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SEKA Journal Nr. 23, Dezember 2012

„Der persönliche Kontakt ist für mich wichtig”

Gespräch mit der Hamburger Vereinsfrau Christa Paul

Christa Paul
Christa Paul

Christa Paul ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet seit vielen Jahren zum Thema ‚Gewalt / sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen’. Sie ist Autorin des Buches ‚Zwangsprostitution’, Mitbegründerin des Hamburger Vereins ‚Sukaina’, aus dessen Arbeit 1996 die Idee zum Projekt SEKA entstand, Mitbegründerin, Vereins- und Vorstandsfrau des Vereins SEKA Hamburg e.V.
Seit 1997 kümmert sie sich stundenweise um die vielfältigen Aufgaben im Hamburger SEKA-Büro.

Die Fragen stellte Gabriele Müller.

G.M.: Christa, Du bist SEKA-Vereinsfrau der ersten Stunde und seit 1997 wöchentlich für drei Stunden Mitarbeiterin im Hamburger Büro. Wie bist Du eigentlich zu Deinem Engagement für SEKA gekommen?

C.P.: Seit vielen Jahren arbeite ich beruflich zum Thema ‚Gewalt, insbesondere sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen’ - zuerst im Kasseler Frauenhaus und seit 1997 in der Hamburger Beratungsstelle ‚Allerleirauh’. Als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien begann, forschte ich außerdem zum Thema ‚Sexualisierte Gewalt in Kriegen’.

Als Jugoslawien zerfiel und der Krieg zuerst in Kroatien, dann in Bosnien-Herzegowina begann, machte mich das sehr betroffen. Besonders als die Berichte über die massenhaften Vergewaltigungen und Vergewaltigungslager in Bosnien durch die Medien gingen und sich daraufhin in vielen Städten Frauen engagierten, um gegen diesen Krieg, gegen die Menschenrechtsverletzungen insbesondere die Vergewaltigungen zu protestieren, war es für mich selbstverständlich, mich diesen Protesten und Aktivitäten in Hamburg anzuschließen.

Zu Beginn waren wir mehr als 100 Frauen, die sich nach den Demonstrationen in einer Aktionsgruppe zusammenfanden und konkrete Hilfe für die Frauen in Bosnien-Herzegowina leisten wollten. Wir organisierten damals zwei Konvois mit Hilfsgütern, die wir in Flüchtlingscamps in der Nähe von Split brachten.

Aus dieser Aktionsgruppe entstand dann der Verein ‚Sukaina’, der seinen Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit zur Situation im ehemaligen Jugoslawien, auf das Sammeln von Geldspenden für antinationalistische Frauenprojekte vor Ort und auf Fortbildungsseminare legte, die Du, Gabi, damals für Kolleginnen und Aktivistinnen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina angeboten hast.

Aus diesem Engagement - insbesondere aus Deiner Arbeit mit dem Team des Frauentherapiezentrums Medica Zenica entstand die Idee für das Projekt SEKA, das Mirjana und Du dann trotz aller Schwierigkeiten 1997 auf der Adria-Insel Brac realisiert habt.

Im April 1996 hatten wir in Hamburg bereits den Unterstützungsverein SEKA Hamburg e.V. gegründet, der sich hauptsächlich um die Sicherung der Finanzierung für das Projekt und um Öffentlichkeitsarbeit kümmern sollte.

Da ich zu dieser Zeit einen kleinen Nebenjob suchte, war ich gerne bereit, stundenweise Verwaltungs- und Organisationsaufgaben, sowie den regelmäßigen Kontakt mit dem Projekt zu übernehmen.

Meine Motivation für mein Engagement bei SEKA, hing auch mit meiner Bosnienreise im Sommer 1995 zusammen, die ich anlässlich eines Fotoprojekts über das Frauentherapiezentrum Medica nach Zenica unternahm. Diese Erfahrung - die Fahrt durch das zerstörte Bosnien-Herzegowina, die Gespräche mit dem Medica-Mitarbeiterinnen, die Sperrstunde, Wasser- und Stromreduktion - hat mich sehr berührt und meinen Wunsch, mich zu engagieren, zusätzlich verstärkt!

