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SEKA Journal Nr. 24, Dezember 2013

„Zurück ins Leben ...”

Therapeutisches Seminar mit Frauen, die Kriegsvergewaltigungen überlebt haben

Arbeit mit Symbolen
Arbeit mit Symbolen

Seit 2008 kamen einzelne Frauen der Organisation ‚Frauen - Opfer des Krieges’ (dies bedeutet ‚im Krieg vergewaltigte Frauen’) zur Therapie ins SEKA-Haus. Aufgrund von Schwierigkeiten mit der nationalen Führung der Organisation, die die Frauen durch Nötigung zu Aktionen und Fernsehinterviews massiv unter Druck setzte, gründeten die Gorazder Frauen 2012 - unterstützt von SEKA, einen eigenen Verein in Gorazde.

Im Januar 2013 schließlich, wandten sich die aktiven Vereinsfrauen an mich (Gabriele Müller) mit der Bitte, mit ihrer Gorazder Gruppe therapeutisch zu arbeiten. Obwohl ich eigentlich einen übervollen Terminplan hatte, war ich gerne bereit, dieser Bitte zu entsprechen, da wir uns als Therapiezentrum diesen Frauen, die die Hölle überlebt haben und schwer traumatisiert sind, in besonderem Maße verpflichtet fühlen.

Traumatherapeutische Gruppenarbeit

Ende Januar begannen wir mit der Gruppenarbeit mit acht Teilnehmerinnen. Aufgrund der vielen Verpflichtungen der Frauen, vereinbarten wir 14-tägige jeweils dreistündige Termine.

Ich arbeite mit den Frauen entsprechend dem trauma-therapeutischen Phasenmodell nach Reddemann /Sachsse und mit der Methode Psychodrama. Die traumatherapeutische Arbeit in der Gruppe konzentriert sich auf die Aspekte ‚Sicherheit’ und ‚Stabilisierung’. Evtl. traumakonfrontative Arbeit bleibt der Einzeltherapie vorbehalten.

Wir erarbeiteten zunächst gemeinsam die Gruppenregeln - als Basis unserer Arbeit. Ich vermittelte den Frauen Techniken zur besseren Kontrolle ihrer Symptome, sowie Übungen zur Selbstberuhigung und Selbsthilfe. Außerdem hatten die Teilnehmerinnen stets Raum, um über aktuelle Geschehnisse oder Probleme zu sprechen.

Frühling - die ‚schlimmste Zeit des Jahres’

April, Mai und Juni bedeuten für diese Frauen die schlimmste Zeit des Jahres - mit einer großen Zahl von traumatischen Jahres-, bzw. Gedenktagen und fast täglichen Fernsehsendungen über den Kriegsanfang, die Massaker und Gräuel, die sich in diesen Tagen ereignet hatten. Dies waren die Tage des Überfalls auf ihre Dörfer, der Massaker, der Vergewaltigungen, der Verschleppung ins Lager. Diese Zeit ist für die Überlebenden auch 20 Jahre nach Kriegsanfang voller heftiger Trigger (Auslöser), die die traumatischen Symptome verstärken bzw. wieder zum Ausbruch bringen.

Für die Gruppenarbeit bedeutete dies eine Gratwanderung: einerseits jeder Raum zu geben, über ihr Erleben und ihre Gefühle zu sprechen und sich zu entlasten - und andererseits zu verhindern, dass die übrigen Teilnehmerinnen dadurch zu sehr belastet werden. In der Regel gab ich den Frauen in der ersten Hälfte der Gruppenarbeit die Möglichkeit, sich im Gespräch zu entlasten; in der zweiten Hälfte, nach einer kurzen Pause, bot ich dann zuerst Übungen und Spiele an, durch die die Teilnehmerinnen, Spannung ablassen oder Gefühle körperlich gefahrlos ausagieren konnten (s.u.). Anschließend ‚schalteten’ wir ‚um’ auf andere Themen oder Übungen, die die Stabilisierung der Frauen und ihre Verankerung in der Gegenwart bewirkten. Durch dieses ‚Pendeln’ lernten die Frauen mehr und mehr, die Kontrolle über Gedanken und Emotionen wiederzugewinnen.

Sehr rasch zeigte sich, dass den Frauen ‚ihre Gruppe’ sehr viel bedeutete. Hier fühlten sie sich sicher, konnten offen sein, da alle Ähnliches erlebt hatten.

Dennoch geschah es häufig, dass eine oder auch mehrere Teilnehmerinnen an Gruppenterminen fehlten - meist aufgrund von Krankheit. Neben den psychischen Folgen der erlebten Torturen leiden alle Frauen auch an körperlichen und psycho-somatischen Folgen (z.B. Beschädigungen der Wirbelsäule oder von Gelenken durch Misshandlungen, chronische Entzündungen, Migräne, Anämie, Allergien, Asthma, geschwächte Immunität u.a.).

Um den therapeutischen Prozess zu intensivieren und außerdem die psychische und physische Gesundheit und die Resilienz der Frauen zu fördern, entschieden wir uns, der Gruppe im Juni ein 6-tägiges therapeutisches Seminar in Neum an der Adria anzubieten, dessen Finanzierung uns die Ökumenische Fraueninitiative Omis, Kroatien, zusagte.

Als ich den Teilnehmerinnen dieses Angebot in Aussicht stellte, war ihre Freude riesig. Und auch ihre jeweiligen Familien reagierten sehr positiv und unterstützend, obwohl der Juni einer der arbeitsreichsten Monate in der Gartenarbeit und der Landwirtschaft ist und die Ehemänner und Kinder all diese Arbeiten übernehmen mussten.

Die Aussicht auf die Reise ans Meer hatte noch einen anderen Effekt: die Wirkung der Trigger und die Intensität der traumatischen Erinnerungen schwächte sich zumindest ab; die Vorfreude und positive Aufregung traten in den Vordergrund.

‚Kraftquellen’
Übung ‚Kraftquellen’

Die Gruppenteilnehmerinnen

Alle acht Frauen sind Überlebende von Vergewaltigungen im Krieg und Lagerhaft, die bei einigen Wochen, bei anderen Monate dauerte. Eine der Frauen wurde sogar eineinhalb Jahre im Lager gefangen gehalten. Neben den Vergewaltigungen erlitten die Frauen andere Arten von Misshandlung, Erniedrigung, Psychoterror, Misshandlung und Ermordung anderer vor ihren Augen; einige der Frauen waren mit ihren kleinen Kindern inhaftiert, was für sie einen ganz besonderen Stress bedeutete.

Heute leben alle Frauen in Gorazde, vor dem Krieg jedoch lebten alle bis auf eine in Dörfern auf dem Gebiet von Visegrad, von Foca oder auch Cajnice - alles Städte, die heute in der Republika Srpska liegen. Keine kann sich vorstellen, in ihr Dorf zurückzukehren, wieder dort zu leben - nach allem, was dort geschehen ist und auch, da viele Täter noch immer auf freiem Fuß sind und sie ihnen dort jederzeit begegnen könnten.

Als sie damals aus dem Lager frei kamen, wurden sie sofort vertrieben bzw. deportiert. Einige von ihnen haben viele Familienmitglieder verloren. Von manchen wurden nie die sterblichen Überreste gefunden.

Die Teilnehmerinnen der Gruppe sind heute zwischen 20 und 60 Jahre alt und alle sehr unterschiedlich, was Bildung, familiären Hintergrund oder ihre Lebenssituation betrifft. Eine von ihnen lebt noch immer (fast 18 Jahre nach Kriegsende) mit ihrer Familie in einer Sammelunterkunft.

Alle Frauen wurden viele Jahre lang mit Psychopharmaka behandelt, doch ihr Zustand verschlechterte sich nur. Die Frauen, die schon früher zur Einzeltherapie ins SEKA-Haus gekommen sind, nehmen inzwischen nur noch selten Tabletten. Die Frauen, die erst seit Januar an der Gruppentherapie teilnehmen, nehmen noch immer regelmäßig starke Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva ein.

„Es ist wie ein Traum ...”

