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SEKA Journal Nr. 24, Dezember 2013

„... dass ich auch ein wertvoller Mensch bin ...”

Therapeutische Arbeit mit Tochter und Mutter während des Erholungsaufenthalts 2013

Paarübung ‚Ich bin dein Spiegel’
Paarübung ‚Ich bin dein Spiegel’

Auch im Sommer 2013 konnten wir - durch die Förderung der Stiftung Sternstunden des Bayerischen Rundfunks und durch viele Privatspenden noch einmal für eine Gruppe von 20 traumatisierten Frauen und Kindern einen 12-tägigen therapeutischen Erholungsaufenthalt durchführen. Darüber sind wir sehr glücklich! Es war - in den 16 Jahren SEKA-Projektarbeit - die 48. Gruppe, der wir diese psychische und physische Erholung am Meer ermöglichen konnten.

Leider wird es Sternstunden e.V. - nach jahrelanger intensiver Förderung - in Zukunft nicht mehr möglich sein, diese Erholungsaufenthalte finanziell zu unterstützen. Andere Geldgeber haben sich schon früher zurückgezogen und nur mit Privatspenden lässt sich dieses doch sehr teure Programm nicht finanzieren. Daher war dieser 48. Erholungsaufenthalt leider auch unser letzter!

Wir danken allen, die über die Jahre dieses wundervolle Angebot durch Spenden und Zuschüsse möglich machten, sehr, sehr herzlich im Namen der fast tausend Kinder und Mütter, die sich auf diese Weise von schmerzlichen Erfahrungen und aktuellen Problemen entlasten und neue Energie und neuen Lebensmut gewinnen konnten. Ein ganz besonderes Dankeschön geht an die MitarbeiterInnen und Verantwortlichen der Stiftung Sternstunden für ihre großartige langjährige Unterstützung!

Im Folgenden nun beschreibt Kollegin Amina Sarajlic - am Beispiel der Arbeit mit der 12jährigen Elina und deren Mutter Safija, welche Bedeutung die Glückstage für dieses Mädchen und seine Mutter hatten.

Eine Kette von Gewalt und Demütigungen

Elina ist zwölf Jahre alt und lebt in einem abgelegenen Dorf dreizehn Kilometer entfernt von Gorazde. Sie lebt mit ihrer Mutter Safija, dem Stiefvater und drei Stiefbrüdern. Elina und Safija sind Roma, was sie zu Anfang gegenüber der Gruppe zu verbergen versuchten - aus Angst, von den übrigen Frauen und Kindern abgelehnt zu werden. In ihrem Dorf erfahren sie alltäglich Beschimpfungen und Verletzungen; auch in der Schule erlebt Elina Ausgrenzung und Demütigungen.

Das Leben von Safija und Elina besteht aus einer Kette von Gewalterfahrungen: in Safijas Ursprungsfamilie, in der ersten (erzwungenen) Ehe, in der Elina geboren wurde und aus der Safija in die Beziehung zu ihrem zweiten Mann floh. Doch auch hier erleben beide wieder sowohl psychische als auch physische Gewalt. Der Stiefvater ist schwer kriegstraumatisiert, psychisch krank und versucht seinen Problemen mithilfe von Alkoholkonsum zu entfliehen. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen, bei denen zeitweise auch die Polizei interveniert.

Der Stiefvater sieht Elina nicht als Tochter, sondern nur als ‚Anhängsel’ seiner Frau. Elina muss sich ihren Platz in der Familie offensichtlich „durch Arbeit verdienen”. Mit ihren 12 Jahren erledigt sie einen großen Teil der Hausarbeit, betreut die kleineren Brüder und hilft in der Landwirtschaft mit, von der die Familie ein karges Auskommen hat. Zur Schule muss sie vier Kilometer zu Fuß gehen. Für die Hausaufgaben findet sie erst spät am Abend Zeit, wenn sie alle Pflichten erledigt hat und todmüde ist.

Elina wirkt deutlich älter als zwölf Jahre; sie musste viel zu früh erwachsen werden.

Mit ihrer Mutter Safija ist sie eng verbunden, allerdings erfüllt sie für diese eher die Rolle einer Vertrauten und Freundin. Die Probleme der Mutter sind für das zwölfjährige Mädchen eine zusätzliche Belastung und Überforderung. Teilweise erscheint es uns, dass die Mutter-Tochter-Rollen sich zwischen Elina und Safija umgekehrt haben.

Vertrauen gewinnen ...
Vertrauen gewinnen ...

Die Sehnsucht dazuzugehören ...

Für Elina war die Reise nach Neum etwas Unvorstellbares: zum ersten Mal richtige Ferien, zum ersten Mal ans Meer!

