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SEKA Journal Nr. 23, Dezember 2012

„Wir haben gelernt, mit dem Trauma in uns zu leben”

Die Bedeutung von SEKA für das Gorazder Veteranenprojekt

Rizo Dacic
Rizo Dacic

Rizo Dacic, vor dem Krieg Ingenieur und Lehrer, während des Krieges in der Verteidigung der belagerten Enklave Gorazde aktiv und für besondere Tapferkeit ausgezeichnet, war Koordinator und - neben Esma Drkenda - der maßgebliche ‚Motor’ des Pilotprojekts, das SEKA in Zusammenarbeit mit den Gorazder Veteranenverbänden 2005 initiierte und 2006 - 2007 durchführte. Das Projekt beinhaltete insgesamt 14 parallele und teilweise auch gemeinsame Selbsterfahrungs- und Fortbildungs-Seminare einer Veteranengruppe sowie einer kleinen Gruppe von Fach-KollegInnen. Die Seminarreihen ermöglichten den TeilnehmerInnen einerseits, sich Selbsthilfe-Techniken im Umgang mit eigenen Traumasymptomen anzueignen, und andererseits bildeten sie die Grundlage für die Arbeit als ehrenamtliche bzw. professionelle HelferInnen in der psychosozialen Arbeit mit kriegstraumatisierten Veteranen im Kanton Gorazde. Als Ergebnis der ersten drei Seminare wurde im November 2006 der Verein ‚Svjetlost Drine’ (‚Licht der Drina’) gegründet und im Februar der Veteranenklub eröffnet, der seitdem kriegstraumatisierten Veteranen psychologische und psychosoziale Hilfen anbietet. Gabriele Müller unterstützt das Projekt ‚Svjetlost Drine’ seit Beginn als Therapeutin, Supervisorin und durch Fortbildungen.

Der Krieg geht in der Seele weiter ...

Wir alle, die wir in diesem Krieg plötzlich zu Soldaten wurden und kämpfen mussten, waren glücklich, als er endlich zu Ende war und das massenhafte Sterben, das Leiden und der Hunger aufhörten und all das, was Krieg mit sich bringt.

Die meisten von uns hatten den Verlust geliebter oder zumindest nahe stehender Menschen erlebt, was in uns allen tiefe Spuren hinterließ. Viele von uns Kämpfern waren verwundet oder gar zu Invaliden geworden, was gleichzeitig auch ein psychisches Trauma bewirkt.

Wir waren uns bewusst, dass es nicht leicht sein würde die Zerstörungen des Krieges zu überwinden, aber wir hatten überhaupt keine Ahnung, dass für viele von uns die Situation nach dem Krieg noch schlimmer und schwerer werden würde als der Krieg selbst.

Wir wussten nicht, dass sich viele der traumatischen Ereignisse des Krieges tief in unsere Seelen und in unsere Gedanken eingeschnitten hatten und unser Leben weiter beherrschten.

Zusätzlich stürzt die fortdauernde schwierige ökonomische und soziale Situation im Nachkriegsbosnien viele von uns in eine so schlimme psychische Verfassung, dass ihre nächsten Angehörigen und sogar sie sich selbst nicht mehr wieder erkennen können.

Die Mehrzahl von uns hat früher vom sogenannten ‚Vietnam-Syndrom’ gehört, unter dem die amerikanischen Soldaten, die Veteranen, die den Vietnamkrieg überlebt hatten, litten. - Aber das war ‚dort irgendwo’ und weit entfernt von uns.

Doch bereits kurz nach dem Krieg begannen auch wir an einer Krankheit zu erkranken, die die meisten von uns auf ähnliche Weise und durch verschiedene Symptome in einen Zustand von Unruhe und tiefer Verunsicherung zurückversetzte. Wir verloren den Glauben an uns, wir hatten kein Selbstbewusstsein mehr und fühlten uns unfähig, daran irgendetwas zu verändern. Wir vernachlässigten unsere Familien, oder begannen sogar, sie als ‚feindlich’ und ‚schuld’ an unserem Zustand zu sehen. Viele können aus dieser Situation keinen Ausweg finden; einige ergeben sich dem Alkohol - um wenigstens für eine Zeit die Gedanken und Bilder zu vertreiben, die sie okkupieren. Nicht wenige haben jegliche Kraft verloren, um überhaupt nur irgendetwas in ihrem Leben zu beginnen, sie verzweifeln und sehen ihre Situation als ausweglos. Sie ziehen sich mehr und mehr zurück und diese Isolation verschlimmert noch ihren Zustand. Oft erscheint ihnen dann der Suizid als einzige Lösung.