Als die Gruppe am Sonntagmittag, den 09. Juni, bei strahlendem Sonnenschein in Neum ankommt, erwarte ich sie bereits, da ich (gemeinsam mit Koordinatorin Esma D.) die Ausstattung und die Materialien für den Therapieraum, bereits am Vortag nach Neum gebracht und den Therapieraum wie auch das ‚Wohnzimmer’ für die Gruppe vorbereitet habe.

Der freundliche Empfang mit Kaffee und Saft durch die Pensionsinhaber, die wunderschönen Zimmer, der Blick aufs Meer begeistern die Frauen. Eine, die noch nie zuvor am Meer war, meint: „Es ist wie ein Traum, ich kann gar nicht glauben, dass mir so etwas wirklich passiert!”

Nach einem kleinen Imbiss zeige ich den Frauen den Strand; es wird deutlich, dass nur zwei der Frauen schwimmen können, aber mehrere den großen Wunsch haben, dies zu lernen. Wir vereinbaren, dass wir täglich nach der Gruppenarbeit - bei schönem Wetter - „die ‚Schwimmschule’ eröffnen werden”. Es ist für mich sehr berührend, die Freude und die Aufregung der Teilnehmerinnen zu spüren und ihre Bereitschaft, in diesen sechs Tagen jeden Augenblick zu genießen und in sich aufzunehmen. Am Abend machen wir einen ausgedehnten Spaziergang am Meer und schließlich genießen wir auf dem Balkon vor dem Haus, wie die Sonne im Meer versinkt.

Die Struktur der Gruppenarbeit

An den nächsten fünf Tagen arbeiten wir jeweils von morgens 8.00 Uhr bis 13.30 - unterbrochen von einer 30-minütigen Kaffeepause.

Am Morgen beginnen wir stets mit einer Anfangsrunde (‚Blitzlicht’), in der jede sagt, wie sie sich im Augenblick fühlt. Das ‚Blitzlicht’ hilft den Teilnehmerinnen, ihren Körper und ihre Gefühle wahrzunehmen, diese zu formulieren und auch den anderen aufmerksam zuzuhören. Mir als Gruppenleiterin gibt das ‚Blitzlicht’ Orientierung über die Befindlichkeit jeder Teilnehmerin, sowie über die Dynamik in der Gruppe und evtl. aktuelle Themen, Probleme und Bedürfnisse. An das Blitzlicht schließt sich fast immer eine Erwärmungsübung an - entweder eine Bewegungsübung, ein Spiel, Tanzen u.ä. Die Erwärmungsübung - macht die Gruppe wach, hebt das Energieniveau, fördert die Konzentration, schafft eine lockere Atmosphäre und gute Stimmung und bringt die Gruppe in der Regel in Interaktion.

Danach erarbeiten wir mit Hilfe ausgewählter Techniken und Übungen ein Thema, das den Bedürfnissen der Gruppe entspricht, bzw. setzen die Arbeit am Thema des Vortages fort, wenn dieses noch nicht abgeschlossen wurde. Bei schwierigen bzw. belastenden Themen biete ich danach in der Regel eine Übung zur Entlastung, bzw. zum gefahrlosen Ausagieren von Anspannung oder belastenden Emotionen an: unter Einsatz von Körper und Stimme. Die Gruppenarbeit eines jeden Tages schließen wir mit einer Blitzlichtrunde ab.

Einzelarbeit
Einzelarbeit

Die ‚Quellen meiner Kraft’

In der Blitzlichtrunde des ersten Tages zeigt sich, dass, obwohl einige der Frauen nicht schlafen konnten und drei von ihnen gesundheitliche Probleme haben, sich alle gut fühlen und sich auf die Aktivitäten dieses Tages freuen.

Wir beginnen mit der Erwärmungsübung ‚Tanz mit Luftballonen’, die den Teilnehmerinnen großen Spaß macht und die viel Gelächter auslöst.

Dann gehen wir zum Thema ‚Ressourcen’ über, das ich als eines der Hauptthemen für unser Seminar ausgewählt habe. Ich leite die Psychodrama-Übung ‚Meine Kraftquellen’ an. Jede der Frauen versucht, sich ihrer inneren und äußeren Ressourcen bewusst zu werden: „Was hilft mir, schwierige Situationen zu überstehen, Probleme zu lösen, mit Stress umzugehen? Und was hilft mir, möglichst glücklich zu leben?”

