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SEKA Journal Nr. 25, Dezember 2014

„... dass alle an mich glaubten, als ich mich aufgegeben hatte!”

Gespräch mit Teilnehmern der Therapiegruppe für Veteranen

Fehim D. und Omer L. sind Teilnehmer der letzten Therapiegruppe im Veteranenprojekt ‚Svjetlost Drine’ (Februar 2012 - April 2014), die von Sozialarbeiterin und Therapeutin Gordana Sapcanin und Sozialarbeiter Sanel Maslan geleitet wurde. Die beiden Teilnehmer waren bereit, für das SEKA-Journal ihre Erfahrungen mit der therapeutischen Gruppenarbeit zu schildern.

Therapiegruppe für Veteranen

SEKA-Journal: Ihr seid beide Mitglieder im Verein ‚Svjetlost Drine’. Wie lange seid ihr denn schon dabei? Und was hat euch bewegt, dass ihr euch an den Veteranen-Klub wendet?

Fehim D.: Ich bin zum ersten Mal 2010 in den Veteranen-Klub gekommen. Mein Arzt hatte mir das damals empfohlen, da er sah, dass ich neben der medizinischen noch andere Hilfe brauchte. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, da ich fürchtete, dass meine Umgebung negativ über mich reden würde, wenn ich in den Veteranenklub ginge. („Der ist jetzt auch durchgedreht, wenn er da hin muss!”) Ein ehemaliger Kriegskamerad hat mich dann mit in den Klub genommen und meine erste Erfahrung war sehr positiv. Ich habe mich gleich angenommen gefühlt. Es wurde mir sofort Hilfe angeboten und da habe ich ein Gefühl von Sicherheit gespürt! Nach kurzer Zeit empfand ich den Klub wie mein Zuhause und die Menschen hier wie meine nächsten Verwandten.

Ich hatte damals einen Sack voller Probleme: Ich lebte mit meiner Familie noch immer in einer Notunterkunft, ich hatte keinerlei geregeltes Einkommen. Wir lebten von den Putzjobs meiner Frau und von den Gelegenheitsarbeiten, die ich - wenn ich einigermaßen gesund war - zeitweise finden konnte. Die meiste Zeit war ich depressiv, zog mich zurück. In der Familie hatten wir viele Konflikte. Meine Frau warf mir vor, dass ich alles ihr überließe. Das war auch so. Ich hatte einfach keine Kraft und das Schlimmste war, ich hatte jedes Selbstvertrauen verloren. Nachts konnte ich nicht schlafen. Wenn ich einschlief, hatte ich Alpträume. Aber auch tagsüber verfolgten mich Bilder aus dem Krieg. Obwohl das schon so lange zurücklag. Ich hatte das Gefühl, ich werde langsam verrückt.

Omer L.: Ich bin schon 2007 das erste Mal in den Klub gekommen, kurz nach dessen Eröffnung. Die Psychiaterin, die mich damals behandelte, hatte mir das empfohlen. Es ging mir damals sehr schlecht und ich habe eigentlich auch von den Leuten da nichts Besonderes erwartet und hatte keine Hoffnung, dass mir irgendetwas oder - jemand helfen könnte. Ich kam dann lange Zeit auch nicht mehr, da sich in meinem Leben damals lauter Katastrophen ereigneten. Ich hatte keine Arbeit, keine Perspektive, keine eigene Wohnung, ich war in einem fürchterlichen Zustand. Meine Frau hielt das nicht aus und verließ mich mit den Kindern. Ich zog mich immer mehr in mich zurück. Auch der Kontakt zu meinen Geschwistern im Ausland brach völlig ab. Ich wurde immer kränker und wartete eigentlich nur, dass irgendwann alles zu Ende gehen würde.

Die Gemeinde brachte mich in einer Notunterkunft unter. Da vegetierte ich vor mich hin. Oft hatte ich tagelang nichts zu essen. Strom hatte ich monatelang nicht. Irgendjemand hat das Zentrum für psychische Gesundheit informiert. Gordana (Anm.: Sozialarbeiterin und Gruppentherapeutin) kam dann und versuchte mir, zu helfen.

SEKA-Journal: Wie kam es, dass ihr euch vor zwei Jahren für die Teilnahme an der Therapiegruppe entschlossen habt, die von Gordana und Sanel im Veteranenprojekt geleitet wurde? Was habt ihr von der Gruppenarbeit erwartet? Wie habt ihr die Gruppe erlebt?

