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SEKA Journal Nr. 23, Dezember 2012

Die Kraft der ‚Srnas’

Arbeit mit Symbolen zum Thema ‚Stärken und Ressourcen’
Arbeit mit Symbolen zum Thema ‚Stärken und Ressourcen’

Therapeutische Gruppenarbeit mit Mädchen

Ein wichtiges Ziel in der SEKA-Arbeit ist die Förderung von Geschlechterdemokratie. Wir sind überzeugt davon, dass diese eine wesentliche Voraussetzung für den Aufbau einer friedlichen, gerechten und demokratischen Gesellschaft ist. Die Gesellschaft im ländlichen Bosnien-Herzegowina ist noch immer zutiefst patriarchal. In unserer Arbeit werden wir täglich mit den Auswirkungen dieser patriarchalen Gesellschaftsstruktur und insbesondere der traditionell-patriarchalen Geschlechtsrollen konfrontiert, die Männer zu potentiellen Tätern und Frauen zu potentiellen Opfern abrichten. Viele Frauen und Kinder, die zu uns kommen, haben neben der Kriegstraumatisierung zusätzliche Traumatisierung durch Gewalt in der Familie erlebt.

In der therapeutischen und psycho-edukativen Arbeit mit Frauen, Kindern und Jugendlichen und auch mit den Veteranen spielen diese Themen daher eine wichtige Rolle.

Von besonderer Wichtigkeit ist für uns auch die Arbeit mit jugendlichen Mädchen: Neben der therapeutischen Unterstützung und Hilfe bei konkreten Problemen ist es uns wichtig, ihre Selbstachtung und ihr Bewusstsein für ihre Rechte zu fördern und ihnen bei der Entwicklung einer selbst bestimmten Lebensplanung zu helfen.

Seit 2008 arbeitet SEKA-Mitarbeiterin Amina Vrana therapeutisch und psycho-edukativ mit Gruppen jugendlicher Mädchen. Im folgenden Artikel schreibt sie über die Notwendigkeit dieser Angebote und über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit den Mädchen der beiden aktuellen Gruppen.

Geschlechtsrollenstereotypen

Wir Menschen werden biologisch als Mädchen und Jungen geboren - aber das geschlechtsspezifische Sozialverhalten und unsere Geschlechtsidentität (heute wird sie oft als ‚Gender-Identität’ bezeichnet) wird uns durch Erziehung und die Reaktionen der Umwelt schon seit frühester Kindheit anerzogen und oft auch mehr oder weniger aufgezwungen.

Für Mädchen bedeutet dies noch immer häufig, dass sie als ‚Menschen 2. Klasse’ angesehen werden. Jungen sind privilegiert, sie werden dazu erzogen, Macht und Kontrolle auszuüben (wenn schon nicht gesellschaftlich, dann wenigstens über die eigene Frau und die eigenen Kinder), gleichzeitig wird ihnen allerdings nicht erlaubt, Schwäche, Empfindsamkeit und insbesondere Gefühle wir Angst oder Trauer zu zeigen.

Mädchen sollen sich den Bedürfnissen anderer - insbesondere männlichen Bedürfnissen - unterordnen, sie werden als schwach, emotional und eher passiv diffamiert - gleichzeitig aber durch die Rollenanforderungen der Gesellschaft in ein solches Verhalten sozialisiert.

Diese Geschlechtsrollenstereotypen haben gleichzeitig nichts mit den wirklichen biologischen Anlagen der Kinder zu tun, sondern verhindern im Gegenteil, dass Kinder ihre natürlichen Anlagen frei entfalten können.

Mädchen wird dabei geradezu systematisch die natürliche Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse und Grenzen abtrainiert: Dies bringt sie in Gefahr, von anderen ausgenutzt und missbraucht zu werden. Ein wichtiger Ansatz zur Prävention von Gewalt in Beziehungen und Familien ist daher die Unterstützung und Stärkung von Mädchen (neben der Sensibilisierung von Jungen).