Jede Teilnehmerin gestaltet mit Farben und kleinen Symbolen (Muscheln, Steinen, Murmeln etc) auf einem Din-A4-Blatt vor sich ein Bild ihrer ‚Kraftquellen’.

Dann stellen sie ihre kleinen ‚Skulpturen’ verbal vor - und wenn sie dazu bereit sind - können sie diese zusätzlich auf der ‚großen Psychodramabühne’ darstellen, mit meiner Hilfe und der Unterstützung der übrigen Gruppenmitglieder, die die entsprechenden Rollen in der Skulptur verkörpern (als sog. ‚Hilfs-Ichs’). Die Inszenierung auf der großen Bühne ermöglicht tieferes emotionales Erleben, das Bewusstwerden zusätzlicher Aspekte, eine tiefere Entlastung und Stärkung. Diese mögliche psychodramatische ‚Katharsis’ kann jedoch bei traumatisierten Menschen zu einer Destabilisierung oder gar Retraumatisierung führen. Deshalb ist es wichtig, dass die Therapeutin den Prozess sehr achtsam begleitet, dass sie jeder Protagonistin hilft, die dieser entsprechende Methode bzw. Form zu finden und damit die Kontrolle über den eigenen Prozess zu behalten.

Die Macht des Psychodramas ...

Am ersten Tag sind zwei der Teilnehmerinnen für die ‚große Bühne’ bereit. Die psychodramatische Methode zeigt ihre Macht: Beide Protagonistinnen - aber auch alle übrigen Frauen erleben beide Skulpturen als sehr intensiv. Die eigenen positiven Potentiale auf der Bühne zu erleben, mit ihnen in Berührung zu kommen, sie zu spüren, wirkt auf die Protagonistinnen außerordentlich befreiend und stärkend. Auch die übrigen Teilnehmerinnen, die die unterschiedlichen Kraftquellen auf der Bühne darstellen, erleben intensive Emotionen - positive wie auch schmerzhafte; denn wenn wir Emotionen lange Zeit in uns verschlossen (‚eingefroren’) haben, befreit das Erwachen von positiven gleichzeitig auch schmerzliche Emotionen.

Nach jeder Szene haben die übrigen Teilnehmerinnen Gelegenheit zu ‚Rollen-Feedbacks’ und ‚Sharings’ - die sich in dieser Gruppe häufig vermischen, da fast jede sich in den Gefühlen und Erfahrungen der anderen wieder findet.

Ich unterstütze die Frauen darin, ihre Gefühle auszudrücken - in dem Maß, wie sie das können und wollen, und darin, sich wieder zu stabilisieren.

Die beiden Skulpturen auf der großen Bühne bewirken eine große Nähe zwischen den Frauen.

Emotionen dosieren ...

Am Ende der Abschlussrunde des ersten Tages überschwemmen Amira, eine der am schwersten traumatisierten Frauen, starke positive Emotionen, die sie für einen Moment destabilisieren, ihr den Atem nehmen. Ich bitte die anderen, uns alleine zu lassen, und unterstütze Amira durch verschiedene Interventionen, sich wieder im ‚Hier und Jetzt’ zu verankern und sich zu beruhigen. Dann sprechen wir darüber, wie sie möglichst früh wahrnehmen kann, dass eine Situation zu starke Gefühle in ihr auslöst, auf welche Weise sie sich distanzieren und die Emotionen dosieren kann.

Dann schalten wir um auf ein anderes (positiv besetztes, stabilisierendes) Thema, was ihr hilft, sich ganz zu beruhigen. Danach treffen wir uns mit den anderen, die - wie sich zeigt - mit der Situation gut klargekommen sind, da jede diese Zustände auch selbst kennt.

Ein zentraler Aspekt in der Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen ist, sie darin zu unterstützen zu lernen, ihre Emotionen zu dosieren, sie kontrolliert zuzulassen und auszudrücken und sich immer wieder zu stabilisieren.

