SEKA-Logo

SEKA Journal Nr. 23, Dezember 2012

Ein Gefühl von Freude, Berührtheit und Dankbarkeit

Assoziationen zu 15 Jahren SEKA-Projektarbeit

Gabriele Müller
Gabriele Müller

Seit Wochen bin ich - neben der eigentlichen Projektarbeit - beschäftigt mit den Arbeiten am aktuellen SEKA-Journal: die Beiträge zu lesen, sie (größtenteils) zu übersetzen und zu redigieren. Jeder Beitrag hat mich auf seine Weise zum Nachdenken gebracht und Erinnerungen wachgerufen, manche Beiträge haben mich sehr berührt. Ich habe begonnen, zu überlegen, was ich selbst mit diesen 15 Jahre SEKA-Projektarbeit verbinde ...

15 Jahre SEKA - das bedeutet für mich 15 Jahre intensive und oft auch anstrengende Arbeit, die ersten 10 Jahre auf Brac selten eine Arbeitswoche mit weniger als 70 Arbeitsstunden, selten mal ein Wochenende, fast nie Urlaub. In Gorazde gibt es zwar noch immer Arbeitswochen mit 50 bis 60 Wochenstunden, aber immerhin freie Wochenenden und Urlaub.

15 Jahre SEKA - das heißt auch ein Leben in ständiger finanzieller Unsicherheit (für mich zusätzlich mit der Verantwortung für die Arbeitsplätze der Kolleginnen); die ersten Jahre mit extremen finanziellen Sorgen, die uns nachts nicht schlafen ließen. Auch heute noch müssen wir für jedes Jahr die Mittel für das Projekt von Neuem sichern. Das erfordert unermüdliches Engagement und eine hohe Frustrationstoleranz - und es kostet uns immer wieder viel Energie, die wir eigentlich für die therapeutische Arbeit benötigten.

15 Jahre SEKA - bedeutet für mich aber auch das Gefühl, eine zutiefst sinnvolle und schöne Arbeit zu tun. Trotz all der schmerzhaften und manchmal schrecklichen Themen ist es für mich immer wieder wunderschön zu erleben, wie auch schwer traumatisierte und verletzte Menschen heilen und wachsen, wie sie beginnen, wieder zu vertrauen, wie sie wieder Lebensmut und Selbstachtung gewinnen. Von vielen meiner KlientInnen bin ich zutiefst beeindruckt.

Auch das bedeuten für mich 15 Jahre SEKA: Durch die Arbeit mit meinen KlientInnen habe ich selbst außerordentlich viel gelernt, durch sie musste ich und hatte ich die Chance, mich mit existentiellen Lebensthemen auseinanderzusetzen. Die Erfahrung mit meinen KlientInnen ermutigt mich außerordentlich. Dadurch hat mein Leben eine viel größere Qualität und Bewusstheit bekommen.

15 Jahre SEKA - das heißt für mich aber oft auch ein ‚Kampf gegen Windmühlenflügel’. Es bedeutet all die Enttäuschungen und Frustrationen auszuhalten, bedingt durch die Begrenztheit unserer eigenen Handlungsmöglichkeiten: Die Frustration über die politische und gesellschaftliche Situation in Bosnien-Herzegowina, die eine Krise nach der anderen produziert, über systematische Ungerechtigkeit und Menschenverachtung, Korruption, Manipulationen und nationalistische Propaganda. All dies bewirkt bei einem Großteil der Menschen massive Ohnmachtsgefühle und Ängste sowie hilflose Wut. Bei unseren KlientInnen wirkt es kontinuierlich destabilisierend und häufig retraumatisierend. Manchmal erscheint es mir wie ein Wunder, dass es unseren KlientInnen dennoch gelingt, mit immer neuen existentiellen Schwierigkeiten immer besser fertig zu werden.

15 Jahre SEKA - das ist für mich auch 15 Jahre Teamarbeit mit Kolleginnen, die meine Begeisterung und Liebe zu unserer Arbeit vollkommen teilen. Ob früher auf Brac oder heute in Gorazde: Jede ist in ihrer Arbeit höchst kompetent und arbeitet mit Engagement und hoher Motivation. Jede arbeitet nicht nur, sondern ‚lebt’ unsere friedenstherapeutische Philosophie. Mit meinen Kolleginnen kann ich alles teilen: Freude und Enttäuschungen, Erfolge und Frustrationen. Ohne das könnten wir diese anspruchsvolle Arbeit nicht tun!

15 Jahre SEKA - das heißt für mich auch 15 Jahre intensive theoretische und praktische Beschäftigung mit dem Thema ‚Trauma und Resilienz (Selbstheilungspotentiale)’, die zur Entwicklung des friedenstherapeutischen Ansatzes in der SEKA-Arbeit sowie einer spezifischen traumatherapeutischen Methode auf der Basis von Psychodrama führte.

In dieser Methode bilden wir seit vielen Jahren in den Fortbildungsreihen im SEKA-Haus Fachkolleginnen weiter. Im letzten Jahr konnten wir schließlich das Buch ‚Die eigene Handlungsfähigkeit und Selbstachtung wiedergewinnen - Traumatherapie mit der Methode Psychodrama’ veröffentlichen, das wir aufgrund der großen Nachfrage gerade eben in zweiter Auflage noch einmal nachgedruckt haben.

15 Jahre SEKA - das sind für mich auch 10 Jahre kontinuierliche Fortbildungen mit Teams in Albanien, Serbien und dem Libanon. Diese Arbeit hat mir geholfen mein Verständnis für transgenerationelle und kollektive Traumata zu erweitern und zu vertiefen.

15 Jahre SEKA - beinhalten für mich außerdem sieben Jahre traumatherapeutischer und psycho-edukativer Arbeit mit kriegstraumatisierten Veteranen. Auch durch diese Arbeit hat sich mein Verständnis von Trauma erweitert und vertieft und mein therapeutisches Spektrum differenziert und weiter entwickelt.

Und als ein ganz wichtiger Aspekt: 15 Jahre SEKA - sind für mich auch 15 Jahre Unterstützung, Begleitung und Förderung durch viele Hunderte von Menschen und zig Organisationen und Institutionen fast ausschließlich in Deutschland. Ohne SIE alle, ohne EUCH alle hätte es SEKA nie gegeben! Deswegen sind für mich 15 Jahre SEKA auch 15 Jahre großartiger Unterstützung und Solidarität!

15 Jahre SEKA - das bedeutet für mich alles in allem ein Gefühl von Freude, Berührtheit und Dankbarkeit. Ich danke meinen Kolleginnen beider Teams (auf Brac und in Gorazde) für ihr Engagement und die Liebe zu ihrer Arbeit! Ich danke unseren KlientInnen für ihr Vertrauen und ihren Mut! Und ich danke all denen, die SEKA und unsere Arbeit in den vergangenen 15 Jahren unterstützt haben - in welcher Weise auch immer! