SEKA-Logo

SEKA Journal Nr. 25, Dezember 2014

„Das Schönste ist, dass ich mich wieder freuen kann, wie ein Kind!”

Paarübung
Paarübung

Der therapeutische Prozess einer Klientin mit schweren Kriegstraumata

Enisa K. wuchs in einem Dorf in Ostbosnien auf, wo sie heiratete und Kinder bekam. Die Familie zog eben in ihr neu erbautes Haus ein, als der Krieg ausbrach.

Nach mehreren Tagen Artilleriebeschuss wurde das Dorf von den serbischen Paramilitärs eingenommen. Die im Dorf verbliebenen muslimischen Männer wurden zusammengetrieben und am Flussufer ermordet. Einigen - auch Enisas Mann - gelang die Flucht. Enisa wurde - wie auch viele andere Frauen misshandelt und vergewaltigt. Es gelang ihr jedoch, mit ihren beiden kleinen Kindern und mit anderen Frauen und Kindern in die Wälder zu fliehen. Ihr Dorf wurde geplündert und angezündet, an den verbliebenen Dorfbewohnern wurde ein grausames Massaker verübt.

Enisa und die anderen Frauen und Kinder verbargen sich tagelang in den Wäldern - stets in der Angst, vom Feind entdeckt zu werden, bis es ihnen gelang, sich nach Gorazde durchzuschlagen - halb verhungert und verdurstet und schwer traumatisiert.

Im belagerten Gorazde wurden Enisa und ihre Kinder im Haus ihrer Tante aufgenommen. Nach Wochen fand ihr Mann sie schließlich, dem es ebenfalls gelungen war, sich nach Gorazde durchzuschlagen und der sich den Gorazder Verteidigern angeschlossen hatte.

Noch dreieinhalb Jahre Krieg in Gorazde musste die Familie ertragen - den Artillerie- und Sniperbeschuss, die ständige Todesbedrohung und die schwere Hungersnot.

Enisa hatte sich durch die furchtbaren Erlebnisse vollkommen verändert: aus einer fröhlichen jungen Frau war eine stille, in sich zurückgezogene, depressive Frau geworden, die unter massiven Angstzuständen litt und kaum in der Lage war, ihre Rolle als Mutter und Ehefrau auszufüllen. Dennoch gaben ihr die Kinder einen Grund, weiterzuleben: „Ohne meine Kinder, glaube ich, wäre ich nicht am Leben geblieben!” sagte sie zu mir in einem Gespräch während der Therapie. Über die erlebte Vergewaltigung konnte sie lange mit niemandem sprechen. Erst Jahre später konnte sie es ihrem Mann sagen.

Einige Jahre nach Kriegsende kontaktierte die Vorsitzende der Vereinigung ‚Frauen - Opfer des Krieges’, die sich für die Anerkennung der Kriegsvergewaltigungen als Kriegsverbrechen, die Verfolgung der Täter und die Rechte der Opfer einsetzt, Enisa. Andere Vergewaltigungsopfer hatten Enisas Namen genannt.

Enisa musste mehrfach als Zeugin aussagen - gegenüber der Vorsitzenden der Organisation, gegenüber der Polizei, dem Gericht. Einerseits war dies für sie jedesmal eine Tortur und warf sie wieder zurück in die traumatische Situation. Andererseits lernte sie durch die Organisation andere Frauen kennen, die dieselben Verbrechen erlitten hatten. Sie erkannte sich in ihnen wieder und fühlte sich von ihnen verstanden.

Inzwischen ging sie auch regelmäßig zum Psychiater ins Zentrum für psychische Gesundheit in Gorazde. Dieser gab ihr Beruhigungsmittel und Antipsychotika gegen die Panikattacken, Antidepressiva gegen die Depressionen und Schlafmittel zum Schlafen. Enisa fühlte sich wie ein Roboter. Nur mit größter Kraftanstrengung konnte sie ihre Aufgaben als Hausfrau und Mutter bewältigen. Dennoch kamen die Panikattacken immer wieder. Sie vermied es, aus dem Haus zu gehen. Und - was sie selbst entsetzte - immer häufiger bekam sie heftige Wutanfälle, wenn etwas nicht nach Plan lief oder ihre Kinder nicht auf sie hörten. Der Psychiater probierte neue Medikamente. Enisa bekam dadurch neue Nebenwirkungen. Die Medikamente schlugen ihr auf den Magen.

Immer wieder hatte sie suizidale Gedanken. Sie wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte.

In dieser Verfassung wurde sie in regelmäßigen Abständen von der Organisation ‚Frauen - Opfer des Krieges’ gedrängt, an Demonstrationen der Organisation gegen die Kriegsverbrechen teilzunehmen - in der Regel an den entsprechenden Schauplätzen der Verbrechen: ehemalige Folter-Lager, Orte, an denen Massaker geschehen waren - alle in der serbischen Entität, der ‚Republika Srpska’. Enisa wie auch die anderen Vergewaltigungsopfer wagten nicht, die Teilnahme an diesen Aktionen abzulehnen, da die Organisation ihnen eine Rente erstritten hatte - aufgrund der Traumatisierung und der gesundheitlichen Folgeschäden durch die erlittene Gewalt. Alle Frauen waren existentiell auf diese Rente angewiesen, um ihre Familien zu ernähren. So wagten sie weder die Teilnahme an diesen Aktionen abzulehnen, noch Interviews gegenüber Medien zu verweigern. Jede dieser Situationen wirkte in höchstem Maß retraumatisierend und verschlechterte Enisas Zustand noch weiter.

Über eine Mitbetroffene aus Gorazde hörte sie schließlich Anfang des Jahres 2009 von SEKA. Es dauerte noch einige Monate, bis sie sich entschließen konnte anzurufen und einen Termin zu vereinbaren.

Im Folgenden beschreibe ich Enisas therapeutischen Prozess durch die Einzel- und Gruppenarbeit.

Selbsthass und Schuldgefühle als Abwehr von Ohnmachtsgefühlen

Fallsupervision mit Psychodrama
Fallsupervision mit Psychodrama

Als Enisa zum ersten Termin kam - blass und angespannt, setzte sie sich in den Sessel direkt neben der Tür. Sie saß auf der vorderen Kante, ihre Tasche vor sich wie ein Schild und gleichzeitig an sich gepresst, als wolle sie sich absichern, dass sie jederzeit durch die Tür fliehen könne. Sie hob den Blick kaum vom Fußboden. Leise - eher zu sich selbst als zu mir - sagte sie, dass sie im Krieg vergewaltigt worden sei, aber darüber nicht sprechen könne; dass sie psychiatrisch behandelt werde, dass es ihr aber immer schlechter gehe und sie von einer anderen Frau gehört habe, dass ich ihr vielleicht helfen könne.

In diesem ersten Gespräch würdigte ich ihren Mut und ihre Bereitschaft ins SEKA-Haus zu kommen, erklärte ihr, auf welche Weise wir arbeiten und betonte, dass sie hier über nichts reden oder nichts tun müsse, was sie nicht wolle. Wir sprachen über ihre Symptome: Intrusionen = Überflutung mit traumatischen Bildern und Erinnerungen, massive Schlafprobleme, Alpträume, Panikattacken, Wutausbrüche gegenüber Mann und Kindern, für die sie sich schuldig fühlte, das Gefühl von Sinnlosigkeit, ihre Müdigkeit und Energielosigkeit, die durch die Medikamente noch verstärkt wurde. Darüber, dass sie sich unfähig fühlte, eine schlechte Ehefrau und Mutter.