Am Nachmittag treffen wir uns alle am Strand und - obwohl es bedeckt, kühl und windig ist, trauen sich einige der Teilnehmerinnen mit mir zusammen ins Meer. Die anderen feuern sie an. Die Atmosphäre in der Gruppe ist entspannt, die Frauen scherzen, lachen und genießen jede Minute. Nach dem Abendessen bitten mich zwei Frauen um Einzelgespräche. Die eine hat ein aktuelles Problem mit ihrem Mann. Bei der anderen hat die heutige Gruppenarbeit Erinnerungen geweckt, die sie mit mir teilen möchte, um sie dann wieder ‚wegschließen’ zu können.

Während dessen organisieren die anderen Frauen eine ‚Party’ im improvisierten Wohnzimmer, der wir uns dann anschließen.

Supervisionsseminar
Supervisionsseminar

Lernen, sich zu schützen ...

In der Blitzlichtrunde am Morgen des 2. Tages sagt uns Amira, dass sie in der Nacht große Ängste hatte, ausgelöst durch den wehenden Vorhang an der Balkontür. Sie wollte niemanden wecken und lag die ganze Nacht wach. (Amira erlitt 1 1/2 Jahre Lagerhaft und ist sicher von allen Frauen am schwersten traumatisiert. Dazu kommen noch Gewalterfahrungen in der Kindheit.) Wir vereinbaren, dass sie sich in Zukunft Hilfe holen wird.

Amira äußert den Wunsch, dass wir heute nicht mit der Übung vom Vortag fortfahren. Sie hat Angst, die Darstellungen der anderen könnten sie zu sehr beunruhigen und eine Krise auslösen. Ich bestärke sie, diese ihre Grenzen ernst zu nehmen und greife das Thema für die gesamte Gruppe auf: „Wie kann ich mich selbst schützen, wie kann ich Emotionen dosieren? Wie kann ich mich distanzieren?” Wie merken wir (in der Regel als Körperempfindung) dass uns etwas unangenehm ist, zu viel, beunruhigt oder ängstigt? Was können wir tun?

Dann leite ich die Imaginations-Übung ‚Schutzschild / Schutzmantel’ an. Jede Teilnehmerin stellt sich in ihrer Phantasie ihren ‚Schutzschild oder Schutzmantel’ (oder beides) vor, der ihr helfen kann, sich in unangenehmen Situationen zu schützen. Es zeigt sich, dass drei der Frauen diese Technik unbewusst bereits benutzt haben, um sich vor verletzenden Bemerkungen oder Blicken zu schützen. Wir kommen dadurch zum Thema ‚Unverständnis bzw. Ausgrenzung von Menschen, die anders sind als die Mehrheit’. Die Frauen überlegen gemeinsam, was sich da in der Gesellschaft ändern müsste, aber auch, was wir selbst tun können. Das Gespräch über diese Themen ist für alle interessant und es hilft Amira, dass sie sich stabilisiert.

Nach der Pause setzen wir die Arbeit am Thema ‚Kraftquellen / Ressourcen’ fort. Ich gebe, den Frauen fünf verschiedene Möglichkeiten, ihre Szene vorzustellen:

Durch diese abgestuften Möglichkeiten will ich die Teilnehmerinnen darin unterstützen, sich genau darüber klar zu werden, welche Art der Darstellung es ihnen ermöglicht, ihre momentanen Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen.

Amiras Mut

Zu meiner Überraschung meldet sich sofort Amira und sagt, sie möchte ihre Skulptur jetzt auf der großen Bühne darstellen. Ich frage mehrfach nach, ob das wirklich für sie stimmt, ob sie sich damit nicht übernimmt, ob sie das gut überlegt hat?

Sehr rasch wählt sie die Hilfs-Ichs aus und weist ihnen ihren Platz auf der Bühne zu: ‚Amira, wie sie zu Anfang unserer Gruppenarbeit war (in sich verkrochen, den Kopf tief gesenkt)’; ‚Amiras verstorbener Vater’; ‚Amiras verstorbene Mutter’; ‚Amiras Kinder’; ‚Amiras Glaube’; ‚SEKA’ und ‚Amira, wie sie sich heute fühlt (aufrecht mit erhobenem Kopf’).

