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SEKA Journal Nr. 25, Dezember 2014

„Gesund werden und mein Leben genießen können ...”

Einzeltherapie mit einem an Anorexie erkrankten Mädchen

Zana ist 16 Jahre alt, lebt mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern in einem Dorf in der Nähe von Gorazde. Ihr Vater wurde im Krieg schwer verletzt und leidet an einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung. Nach dem Krieg ist er zusätzlich an einer Psychose erkrankt, wegen der er bis heute starke Antipsychotika einnehmen muss. Die Familie lebt von der geringen Invalidenrente des Vaters und von einer kleinen Landwirtschaft. Die finanziellen Möglichkeiten der Familie sind sehr eng gesteckt.

Der erste Schritt ist schwer ...

Im Dezember 2013 kam Zana das erste Mal ins SEKA-Haus - gemeinsam mit einigen Schulfreundinnen aus ihrer Fachrealschule. Die Mädchen hatten sich für die Teilnahme an einer Therapiegruppe entschlossen, nachdem ich (Amina Sarajlic) einige Wochen zuvor in ihrer Klasse einen Workshop abgehalten hatte. Ich hatte damals die SEKA-Arbeit vorgestellt und die SchülerInnen hatten in einigen Übungen und Spielen unsere Methoden selbst erfahren können.

Während der ersten beiden Gruppentermine war Zana sehr still. In einer Übung, in der sich jede mit Hilfe eines Symbols (Puppe, Stofftier, Stein, Muschel oder Ähnliches) vorstellte, wählte sie für sich eine Schnecke. Als sie an die Reihe kam, begann sie zu weinen. Es fiel ihr schwer, etwas zu sagen. Schließlich flüsterte sie, dass sie sehr empfindlich sei und nicht gewohnt, über sich selbst zu sprechen. Die anderen wollten wissen, ob sie etwas bedrücke. Da ich sah, dass ihr die Aufmerksamkeit der anderen zu viel war, verwies ich auf unsere Gruppenregeln und darauf, dass jede selbst entscheidet, wann sie etwas mitteilen möchte.

Bei den nächsten drei Gruppenterminen fehlte Zana.

Sie entschuldigte sich telefonisch, es ginge ihr nicht so gut und sie habe sehr viel für die Schule zu tun. Ich sagte ihr, dass ich für sie da sei und dass sie sich melden könne, wenn sie dazu bereit sei; denn ich hatte den Eindruck, dass sie ein Problem hatte, bei dem sie Hilfe brauchte.

Schließlich richtete sie mir über ihre beste Freundin Elma* aus, dass sie gerne alleine mit mir sprechen wolle.

„Ich darf nicht mehr länger schweigen ...”

Amina Sarajlic
Amina Sarajlic

Als Zana zu unserem Termin kam, bemerkte ich, dass sie sehr angespannt war, sie hatte vor Aufregung rote Flecken am Hals und ihre Stimme zitterte.

Ich half ihr, sich mit einem Gespräch über die zurückliegenden Ferien ein wenig zu entspannen. Dann sagte ich ihr, dass ich schon gedacht hatte, dass sie nicht mehr kommen wolle, da sie so oft gefehlt habe.

„Nein”, betonte sie, „ich will nicht mit der Gruppe aufhören, mir gefällt es hier sehr gut!” Und dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer: „Ich muss mit Ihnen sprechen, ich weiß nicht mehr weiter ...”

Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter: „Als Sie bei uns in der Klasse waren und über Ihre Arbeit hier erzählt haben, da hab ich sofort gewusst, dass das eine Chance für mich ist. Denn ...”, sie stockte etwas, „... ich hab seit längerem ein Problem ... aber nach ihrer Stunde bei uns in der Klasse und als ich dann mit den anderen hierher kam, da hab ich begonnen, das mit anderen Augen zu sehen. Ich habe nämlich Anorexie und Bulimie.”

Auf meine Frage, wie lange sie schon dieses Problem habe, erzählte sie mir, dass sie früher dick war, dass sie dann im vergangenen Jahr nach einer schweren Grippe, während der sie abgenommen hatte, beschlossen hatte, immer weniger zu essen.

