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SEKA Journal Nr. 23, Dezember 2012

Fünfzehn Jahre SEKA...

Erinnerungen, Bilder und Gedanken von SEKA-Mitbegründerin Mirjana Bilan

Mirjan Bilan
Mirjana Bilan

Mirjana Bilan ist Mitbegründerin des Vereins SEKA Hamburg (1996) und des Projekts SEKA (1997) und war von 1997 - 2007 Koordinatorin des Projekts auf der Adria-Insel Brac in Kroatien. Seit September 2007 ist sie in Rente und lebt in Hamburg, wo sie sich weiter ehrenamtlich für SEKA engagiert.

Eine der größten Herausforderungen meines Lebens

Als mich Gabi fragte, ob ich einen Beitrag für das SEKA-Jubiläums-Journal schreiben wolle - aus meiner Sicht als Mitbegründerin und ehemalige Koordinatorin des Projekts, sagte ich gerne zu.

Doch als ich dann begann, darüber nachzudenken, was ich schreiben wollte, stiegen in mir so viele Erinnerungen und Bilder auf, dass es mir schwer fällt, nur einige davon auszuwählen. Leichter wäre es, einen Roman zu schreiben - besonders über die wagemutigen und abenteuerlichen Anfänge des Projekts in der Zeit kurz nach dem Krieg.

Ich habe mich entschieden, einfach ganz intuitiv zu schreiben; die Bilder und Erinnerungen selbst sprechen zu lassen.

SEKA - das ist sicher eine der intensivsten und wichtigsten Erfahrungen meines Lebens - aber auch eine der größten Herausforderungen. Eine Erfahrung, die mich zehn Jahre lang immer wieder an meine Grenzen - und darüber hinaus gebracht hat. Zehn Jahre, in denen ich meine gesamte Energie und Kreativität und noch viel mehr mein ‚Herzblut’ in dieses Projekt investiert habe. Vor allem, wenn ich an die erste Zeit denke, die Anfänge, in denen wir mit so vielen Hindernissen zu kämpfen hatten...

Im ersten Sommer - 1997 - konnten wir fünf Gruppen mit insgesamt hundert Frauen und Kindern (die meisten von ihnen Überlebende von Srebrenica) jeweils 10 - 12 Tage Erholung im SEKA-Haus auf Brac ermöglichen - trotz der damals völlig unsicheren Finanzsituation; trotz der Kämpfe mit der kroatischen Bürokratie um die Genehmigung für das Projekt; trotz der Versorgungsengpässe, die damals kurz nach dem Krieg die Regel waren - in einem Haus, das von weitem wundervoll aussah, dessen desolater Zustand sich aber täglich mehr zeigte. Wir bemühten uns, die Frauen und Kinder von diesen Problemen nichts spüren zu lassen.

Eine Vision wird wahr...

In diesem ersten Sommer arbeiteten Gabi und ich fast rund um die Uhr - nur stundenweise unterstützt von unserer Köchin Marija Misetic und unserer Hauswirtschafterin Fani Misetic.

Aus der Distanz von heute frage ich mich, wie es möglich war, eine solche Intensität und Anstrengung auszuhalten ... Die Antwort ist: Wir waren einfach glücklich! Glücklich, dass wir unsere Vision dieses Projekts verwirklichen konnten, obwohl dies nach allen Kriterien völlig unmöglich erschienen war; glücklich über jeden Sieg über die zahllosen Hindernisse und Widrigkeiten, mit denen wir täglich kämpften; glücklich, weil wir die ungläubige Freude und das Glück der Frauen und Kinder erlebten - und ihre Verwandlung in den 10 - 12 Tagen im SEKA-Haus.

Ich erinnere mich, wenn ich eine Gruppe von der Fähre abholte - meist hatten Frauen und Kinder eine sehr lange Fahrt hinter sich, die erste heraus aus dem Kriegsgebiet: Die Kinder schüchtern, still und ängstlich und doch auch mit so einer Erwartung und Sehnsucht in den Augen. Zu erleben, wie sie in der Atmosphäre des SEKA-Hauses aufblühten, ihre Ängste und Schüchternheit verloren; wie sie die Schönheit der Insel Brac in sich aufsogen, versunken im Sand spielten, ihr Jauchzen bei den Spielen im Wasser, ihre leuchtenden Augen. Das werde ich nie vergessen.

Die Frauen, zu Anfang ernst, still, angespannt, oft abwesend; dann, schon am ersten Abend, wenn wir gemeinsam auf der Terrasse saßen und erzählten, warum es das Projekt SEKA gab, wenn sie fühlten, dass sie hier alle willkommen waren, mit allem, was sie mitbrachten und dass dies hier ‚ihr Haus’ war, da spürten wir, wie sich auch in ihnen etwas öffnete, wie eine vorsichtige Hoffnung wuchs, dass es neben Grausamkeit, Leid und Schmerz für sie doch noch etwas anderes geben könnte ...

