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SEKA Journal Nr. 24, Dezember 2013

„Wir haben Grund zu leben und das Leben zu genießen!”

Gespräch mit Nafija S.*

Das Meer genießen - mal alles loslassen ...
Das Meer genießen - mal alles loslassen ...

Nafija S. ist Vorsitzende des Frauenvereins ‚Frauen der Drina’, der sich im letzten Jahr in Gorazde gegründet hat. Alle Vereinsfrauen haben während des Krieges Vergewaltigungen und Lagerhaft erlitten und sind schwer traumatisiert. Der Verein bietet den Frauen, die Möglichkeit, sich mehrmals wöchentlich in einem eigenen Raum zu treffen, dort Handarbeiten herzustellen (im Sinne von Beschäftigungstherapie), zu klönen, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen (im Sinne von Selbsthilfe). Nafija selbst ist etwa vor zwei Jahren zum ersten Mal ins SEKA-Haus gekommen; zuerst zu offenen Treffen, später auch zu Einzel- und Gruppenterminen. Sie motiviert die Frauen ihres Vereins, dass diese die therapeutischen Angebote im SEKA-Haus nutzen. Nafija S. ist auch selbst Teilnehmerin der Therapiegruppe, die Gabriele Müller seit Februar 2013 für die Vereinsfrauen von ‚Frauen der Drina’ anbietet (s. Artikel ‚Zurück ins Leben ...’). Das Gespräch führte Esma Drkenda.

Esma Drkenda: Du bist Vorsitzende des Vereins ‚Frauen der Drina’ in Gorazde?

Nafija S.: Ja, ich bin Vorsitzende aber auch eine der Vereinsfrauen; denn in unserem Verein sind wir alle gleichberechtigt. Der einzige Unterschied ist, dass meine Pflichten und meine Verantwortung größer sind als die der anderen Vereinsfrauen.

E.D.: Was war eure Motivation, dass ihr diesen Verein gründet?

N. S.: Was uns verbindet, ist unser Schicksal, aber wir hatten früher keine Möglichkeit uns zu treffen, jede war isoliert. Unser größtes Motiv war, aus dieser Isolation auszubrechen und einen Ort zu haben, wo wir reden können - über die Themen, die uns wichtig sind. Das war der erste Schritt.

E.D.: Welches sind eure Ziele und eure Vereinsaufgaben? Was möchtet ihr verändern oder erreichen?

N.S.: Unser wichtigstes Ziel ist es, die Frauen, die Vergewaltigungen im Krieg erlitten haben, zu stärken, ihnen zu helfen, dass sie aus der Dunkelheit heraus den Weg in die Welt und in ein normales Leben finden; dass sie am Leben der Gesellschaft teilnehmen können, wie jedes andere Mitglied der Gesellschaft auch. Und dass sie ihre Rechte (als Kriegsopfer, E.D.) bei den entsprechenden Institutionen einfordern und realisieren können. Dass wir durch die Stärkung unseres Selbstbewusstseins und unserer Selbstachtung und durch gegenseitige Unterstützung lernen, besser mit den Folgen dessen fertig zu werden, was wir erlitten und überlebt haben. Dass wir nicht mehr allein sind und das Gefühl haben, dass wir nirgends und zu niemandem gehören, sondern dass wir einen Ort haben, an dem wir uns treffen können und uns gegenseitig verstehen und unterstützen.

Ein Satz, den ich mal gehört habe, drückt für mich genau aus, was Leben mit einem Trauma heißt:„ Trauma bedeutet - versteckt vor der Welt - am Rande eines Abgrunds zu gehen in ständiger Angst davor, wo der nächste Schritt hinführt.”

E.D.: Schon seit einiger Zeit kommen eure Vereinsfrauen auch ins SEKA-Haus zu verschiedenen Aktivitäten - offene Termine, Gruppentherapie und Einzeltherapie. Wie hast du persönlich von SEKA und seinen Angeboten erfahren? Und was hat dich motiviert, ins SEKA-Haus zu kommen?