Obwohl wir keine genauen Zahlen haben, wird geschätzt, dass es in Bosnien-Herzegowina nach dem Krieg mehr als 3.000 Selbstmorde von Veteranen gab.

Gemeinsames Seminar von Ehrenamtlichen und Professionellen im Rahmen des Pilotprojekts September 2006 in Neum
Gemeinsames Seminar von Ehrenamtlichen und Professionellen
im Rahmen des Pilotprojekts September 2006 in Neum

Die Situation im Kanton Gorazde

Unsere Situation in Gorazde war in jeder Hinsicht sowohl während als auch nach dem Krieg eine der schlimmsten und schwierigsten in ganz Bosnien-Herzegowina. Den Krieg haben wir in der totalen Blockade überlebt - unter ständigem Beschuss, ohne Lebensmittel, Elektrizität, Wasser, von jeder Kommunikation und Information abgeschnitten - kurz: ohne Hoffnung. All dies hat tiefe Spuren in uns Veteranen und der ganzen Bevölkerung hinterlassen. Aus heutiger Sicht und heutiger Distanz gesehen müssten wir nach allen Kriterien der Traumaforschung am schwersten unter psychischen Traumata leiden, da wir 3 ½ Jahre lang ununterbrochen schweren traumatischen Ereignissen ausgesetzt waren.

Dennoch scheint es, dass wir mit den Traumafolgen bedeutend besser zurechtkommen, als zu erwarten wäre. Viele fragen sich warum?

Ein Pilotprojekt - auch für Männer

Ein wesentlicher und zumindest für die Situation von uns Veteranen entscheidender Grund ist für mich, der als ehemaliger Verteidiger Gorazdes die ganze Hölle dieses Kriegs erlebt hat, das Erscheinen des Projekts SEKA und Gabriele Müllers hier in dieser Region - früher in Kroatien, auf Brac, und ab 2005 hier in Gorazde, wo sie das Pilotprojekt ‚Psychologische und psychosoziale Hilfe für kriegstraumatisierte Veteranen des Kantons Gorazde’ angestoßen hat.

Direkt nach dem Krieg haben viele Nichtregierungsorganisationen hier Projekte durchgeführt, die sich unterschiedlichen sozialen Problemen widmeten, u.a. der Hilfe für Flüchtlinge und Vertrieben, für Opfer von (familiärer) Gewalt und ähnliche. Allerdings hat sich nicht eines dieser Projekte auf uns Veteranen bezogen, sondern ausschließlich auf Frauen, Kinder, alte und hilflose Menschen. Das Pilotprojekt von Kuca SEKA war das erste Projekt, das sich neben Frauen und Kindern auch an die Veteranenverbände richtete und ihnen Unterstützung bei der Entwicklung von Hilfsangeboten für kriegstraumatisierte Männer anbot.

Mit Unterstützung von Gabriele Müller haben wir im Herbst des Jahres 2006 die Organisation ‚Svjetlost Drine’ gegründet und im Februar 2007 den Klub für kriegstraumatisierte Veteranen eröffnet, mit dem Ziel kriegstraumatisierten Veteranen und ihren Familien psychologische und psycho-soziale Hilfe anzubieten.

Auf einem Ausflug des Veteranenprojekts im Herbst 2012
Auf einem Ausflug des Veteranenprojekts im Herbst 2012

Resultate der gemeinsamen Arbeit
- individuell und gesellschaftlich

Ich persönlich denke, dass die gemeinsame Arbeit der letzten Jahre von Kuca SEKA und ‚Svjetlost Drine’ in unserem Gebiet entscheidend zur Bewusstseinsbildung der Menschen über psychische Traumata beigetragen hat - insbesondere bei den Veteranen, die das Projekt vorbehaltlos begrüßt und angenommen haben.

