusste noch immer nicht, ob ich wirklich an dieser Gruppe teilnehmen wollte ...

Meiner Schwester sagte ich, dass ich wohl nicht weiter teilnehmen würde, sah die Enttäuschung in ihrem Gesicht und zum ersten Mal seit langem berührte es mich, wie sehr sie sich um mich bemühte.

In den nächsten Tagen ereignete es sich, dass mir Sätze einfielen, die die Gruppenleiter oder andere Teilnehmer gesagt hatten ... als ob sie jetzt erst zu mir durchdringen würden. Einer dieser Sätze war, dass es immer einen Weg gebe, wenn wir uns selbst helfen und Hilfe annehmen wollten! Dieser Satz ging mir nicht aus dem Kopf.

Obwohl ich den nächsten Termin ‚vergessen wollte’, vergaß ich ihn nicht und trotz aller Skepsis trugen mich meine Beine wieder zum Veteranenklub.

Die Tage nach dem Termin bemerkte ich, dass ich häufig an die Gruppe dachte, dass ich das Gefühl hatte, dass zwischen uns vorsichtig ein Netz entstand, ein Netz der Hoffnung und des Vertrauens ... Es begann mich etwas dorthin zu ziehen - in diesen Raum, zu diesen Menschen ...

Ich ging nun auch öfter zu den Öffnungszeiten des Klubs. Sanel, der immer da war, war mir durch die Gruppe nun vertraut ... Der Klub, ganz besonders aber unsere Gruppe wurden für mich zu einer Oase des Friedens, zu einem Ort des gegenseitigen Verständnisses, einem geschützten Raum, wo ich mich anvertrauen konnte und wo ich zu meinem Erstaunen erlebte, dass andere zu mir Vertrauen hatten, dass ihnen meine Worte etwas bedeuteten. In diesem Raum begann ich an mir zu arbeiten - angeleitet von unseren Leitern und durch verschiedene Techniken und Übungen, die für mich zu Anfang sehr ungewöhnlich waren. Aber ich spürte, dass sie mir halfen. Ich begann, mich selbst, meine Gefühle, Gedanken und meine Reaktionen anders wahrzunehmen und zu verstehen. Und ich erkannte auch, was ich verändern musste und wollte ...

Ich begann allmählich, wieder an mich zu glauben, an meine Kraft, meine Entschlossenheit, meine Hoffnung; meine Selbstachtung und vor allem mein Glaube an andere Menschen kehrten wieder zurück. Die Beziehung zu meiner Schwester verbesserte sich sehr. Ich konnte ihr sagen, wie dankbar ich ihr war, dass sie es mit mir ausgehalten und mich nicht fallengelassen hatte. Ich knüpfte auch wieder Beziehungen zu anderen Verwandten - allmählich kam ich aus meiner Isolation heraus.

Mit Gordanas und Sanels Hilfe fand ich eine eigene Wohnung. Ich überwand meine Angst vor Unbekanntem und vorm Reisen und nahm sogar die Einladung meines Vetters nach Schweden an. Das war für mich eine großartige Erfahrung! Meine Freunde aus unserer Gruppe freuten sich mit mir über jeden meiner Erfolge.

Vor einigen Monaten habe ich eine Frau kennengelernt. Auch sie hatte ein schweres Schicksal zu meistern. Wir wollen heiraten. Ich glaube, ich bin jetzt bereit, einen Neuanfang zu wagen. Aber meine Freunde aus meiner Gruppe werden für mich immer wie die Mitglieder meiner nächsten Familie sein!

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