Juli 1995 - das war die Zeit, in der das Massaker von Srebrenica geschah. Während meines Aufenthalts in Zenica sprachen die Mitarbeiterinnen über Gerüchte von Massakern, aber erst später stellten sich diese als schreckliche Realität heraus.

Der persönliche Kontakt zu den Frauen vor Ort, aber auch Besuche von Aktivistinnen in Hamburg waren für mich stets besonders wichtig, um die Situation im ehemaligen Jugoslawien besser zu verstehen und auch anderen vermitteln zu können.

G.M.: Wie hast Du denn die Arbeit im Hamburger Büro und Deine Begleitung des Projekts SEKA aus der Ferne über so viele Jahre erlebt? Was hat Dich motiviert, so lange dabei zu bleiben?

C.P.: Die Arbeit im Hamburger Büro war zu Zeiten des Projekts auf Brac schon sehr anspruchsvoll: In den drei Stunden, die ich wöchentlich da arbeitete, war immer sehr viel und sehr viel Unterschiedliches zu tun: Kommunikation mit Interessierten, UnterstützerInnen, Behörden, Geldgebern; Kontakt und Absprache mit den Kolleginnen im Projekt; Verwaltung, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere die Abrechnung all der stationären Aktivitäten, die beim Projekt auf Brac fast alle über Hamburg finanziert und abgerechnet wurden.

Das ist nun viel einfacher, seit das Projekt in Gorazde ist, da ein guter Teil des Fundraisings inzwischen vor Ort geleistet und dann auch dort abgerechnet wird. Außerdem hat sich das Konzept verändert und es gibt nur noch einen geringen Teil stationärer Aktivitäten, d.h. mehrtägige Seminare mit Teilnehmerinnen, für die Übernachtung und Verpflegung anfällt.

Für meine Motivation, so viele Jahre ‚dabei zu bleiben’, wenn auch aus der Ferne, ist für mich auf jeden Fall der persönliche Kontakt zu Dir und Mirjana wichtig. Da ist einfach über die Jahre eine große Verbundenheit gewachsen, abgesehen von dem Konzept des Projekts, hinter dem ich natürlich stehe.

Es war für mich auch wichtig, auf Brac das Projekt und all die lokalen Mitarbeiterinnen kennen zu lernen, danach hast Du einfach eine nähere Beziehung zum Projekt.

Aus diesem Grund werde ich auch so bald wie möglich das Projekt in Gorazde besuchen. Ich merke, dass mir da bisher der persönliche Kontakt zu den anderen Mitarbeiterinnen fehlt und es mir wichtig ist, wieder eine direkte Beziehung herzustellen.

G.M.: 15 Jahre SEKA-Arbeit, 10 Jahre auf Brac, nun schon 5 Jahre in Gorazde ... Wie siehst Du die Veränderungen in der Projektarbeit?

C.P.: Wenn ich heute die Arbeit von SEKA Gorazde betrachte, dann denke ich, dass die Entscheidung, 2007 das Projekt von Brac nach Gorazde umzusiedeln, eine sehr gute und weise Entscheidung war - einerseits natürlich aufgrund der großen Notwendigkeit einer solchen Arbeit für die Gorazder Bevölkerung, andererseits aber auch aufgrund der personellen und finanziellen Situation des Projekts damals auf Brac.

Ich denke, dass Du mit dem Team in Gorazde wieder eine gute und stabile Unterstützung bekommen hast und auch einige Aufgaben, z.B. einen Teil des Fundraisings, abgeben konntest. Damit kannst Du Dich mehr der eigentlichen therapeutischen Arbeit bzw. Seminaren widmen.

Ich freue mich, dass SEKA in Gorazde so rasch ‚Wurzeln geschlagen hat’ und wünsche dem Projekt und dem Team noch viele Jahre erfolgreicher Arbeit!

Christa Paul

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