Da sie nach einigen Monaten sehr stark an Gewicht verloren hatte, brachten sie die Eltern zum Arzt, der sie - aufgrund der kritischen Befunde - ins Krankenhaus schickte. Die Erfahrung im Krankenhaus war für sie geradezu traumatisch. Sie hatte ein einziges Gespräch mit einem Psychologen, der ihre Erkrankung als Anorexie diagnostizierte und wurde ansonsten nur zum Essen genötigt. Nachdem sie 2 Kilo zugenommen hatte, wurde sie mit 52 Kilo (bei 169 cm Körpergröße) entlassen, ohne weitere Empfehlungen - z.B. für eine weitere medizinische Begleitung oder Psychotherapie.

Zana nahm es ihren Eltern sehr übel, dass sie sie zum Arzt und ins Krankenhaus gebracht hatten. Aber erstaunlicherweise war sie der Meinung, dass die Eltern nicht wüssten, dass es sich bei ihrer Erkrankung um Anorexie handle.

Nach dem Krankenhausaufenthalt hatte sich Zanas Aversion gegen ihr angeblich „zu dickes Aussehen” noch verstärkt. Sie hatte außerdem das Gefühl in ihrem Magen sei ein großer Stein. Sie ekelte sich nun vor allem Essen und fühlte nur Widerstand. Da die Eltern sie weiter zum Essen nötigten und sie vor ihnen essen musste, begann sie, das Essen nach den Mahlzeiten heimlich wieder zu erbrechen, um nicht zuzunehmen. Damals dachte sie noch, „sie habe alles unter Kontrolle”. Dann jedoch merkte sie, dass die Angst vor dem Essen, der Zwang zu erbrechen und die Sucht weiter abzunehmen, ihr Leben immer mehr bestimmten.

Als ihr Vater sie einmal fragte, ob sie nach dem Essen erbrochen habe, erschrak sie und versuchte, das Erbrechen zu reduzieren. Sie begann zu rauchen, weil sie gehört hatte, dass man dann nicht zunehme. Wenn sie nach dem Essen (heimlich) eine Zigarette rauchte, half ihr dies, nicht zu erbrechen. Aber ihr Leben bestand immer mehr aus Heimlichkeiten. Sie realisierte, dass sie wirklich krank war und begann, das Internet nach Informationen über ihre Krankheit zu durchsuchen, nach Berichten von anderen Betroffenen. Was sie las, entsetzte sie: von dieser Krankheit konnte man schwer krank werden oder sogar sterben! Sie vertraute sich ihrer besten Freundin an, die ihr versprach, sie zu unterstützen. Diese schlug ihr vor, in der Therapiegruppe in SEKA darüber zu sprechen. Doch dazu fühlte sich Zana nicht bereit. Sie fürchtete die Reaktionen der anderen.

Sie entschied sich, mich um Hilfe zu bitten. Sie endete mit den Worten: „Ich habe Angst und ich weiß, ich darf mein Problem nicht mehr länger verschweigen!”

Ich sagte Zana, dass ich gut verstehen könne, dass es ihr sehr schwer falle, über dieses Problem zu reden, und dass es mir viel bedeute, dass sie den Mut gefasst und sich mir anvertraut habe. Ich gab ihr recht, dass ihre Krankheit sehr ernst zu nehmen sei, sagte ihr aber auch, dass sie mit unserem Gespräch den ersten wichtigen Schritt gemacht habe, um diese Krankheit zu überwinden. Ich erklärte ihr, dass die Reaktionen unserer Seele bzw. die Symptome, die wir entwickeln, immer einen Grund haben. Wenn wir den verstehen, können wir versuchen, andere Lösungen zu finden, sodass wir die Symptome dann nicht mehr brauchen.

Zana wollte weiter zur Einzeltherapie kommen. Sie wollte lernen, wie sie ihr Essverhalten normalisieren könnte ohne jedoch wieder so ‚dick’ zu werden wie früher. Sie wollte mehr Selbstvertrauen bekommen und den Grund für ihre Ess-Störung verstehen. Wir sprachen auch darüber, dass es wichtig wäre, ihre Eltern mit einzubeziehen und eine medizinische Betreuung zu gewährleisten. Allerdings war Zana zu beidem noch nicht bereit. Am Ende unseres ersten Termins fühlte sich Zana „sehr erleichtert und froh, dass Sie mich nicht verurteilt haben!”

