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SEKA Journal Nr. 24, Dezember 2013

Den Diamanten in der eigenen Seele entdecken ...

Katarina S. ist Schulpsychologin (Psychologin-Pädagogin) und kam während des Krieges als Flüchtling in die Kleinstadt G. in der heutigen ‚Republika Srpska’. Sie war froh, als sie dort eine Stelle in ihrem Beruf an der Grund- und Hauptschule bekam.

Obwohl G. nicht direkt von Kriegshandlungen betroffen war, hinterließ der Krieg hier deutliche Spuren: Die Mehrheit der bosniakischen Bevölkerung wurde vertrieben, viele serbische Flüchtlinge kamen in die Stadt.

Auch heute - viele Jahre nach Kriegsende - erlebt Katarina S. die Atmosphäre in der Stadt als resigniert und depressiv. Nach dem Krieg hat sich in G. kein einziger Industriebetrieb mehr angesiedelt. Die Arbeitslosenrate ist hoch. Die meisten Menschen leben in schwierigen materiellen Verhältnissen, viele in Armut. Die meisten Familien haben eine kleine Landwirtschaft (eine Kuh, ein Schwein, ein paar Hühner), durch die sie mehr schlecht als recht überleben. Kulturelle Angebote gibt es keine in der Stadt: weder Theater, Kino, Kulturzentrum, noch Restaurants oder ein Einkaufszentrum, nur einige kleine Lebensmittelgeschäfte und Kneipen, in denen sich das ‚gesellschaftliche Leben’ abspielt; eine Mittelschule, eine Grund- und Hauptschule, keine Kindergärten. Einzig das Zentrum für Sozialarbeit kümmert sich um die sozialen Probleme der Bevölkerung. Viele Menschen leiden unter Traumata und unter der Perspektivlosigkeit der Gegenwart. In den von traditionellen patriarchalen Werten geprägten Familien ist häusliche Gewalt ein häufiges Phänomen. Psychiatrische, psychologische oder psychotherapeutische Hilfsangebote gibt es keine. Die einzigen Bildungs- und Sozialinstitutionen in der Stadt sind die Schulen.

DAS hatte ich all die Jahre gesucht!

Humor gehört zum Psychodrama
Humor gehört zum Psychodrama

Katarina schreibt: „Sehr schnell war mir bewusst, dass meine auf der Universität erworbene Ausbildung nicht ausreichend war, um den gravierenden Problemen meiner SchülerInnen und deren Familien zu begegnen. Ich sah - selbst kriegstraumatisiert - wie viele Menschen unter Traumata (ob durch Krieg, Gewalterfahrung in der Familie oder beides) litten. Ich wollte helfen, aber ich fühlte mich völlig hilflos und hatte auch keine Unterstützung von der Schulleitung oder meinen KollegInnen, die eher mit Widerstand auf meine ‚ungewöhnlichen Vorschläge reagierten’. So sehr mich das frustrierte, ließ ich mich dennoch nicht unterkriegen, besuchte Seminare, die von internationalen Organisationen in anderen Städten angeboten wurden, las jedes Fachbuch, das ich bekommen konnte.

Und dann - vor vier Jahren - hörte ich von der Fortbildungsreihe ‚Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’, die die Frauenorganisation SEKA in Gorazde organisierte. Ich meldete mich sofort an - und wurde angenommen! Gleich beim ersten Seminar spürte ich die Macht der Methode Psychodrama und wusste mit einem Mal, dass ich DAS all die Jahre gesucht hatte!

Durch die Selbsterfahrung während der Fortbildung konnte ich mich von einem großen Teil meiner eigenen traumatischen und schmerzlichen Erfahrungen befreien und entlasten - als Voraussetzung für meine pädagogische und psychologische Arbeit mit traumatisierten Kindern und Erwachsenen.”

Katarina beschreibt im theoretischen Teil ihrer Arbeit insbesondere die philosophischen Grundlagen der psychodramatischen Methode, die sie mit ihrem optimistischen Menschenbild sehr angesprochen haben und die für sie inzwischen die Grundlagen ihrer professionellen Arbeit in der Schule bilden. Im praktischen Teil ihrer Arbeit stellt sie ihre therapeutische Arbeit mit der 12-jährigen Schülerin Jelena B. (Name geändert) vor.

Angst und Scham

Die 12-jährige Jelena wird von der Klassenlehrerin zur Schulpsychologin geschickt, da sie schlechte Noten und Probleme mit den MitschülerInnen hat.

Im ersten Gespräch mit dem schüchternen Mädchen erkennt Katarina rasch, dass es sich bei diesen Problemen um Auswirkungen des Grundproblems von Jelena handelt, der jahrelangen massiven Gewalt in Jelenas Familie.

Familie B. kam als Flüchtlingsfamilie während des Krieges nach G. Seit damals leben sie in einer baufälligen feuchten Baracke - ohne WC oder Badezimmer. Der Vater ist demobilisierter Soldat und seitdem arbeitslos. Seit Jahren trinkt er und misshandelt Frau und Kinder fast täglich. Jelena lebt in ständiger furchtbarer Angst vor der Gewalttätigkeit des Vaters. Sie schämt sich für ihre Familie, für die Armut. In der Schule kann sie sich nicht konzentrieren und sie fühlt sich von den MitschülerInnen ausgestoßen.

Katarina vereinbart mit Jelena weitere Termine, allerdings nachmittags - nach den Schulstunden, da das Mädchen Angst hat, dass die anderen sie verspotten, wenn sie sehen, dass sie zur Schulpsychologin geht.

Die ersten Termine sind eher kurz (20 - 30 Minuten) da Jelena zu Beginn sehr zurückhaltend ist und auf Katarinas Fragen nur kurze Antworten gibt. Katarina akzeptiert das. Sie betont auch, dass Jelena nicht zu ihr kommen muss, wenn sie das nicht wolle, erklärt ihr aber auch, was sie in der gemeinsamen Zeit tun könnten, spricht mit ihr über das Potential in jedem Menschen, die Fähigkeiten und die Kraft, die in jedem Menschen wohnt, sich und sein Leben zu verändern. Jelena hört gerne zu und versichert, dass sie gerne zur Psychologin kommt.

Allmählich fasst Jelena Vertrauen, sie spricht über das was sie bedrückt: die Angst vor dem Vater; dass sie nachts nicht schlafen kann, weil sie wartet, wann er nach Hause kommt - und vor allem in welchem Zustand. So oft hat er in der Nacht begonnen, zuerst die Mutter, dann auch die Kinder zu schlagen, sie in den Nachthemden und barfuss aus dem Haus getrieben, auch im Winter. Inzwischen schläft sie angezogen. Jelena liebt ihre Mutter, aber sie weiß, dass diese sie nicht schützen kann. Oft kam die Polizei und nahm den Vater mit, aber er kam schon bald wieder zurück und dann war es noch schlimmer.

Jelena schämt sich für all das, was bei ihr zu Hause geschieht. Sie schämt sich für die blauen Flecken an ihrem Körper, die die Mitschülerinnen beim Sportunterricht sehen. Sie weicht daher den anderen aus, denkt, die können sie nicht leiden und verachten sie. In der Schule kann sie sich nicht konzentrieren, sie hat schlechte Noten, auch weil sie zu Hause nirgends in Ruhe Hausaufgaben machen kann.

Katarina hört Jelena aufmerksam zu, sagt ihr, dass sie deren Gefühle versteht, aber dass Jelena keinerlei Schuld hat und keinen Grund, sich zu schämen. Sie betont, dass immer der Misshandler die Verantwortung hat. Sie fragt, ob es Jelena recht ist, wenn sie die Mutter kontaktiert. Das Mädchen stimmt dem gerne zu.

Nach Gesprächen mit der Mutter und der Einschaltung des Zentrums für Sozialarbeit wird erreicht, dass der Vater zum Entzug ins Krankenhaus geht. Nach seiner Rückkehr fängt er jedoch sehr bald wieder an zu trinken und die Familie weiter zu misshandeln.

In der Zwischenzeit unterstützt Katarina Jelena dabei, ihre Schulnoten zu verbessern. Oft nutzen sie auch einen Teil des Termins dazu, dass Katarina Jelena Schulstoff erklärt und sie bei der Erledigung der Hausaufgaben bzw. beim Lernen unterstützt.

Jelena macht sichtliche Fortschritte. Dies bedeutet für sie eine wichtige Ermutigung („Ich kann in meinem Leben doch etwas verändern!”) und motiviert sie noch stärker für die Arbeit mit der Psychologin.

„Mein sicherer Ort ist hier!”

Arbeit auf der ‚kleine Bühne’ zum Thema ‚Burn out’
Arbeit auf der ‚kleine Bühne’
zum Thema ‚Burn out’

Katarina ist nun schon im zweiten Jahr ihrer Fortbildung.

Allmählich fühlt sie sich bereit, die Methode in ihrer Arbeit anzuwenden. Besonders geeignet erscheint ihr dafür die Arbeit mit Jelena, zu der sie inzwischen eine vertrauensvolle und tragfähige Beziehung hat.

Sie erzählt dem Mädchen von der Fortbildung, spricht mit ihr über die Psychodramas-Philosophie und über die Methoden und fragt Jelena schließlich, ob sie bereit wäre, das mal auszuprobieren. Jelena stimmt zu.

Katarina schreibt: „Ich habe Jelena erklärt, dass die Gegenwart das Wichtigste ist, denn ‚Hier und Jetzt’ leben wir; die Vergangenheit können wir nicht verändern, aber heute können wir etwas tun! Natürlich geht das nicht auf ‚Knopfdruck’! Es ist wichtig, dass wir uns selbst kennen lernen, unsere Stärken und Fähigkeiten und unsere ‚Kraftquellen’, denn wenn wir uns derer bewusst sind, können wir sie nutzen, um unser Leben zu verändern!”