Durch die vielen Stunden, die wir in diesen Tagen gemeinsam verbrachten: am Strand, im Meer, auf Spaziergängen, in Gesprächen in der Gruppe oder einzeln, im Spiel mit den Kindern ... entwickelte sich erstaunlich schnell eine Vertrauensbeziehung. Viele Frauen drückten das so aus: „Ihr seid mir so nah und vertraut, wie meine liebsten Familienangehörigen!” oder „Hier fühle ich mich, als ob ich nach Hause zurückgekommen bin.” Die Frauen sprachen mit uns über intimste Erfahrungen und Probleme. Mit jedem Tag konnten sie sich mehr entspannen und die Schönheit der Insel und des Meeres genießen.

Es war für mich jedes Mal zutiefst berührend und wunderschön, die Verwandlung der Kinder und Frauen zu erleben.

Schwer waren dann für uns alle die Abschiede ... Ich erlebte dies besonders, da meist ich am Abreisetag die Gruppe wieder zur Fähre brachte, sie alle noch einmal in die Arme schloss - immer gab es Tränen - und ihnen lange nachwinkte. Jedes Mal war es, als ob mit ihnen auch ein Stückchen von mir gehen würde, so sehr hatte ich jede Gruppe ins Herz geschlossen ...

Mit den meisten blieben wir weiter in Kontakt und erfuhren so, dass der Abschiedsschmerz schnell überwunden war und sie die Tage auf Brac und im SEKA-Haus wie ein Juwel in ihrem Herzen bewahrten. Dabei halfen ihnen auch die Erinnerungs-Fotos, die jede Frau mit ihren Kindern bekam.

Mirjana mit dem kleinen Samir in der Werkstatt auf Brac
Mirjana mit dem kleinen Samir in der Werkstatt auf Brac

Lernen, sich selbst zu schützen

Vielleicht erlebte ich den Kontakt mit Frauen und Kindern zu Anfang als so besonders intensiv, weil ich (nach fast 30 Jahren in Deutschland) mit ihnen wieder in meiner Muttersprache - der Sprache meiner Kindheit sprach. Als ob ich dadurch weniger Distanz hatte und noch mehr berührt war von dem Leid, das sie alle hinter sich hatten, aber auch von ihrer Kraft und ihrem Mut. Zu Anfang habe ich oft mit den Frauen geweint und es war für mich sehr schwer, so viel Leid und Schmerz mit zu tragen, da ich zwar als ehemalige Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege durchaus belastbar aber eben keine ausgebildete Therapeutin war.

Hier haben mir die Gespräche mit Gabi sehr geholfen, um mich zu entlasten und mehr Distanz zu gewinnen, und auch - im Laufe der Jahre - meine Rolle als Übersetzerin in vielen Fortbildungsseminaren zum Thema ‚Traumatherapie’, die deutsche Psychotherapeutinnen in SEKA für die Kolleginnen aus der Region leiteten.

Von diesen Seminaren habe ich sehr profitiert - ich habe besser verstanden, was Trauma bedeutet, welche Symptome traumatisierte Menschen entwickeln und was sie brauchen. Dies half mir im Kontakt mit den Frauen und Kindern, aber auch dabei, mich selbst besser zu schützen. Auch die Teilnahme an einer der Therapiegruppen für Kolleginnen aus verschiedenen Frauenorganisationen war für mich sehr hilfreich.

Wichtig war mir auch die Kontinuität unserer externen Kolleginnen, die in SEKA Therapiegruppen oder Seminare leiteten. Besonders entlastend und unterstützend empfand ich den Austausch mit den Therapeutinnen Edita Ostojic und Nurka Babovic.

Bei allen Schwierigkeiten und Herausforderungen gefiel mir an meiner Arbeit in SEKA die Vielseitigkeit meiner Rollen: in der Organisation und Logistik, der Verwaltung, der Repräsentation des Projekts nach außen, der Vernetzung und Kommunikation mit anderen Frauenorganisationen, als Hausmeisterin, Handwerkerin, Gärtnerin, Krankenschwester, als Pädagogin mit den Kindern, Beraterin für die Frauen, immer ansprechbar, immer präsent. All dies war nur zu leisten mit einem erstklassigen Team - und das war unser kleines SEKA-Team: jede kompetent in ihrem Bereich / bzw. ihren Bereichen und dennoch flexibel, einzuspringen, wo auch immer Hilfe nötig war. Erst später ist mir klar geworden, was für einen Schatz wir mit unserem Team hatten!