Ich erklärte ihr, dass all das, was sie beschreibe, die typischen Symptome und Reaktionen eines Menschen sind, der furchtbare und eigentlich unerträgliche Erfahrungen machen musste, aber dass es möglich sei zu lernen, damit anders umzugehen und die eigene Stärke, den Glauben an sich und die eigene Kompetenz wiederzugewinnen. Dass es dafür allerdings nötig ist, dass wir den Willen und die Motivation haben, uns auf eine Therapie, d.h. die Arbeit an sich selbst einzulassen.

Während des Gesprächs bemerkte ich, dass Enisa sich etwas entspannte, aber auch dass sie müde wurde. Ich schlug vor, dass wir den Termin für diesmal beenden und dass sie bis zum nächsten Termin darüber nachdenkt, was genau sie in der Therapie erreichen wolle.

Als ich sie fragte, wie sie sich jetzt fühle, stieß sie einen Seufzer aus und sagte mit einem ganz schwachen Anflug eines Lächelns: „Ein klein wenig besser. Ich bin froh, dass ich gekommen bin! Ich glaube, Sie können mir helfen!”

Beim nächsten Termin sprachen wir darüber, was Enisa durch die Therapie erreichen wolle. „Ich möchte gerne wieder normal leben können, mich nicht nur durch die Tage schleppen. Ich möchte, dass die Symptome aufhören und dass ich wieder normal schlafen kann. Ich will diese Angst loswerden und diese furchtbare Anspannung. Ich möchte meinen Kindern eine bessere Mutter sein, Zeit und Geduld für sie haben. Sie sind nun schon fast erwachsen und sie hatten eine so schwere Kindheit!” Und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Ich würde gerne wieder so werden, wie ich war.”

Ich fragte nach, wie sie denn gewesen sei als junge Frau. „Ich war fröhlich und unbeschwert, ich hatte soviel Energie, aber”, fügte sie mit einem bitteren Unterton hinzu: „Ich war so naiv! Ich hatte keine Ahnung vom Leben!” Und dann: „Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich so naiv war. Wie konnte ich, wie konnten wir glauben, dass sie uns nichts tun würden. Warum sind wir nicht rechtzeitig geflohen. Wir waren so dumm!” „Nein”, sagte ich, „Sie waren nicht dumm! Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches passieren könnte! Finden Sie es fair gegenüber der Enisa von damals, dass Sie nun ihr die Schuld geben?” „Nein!” flüsterte Enisa und die Tränen schossen ihr in die Augen, „ich konnte nichts dafür!” Wir sprachen darüber, dass es natürlich ist, dass wir uns nicht immer das Schlimmste ausmalen, das evtl. passieren könnte. Was für ein Leben wäre das? Aber dass wir nach einem traumatischen Ereignis dann genau so reagieren: wir rechnen immer mit dem Schlimmsten. Wir leben dann nur noch in Angst und Anspannung.

Ich erklärte Enisa auch, dass Selbsthass und Schuldgefühle des Opfers mit der Abwehr der tiefen Ohnmachtsgefühle zusammenhängen, da Ohnmacht für uns Menschen das sicherlich schrecklichste Gefühl sei.

Wieder bemerkte ich, dass Enisas Konzentration nach ca. einer halben Stunde nachließ und wir beendeten den Termin.

Gruppenspiel ‚Markt der Stärken und Fähigkeiten’
Gruppenspiel ‚Markt der Stärken und Fähigkeiten’

Die Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen

Während der nächsten Termine sprachen wir überwiegend über alltägliche Situationen. Ich unterstützte Enisa darin wahrzunehmen, was sie trotz all ihrer Schwierigkeiten jeden Tag leistete: Haushalt, Kochen, Gartenarbeit (sie hatte einen großen Garten, in dem sie Gemüse und Blumen zog). Insbesondere die Übung ‚Die Bereiche und Rollen meines Lebens heute’ half ihr, einen anderen Blick auf sich selbst und ihr Leben zu bekommen. Mit Hilfe von Farben und Symbolen stellte sie die Lebensbereiche und Rollen dar und schaute dann - aus der Perspektive einer wohlwollenden Beobachterin - auf ‚Enisa in ihrem Leben’. Sie war selbst erstaunt, wie Vieles sie jeden Tag schaffte, obwohl sie sich als müde und energielos erlebte.