Amira dirigiert die ‚Darstellerinnen’ aus der Entfernung. Ich spüre ganz klar, dass sie die Schnelligkeit und diese Distanz benötigt, um die Kontrolle zu behalten. Daher verlangsame ich den Prozess nicht, stelle keine vertiefenden Fragen, und biete Amira auch nicht an, am Ende ihren Platz in der Szene einzunehmen. Ich spüre ganz klar ihr Signal „Lass mich machen!”

Am Ende schaut sie aus der Distanz ihre Skulptur an. Sie ist sehr berührt, aber stabil und - glücklich. Mit einem tiefen Seufzer schaut sie mich an und sagt: „Es ist gut!” Sie löst die Skulptur auf.

Die anschließenden Feedbacks aus den Rollen sind außerordentlich berührend. Jede der Frauen hat eine Rolle bekommen, die eine Bedeutung für ihren eigenen Prozess hat. Und in den Sharings drücken die Teilnehmerinnen ihre Bewunderung für Amiras Kraft und Mut aus.

Amira nimmt alles tief in sich auf. Ihre Augen strahlen.

Zum ‚Umschalten’ und zur Entlastung von den intensiven Emotionen beenden wir diesen Arbeitstag mit dem Spiel ‚Pinguine und Flamingos’, das allen Teilnehmerinnen großen Spaß macht und mit viel Gelächter endet.

In der Abschlussrunde äußern alle Frauen, dass sie sich „sehr gut” oder „wunderbar” fühlen. Die Gruppenarbeit dieses Tages hat die Nähe in der Gruppe noch weiter wachsen lassen.

Das Meer als therapeutisches Medium

Bei wunderschönem warmem Wetter und relativ ruhigem Meer eröffnen wir nachmittags dann unsere ‚Schwimmschule’. Besonders drei der Frauen haben den großen Wunsch, schwimmen zu lernen (als Mädchen durften sie dies nicht, da es in der traditionellen patriarchalen Kultur ihrer Dörfer als ‚Schande’ galt).

Die Überwindung der Angst vor dem Wasser hat für traumatisierte Menschen eine besondere therapeutische Bedeutung. Wenn sie allmählich Vertrauen in mich als Lehrerin, in die eigene Kraft und Fähigkeit, Schwimmen zu lernen, und schließlich ins Wasser selbst, dass es sie trägt, gewinnen, ist das ein Schritt hin zu mehr Vertrauen in andere, in sich selbst und in die Welt; genau dies war durch die traumatische Erfahrung zerstört worden.

Auch in den nächsten Tagen bleibt das Wetter wunderschön. Bereits am dritten Tag lernt Mevlida schwimmen, am vierten auch Behija und Amira. Am vierten Tag traut sich auch Berima zum ersten Mal ins Wasser, die gedacht hat, dass sie nicht einmal einen Badeanzug anziehen könnte.

Gruppenübung ‚Was ich an dir schätze’
Gruppenübung ‚Was ich an dir schätze’

‚Fels, Olivenbaum, Vogel ...’

In der Morgenrunde des dritten Tages teilt uns Amira mit, dass sie wunderbar geschlafen habe „wie ein Baby” und dass sie sich viel entspannter fühlt „als ob ein Felsbrocken von meiner Brust gefallen ist!”

In der Gruppenarbeit des dritten und der ersten Hälfte des vierten Tages setzen wir die Arbeit an der Übung ‚Kraftquellen’ fort. Nun haben die übrigen Frauen Gelegenheit, ihre kleinen Szenen vorzustellen. Sie entscheiden sich für die Beschränkung auf die kleinen Szenen, da sie durch die Mitwirkung an den drei ‚großen Bühnen’ bereits sehr profitiert haben. Eine Teilnehmerin stellt ihre Symbole nur verbal vor, da sie in keinen tieferen Prozess abgleiten möchte. Ich unterstütze die Frauen darin, genau die Form zu wählen, die ihnen entspricht.