„Blick auf mein Leben”

Während der folgenden Termine analysierten wir einerseits Zanas Essverhalten, wann sie das Bedürfnis spürte zu erbrechen, was evtl. zuvor geschehen war. Sie meinte, dass sie das Bedürfnis zu erbrechen am stärksten habe, „wenn mir langweilig ist”. Dass es ihr helfen würde, wenn sie sich beschäftige und in Bewegung sei. Wir sprachen über ihre Mahlzeiten, ob es Nahrungsmittel gab, die sie trotz allem mochte. Ihre Mahlzeiten waren sehr ungesund - ohne Vitamine oder Mineralstoffe. Obwohl sie sehr hungrig war, hatte sie ständig Angst zuzunehmen und im Spiegel sah sie sich selbst immer noch als ‚dick’, obwohl sie bereits stark abgemagert war und nach ihren Angaben nur noch 51 Kilo wog. Einerseits war sie über die Gefahren, die die Anorexie für ihre Gesundheit und ihr Leben bedeutete, erstaunlich gut informiert. Andererseits trieb sie die Angst, wiederzuzunehmen. Bei Kommentaren anderer „Mein Gott, bist du dünn!” oder „Wie schaffst du es denn, so stark abzunehmen!” fühlte sie sich stolz. Wenn sie mir davon erzählte, schien sie in diesem Moment völlig zu vergessen, wie gesundheits- und lebensbedrohlich ihre Erkrankung war.

Ich bat sie, Fotos von früher mitzubringen, auf denen sie noch ‚dick’ war. Die Fotos zeigten ein etwas pummeliges aber nicht wirklich stark übergewichtiges Mädchen.

In der Übung „Blick auf mein Leben”, gab ich Zana die Möglichkeit, mit Hilfe von Symbolen die Abschnitte ihres bisherigen Lebens darzustellen. Wir unterteilten ihr Leben in den Abschnitt von der Geburt bis ins Vorschulalter (0-6 Jahre), die Grundschulzeit (7-13 Jahre) und die drei Jahre ihrer Fachrealschulzeit (14-17 Jahre).

Dabei wurde deutlich, dass sich Zana an die Zeit vor ihrem fünften Geburtstag nicht mehr erinnern konnte. Als sie fünf war, erkrankte ihr Vater an einer Psychose. Diese Zeit war sehr schwer für die Familie, da er oft tagelang verschwand, während seine Familie nicht wusste, ob ihm etwas zugestoßen war. Weder die Mutter noch andere Erwachsene sprachen mit Zana über das, was geschah. Erst nachdem bei dem Vater eine Psychose diagnostiziert wurde und er Medikamente bekam, erklärte die Mutter Zana, dass ihr Vater krank sei und dass sie alle mit ihm sehr vorsichtig sein müssten, damit er sich nicht aufrege. Zana hatte in dieser Zeit begonnen, sich in sich zurückzuziehen und ihre Gefühle für sich zu behalten.

Als sie in die Grundschule kam, fiel es ihr schwer, Beziehungen zu den MitschülerInnen aufzubauen. Sie war still, schüchtern und zurückgezogen. Einzig mit ihrer Banknachbarin sprach sie über die Schule und damit verbundene Themen. Über zu Hause sprach sie nie. Zana erzählte, sie sei bereits in der Grundschule ein „kleines Dickerchen” gewesen. Zu Anfang wurde das von niemandem kommentiert. Allmählich fand sie Freundinnen und fühlte sich in der Schule wohler. Aber als sie 11 Jahre alt war, ereignete sich eine Situation, die Zana entsetzte und zutiefst verletzte: Als sie eines Morgens mit einem Kleid zur Schule gehen wollte, sagte eine ältere Cousine zu Zanas Mutter: „Meine Güte, ist Zana dick!” und zu Zana: „Wenn du weiter so dick bist, wirst du nie in ein Abiturkleid passen!” Erst nach diesem Vorfall begann Zana über ihren Körper, ihr Gewicht und ihr Aussehen nachzudenken. Danach versuchte sie, Übungen zu machen und auf ihre Ernährung zu achten. Sie begann, sich mit anderen Mädchen und mit Mannequins in Zeitschriften zu vergleichen. Ihr Selbstbewusstsein wurde immer geringer.

Mit 14 und 15 Jahren kreisten ihre Gedanken fast nur noch um ihr Gewicht. Sie hatte Minderwertigkeitsgefühle und zog sich immer mehr in sich selbst zurück.