Durch diese Übung wurden auch ihre Ressourcen deutlich: Wenn sie über ihren Garten sprach und über ihre Gemüseernte oder ihre Blumen, wurde ihr Gesicht lebendiger und entspannter und ihre Haltung aufrechter. Auch ihre Kinder (ihre 20-jährige Tochter und der 19-jährige Sohn) und ihr Mann waren für sie wichtige Ressourcen. Allerdings wurde offensichtlich, dass es oft Konflikte gab. Die psychodramatische Inszenierung einiger Konflikt-Szenen mithilfe von Symbolen half Enisa, die jeweilige Situation aus der Distanz und einem neuen Blickwinkel zu sehen. Durch den imaginierten Rollenwechsel mit Mann oder Kindern konnte sie deren Sichtweise besser nachzuvollziehen. Theoretische Informationen zum Thema Kommunikation halfen ihr zu verstehen, welche Fehler sie machten und wie sie besser kommunizieren konnten.

Neben der Bearbeitung alltäglicher Themen vermittelte ich Enisa unterschiedliche Selbstwahrnehmungs- und Imaginationsübungen sowie Techniken zur Selbstberuhigung und zur Entwicklung oder Stärkung innerer Ressourcen, die Enisa regelmäßig in ihrem Alltag nutzte, wenn sie erste Anzeichen von Unruhe oder Angst spürte, oder wenn sie - ausgelöst durch aktuelle Trigger - traumatische Bilder und Erinnerungen überfluteten; denn noch immer löste alles, was in irgendeinem Zusammenhang zu den erlebten traumatischen Situationen stand, bei Enisa starke Reaktionen aus: Zittern, Schweißausbrüche, Panik, Dissoziation

... Während der Therapiestunden lernte sie mit meiner Unterstützung, wie sie sich wieder im ‚Hier und Jetzt’ verankern konnte, wieder den Boden unter ihren Füßen spüren und sich selbst beruhigen konnte. Hierbei nutzten wir Atmen, Gehen, Stampfen, das Kneten von Kissen und das bewusste ‚Umschalten’ auf ein Thema, das Enisa als stärkend und stabilisierend erlebte.

Mithilfe der Übung ‚Landkarte meiner Emotionen’ erarbeiteten wir u.a. den Zusammenhang von Körpersensationen bzw. Körperempfindungen und Emotionen. Dies half Enisa, schon möglichst rechtzeitig beginnende Unruhe oder Angst wahrzunehmen und unter Nutzung der Techniken zu kontrollieren bzw. zu stoppen.

In fast jeder Therapiesitzung berührten wir zumindest kurz auch das Thema ‚Trauma’. Ich gab Enisa jedesmal eine kurze theoretische Erklärung über den einen oder anderen Aspekt, die ihr half, sich selbst und ihre Symptome und Reaktionsweisen besser zu verstehen. Enisa waren diese Erklärungen wichtig. Als ich sie zu Anfang der Therapie fragte, ob sie die Erklärungen anstrengend finde, meinte sie: „Nein, ich könnte Ihnen stundenlang zuhören. Sie erklären das so, dass alles einen Sinn bekommt und das empfinde ich als so beruhigend. Wenn ich von hier weggehe, habe ich das Gefühl, es wird alles in Ordnung kommen!”

Enisa machte gute Fortschritte. Nach einigen Monaten konnte sie sich besser konzentrieren. Sie war stabiler. Es gelang ihr, in ihrem Alltag mit den Symptomen besser klar zu kommen. Sie konnte besser schlafen. Die Beziehungen in der Familie entspannten sich allmählich. Sie hatte wieder mehr Energie und war insgesamt zuversichtlicher.