Fehim D.: Sanel hatte mir von der Gruppe erzählt. Ich hatte auch mit anderen Klubbesuchern gesprochen, die an früheren Therapiegruppen im Klub teilgenommen hatten. Denen hatte das sehr geholfen. Dennoch war ich zuerst sehr skeptisch. Aber ich wusste auch, dass ich irgendetwas tun musste, dass es so nicht weiter ging. Zu Anfang fühlte ich mich etwas ‚verloren’, aber nach einigen Gruppenstunden wusste ich, dass ich hier am richtigen Ort war. Offen über alles reden können, ohne dass dir jemand Vorwürfe macht ... die Erfahrungen und Probleme der anderen zu hören. Das war für mich zu Anfang am wichtigsten. Unsere Gruppe wurde für mich zur zweiten Familie. Ich freute mich auf jedes Treffen. Ich begann, meine Situation aus einer neuen Perspektive zu sehen. Ich spürte allmählich neue Zuversicht, dabei haben mir die anderen geholfen. Von jedem habe ich etwas gelernt; die Erfahrungen der anderen und ihre Art, sich den Schwierigkeiten des Lebens zu stellen, haben mich sehr ermutigt.

Omer L.: Gordana hat mehrfach mit mir über die Gruppe gesprochen und versucht, mich zu überzeugen, dass mir das helfen würde. Schließlich war ich bereit, es wenigstens zu versuchen, aber im Grunde war ich überzeugt, dass mir sowieso nichts mehr helfen kann. Dennoch kam ich. Das erste Mal hörte ich nur zu, sagte fast kein Wort, dachte, das ist nichts für mich. Als der nächste Termin kam, hatte ich vor, nicht hinzugehen. Doch dann hatte ich so eine Unruhe, und schließlich ging ich doch wieder hin. Wieder saß ich und hörte den anderen zu, wieder sagte ich praktisch nichts. Aber irgendwie war es gut, da mit ihnen zu sitzen und zu hören, was sie für Probleme haben. Nach diesem zweiten Treffen hatte ich ein ganz klein wenig das Gefühl, dass diese Gruppe nicht so schlecht war. Es beruhigte mich, dass niemand von mir verlangte, dass ich redete; dass die anderen mich einfach gelassen und trotzdem akzeptiert haben.

Auf den dritten Termin habe ich dann schon gewartet. Die Gruppe begann, mir etwas zu bedeuten. Und so ging das dann weiter, jedes Mal ein Stückchen. Geredet hab ich lange kaum was, aber ich hatte das Gefühl, dass ich dazu gehöre. Und irgendwann begann auch ich zu reden. Es hat mir viel bedeutet, dass die anderen mir zugehört haben, dass sie mit mir Geduld hatten, auch wenn ich nach Worten gesucht habe. Die Themen, über die wir hier gesprochen haben, haben mir viel bedeutet, jedes war auf seine Art wichtig. Nach jedem Gruppentreffen hatte ich viel Stoff zum Nachdenken. Ich erinnerte mich immer wieder an die Worte der anderen, oder an das, was Gordana oder Sanel erklärt hatten. Die Worte waren für mich wie Lichter in der Dunkelheit. Sie gaben mir Hoffnung. Es war, als ob ich allmählich aus einer Betäubung erwachen würde. Mit Gordanas und Sanels Hilfe bekam ich dann endlich auch in meiner Wohnung wieder Strom und hatte nun - nach vielen Monaten Dunkelheit - tatsächlich wieder Licht. Sie halfen mir auch mit vielen anderen Problemen. Und jeder Gruppentermin gab mir ein Stück mehr Zuversicht.

Projekt ‚Ökologisches Angeln’ im Veteranenprojekt
Projekt ‚Ökologisches Angeln’ im Veteranenprojekt

SEKA-Journal: Vor kurzem habt ihr die Gruppenarbeit nach zwei Jahren beendet. Wenn ihr zurückblickt: Was habt ihr durch die Gruppenarbeit bekommen? Was habt ihr als wichtig oder nützlich erlebt, welche Themen, evtl. Übungen, Techniken, Erfahrungen von anderen?

Fehim D.: Durch die Gruppenarbeit habe ich das Vertrauen der anderen, Sicherheit und die Möglichkeit zur Arbeit an mir selbst bekommen. All das hat mir geholfen, dass ich heute viel besser mit meinen Beziehungen zu anderen zurechtkomme. Recht gut klappte es auch mit den Übungen zur Selbstberuhigung. Ich wende sie auch heute noch an. Wichtig war mir auch die Arbeit an unseren inneren Stärken und Kraftquellen. Die Erfahrungen der anderen waren für mich von außerordentlicher Bedeutung. Glücklich bin ich besonders wegen eines unserer Gruppenmitglieder, der uns allen gezeigt hat, wie er in außerordentlich schwierigen Situationen seine Probleme überwunden hat ist; wie er sich über alle Widrigkeiten hinweggesetzt hat und seinen Lebensweg weiter gegangen ist; er ist für mich ein Vorbild und ein großer Mensch!