„Damals fühlte ich mich einfach schrecklich! Und ich konnte mit niemandem darüber reden.” Ihre Eltern hatten zu viel zu tun und sie hatte außerdem gelernt, sie nicht mit ihren Problemen zu behelligen. Ihre Brüder waren zu klein. Und auch ihre Freundinnen gaben ihr Ratschläge, wie sie abnehmen könnte. Besonders schlimm waren für sie jedoch die abwertenden Kommentare von Verwandten. Bei jedem Familientreffen war Zanas ‚Dicksein’ ein Thema. Manchmal wollte sie sich am liebsten „in Luft auflösen”.

Als sie dann mit 15 Jahren in die Realschule wechselte - gemeinsam mit einer Kusine, die sie sehr mochte - beschloss sie, sich jetzt zu ändern. Sie wollte abnehmen. Sie ließ das Abendessen weg und aß auch bei den übrigen Mahlzeiten weniger. Dann bekam sie eine schwere Grippe, in der sie stark abnahm. Danach reduzierte sie das Essen noch mehr - bis sie nur noch 50 kg wog. Während sie abnahm, bekam sie viele Komplimente, die sie gierig in sich aufsog und die sie weiter anspornten. Endlich hatte sie es geschafft, endlich bekam sie Anerkennung und sogar Bewunderung. Aber das Hungern verselbständigte sich allmählich.

Die Eltern bemerkten ihr Untergewicht und brachten sie zum Arzt, der sie ins Krankenhaus einwies. Der Krankenhausaufenthalt war eine weitere schreckliche Erfahrung für Zana.

Inzwischen war sie sich bewusst, wie zerstörerisch ihr Hungern war und dennoch konnte ‚etwas in ihr’ nicht damit aufhören. Sie war müde und ihr war alles zu viel: dass sich alle ständig in ihr Leben einmischten, sie bewerteten und verletzten, aber auch müde vom Kampf gegen die Kilos. Sie wollte eigentlich nicht weiter abnehmen, aber noch immer beherrschte sie die Angst, wieder zuzunehmen.

Die Übung ‚Blick auf mein Leben’ hatte Zana sehr gefallen. Sie hatte ihr ermöglicht, aus einer Distanz auf sich und ihr bisheriges Leben zu schauen. Sie konnte dadurch besser verstehen, wie es dazu gekommen war, dass sie die Anorexie entwickelte. Und zum ersten Mal fühlte sie Ärger: „Warum habe ich mich so unter Druck setzen lassen? Warum habe ich es erlaubt, dass jeder eine Bemerkung über mich macht? Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich mehr kämpfen oder das Geschwätz ignorieren!” Ich entgegnete, dass sie das vielleicht heute könne, aber dass es damals, als sie jünger war und sehr allein, sicher kaum möglich war.

Zwischen Bewusstheit und Verleugnung

‚Spiele einst und heute’ - Amina erklärt ein Spiel
‚Spiele einst und heute’ - Amina erklärt ein Spiel

Als ich beim nächsten Termin mit Zana die Beziehung zu ihren Eltern ansprach, wurde sie schweigsam. Sie behauptete, dass ihre Beziehung ‚normal’ sei, dass sie nur wegen des Krankenhauses auf sie sauer gewesen sei und weil sie sie zum Essen gezwungen hatten. Jetzt ließen sie sie jedoch in Ruhe. Sie war der Meinung, dass die Eltern nichts von ihren Problemen bemerkten.

Ich erklärte ihr, dass ich es als sehr wichtig erachtete, ihre Eltern in ihre Probleme einzuweihen. Diese mussten doch bemerken, dass sie erneut abgenommen hatte. Ich schlug vor, dass wir einen gemeinsamen Termin mit den Eltern machen könnten, erklärte ihr, dass es wichtig war, dass die Eltern sie bei der Bewältigung ihres Problems unterstützten.

Zana stimmte dem zu, bestand aber darauf, dass sie zunächst alleine mit den Eltern reden wolle. Doch jedes Mal, wenn ich sie beim nächsten Termin darauf ansprach, hatte sie eine Erklärung, warum sie noch nicht mit ihnen hatte sprechen können: die Eltern hatten zu viel in der Landwirtschaft zu tun, sie selbst hatte in der Schule Stress, ein Todesfall u.ä. Als ich sie fragte, ob sie Angst habe, mit ihren Eltern zu sprechen, stritt sie das ab. Sie erklärte mir nun, dass die Eltern das ja nicht so wichtig nehmen würden. Ich hatte den starken Eindruck, dass sie mir etwas verbarg, dass es Probleme im Verhältnis zu den Eltern gab. Aber ich wollte sie auch nicht unter Druck setzen.

Ein anderes Thema, das ich immer wieder vorsichtig ansprach, war die ärztliche Betreuung, die ich bei ihrer Anorexie für notwendig hielt. Auf dieses Thema reagierte sie mit Panik. Ihre schlimmen Erfahrungen im Krankenhaus bewirkten, dass sie mir gar nicht zuhörte, wenn ich ihr erklärte, dass ich die Verantwortung für ihre lebensbedrohliche Erkrankung nicht alleine übernehmen könne, dass es unabdingbar sei, einen Arzt hinzuzuziehen. Ich erklärte ihr, dass wir seit kurzem einen neuen jungen und sehr netten Psychiater im Gesundheitszentrum hätten, mit dem man gut reden konnte. Aber ich wollte sie nicht zu sehr unter Druck setzten, um sie nicht zu verlieren. Als einzigen Kompromiss akzeptierte sie schließlich, dass ich eine Waage besorgte, und wir sie bei jedem Termin wogen.

Das erste Wiegen zeigte ein Ergebnis von 48,5 kg gegenüber den 51 kg, die sie mir angegeben hatte. Ich war sehr besorgt. Ich sagte ihr erneut, dass sie sich medizinisch untersuchen lassen müsse oder dass ich ihre Eltern kontaktieren müsste. Sie spiele mit ihrem Leben.

Sie reagierte panisch: Sie würde zum Arzt gehen, nur nicht diese Woche, wegen der Feiertage, aber nächste Woche bestimmt.

Es war sehr deutlich, dass sich in ihr ein innerer Kampf abspielte. Einerseits hatte sie selbst Angst, ihr Zustand könne sich verschlimmern, sie könne vielleicht sogar sterben, wenn sie weiter abnahm. Und sie wollte sich helfen lassen. Doch andererseits gab es einen Teil in ihr, der das Hungern als ihren Triumph ansah und es nicht lassen konnte: „Ich kann doch nicht wieder zunehmen, wo ich mich so gequält habe, dieses Gewicht zu erreichen. Dann wäre alles umsonst gewesen!”

Ich machte Zana deutlich, dass ein Gewicht unter 50 kg lebensbedrohlich sei und dass ich sie zum Arzt bringen müsse, wenn sie beim nächsten Termin nicht wenigstens 50 kg wiegen würde. Sie versprach schließlich, dass sie mehr essen würde, um eineinhalb Kilo zuzunehmen.

Beim nächsten Termin hatte Zana noch weiter abgenommen. Unsere Waage zeigte nur noch 47,8 kg. Zana beteuerte weinend, dass sie doch mehr gegessen habe als früher und sie habe nicht erbrochen.

Ich konnte sie schließlich dazu bewegen, dass wir einen Termin mit dem Psychiater im Gesundheitszentrum vereinbaren. Am Tag darauf begleitete ich sie dorthin. Die Untersuchung ergab, dass Zanas Blutwerte kritisch waren. Er empfahl dringend einen Klinikaufenthalt. Zana weinte und schrie, dann würde sie sich umbringen. Allmählich gelang es uns, sie zu beruhigen. Sie bekam zunächst einmal eine Infusion. Während dessen informierte der Psychiater Zanas Vater und bat ihn zu kommen. Der lehnte dies zunächst ab, kam dann aber doch. Sofort begann er, Zana zu beschimpfen. Ich unterbrach ihn und erklärte ihm, dass seine Tochter seine Unterstützung benötige und nicht Beschimpfungen und Vorwürfe. Durch die Reaktion des Vaters war mir nun klar, warum Zana nicht gewollt hatte, dass wir ihre Eltern in die Therapie mit einbezogen.

Da Zana sich vehement gegen einen Klinikaufenthalt wehrte, bot der Psychiater schließlich einen Kompromiss an: Zana sollte täglich Infusionen bekommen, Vitamine und Mineralien einnehmen und sie musste bis über 50 kg zunehmen. Wöchentlich sollte sie zum Wiegen ins Gesundheitszentrum kommen. Falls sie nicht zu-, oder sogar weiter abnahm, musste sie in die Klinik.

Wünsche, Träume und Ziele ...

Hula-Hoop - das klappt ja schon ganz gut!
Hula-Hoop -
das klappt ja schon ganz gut!

Einige Tage lang war Zana im Schock, sie war auch wütend auf mich, weil ich sie zu dem Arztbesuch überredet hatte. Aber sie ging täglich pünktlich zu den Infusionsterminen. Und sie kam weiter zur Therapie. Sie sagte mir, sie hätte das Gefühl gehabt, dass auch ich sie nun im Stich gelassen hätte. Ich erklärte ihr mein großes Dilemma, einerseits ihre Wünsche zu achten, andererseits aber nicht zulassen zu können, dass sie sich selbst zerstörte. Schließlich konnte sie das akzeptieren.

Der nächste Wiegetermin zeigte, dass sie ein knappes kg zugenommen hatte. Und zum ersten Mal schien sie sich darüber zu freuen: „Gott sei Dank, ich muss nicht ins Krankenhaus!”.

Der Arztbesuch, den Zana als schlimm erlebt hatte, hatte offensichtlich dennoch eine Veränderung in ihr angestoßen. Sie begann darüber nachzudenken, dass 50 oder 51 kg „vielleicht doch nicht so schlimm seien”.

Als ich sie nach der Atmosphäre zu Hause fragte, meinte sie, der Vater rede kaum mit ihr, aber die Mutter unterstütze sie, indem sie mit ihr Mahlzeiten zubereitete, die Zana mochte.

Als Zana zum nächsten Termin kam, schien sie sehr nachdenklich: Am Vorabend war sie mit einigen Freundinnen durch die Stadt spaziert, als ein Mann sie ansprach: „Du bist ja furchtbar mager! Hast Du denn genug zu essen?”

Diese Frage hatte Zana sehr getroffen und ins Nachdenken gebracht. Sie sagte zu mir: „Es ist schon interessant, wie mir etwas, was ich bis vor kurzem gerne gehört habe, jetzt so schwer fällt. Durch diese Bemerkung ist mir klar geworden, dass dünn sein nicht das Wichtigste auf der Welt ist!”

In der Imaginationsübung ‚Meine Wünsche, Träume und Ziele’ erinnerte sich Zana an ihre Wünsche, Träume und Ziele mit 10 Jahren, mit 15 Jahren und sie formulierte sie für heute. Mit 10 kreisten ihre Wünsche um das Zusammensein mit ihren Freundinnen, ihr Ziel war, Lehrerin zu werden. „Mit 15”, erinnerte sie sich, „da war ich nicht mehr ich selbst. Ich war nur noch besessen von dem Wunsch abzunehmen, dünn zu werden. Endlich sollten die verletzenden Kommentare aufhören ... und du siehst, ich habe es erreicht ... aber um was für einen Preis?!”

Wir sprachen darüber, wie sie gerne reagieren würde, wenn andere Bemerkungen über sie machen, sie bewerten oder gar verletzen. „Ich will es mir nicht mehr gefallen lassen!” sagte sie mit einer neuen Entschiedenheit. „In Zukunft werde ich mich wehren! Ich bin jetzt nicht mehr allein! Ich habe meine Freundinnen und unsere Gruppe und ich habe dich!”

Als ich sie dann fragte, welche Wünsche, Träume und Ziele sie denn heute habe, schaute sie mit einem verträumten Lächeln in die Ferne und sagte: „Heute sind meine Wünsche und mein Ziel, dass ich gesund werde und mein Leben genießen kann. Dass ich glücklich und entspannt bin und dass ich mich nicht um meine Gesundheit sorgen muss. Erst jetzt sehe ich, wie sehr mich das alles belastet hat. Ich will nicht gerade wieder so dick werden wie früher, aber ein paar Kilo mehr können es schon sein.”

Für die „Zana in der Zukunft” wählte sie ein Symbol aus: eine offene Muschel mit einer schillernden Murmel. Sie sagte: „Wegen all meiner Probleme habe ich mich wie in einer Muschel verschlossen; aber ich weiß jetzt, dass in der Muschel eine Perle ist und ich glaube, dass die Zeit kommt, wo die Muschel sich öffnet und die Perle in ihrem vollen Glanz erstrahlt.”

Sicherlich haben wir in der Therapie noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns und ich hoffe, dass es uns doch noch gelingen wird, auch ihre Eltern in die Arbeit mit einzubeziehen, aber ich bin sicher, dass Zana ihren Weg finden wird.

Amina Sarajlic

Anmerkung:

Namen geändert
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