Doch dann ereignete sich erneut eine retraumatisierende Situation, die sie wieder zurückwarf:

Wie eine erneute Vergewaltigung ...

Schon als Enisa mich begrüßte, sah ich dass etwas geschehen sein musste. Ihr Gesicht war blass und verschlossen, ihr Blick nach unten gerichtet und sie verkroch sich wieder in ihrem Körper. Sie erzählte mir stockend, dass sie als Mitglied der Organisation ‚Frauen - Opfer des Krieges’ gemeinsam mit anderen Betroffenen an einer Aktion hatten teilnehmen müssen - in der Nachbarstadt Foca vor einem der berüchtigten ehemaligen Folter- und Vergewaltigungslager. Sie beschrieb mir die Fahrt dorthin, auf der sie alle weinten und zitterten. Die Aktion überstand sie mehr oder weniger dissoziierend: „Als ob ich eigentlich gar nicht da war!”

Am schlimmsten war für die Frauen, dass sie von Passanten hasserfüllt beschimpft, mit ordinären Ausdrücken beleidigt und bedroht wurden.

Dieses Ereignis hatte Enisa stark retraumatisiert. Sie hatte diese Aktion wie eine erneute Vergewaltigung erlebt. Darüberhinaus war sie dazu gezwungen und missbraucht worden von der Organisation, die doch immer betonte, dass sie ihnen helfen würde. Allmählich wurde ihr das klar.

Als sich Enisa wieder etwas beruhigt und stabilisiert hatte, sprachen wir darüber, dass niemand das Recht habe, sie unter Druck zu setzten und zu solchen Aktionen zu zwingen. Enisa wusste zwar einerseits, dass sie an diesen Aktionen nicht teilnehmen wollte, dass es ihr jedes Mal danach furchtbar schlecht ging, aber sie fühlte sich nicht in der Lage, den Forderungen der Vorsitzenden der Organisation zu widersprechen. Sie fühlte sich abhängig und hatte Angst vor ihr, aber sie war auch dankbar, dass die Vorsitzende für sie alle „die Rente durchgesetzt hat”. Es wurde deutlich, dass den Frauen auch gedroht wurde, dass sie die Rente verlieren würden, wenn sie nicht „ihre Verpflichtungen erfüllten”.

In den nächsten Wochen stabilisierte sich Enisa allmählich wieder. Sie nutzte die gelernten Übungen und Techniken, hatte im Garten viel zu tun und bereitete die Hochzeit ihrer Tochter vor. Doch dann geschah eine neue Situation, in der sie unter Druck gesetzt wurde: Sie sollte einem Fernsehteam ein Interview über die traumatischen Geschehnisse in ihrem Heimatort und auch über ihre Vergewaltigung geben. Nur durch Zufall kam es dann nicht zu dem Interview, aber Enisa hatte einen ganzen Tag wie paralysiert auf die Journalisten gewartet. Als sie die Vorsitzende am Abend anrief, sagte ihr diese, dass das Kamerateam an ihrer Stelle eine andere Frau interviewt hatte. „Warum habt ihr mir das nicht mitgeteilt?” fragte Enisa. „Ach, wir haben ja auch anderes zu tun. Jetzt weißt du es ja!” meinte die Vorsitzende.

Erwärmungsspiel (Seminar Traumatherapie)
Erwärmungsspiel (Seminar Traumatherapie)

Wut als heilsame und befreiende Kraft

Als Enisa mir in der nächsten Therapiestunde von dieser Situation erzählte, spürte ich bei ihr zum ersten Mal Wut über die Missachtung und Unverschämtheit dieser Frau. Ich unterstützte sie darin, ihren Ärger auszudrücken. In einer psychodramatischen Szene gab ich ihr dann die Möglichkeit, der „Vorsitzenden” (dargestellt von einem Symbol) all das zu sagen, was ihr auf der Seele lag. Zu Anfang ging das noch stockend, doch dann redete sich Enisa in Wut. Schließlich sagte auch ich „der Vorsitzenden”, was ich über deren Verhalten und die Situation insgesamt dachte. Enisa fühlte sich nach dieser Szene erleichtert und geradezu befreit. „Meine Angst ist verschwunden, ich bin jetzt wirklich wütend auf sie, ich glaube, jetzt könnte ich ihr das auch sagen!”