Während ich über diese Stereotypen der männlich-weiblichen Rollenaufteilung nachdenke und darüber, wie sehr sich das auf die gesunde Entwicklung und das Wohlergehen der Kinder auswirkt, fällt mir die Geschichte ‚Der Regenbogen’ von Dinko Simunovic ein, die ich als kleines Mädchen zum ersten Mal gehört habe. Ich will sie Ihnen hier kurz erzählen:

Die Geschichte vom Mädchen ‚Srna’ (‚Rehlein’)

„Das Mädchen Brunhilde, das von allen ‚Srna’ (‚Rehlein’) genannt wurde, lebte zu einer Zeit, in der Mädchen sehr streng erzogen wurden. Fast alles war ihnen verboten.

Obwohl Srna in einer wohlhabenden Familie aufwuchs und daher ein unbeschwertes, fröhliches Leben hätte haben können, war ihr Leben freudlos und erdrückend. Ihre Eltern nahmen ihr jegliche Freiheit, da sie doch aus einer vornehmen Familie käme und das Ansehen der Familie nicht beschädigen dürfe.

Srna sah durchs Fenster, wie die Jungen draußen spielten, wie sie lachten und schrien und tobten ... Sie wollte so gerne sein wie sie ... Und mit ihnen spielen, im Fluss schwimmen, auf Bäume klettern, um die Wette rennen und sich vielleicht sogar mit ihnen prügeln ...

Aber über solche Wünsche entrüsteten sich ihre Eltern. Sie sollte sein wie ein Mädchen: schön, blass und zart. „Geh nicht in die Sonne”, warnten sie „dein Teint könnte verderben!”

Srna versuchte, sich dennoch die eine oder andere Freiheit zu ‚stehlen’. Doch dann musste sie wochenlang die Vorwürfe und Strafpredigten der Eltern ertragen; musste hören, was ihr alles verboten war ... Sie wurde immer unglücklicher und mutloser.

Eines Tages durfte Srna ausnahmsweise mit den Eltern mitkommen, als diese in einem Weinberg Trauben kaufen wollten. Dort traf sie ein anderes Mädchen. Als die beiden zum Himmel schauten, erblickten sie einen schönen Regenbogen. Da erzählte das andere Mädchen Srna, dass sie gehört habe, dass sich ein Mädchen in einen Jungen verwandeln würde, wenn sie unter dem Regenbogen hindurch laufen würde.

Srna dachte eine Weile nach und dann entschloss sie sich, unter dem Regenbogen hindurch zu rennen, so lange er noch zu sehen war; denn dann wäre sie ein Junge und könnte mit den anderen Jungen spielen. Sie rannte und rannte, doch noch immer war der Regenbogen entfernt ... sie rannte immer weiter und kam schließlich zum Moor. Und in ihrem Eifer, zum Regenbogen zu gelangen, bemerkte sie das erst viel zu spät - erst als sie schon mitten im Moor war und der tückische Morast sie hinab zog und sie verschlang ...”

Dies ist eine traurige Geschichte, aber ich denke sie enthält viel Wahrheit. Wenn ich über ihre Botschaft nachdenke, frage ich mich, ob wir denn überhaupt sehr weit entfernt sind von dieser Zeit, in der Srna lebte? Wie sehr behindern auch heute noch die aufgezwungenen Geschlechtsrollen viele Mädchen und Jungen in ihrer gesunden Entwicklung und in ihrem Leben insgesamt? Wie viele Probleme entstehen daraus? Wie viele Eltern unterstützen ihre Kinder wirklich in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit - ungeachtet der geschlechtsspezifischen Normen? Wie viel Druck übt das soziale Umfeld, die Gesellschaft noch immer aus, wenn Kinder sich nicht geschlechtsrollenkonform verhalten? Wie viele Srnas gibt es noch immer auf diesem Planeten und in unserem Land?

Die Symbole faszinieren die Mädchen
Die Symbole faszinieren die Mädchen

Gruppenarbeit mit Mädchen in SEKA

Tagtäglich sind wir - auch in unserer Arbeit im SEKA-Haus - konfrontiert mit den Auswirkungen der traditionellen Sozialisation, der mangelnden Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen, den patriarchalen Strukturen, die viel zu oft in Gewalt gegen Frauen und Kinder und hier insbesondere in Gewalt gegenüber Mädchen münden.