Als Resultat dessen haben allmählich auch die lokalen staatlichen Stellen das Problem der Kriegstraumatisierung erkannt und begonnen, unsere Projekte - im Rahmen ihres schmalen Budgets - zu unterstützen; denn sie haben realisiert, dass die staatlichen Institutionen hier im Kanton weder genügend Ressourcen noch Kapazität haben, um sich systematisch diesem großen Problem zu widmen.

All dies trug dazu bei, dass die Auswirkungen der schweren Kriegstraumatisierung der Gorazder Veteranen und der übrigen Bevölkerung nicht ein solches Ausmaß erreicht haben wie in anderen Gegenden unseres Landes und unserer Region.

Der Baum trägt Früchte ...

Doch zu Anfang waren wir Veteranen uns nicht bewusst, welch großen Einfluss dieses Projekt auf uns alle haben würde und wie sehr es uns helfen würde, das zu überwinden, was man Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennt.

Als wir das erste psycho-edukative Seminar für die zukünftigen ehrenamtlichen Helfer begannen, hab ich den Teilnehmern damals (als Projektkoordinator) gesagt, dass wir mit diesem Projekt einen wundersamen Baum säen würden, dass wir ihn hegen und behutsam pflegen sollten, dass wir dann wahrscheinlich erleben könnten, dass wir seine Früchte ernten. Jetzt sehe ich, dass der Baum herangewachsen ist und Früchte trägt und dass viele Menschen unserer Stadt und darüber hinaus, davon schon persönlich profitiert haben.

Wir Veteranen haben begriffen, dass die Symptome, unter denen wir leiden, nichts anderes sind als die Folgen dessen, was wir erlebt und überlebt haben, und dass sich dieser Zustand mit der richtigen und angemessenen Behandlung schrittweise überwinden - oder zumindest auf ein Maß reduzieren lässt, das für uns selbst und unsere Umgebung erträglich ist.

Einfach ausgedrückt: durch die Hilfe von Gabriele Müller, unserer Gabi, haben wir gelernt, mit dem Trauma in uns zu leben.

Ich selbst kann inzwischen praktisch immer spüren, wenn mich ein solcher Zustand ‚überschwemmen’ will, und ich kenne jetzt mehrere Möglichkeiten, wie ich damit fertig werde und das überwinde. Meine eigenen Erfahrungen teile ich regelmäßig mit anderen, um diese zu ermutigen.

Durch das Projekt haben wir auch Veteranen aus anderen Orten und Gegenden Bosnien-Herzegowinas kennen gelernt und unsere Erfahrungen ausgetauscht. Auch das hat uns zusätzlich gestärkt - sodass wir nun durch unsere ehrenamtliche Arbeit anderen Betroffenen helfen können.

Für all das, was wir seit der Vereinsgründung 2006 erreicht haben, sind wir unermesslich dankbar - ‚Kuca SEKA’ und natürlich „unserer Gabi”, wie auch den Organisationen und den vielen Menschen, die unsere Projekte finanziell unterstützen. Wir schicken unsere herzlichen Glückwünsche zum 15jährigen Bestehen von ‚Kuca SEKA’ - davon nun schon fünf Jahre hier in Gorazde - und wir hoffen, dass unsere Freundinnen von ‚SEKA’ auch in Zukunft erfolgreich ähnliche Projekte durchführen werden, zu deren Realisierung sie natürlich immer auf unsere unbedingte Unterstützung rechnen können.

Rizo Dacic
für das Veteranenprojekt ‚Svjetlost Drine’

Die Verteidiger Gorazdes bezeichnen sich als ‚Kämpfer (‚borci’) und nicht als ‚Soldaten’, da bei Kriegsbeginn keiner von Ihnen ‚Soldat’ war, sondern sie aus ihren zivilen Berufen herausgerissen wurden, um die Stadt gegen eine übermächtige und gut ausgestattete Armee zu verteidigen - meist mit nichts anderem als Jagdflinten, Sportgewehren oder ähnlichem bewaffnet.

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