Katarina erarbeitet mit Jelena deren ‚Kraftquellen’ - sie lässt Jelena auf einem Blatt Papier mit unterschiedlichen Symbolen (Steinen, Muscheln und Murmeln) darstellen, was sie als unterstützend in ihrem Leben erlebt. Jelena wählt Symbole für ihre Mutter, ihre ältere Schwester und ihre beiden kleinen Brüder aus. Im Gespräch über die Beziehung zu ihnen, wird Jelena bewusst, wie wichtig ihr Mutter und Geschwister sind und wie viel Unterstützung sie trotz allem immer von ihnen bekommen hat. Jelena wird auch bewusst, dass sie sich Freundinnen wünscht. Jelena mag besonders ein Mädchen in ihrer Klasse, aber bisher hatte sie nicht den Mut, auf sie zuzugehen - aus Angst zurückgewiesen zu werden. Sie sprechen darüber, wie Jelena ausprobieren könnte, ob das andere Mädchen sie auch mag.

Ebenfalls zur Stabilisierung und Stärkung von Jelenas Ressourcen bietet Katarina ihr die Imaginationsübung ‚Mein innerer sicherer Ort’ an. Als sie in der Anleitung der Übung vorschlägt, Jelena solle sich einen Ort ausdenken, wo sie sich sicher und frei fühlen könnte, meint Jelena sofort: „Mein sicherer Ort ist hier, in Ihrem Zimmer! Denn hier empfangen Sie mich immer mit einem Lächeln; sie hören mir zu und ich kann über alles mit Ihnen sprechen! Hier fühle ich mich wunderschön und sicher!” Sie sprechen nun darüber, wie Jelena dieses Gefühl von Sicherheit, Freiheit und Frieden in ihrem Körper empfand, und dass sie ihre Phantasie nutzen konnte, um die Vorstellung des ‚Sicheren Orts’ überall nutzen zu können, um sich selbst zu beruhigen und gut zu fühlen.

Schließlich bietet sie dem Mädchen noch an, ein Symbol für diesen ‚Sicheren Ort’ auszuwählen. Mit einem Lächeln und ohne nur eine Sekunde zu überlegen, wählt Jelena einen der Steine aus.

An einem der folgenden Termine arbeiten sie mit den Techniken ‚Tresor’ und ‚Album der hilfreichen Bilder’, da Jelena erzählt, dass sie sehr häufig von ‚schlimmen Bildern oder Gedanken’ überflutet wird. Katarina erklärt ihr, dass die Technik ‚Tresor’ helfen kann, etwas Belastendes, das sie im Moment nicht verändern kann, oder schlimme Erinnerungen, für einige Zeit ‚wegzuschließen’ und wie sie dann ihr ‚Album der hilfreichen Bilder’ nutzen kann, um darauf ‚umzuschalten’ und sich zu stabilisieren.

Jelena erarbeitet sowohl ‚ihren Tresor’ als auch ‚ihr Album’. Das ‚Album’ gefällt ihr besonders gut und sie erinnert sich an schöne und vor allem witzige Begebenheiten. In ihren ‚Tresor’ verschließt sie ihre Angst.

Veränderungen

Mehrere Termine verwenden sie auf die Arbeit zum Thema ‚Emotionen’. Durch die Übung ‚Landkarte meiner Emotionen’ lernt Jelena, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu definieren und zu kontrollieren. Sie lernt, besser mit ihrer Angst umzugehen und ihre Wut, die mehr und mehr zum Vorschein kommt, kontrolliert und konstruktiv abzureagieren. Jelena stabilisiert sich zusehends. Und sie verändert ihre Beziehung zu ihren MitschülerInnen. Sie gewinnt Freundinnen, die für sie zu einer weiteren starken Ressource werden.

Schließlich gelingt es Jelenas Mutter mit der Hilfe von Katarina und einer Sozialarbeiterin des Zentrums, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu trennen. Jelenas ältere Schwester findet eine Arbeit, wodurch es der Familie materiell besser geht. Durch die Bemühungen von Katarina und der Sozialarbeiterin erhält die Familie eine menschenwürdige Wohnung, wo sie auch vor den Nachstellungen des gewalttätigen Vaters sicher sind.

Inzwischen hat Jelena die Schule mit guten Noten abgeschlossen und eine Stelle als Auszubildende gefunden. Die therapeutische Arbeit ist beendet, aber noch immer kommt Jelena gerne ‚auf Besuch’ zu Katarina.

Katarina schreibt: „Es ist einfach wunderschön, wenn ich heute erlebe, dass Jelena zur Tür hereinkommt, voller Freude, mit strahlendem Lächeln - eine schöne, selbstbewusste, kluge junge Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und der es gelungen ist, den Schmerz und die Angst ihrer Kindheit zu überwinden und den Diamanten in ihrer Seele zu entdecken!”

Katarina S., Gabriele Müller

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