Aus diesem Grund biete ich nun schon seit vier Jahren therapeutische Gruppenarbeit für jugendliche Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren an. Vier solcher Gruppen haben wir bisher abgeschlossen. Vor einigen Monaten habe ich mit zwei neuen Gruppen begonnen.

Durch die Gruppenarbeit möchte ich den Mädchen einen sicheren Rahmen bieten - einen Ort, an dem sie offen und ohne irgendwelchen Druck über verschiedenste Themen und Probleme sprechen können. Ich unterstütze sie darin, sich selbst besser zu verstehen, einen Überblick über ihr aktuelles Leben zu gewinnen, das sie oft als ‚Chaos’ und fremdbestimmt empfinden.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstachtung zu stärken, ihr Bewusstsein über ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Grenzen sowie ihre Fähigkeiten zur Selbstbehauptung zu fördern.

Weitere wichtige Themen sind: Ressourcenarbeit, Kommunikation auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung, Umgang mit Emotionen, Entwicklung von konstruktiven Problemlösungsstrategien und Selbsthilfetechniken und viele Themen mehr. Zusätzlich nutze ich kleine psycho-edukative Einheiten in Verbindung mit Selbsterfahrungsübungen.

Wie stets im SEKA-Projekt basiert die Gruppenarbeit auf der Philosophie und Methode des Psychodrama und auf dem traumatherapeutischen Phasenmodell, da ich mir bewusst bin, dass jede der Teilnehmerinnen aus einer Familie mit mehr oder weniger stark traumatisierten Eltern kommt und viele der Mädchen auch durch eigene Gewalterfahrungen traumatisiert sind.

Die psychodramatische Methode fördert besonders die Beziehungen unter den Mädchen und lässt die Gruppe für diese zu einer wichtigen Ressource in ihrem Alltag werden. Außerdem entspricht die kreative und spielerische Methode den Bedürfnissen der Mädchen, die durch Schule, Elternhaus und zusätzliche Pflichten oft unter massivem Druck stehen.

Die Stärkung der Mädchen ist für mich ein wichtiger Beitrag und eine Voraussetzung dafür, dass sie nicht nur ihren eigenen Lebensweg selbst bestimmt gehen können, sondern dass sie auch einen gleichberechtigten Beitrag zur Entwicklung einer friedlichen, demokratischen und gleichberechtigten Gesellschaft leisten können.

Zusammenstellung der Gruppen

Da SEKA inzwischen auch ein Facebook-Profil (auf Bosnisch) hat, entschieden wir uns bei der Planung der aktuellen Mädchengruppen, dass wir die Einladung zu diesen Gruppen auf Facebook veröffentlichen würden.

Die Resonanz auf dieses Angebot war sehr positiv: 25 interessierte Mädchen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren meldeten sich.

Ich fasste die Mädchen in drei Gruppen zusammen, da die ideale Gruppengröße für die therapeutische Arbeit mit Jugendlichen bei 8-10 TeilnehmerInnen liegt.

Während des ersten Termins mit jeder Gruppe stellte ich den Mädchen unserer Arbeit vor und gab ihnen durch einfache Psychodrama-Techniken und -Spiele die Möglichkeit, sich ein wenig kennen zu lernen. Dann sprachen wir über die möglichen Themen und Inhalte der Gruppenarbeit und die Wünsche und Erwartungen der Mädchen. Schließlich hatten die Mädchen Gelegenheit, sich - mithilfe einer psychodramatischen Übung - zu entscheiden, ob sie an der Gruppe weiter teilnehmen wollten, oder ob sie lieber zu individuellen Terminen kommen wollten oder weder das eine noch das andere.

Einige der Mädchen realisierten, dass sie durch Schule und andere Verpflichtungen nicht regelmäßig an den Gruppenstunden würden teilnehmen können. Einige weitere entschieden sich für individuelle Termine. Etwa die Hälfte der Mädchen wollte weiter an der Gruppe teilnehmen. Wir formierten schließlich zwei Gruppen, eine mit acht und eine mit fünf Teilnehmerinnen, die sich wöchentlich nach der Schule für jeweils zwei Stunden treffen wollten.

Im Folgenden will ich nun über die Arbeit mit einer der Gruppen genauer berichten.