N.S.: Ich hab über die Medien von Kuca SEKA gehört, was da gesagt wurde, hat meine Aufmerksamkeit geweckt - ich habe so intensiv zugehört, als ob ich mich in ‚mein Ohr’ verwandelt hätte - es war als ob sich ein Licht entzündet. Danach habe ich oft darüber nachgedacht, ein Teil von mir hat mich dorthin gezogen, aber ein anderer Teil hat mir nicht erlaubt, dass ich zu SEKA gehe. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich den Mut gefasst habe und an die Tür von Kuca SEKA geklopft habe.

Nachdem ich dann das Team und besonders Gabriele kennengelernt habe, habe ich gespürt, dass ich bereit für einen weiteren Schritt bin, und habe um Therapietermine gebeten.

Meine Hoffnungen haben sich erfüllt: ich habe einen Ort gefunden, wo mir jemand ohne Vorurteile und mit Anteilnahme zuhört; behutsam begleitet - habe ich mehr und mehr mich selbst verstanden, all das, was ich überlebt habe, und all die Folgen dieser schrecklichen Erfahrungen, mit denen ich noch heute kämpfe.

Neben dem Verständnis für mich selbst habe ich auch gelernt, wie ich mit dieser LAST meiner Vergangenheit umgehen kann, mit den Gefühlen der Verlorenheit, Hilflosigkeit und Wertlosigkeit, die mich früher ständig beherrscht haben. Ich lebe leichter - sowohl mit meiner Familie als auch mit meinem gesamten Umfeld.

Der Schritt, mir bei SEKA Hilfe zu holen, war kein bisschen einfach und auch der Weg der Heilung ist nicht leicht - zusätzlich belastet von den alltäglichen Sorgen um das materielle Überleben meiner Familie; aber seit ich ins SEKA-Haus komme, ist nichts mehr so schwer wie früher! Mit Gabrieles Unterstützung und selbstloser fachlicher Hilfe aber auch durch die Unterstützung des SEKA-Teams, ist das Gefühl in mir gewachsen, dass ich wieder leben kann, dass das Leben wieder eine Qualität haben kann - anders zwar als vor dem Krieg, aber doch; und dass ich mit meiner Erfahrung ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft sein kann. Ich kann heute einen wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten und mich damit wichtig und sicher in mir selbst fühlen .... Das heißt, in allen Poren meines Selbst habe ich Veränderungen gespürt; ich fühlte mich wieder als Mutter, Ehefrau und Tochter - und ich begann anders, liebevoller mit mir selbst umzugehen. Ich sehe mich selbst mit anderen Augen und die meisten Dinge in meinem Inneren habe ich ‚aufgeräumt’ - sie sind jetzt ‚am richtigen Platz’.

Psychodrama-Skulptur
Psychodrama-Skulptur

E.D.: Du nimmst auch an der Therapiegruppe teil; wann habt ihr mit dieser Gruppe begonnen? Wie arbeitet ihr da? Über welche Themen sprecht ihr?

N.S.: Vor neun Monaten haben wir mit der Gruppe begonnen, hauptsächlich reden wir über aktuelle Themen oder Probleme, aber oft berühren die unsere traumatischen Erfahrungen und dann sprechen wir auch darüber - bis zu einem gewissen Grad. Die Erfahrungen und die Geschichten der Frauen unserer Gruppe sind sehr schwer. Gemeinsam geben wir einander Unterstützung und Gabriele hilft uns dabei, dass wir auf uns selbst in diesen Erfahrungen mit Achtung und Wertschätzung schauen; dadurch verlieren der Schmerz und das Entsetzen an Intensität.

Manchmal tanzen wir auch, machen Übungen und Spiele, die uns entlasten und entspannen; wir lachen zusammen und weinen zusammen; manchmal lachen wir auch, bis uns die Tränen kommen ... In manchen Übungen verwenden wir Symbole, um uns über Dinge anders bewusst zu werden; dadurch lernen wir uns selbst aber auch die anderen auf eine neue und völlig andere Weise kennen.

E.D.: Was bedeutet dir die Gruppenarbeit? Weißt du auch von den anderen Frauen eures Vereins, wie sie die Gruppen- oder Einzeltherapie erleben?