Omer L.: Die Übungen, die wir in der Gruppe gemacht haben, waren für mich zuerst sehr ungewöhnlich. Zu Anfang beteiligte ich mich nur wenig daran oder sagte dazu nichts. Aber jede Übung und jedes Thema stieß etwas in mir an. Sehr wichtig waren für mich die Erklärungen zu den Trauma-Symptomen. Zum ersten Mal hab ich verstanden, was da mit mir passiert und warum. Sehr hilfreich war für mich auch, dass wir ausführlich über Schlafstörungen geredet haben und was wir selbst tun können. Auch das Thema Alkoholismus bedeutete mir viel - auch wenn es zuerst unangenehm war. Ich habe gemerkt, wie stark ich selbst alkoholgefährdet war und dass ich mit dem Trinken aufhören muss.

Am wichtigsten waren für mich aber die Erfahrungen der andern Gruppenmitglieder. Von ihnen habe ich am meisten gelernt. Sie haben mir Mut gemacht: Von Faruk* hab ich gelernt, dass es in fast jeder Situation einen Ausweg gibt und sich Hartnäckigkeit auszahlt, von Ismet*, dass sich Geduld und Ehrlichkeit auszahlen, von Kasim*, dass wir nicht aufgeben sollen, die Schönheit im Leben zu suchen, und von allen zusammen habe ich gelernt, dass es doch ehrliche Freundschaft gibt. Am meisten geholfen hat mir aber, dass alle an mich glaubten, als ich mich aufgegeben hatte.

SEKA-Journal: Was hat sich in eurem Leben in diesen zwei Jahren verändert?

Fehim D.: Ich habe in der Gruppe gelernt, besser mit meinen Gefühlen klarzukommen, mich mehr mitzuteilen. Ich habe angefangen, meine Frau und meine Kinder besser zu verstehen. Unsere Beziehungen in der Familie haben sich verbessert. Langsam ist mein Selbstvertrauen wieder gewachsen. Und mit Gordanas und Sanels Hilfe habe ich die meisten meiner aktuellen Probleme gelöst. Das war nicht leicht, aber wir haben es geschafft: Wir haben eine Wohnung bekommen; ich habe eine Arbeit während der Sommermonate gefunden. Ich gehe jetzt regelmäßig zum Arzt und nehme meine Medikamente. Ich fühle mich heute viel gesünder und stabiler!

Ich kann mich heute auch besser abgrenzen; es stürzt mich nicht jede negative Nachricht sofort in Verzweiflung, Angst und ein Gefühl von Ohnmacht. Ich gestalte mein Leben viel mehr und lasse mich nicht treiben wie früher. Ich schlafe viel besser und habe nur noch selten Alpträume.

Durch die Hilfe unserer beiden Therapeuten habe ich meine Sicherheit und meine Selbstachtung wiedergewonnen. Ich bin jetzt wieder ein aktives und wertvolles Mitglied der Gesellschaft ... und was mir am Wichtigsten ist: Ich fülle wieder meine Rolle in meiner Familie aus - als Ehemann, als Vater und als Ernährer. Das bedeutet mir und meiner Familie unendlich viel!

Die zwei Jahre mit unserer Gruppe haben mein Leben vollkommen verändert. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, an unserer Gruppe teilzunehmen!

Omer L.: In diesen zwei Jahren habe ich wirklich sehr große Fortschritte gemacht. Ich habe begonnen, aus dem Haus zu gehen, öfter in den Veteranenklub zu kommen. Ich habe ganz allmählich verstanden, dass bei mir nicht alles verloren ist, dass ich einen neuen Anfang machen kann. Mit Hilfe der Gruppe und unserer Therapeuten habe ich mich verändert. Wenn ich heute auf mein Leben schaue, kann ich kaum glauben, was ich alles geschafft habe: Ich habe tatsächlich eine Arbeit gefunden; ich habe mein eigenes Einkommen! Meine Gesundheit hat sich sehr verbessert; allerdings werde ich immer Schäden zurückbehalten aus der Zeit, in der ich mich so vernachlässigt habe. Doch ich bin froh, mit dem was ich erreicht habe, und ich gehe jetzt regelmäßig zum Arzt. Am meisten freue ich mich, dass ich wieder guten Kontakt zu meinen Geschwistern habe. Um einen besseren Kontakt zu meinen Kindern bemühe ich mich. Und ich habe wieder Freunde. Unsere Gruppe aber erlebe ich wie meine Familie. Ich finde es sehr schade, dass wir die Gruppenarbeit beendet haben, aber ich weiß ganz sicher, dass wir uns hier im Klub weiter treffen werden und dass ich hier Freunde fürs Leben gefunden habe!

Anmerkungen:

Namen geändert Beide Leiter der Therapiegruppe absolvierten von SEKA organisierte Fortbildungen in Traumatherapie (Leitung: Gabriele Müller und Edita Ostojic') und werden regelmäßig von SEKA-Projektleiterin Gabriele Müller supervidiert.
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