Tatsächlich teilte Enisa beim nächsten Treffen der Organisation mit, dass sie nicht mehr zu Aktionen fahren würde und auch keine Interviews mehr geben würde.

„Ich habe ihnen allen gesagt, dass das für mich jedes Mal eine Tortur ist und dass ich das nicht mehr mache!” erzählte sie mir beim nächsten Therapietermin. „Und dann haben andere das auch gesagt und die Vorsitzende ist wütend geworden. Es war mir unangenehm, aber ich bin stark geblieben!” Enisa war stolz auf sich.

In der Folgezeit wurden die Gorazder Mitglieder der ‚Frauen - Opfer des Krieges’ von der Organisation massiv und mit unterschiedlichsten Drohungen unter Druck gesetzt. Insbesondere wurde Enisa und anderen, die zu mir zur Therapie kamen, strengstens verboten, „weiter ins SEKA-Haus zu gehen”.

Die Frauen waren besorgt. Enisa erzählte mir dann, sie hätten besprochen, für einige Zeit mit der Therapie zu pausieren - „bis sich die Wogen ein wenig gelegt haben.” Wir redeten ausführlich darüber. Ich machte deutlich, dass sie ein Recht auf Therapie haben und dass sie freie Frauen sind und dass SEKA und ich immer für sie da sind. Wir sprachen über die Gefahr, wenn sie sich jetzt wieder einschüchtern ließen, dass sie dann verlieren könnten, was sie erreicht hatten. Doch ich bekräftige auch, dass sie nur selbst beurteilen könnten, was für sie im Moment das Beste sei. Die Frauen entschieden sich für die Therapie-Pause.

Einerseits tat mir diese Entscheidung leid, weil ich wusste, was ihnen die Therapie bedeutete, andererseits war ich mir sicher, dass die Frauen wieder kommen würden. Es war mir wichtig, dass sie sich in ihren Entscheidungen vollkommen frei und zu nichts gedrängt fühlten. Es war auch klar, dass eine offene Unterstützung der Frauen gegenüber der Organisation ‚Frauen - Opfer des Krieges’ nur einen Machtkampf ausgelöst hätte, unter dem die Betroffenen noch mehr gelitten hätten.

Ein großer Schritt

Nach etwa einem Jahr baten die Frauen SEKA um organisatorische Unterstützung bei der Gründung ihres eigenen Gorazder Vereins ‚Frauen der Drina’. Diese gaben wir gern. Ich freute mich sehr, dass die Frauen sich zu diesem Schritt entschlossen hatten. Sie fanden mit Unterstützung des UNHCR einen eigenen Raum, wo sie sich regelmäßig treffen und sich austauschen konnten. Nebenbei webten sie typische bosnische Kelims (bunte Teppiche), fertigten Strümpfe und ‚Pape’ (typisch bosnische Hausschuhe), sowie andere traditionelle textile Artikel. Diese Beschäftigung machte ihnen Spaß, stärkte ihr Selbstbewusstsein und bot ihnen eine kleine Einnahmequelle.

Die Frauen kamen auch wieder ins SEKA-Haus, einzeln und auch als Gruppe. Auch Enisa kam wieder zur Therapie und nahm auch an der Gruppe teil. Bei ihr hatte sich Vieles verändert: Ihre Tochter hatte geheiratet und einen Sohn bekommen. Enisa liebte ihren Enkel sehr und kümmerte sich viel um ihn. Ihr Enkel war für sie eine große Ressource. Beim Spielen mit ihm kam sie wieder in Kontakt mit ihrer Lebensfreude und ihrer Fröhlichkeit, die so lange verschüttet gewesen waren. Mit ihm war sie vollkommen im ‚Hier und Jetzt’.