N.S.: Mir ist die Gruppenarbeit sehr wichtig; dadurch habe ich die anderen Frauen und sie mich viel besser kennen gelernt. Hier fühle ich mich sicher, die Vertraulichkeit, die in unserer Gruppe aber auch in SEKA insgesamt garantiert ist, gibt mir die Freiheit, über das zu reden, worüber ich nirgends sprechen konnte. Das ist für mich unglaublich wichtig - und auch das Gefühl: „Hier in diese Gruppe gehöre ich”. Die Gruppe ist auch sehr verbunden mit unserer Therapeutin. Wir haben zu ihr großes Vertrauen!

Seit ich an der Gruppe teilnehme, haben sich die Beziehungen in meiner Familie sehr verbessert, aber auch meine Beziehungen zu meinem Umfeld; ich fühle mich überall viel stärker. Ich kann mich selbst vertreten und auch unseren Verein. Ich komme besser mit den Problemen des alltäglichen Lebens zurecht, das kein bisschen einfach ist!

Und ich erlebe auch, dass die Frauen unseres Vereins, die an der Gruppe teilnehmen oder zur Einzeltherapie kommen, sich immer mehr aus der ‚Klaue’ ihres Traumas lösen. Wir haben nun mehr Vertrauen zueinander; unsere Kreativität und unsere Lebensfreude erwachen wieder; wir sind ausgeglichener und kommunizieren mehr und besser; und wir scherzen und lachen viel mehr! Natürlich gibt es bei jeder auch noch Krisen, aber jetzt sprechen wir mehr darüber, weinen gemeinsam und am Ende können wir wieder lachen und scherzen. Sicher empfinden unsere Familien am allermeisten die Veränderungen bei jeder von uns!

E.D.: Im Juni ist eure Gruppe zusammen für 6 Tage nach Neum ans Meer gefahren?

N.S.: (lacht) Wir sind noch immer in Neum und unter dem Eindruck dessen, was wir dort erlebt haben. Das Seminar in Neum hat uns ganz neue Horizonte eröffnet: Das Leben ist kein schwarzes Loch, aus dem es unmöglich ist zu entfliehen! In Neum ist allmählich unser Glauben zurückgekehrt, dass wir einen Grund haben zu leben und das Leben und die Freuden im Leben zu genießen! Aus Neum ist jede von uns gesünder, stärker und freier zurückgekehrt. Wir können uns jetzt freuen! Vielleicht erscheint es unmöglich, aber in dieser einen Woche hat sich bei jeder von uns so vieles verändert, wir haben so viel positive Energie mitgebracht!

Heute, wenn wir uns im kleinen Raum unseres Vereins treffen, erinnern wir uns so oft an irgendwelche Begebenheiten in Neum, wir reden darüber, lachen, wir schauen die Fotos an und es ist, als wären wir wieder dort. Die Tage in Neum mit Gabriele - das war nicht nur ein Seminar, sondern auch ein wunderschöner Urlaub, voller wunderschöner Ereignisse ... Für die meisten Frauen war dies der erste Urlaub seit dem Krieg, für manche war es der erste Urlaub im Leben! Ich finde die Worte nicht, um die Dankbarkeit der ganzen Gruppe auszudrücken - gegenüber Gabriele und all denen, die es möglich gemacht haben, dass wir so etwas erleben können!

E.D.: Welche Wünsche oder Bedürfnisse habt ihr bzgl. der zukünftigen SEKA-Arbeit?

N.S.: Wir wünschen uns, dass es SEKA noch lange in Gorazde gibt, das ist hier so sehr notwendig! Wir wünschen dem Team weiter so viel Erfolg in seiner Arbeit wie bisher! Kuca SEKA ist unser SICHERER ORT, wir brauchen weiter SEKAs Hilfe! WIR LIEBEN KUCA SEKA!

E.D.: Gibt es noch etwas, was Du sagen willst?

N.S.: Ich möchte allen danken, die SEKA unterstützen. Unterstützung für SEKA bedeutet auch direkte Unterstützung für uns alle, die wir einen Weg aus der Dunkelheit des Traumas suchen. Von Herzen: Danke!

Anmerkung: Namen geändert

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