Vielfalt und Differenziertheit

Ein anderer Aspekt der Projektarbeit bedeutete mir ebenfalls sehr viel: Die Mischung der Therapie- und Seminargruppen brachte Kolleginnen und Aktivistinnen aus unterschiedlichsten Orten und Regionen des ehemaligen Jugoslawien im SEKA-Haus zusammen - mit unterschiedlichen und doch oft auch so ähnlichen Erfahrungen und Schicksalen.

In den Gesprächen mit all diesen Frauen habe ich viel gelernt. Ich habe begonnen, die Dinge differenzierter zu betrachten. Die abendlichen Gespräche auf der Terrasse oder im Wohnzimmer des SEKA-Hauses über eine Vielfalt von Themen erlebte ich als außerordentlich anregend, interessant und bereichernd.

Es hat mir dann auch wieder viel Freude gemacht, den Teilnehmerinnen der SEKA-Bildungsurlaube aus Deutschland, die ein bis zweimal jährlich im SEKA-Haus stattfanden, diese Informationen weiterzugeben und ihnen ein differenziertes Bild über die Situation in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien zu vermitteln, bzw. sie über unsere Projektarbeit zu informieren und ihnen gleichzeitig die Schönheit der Insel Brac und der historischen Stadt Split zu zeigen. Viele Teilnehmerinnen dieser Gruppen sind bis heute SEKA-Unterstützerinnen.

Zurück in Hamburg

Und nun bin ich also schon fünf Jahre in Rente, lebe wieder in Deutschland und SEKA arbeitet seitdem in Gorazde weiter.

Das war für mich zu Anfang schon eine sehr große Veränderung - obwohl ich es geplant hatte, im September 2007 in Rente zu gehen. Aber das ist etwa so, als ob ein Auto bei voller Fahrt eine Vollbremsung macht. Nach zehn Jahren größter Intensität und Anstrengung entsteht plötzlich eine Leere.

So sehr ich mich auch freute, in meine ‚zweite Heimatstadt’ Hamburg zurückzukehren, ich musste mein Leben völlig neu organisieren - und in gewisser Weise einen neuen Lebenssinn finden ...

Einige Zeit benötigte ich Abstand zum Projekt. Doch dann spürte ich - wenn ich mit Gabi sprach, oder die SEKA-Journale über die Arbeit in Gorazde las - dass es mich noch immer berührte, dass SEKA noch immer ein Teil von mir war.

Und ich merkte, dass ich mir wünschte, mich hier in Hamburg im Rahmen meiner Möglichkeiten ehrenamtlich für SEKA zu engagieren.

Ich übernahm die Verschickung der SEKA-Journale, Rundbriefe und sonstiger Infopost - und ich verband meine Leidenschaft für Flohmärkte mit meinem Engagement für SEKA. Seit mehreren Jahren verkaufe ich gut erhaltene Sachen aus meinem Freundinnenkreis auf Flohmärkten zugunsten von SEKA und informiere über die Projektarbeit. Jedes mal freue ich mich, wenn ich den Erlös auf das SEKA-Konto einzahlen kann.

Flohmarkt für SEKA
Flohmarkt für SEKA

SEKA in Gorazde

In den letzten Jahren war ich auch schon mehrmals in Gorazde im SEKA-Haus - und wenn es auch äußerlich völlig anders aussieht als das Haus auf Brac und die Arbeit in Gorazde einen anderen Charakter hat - die Atmosphäre und der ‚Geist’ von SEKA sind dieselben geblieben: bunt, hell, fröhlich und voller Wärme.

Wenn ich heute im Journal oder Rundbrief über die SEKA-Arbeit in Gorazde lese, muss ich sagen, es berührt mich, wie Gabi und ihre Kolleginnen unsere auf Brac begonnene Arbeit dort weiter führen und was sie in den vergangenen fünf Jahren dort aufgebaut haben. Ich freue mich über die große Resonanz und Anerkennung, die das Projekt nicht nur in Gorazde, sondern auch weit darüber hinaus erfährt.

Das SEKA-Konzept und vor allem das ‚Wie’ der SEKA-Arbeit empfinde ich nach wie vor als etwas Besonderes, das noch lange nötig ist im heutigen Nachkriegsbosnien. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, dass traumatisierte Menschen qualifizierte und adäquate Hilfe finden. Ich wünsche mir, dass sich der Ansatz von SEKA - auch durch die Seminare mit Kolleginnen - noch weiter in ganz Bosnien-Herzegowina ausbreitet. Schließlich möchte ich Euch, liebe Kolleginnen in Gorazde, herzlich gratulieren, zu all dem, was ihr bisher erreicht habt. Ich wünsche Euch viel Kraft und Erfolg auch für die Zukunft - aber auch, dass Ihr über der Hilfe für andere nicht Euch selbst vergesst.

Eure Mirjana

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