Enisa, wie auch die anderen Frauen, hatte nie wieder an einer der ‚Aktionen’ der Organisation teilgenommen. Auch Interviews hatte sie weiter abgelehnt. Sie sagte mir: „Erst während unserer Pause habe ich gemerkt, wie viel mir die Therapie geholfen hat, wie viel stärker ich geworden bin und meiner selbst mehr bewusst. Hier habe ich angefangen, wieder an mich zu glauben!”

Es war ihr nun möglich, dass wir uns ihrem Trauma annäherten. Sie lernte - auf der Basis des Ego-State-Konzepts - sich um die ‚Enisa in der traumatischen Situation’ zu kümmern. Sie schuf für diese symbolisch einen ‚Sicheren Ort’, an den sie sie bringen konnte, wenn ein Trigger traumatische Erinnerungen auslöste. Dies half ihr in großem Maße, sich zu beruhigen und in der Gegenwart zu verankern. Auch die Arbeit mit einem Täter-Introjekt (eine aggressive und verletzende Stimme, die manchmal auftauchte) halfen Enisa, dies rechtzeitig zu erkennen und anders damit umzugehen.

Mehr und mehr konnte Enisa ihre Wut auf die Täter spüren und durch symbolische Handlungen loswerden, was ihr half, ihre Aggression nicht mehr gegen sich selbst zu richten.

Neben der Einzeltherapie war Enisa auch ihre Therapiegruppe sehr wichtig. Eine besonders wichtige Erfahrung bedeutete für sie - wie auch für alle anderen Frauen - das sechstägige therapeutische Seminar an der Adria (s. SEKA-Journal Nr. 24).

Übung ‚Mein Weg durch die Therapie’
‚Mein Weg durch die Therapie’

Verwandlung

Das Seminar und das intensive Zusammensein ließ die Frauen noch mehr zusammenwachsen. Ein wichtiges Thema, an dem wir mit Symbolen und psychodramatischen Inszenierungen arbeiteten war: ‚Ressourcen und innere Kraftquellen’.

Enisa entschied sich als erste, ihre Ressourcen auf der großen Psychodramabühne darzustellen - mit den anderen Frauen als ‚Hilfs-Ichs’ (die die jeweiligen Rollen nach Enisas Anweisung verkörperten):

Ihre Kraftquellen waren: „meine Familie”, „meine Ausdauer”, „meine innere Kraft” und „meine Vision, wie ich einmal sein werde = Enisa in der Zukunft”.

Sie baute ihre Skulptur auf und nahm dann ihren Platz in der Mitte ein. In diesem Moment überwältigten sie die Gefühle so stark, dass sie in die Knie ging. Sie begann zu weinen, bedeutete mir aber, dass alles in Ordnung war. Sie verharrte noch ein wenig in dieser Position, dann schaute sie sich ihre Skulptur noch einmal aus der Distanz an. Langsam sagte sie: „In dem Moment, als ich „meine Kraft” und „meine Ausdauer” berührte und zur „Enisa in der Zukunft” schaute, fühlte ich eine solch starke Energie durch meinen Körper schießen, dass mich das überwältigt hat.”

„Ich fühle mich jetzt so stark, so befreit! Als ob ich mich verloren hatte und nun wieder zu mir selbst zurückgekehrt bin ... Ich bin einfach glücklich!”