Für jede der Frauen hat die Übung zu ihren ‚Kraftquellen’ eine große Bedeutung, da sie noch nie zuvor über diese Frage nachgedacht haben. Die intensive Beschäftigung mit diesem Thema und die Beiträge und Rückmeldungen der anderen Teilnehmerinnen eröffnen ihnen einen ganz neuen und positiveren Blick auf sich selbst.

Außerdem biete ich den Frauen zur Vertiefung des Themas ‚Ressourcen’ eine Imaginationsübung an, in der sie sich nacheinander vorstellen, ein großer Felsen am Meer, ein mächtiger Olivenbaum und schließlich ein Vogel zu sein. Dadurch können sie die Qualitäten ‚Stärke, Festigkeit, Widerständigkeit, Ewigkeit’ (Fels); ‚Stärke, Verwurzelt sein, Genährt werden, Wachstum, Fruchtbarkeit und Geben’ (Olivenbaum); sowie ‚Freiheit, Leichtigkeit, Lebensfreude’ (Vogel) empfinden und in sich verankern. Allen Frauen gelingt diese Übung sehr gut und sie erleben sie als zutiefst positiv, stärkend und befreiend.

Am vierten Tag schließen wir die Übung ‚Kraftquellen’ ab. Jede der Teilnehmerinnen kann ein Symbol aus ihrer Szene - oder aber auch ein anderes Symbol - auswählen und nach Hause mitnehmen, zur Erinnerung und Verstärkung in ihrem Alltag. Dann löst jede ihre kleine Szene endgültig auf.

Sich selbst besser verstehen können ...

Anschließend gebe ich den Teilnehmerinnen eine psycho-edukative Einführung bzgl. ‚Psychologisches Trauma’. Es ist mir wichtig, dieses Thema während unseres Seminars hier mit den Frauen zu erarbeiten (und nicht in Gorazde, wo jede nach der Gruppenstunde wieder in ihren Alltag zurückkehrt). Einerseits helfen diese Informationen traumatisierten Menschen, sich selbst und ihre Reaktionen bzw. Symptome besser zu verstehen und aktiver an ihrer Heilung mitzuarbeiten; andererseits ist dieses Thema für die Betroffenen auch sehr anstrengend und kann Traumasymptome auslösen oder verstärken, da es bei jeder an das eigene Trauma rührt.

Während unseres Seminars in Neum, bin ich für die Frauen jederzeit erreichbar, falls eine oder mehrere von ihnen meine Hilfe benötigen sollte.

Wir sprechen darüber, was ‚Trauma’ eigentlich bedeutet, was ein traumatisches Ereignis ausmacht und was dabei in unserem psycho-physischen System geschieht. Ich erkläre die typischen Trauma-Symptome, die im Grunde eine natürliche Reaktion unserer Psyche sind, mit diesem furchtbaren Ereignis fertig zu werden. Die Frauen beteiligen sich sehr rege mit Fragen und eigenen Erfahrungen.

Dabei vertiefen wir allerdings nicht das Gespräch über eigene traumatische Erlebnisse der Frauen, sondern konzentrieren uns mehr auf das theoretische Verstehen der Zusammenhänge und auf die Trauma-Symptome und andere Traumafolgen. Insgesamt sind den Teilnehmerinnen die Informationen zu diesem Thema sehr wichtig. Am meisten entlastet sie der ‚Sinn’ der Symptome, die sie bisher als Zeichen ihrer ‚Krankheit’ oder nur destruktiv erlebt haben.

Wir beginnen noch mit der Frage: ‚Was ist zum Heilungsprozess notwendig und hilfreich?’ Die Frauen erkennen in vielen Aspekten Themen, Techniken und Übungen unserer bisherigen Gruppenarbeit wieder. Sie verstehen nun noch besser, warum es wichtig war, einen ‚Sicheren Rahmen’ und eine Vertrauensbasis für die Gruppenarbeit zu schaffen; sie verstehen den Sinn der Techniken und Selbsthilfe-Übungen noch besser. Es wird ihnen klar, warum wir bisher an welchen Themen gearbeitet haben.