Obwohl sie am Anfang sehr schüchtern war, gelang es ihr, bereits während der langen Busreise Kontakt zu den anderen Kindern der Gruppe zu finden, insbesondere zu den beiden gleichaltrigen Mädchen Ema und Zerina. Besonders glücklich war sie, als sie erfuhr, dass Zerina und ihre Mutter das Zimmer mit ihr und ihrer Mutter teilen würden.

Elina genoss ganz offensichtlich jeden Augenblick in Neum. Morgens konnte sie kaum erwarten, dass wir mit der Gruppenarbeit beginnen; jede Übung machte ihr Freude, jedes Thema interessierte sie. Wie ein Schwamm saugte sie alles in sich auf; immer war sie eine der Aktivsten in der Gruppenarbeit. Es war zu spüren, dass sie diese unbeschwerte Zeit zutiefst genoss.

Besonders viel bedeutete ihr, dass wir mit den Kindern gemeinsam die Gruppenregeln erarbeiteten und dass diese dann für alle Kinder gleichermaßen galten: z.B. die Regel, das wir keine hässlichen Worte benutzen würden, niemanden kränken oder verletzen; dass wir niemanden auslachen, niemanden schlagen, schubsen; niemanden provozieren. Dass wir uns gegenseitig zuhören und nicht unterbrechen; das jedes Kind an die Reihe kommt.

Elina hielt sich stets an diese Regeln und erinnerte oft die anderen daran, wenn diese sie übertraten. Es war sehr deutlich zu spüren, wie viel Sicherheit die gemeinsamen Regeln ihr gaben: In dieser Gruppe musste sie keine Angst haben, von den anderen verletzt, gedemütigt und ausgegrenzt zu werden! Wir hatten den Eindruck, dass Elina zu Anfang gar nicht glauben konnte, dass es so einen Ort wirklich gibt, an dem alle gleichberechtigt sind.

„... weil ich selbst schwarz bin!”

Zu Anfang fiel uns auf, dass Elina sich sehr auffallend anzog - nicht wie ein 12-jähriges Mädchen sondern wie ein Teenager - mit sehr kurzen Kleidern oder Röcken, bauchfreien T-Shirts, Schuhen mit hohen Absätzen - und dass sie sich zum Abendessen, oder für abendliche Spaziergänge sehr stark schminkte.

Auf einem Spaziergang fand ich (Amina S.) Gelegenheit, mit Elina alleine zu reden. Ich fragte sie, warum sie sich denn schminke, sie habe doch eine so natürliche Schönheit. Sie schaute mich überrascht an und meinte, dass ihre Mutter ihr das beigebracht habe, dass eine Frau nur etwas erreichen könne, wenn sie schön sei. Ich erklärte ihr, dass viele Mädchen sie um ihre reine und zarte Haut und ihre wunderschönen Augen und Wimpern beneiden würden und dass die Chemikalien in der Schminke ihre schöne Haut, die noch in der Entwicklung ist, angreifen und zerstören können. Elina berührte offensichtlich, was ich sagte. Wir sprachen noch über andere Themen, über Elinas Leben zu Hause; darüber was sie mag und was sie nicht mag. Sie erzählte mir, dass sie zu Hause kaum Zeit für sich habe, weil sie sehr viele Pflichten habe, oft komme sie nicht einmal zu den Schulaufgaben. Deswegen habe sie keine guten Noten in der Schule. Ihr größter Kummer sei, dass sie keine Freundinnen habe. In der Schule lehnten die anderen Kinder sie ab, weil sie anders sei. Eines ihrer wenigen Vergnügen war das Tanzen. Ihre Mutter hatte ihr Bauchtanzen beigebracht. Elina liebte es, manchmal, wenn der Stiefvater nicht da war, sich zu schminken und dann zu tanzen und sich in eine andere Welt zu träumen.

Nach diesem Gespräch fiel mir auf, dass Elina sich dezenter schminkte - nur noch Mascara und ein wenig Lippenstift.

Elina suchte nach diesem Spaziergang häufig das Gespräch mit mir. Einmal sprachen wir über Farben. Elina meinte, die schwarze Farbe bedeute Trauer; und dann betonte sie, dass sie Schwarz liebe: „Ich liebe Schwarz, weil ich selbst schwarz bin”. Ihr Lieblingsstofftier im Gruppenraum war ein schwarzer Panther - für Elina war es „eine schwarze Katze” - und auch hier betonte sie, dass sie diese besonders wegen der schwarzen Farbe liebe.

In solchen Momenten spürte ich bei Elina eine tiefe Traurigkeit. Wie viel Schmerz und Einsamkeit hatte sie mit ihren 12 Jahren schon erfahren?!

Freundinnen ...
Freundinnen ...

Die Sehnsucht, angenommen zu werden

Da die Kinder mehrfach über Gewaltsituationen - in der Schule oder zu Hause gesprochen hatten, entschieden wir uns an einem Tag, in der Gruppe zu diesem Thema zu arbeiten. Nach einer kurzen edukativen Einführung in das Thema, teilten wir die Gruppe in zwei Untergruppen: die älteren Kinder erhielten die Aufgabe, sich drei Beispiele zu den verschiedenen Formen von Gewalt (psychischer und physischer Gewalt, sowie Gewalt mit Hilfe des Mobiltelefons oder des Internets) zu überlegen und diese dann zu inszenieren - als Beispiele für die Gruppe der jüngeren Kinder, die die Szenen als Publikum anschauten. Es gelang den Kindern sehr gut, die drei Formen von Gewalt darzustellen - mit Beispielen aus ihrem Alltag. Anschließend werteten wir jede Szene gemeinsam aus (Wie hat sich jedes Kind in der jeweiligen Rolle gefühlt? Was könnte für das Opfer von Gewalt hilfreich sein? Was könnten BeobachterInnen tun?)

Bei allen drei Inszenierungen fiel uns auf, dass Elina die Rolle des Opfers spielte - eines demütigen und stummen Opfers, das sich nicht wehrte.

Im Anschluss an die Rollenspiele äußerten alle Kinder, dass ihnen diese sehr gefallen hatten und sie viel gelernt hätten zum Thema ‚Gewalt’, vor allem, wie wichtig es sei, als BeobachterIn aktiv zu werden und nicht einfach passiv zuzuschauen. Auch Elina äußerte sich ‚begeistert’, doch ihre Körpersprache sagte etwas anderes.

Wir fragten die Kinder, wie sie denn die Rollen verteilt hätten. Sie meinten, jedes Kind hätte sich die Rolle gewählt, die es spielen wollte. Nur das Opfer wollte niemand spielen, da habe diese Rolle Elina übernommen. So sei das bei jeder Szene gewesen.

Die Kinder sahen nun selbst ein, dass es gerechter gewesen wäre, bei den unangenehmen Rollen abzuwechseln - sie waren aber nicht auf die Idee gekommen, da Elina sich ja bereitwillig gemeldet habe. Elina meinte, sie hätte das schon verkraftet.

Wir beendeten die Gruppenarbeit dieses Tages. Ich bat Elina, noch ein wenig zu bleiben. Dann sagte ich ihr, dass ich den Eindruck hatte, dass es für sie zu viel gewesen war, in allen drei Szenen die Opferrolle zu spielen. Das wäre auch für jedes der anderen Kinder zuviel gewesen - für sie war es aber eine Wiederholung dessen, was sie selbst in der Schule tagtäglich erlitt.

Elina meinte leise, ja, es sei nicht leicht gewesen, in dieser Rolle zu sein, aber sie wollte mit ihrer Bereitschaft, diese Rolle zu übernehmen, die allen unangenehm war, die Anerkennung der anderen Kinder gewinnen. Es sei ihr so wichtig, dass sie in dieser Gruppe von den anderen gemocht werde. „Ich bin so glücklich, dass ich hier dazu gehöre! Ich möchte das nicht verlieren!”

Ich sagte ihr, dass ich das gut verstehen könne, aber dass sie so, wie sie ist, ein wundervolles Mädchen sei und dass alle sich freuen können, sie zur Freundin zu haben. Elina schossen die Tränen in die Augen. Sie umarmte mich und sagte: „Es ist so schön hier, wie noch nirgends zuvor, aber manchmal habe ich Angst, dass es nur ein Traum ist und ich dann erwache und alles wieder ist wie früher!”

Wir sprachen dann darüber, dass hier jedes Kind das Recht hat, seine Meinung zu äußern, seine Bedürfnisse zu vertreten und auch klar zu sagen, was es nicht möchte. Dass sie dabei auch immer auf unsere Unterstützung rechnen könne. Elina lächelte mich an und meinte, dass sie das nächste Mal sagen würde, wenn sie etwas stört.

Das Fenster in eine Welt der Gleichberechtigung und der Freude ...

In weiteren Gesprächen redeten wir über Elinas Stärken, ihre Fähigkeiten und positiven Eigenschaften und auch über Elinas Situation zu Hause und in der Schule. Wir überlegten, ob sie da vielleicht auch die eine oder andere Freundin gewinnen könne, bzw. auf welche Weise sie aus der Opferrolle aussteigen könnte. Wir vereinbarten, dass Elina auch in Gorazde weiter ins SEKA-Haus kommen würde. Ich versprach, mit ihrer Mutter darüber zu reden.