Neue Mädchengruppe mit 11-12jährigen Mädchen
Neue Mädchengruppe mit 11-12jährigen Mädchen

Die Sehnsucht nach einem ‚glücklichen Leben’

Der erste Termin hatte den acht Mädchen sehr gut gefallen. Im SEKA-Haus mit seinen hellen, freundlichen Räumen, der bunten Einrichtung und der lockeren Atmosphäre hatten sie sich offensichtlich gleich wohl gefühlt. Besonders das ‚Kinderzimmer’ hatte es ihnen angetan. Nach einigen Gruppenstunden im Gruppenraum im ersten Stock wünschten sie sich für einige Termine, mit ihrer Gruppe ins ‚Kinderzimmer’ umzusiedeln. Hier fühlten sie sich besonders „geborgen”.

Die Psychodrama-Techniken und kleinen Übungen, die wir beim ersten Treffen genutzt hatten, sowie meine Erklärungen zur Methode und Arbeitsweise waren für die Mädchen etwas völlig Neues und hatten ihre Neugier geweckt. Sie wollten alles gerne ausprobieren und stellten viele Fragen.

Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, wie sehr sie alle in ihrem Alltagsleben belastet sind und mit wie vielen Problemen sie kämpfen. Alle sind erst nach dem Krieg geboren. Doch ihre Eltern haben den Krieg in Gorazde oder auch die Flucht aus anderen Orten erlebt und die Traumata der Eltern prägen neben dem aktuellen Kampf um die materielle Existenz noch immer den Alltag in den Familien. (s.u.).

Die Mädchen wünschen sich sehnsüchtig „ein glückliches Leben”, wie eine das formulierte, und sie waren sehr motiviert, diese Gruppe für sich zu nutzen, diesem Ziel näher zu kommen.

Sich sicher und frei fühlen können ...

Das zweite Gruppentreffen nutzten wir zum weiteren Kennenlernen. Es zeigte sich, dass es den Mädchen schwer fiel, von sich zu sprechen. Ich bot ihnen daher an, ein Symbol (Stofftier, Puppe, Stein, Muschel o.ä.) auszuwählen, das sie selbst repräsentieren könnte, und mit dessen Hilfe über sich zu sprechen. Dies gefiel den Mädchen sehr und es fiel ihnen leichter, etwas über sich zu sagen.

„Das ist wirklich interessant!” meinte die 14jährige Amila*. „Mir fällt es immer leichter über mich zu sprechen, wenn ich etwas in der Hand halte!”

Sehr wichtig war auch für die Teilnehmerinnen dieser Gruppe, die gemeinsame Erarbeitung der Gruppenregeln. Jede schrieb zuerst anonym auf Zettelchen, was sie brauchte, um sich in der Gruppe sicher und frei zu fühlen. Oder, was ihr unangenehm wäre. Dann wurden aus den Kommentaren auf den Zetteln gemeinsam Gruppenregeln formuliert. Es war den Mädchen sehr wichtig, dass sie ihre Regeln bestimmen konnten und sie nicht - wie in allen übrigen Lebensbereichen - Regeln übergestülpt bekamen - oder es gar keine Regeln gab.

Bei dieser Übung zeigte sich, wie verletzlich die Mädchen waren und wie wenig sie in ihrem Alltag ernst genommen werden.

Fortsetzung

Ziel der Geschlechterdemokratie (nach Halina Bendkowski) ist es, dass Männer und Frauen gleichberechtigt an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft teilhaben können. Dazu sollen undemokratische Strukturen verändert und gewaltförmige Herrschaft abgebaut werden. „Demokratie” hat hierbei einen erweiterten Sinn: Gleiche Rechte und Chancen für verschiedenartige Menschen werden durchaus anerkannt. Da es eine Vielzahl von geschlechtlichen Identitäten gibt, wird auch die Dichotomie Mann / Frau abgelehnt, da jeder Mensch, unabhängig davon, welches Geschlecht er hat, die Möglichkeit haben müsse Lebensweg und Beziehungen selbstbestimmt zu gestalten - und das jenseits von stereotypen Vorstellungen über „die” Männer beziehungsweise „die” Frauen. (vgl. Wikipedia)

*Namen geändert

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