Nach dieser Szene war Enisa völlig verändert: die zurückhaltend, ernste, unsichere und eher besorgte Enisa hatte sich in ein Energiebündel verwandelt: lebendig, fröhlich und geistreich. In den folgenden Tagen unterhielt sie uns mit witzigen Geschichten, sie zeigte uns Gymnastikübungen, die sie als junge Frau beherrscht hatte und wir staunten über ihre Gelenkigkeit. Und sie lernte Schwimmen, etwas wovon sie ihr Leben lang geträumt hatte. Das Faszinierendste war aber die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, die sie ausstrahlte. Sie konnte selbst kaum glauben, wie sehr sie sich verändert hatte: „Ich fühle mich wie neugeboren! Das Schönste ist, dass ich mich wieder freuen und übermütig sein kann wie ein Kind!”

Befreiung

Auch zurück in ihrem Alltag hielt Enisas Veränderung weiter an. Natürlich gab es noch immer Situationen, die für sie als Trigger wirkten: so z.B. große Menschenmengen, Lärm, Fernsehbilder, Nachrichten u.a. Aber Enisa konnte dies nun sehr rasch registrieren und sich schnell wieder stabilisieren.

Den Frühling 2014 - mit all den mit dem Kriegsbeginn verbundenen Jahrestagen - erlebte sie nicht mehr als so belastend wie früher. Als eine Dokumentation über den Anfang des Krieges in ihrer Nachbarstadt im Fernsehen gezeigt wurde, entschied sie sich diesmal, dass sie diese Dokumentation sehen wollte, da sie viele der gezeigten Menschen kannte und genauer wissen wollte, was mit ihnen geschehen war. Sie konnte diese Dokumentation auf eine Weise ansehen, die sie nicht retraumatisierte: in manchen Situationen schaute sie weg, oder sie ging kurz aus dem Raum. Sie dosierte damit die Intensität. Stolz erzählte sie davon in der Gruppe: „Ich bin selber überrascht, wie stabil ich geblieben bin!”

Enisa nähert sich inzwischen schrittweise an Dinge an, die sie früher vermieden hat - Menschen, Orte und Situationen, die mit ihrer traumatischen Erfahrung zu tun haben. Nun entscheidet sie, worauf sie sich einlassen will, sie weiß wie sie sich schützen kann, sie kann mit ihren Gefühlen umgehen, sie ist wieder Subjekt ihrer Handlungen.

Vor kurzem erzählte sie uns in der Gruppe, dass sie bei der Gedenkfeier für die Opfer des Massakers in der ‚Pionirska Ulica’ in Visegrad war. Sie hatte mehrere der Opfer gekannt, die dort in einem Haus eingeschlossen und verbrannt worden waren. Vor allem eines der Opfer, Selma, eine junge Frau, war ihr sehr nahegestanden. Das Haus wurde in den vergangenen Monaten gegen großen Widerstand der Visegrader Behörden wieder aufgebaut und soll als Gedenkstätte dienen. Enisa wollte das Andenken der Opfer ehren.

Als sie dort ankam, sah sie die alte Mutter von Selma, die die Organisatoren eingeladen hatten, ganz alleine stehen. Niemand stand ihr bei. Enisa fand das schrecklich, sie trat zu ihr und stellte sich vor, erst da erkannte die alte Frau sie. Dann begleitete sie die Mutter während der gesamten Gedenkfeier - auch ins Haus und in den Keller mit den verkohlten Wänden, der nicht verändert worden war. Enisa stützte die Mutter. Beim Gang durch das Haus zitterte Enisa selbst am ganzen Körper, doch gleichzeitig war sie ruhig und klar. Schließlich brachte sie die alte Frau zu ihrem Bus. Sie vereinbarten, dass sie im Kontakt blieben.

Als Enisa uns das alles erzählt, ist sie ganz ruhig. Schließlich sagt sie: „Seit ich da war, fühle ich mich, als ob ich etwas an seinen Platz gestellt habe ... ich fühle mich befreit, als ob eine große Last von meiner Brust genommen wurde ...”

Gabriele Müller

Anmerkung:

Name geändert
Pfeil nach oben
SEKA Logo