Diesen Arbeitstag schließen wir mit einer bewegten Imaginations-Übung zur Entlastung (‚Wasserfall’) und dem witzigen Spiel ‚Grimassen’ ab.

Am nächsten (dem 5.) Seminar-Tag fahren wir mit dem Thema ‚Heilungsprozess’ fort. Ich erkläre u.a. die Phasen, in denen dieser Prozess in der Regel verlaufen sollte. Dann konzentrieren wir uns auf das Thema ‚Was hilft mir, um mit Trauma-Symptomen, mit massiven Gefühlen bzw. mit Stress allgemein leichter umgehen zu können?’ Die Frauen beteiligen sich außerordentlich lebhaft an der Diskussion - mit Fragen und eigenen Erfahrungen. Schließlich systematisiere ich die unterschiedlichen Coping-Möglichkeiten in der international verwendeten Tabelle ‚Basic Ph’, die unterschiedliche ‚Coping-Kanäle’, von Menschen zur Bewältigung von stressreichen Situationen aufzeigt.

Wir vereinbaren, in Gorazde am Thema ‚Emotionen’ weiterzuarbeiten, dass die Frauen sehr interessiert.

Abschluss ...

Nach der Pause haben die Frauen Gelegenheit, in einem ‚Brief an mich selbst’ die fünf Tage Gruppenarbeit zu reflektieren und für sich aufzuschreiben, woran sie sich besonders erinnern möchten, was ihnen - in ihrem Alltag in Gorazde - hilfreich sein könnte.

Die letzte Stunde nutzen wir zur gemeinsamen Evaluation. (Auszüge aus den Rückmeldungen der Teilnehmerinnenfinden siehe unten.)

Am letzten Tag veranstalten wir am Strand noch eine ‚Abschlussprüfung’ der ‚Schwimmschule’. Unter viel Gelächter und großem Applaus legen vier der Frauen ihre ‚Schwimmprüfung - in verschiedenen Disziplinen’ ab. Bei der anschließenden Übergabe der ‚Abschlussdiplome’ an alle Teilnehmerinnen - bei jeder Frau wird ihr Anteil an dem gelungenen Seminar hervorgehoben - gibt es wieder viel Gelächter und auch (Freuden-)Tränen.

Erst gegen Abend treten die Frauen die Rückreise nach Gorazde an, um noch jede Sekunde am Meer auszukosten.

Während ich dies schreibe, bin ich in Gedanken wieder mit der Gruppe in Neum. Und ich spüre, wie intensiv und schön auch für mich diese gemeinsame Zeit war. Sehr berührt hat mich das große Vertrauen der Frauen mir gegenüber, ihre Schwesterlichkeit untereinander (jede hat in dieser Gruppe ihren Platz - mit ihren Stärken, Schwächen und Eigenheiten - und die liebevolle Unterstützung der anderen), ihr Mut und ihre große Bereitschaft, sich auf unsere Arbeit einzulassen. Mit besonderer Dankbarkeit erfüllt mich aber, dass ich miterleben konnte, wie ihre Lebensfreude - verschüttet und erstarrt unter Angst, Entsetzen und Schmerz - in diesen Tagen wieder erwachte.

Gabriele Müller

Anmerkungen

  1. Resilienz: Widerstandskraft; Fähigkeit, belastende Ereignisse zu verkraften und an ihnen zu wachsen.
  2. Protagonistin = die Gruppenteilnehmerin, die aktuell an ihrem Thema - insbesondere auf der Bühne - arbeitet.
  3. Rollenfeedback im Psychodrama: die Teilnehmerinnen, die in der Szene der Protagonistin eine Rolle verkörpert haben, teilen der Protagonistin mit, wie sie sich in dieser Rolle gefühlt haben - insbesondere in Bezug auf die Protagonistin, welchen Impuls sie in dieser Rolle hatten u.ä.
  4. Sharing (engl.: Teilen): wenn die Szene der Protagonistin andere Teilnehmerinnen berührt oder an eigene Erfahrungen erinnert hat, haben sie Gelegenheit diese Gefühle oder Erfahrungen mit der Protagonistin (und der Gruppe) zu teilen.
  5. alle Namen geändert
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