Während der gesamten 12 Tage konnten wir nicht ein einziges Mal bemerken, dass die anderen Kinder negativ auf Elina reagiert hätten, dass sie sich ihr gegenüber verletzend oder ablehnend verhalten hätten. Im Gegenteil, sie waren genau so gerne mit ihr zusammen wie sie mit ihnen. Besonders Ema und Zerina schlossen enge Freundschaft mit ihr. Damit erfüllte sich Elinas sehnlichster Wunsch ...

Elina nutzte jeden Augenblick in Neum maximal: sie liebte die Gruppenstunden, sie genoss das Meer - lernte schließlich sogar Schwimmen; sie sammelte interessante Steine zur Erinnerung an Neum; sie durfte ‚als Kapitänin’ sogar für eine Weile das kleine Ausflugsschiff steuern, auf der Bootsrundfahrt der Gruppe am vorletzten Tag; am meisten aber genoss sie das Zusammensein mit den anderen Kindern - einfach eine von ihnen zu sein.

Natürlich wird Elina noch weiter unsere Unterstützung benötigen, insbesondere was die Stärkung ihres Selbstvertrauens und ihrer Selbstachtung betrifft.

Doch ebenso sicher ist es, dass in dem Moment, als sich die Türen des Reisebusses in Neum öffneten, sich auch für Elina ein Fenster auftat - in eine Welt der Gleichberechtigung und der Freude.

„Das Gefühl, dass mich andere verstehen!”

Wie stets, arbeiteten wir auch in dieser Gruppe parallel mit Müttern und Kindern. Elinas Mutter, Safija, nahm an der Gruppenarbeit der Frauen teil.

Allerdings war sie zu Anfang in der Gruppe sehr verschlossen. Unserer Kollegin Amela D. vertraute sie an, dass sie nicht lesen und schreiben könne, sie wollte aber nicht, dass die anderen Frauen davon erfahren würden. Die Kolleginnen veränderten die Übungen für die Gruppe dahingehend, dass die Frauen sich verbal und durch Zeichnungen oder Symbole ausdrücken konnten.

Wie Elina hatte auch ihre Mutter Angst vor der Ablehnung und Ausgrenzung der anderen. Erst nach mehreren Tagen begann sie sich zu entspannen und allmählich zu öffnen. Sie sprach über die Gewalterfahrungen, die sie fast ihr ganzes Leben lang begleiteten, die Gewalt in der Familie und die Gemeinheiten, die sie im Dorf erlebte. Es war für sie ganz offensichtlich das erste Mal, dass andere ihr aufmerksam und mitfühlend zuhörten. In der Abschlussrunde dieser Gruppensitzung meinte sie, sichtlich bewegt: „Ich fühle mich hier wundervoll. Das habe ich noch nie erlebt, dass mir andere zuhören und mich verstehen!”

Nachdem Safija allmählich Vertrauen gefasst hatte, nutzte sie die Zeit auf Spaziergängen oder am Strand gerne auch zu Einzelgesprächen mit den Kolleginnen Nurka B. oder Amela D. Meist ging es um die Schwierigkeiten in ihrer Ehe, Hilfsmöglichkeiten für sie aber auch für ihren Mann, die Kommunikation innerhalb der Familie, Möglichkeiten, sich und die Kinder zu schützen u.ä. Vor einer Trennung hatte Safija Angst, da sie Analphabetin war und keinen Beruf gelernt hatte.

Ich selbst (Amina S.) sprach auch mehrfach mit Safija, insbesondere über ihre Beziehung zu Elina. Sie erzählte mir, dass sie selbst als Kind ebenfalls die Vertraute ihrer Mutter war, die vom Vater regelmäßig misshandelt wurde. Und sie erkannte, dass das damals für sie selbst auch eine große Überforderung war - genau wie heute für Elina.

Als die Frauen während der letzten Gruppensitzung Gelegenheit hatten, in einer Psychodrama-Übung zu reflektieren, was ihnen die Gruppenarbeit und der Aufenthalt in Neum insgesamt bedeutet haben, wählte Safija drei Symbole aus, über die sie sagte: „Diese Puppe, das bin ich jetzt: ich fühle mich viel leichter, viel stärker und fröhlicher! ... und dieses schöne bunte Tuch, das ist meine Tochter: sie ist so schön, so gutherzig, so voller Lebenslust, aber auch so empfindsam ... hier ist sie aufgeblüht, glücklich ... wenn das nur so bleiben könnte! ... Und das hier ... (sie atmet tief aus) dieser Stift, das ist mein Entschluss, lesen und schreiben zu lernen! ... Ich danke euch für alles ... alles, diese Tage hier waren die schönsten in meinem Leben ... Hier habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gespürt, dass ich auch ein wertvoller Mensch bin - so wie ich bin. Danke!”

Amina Sarajlic

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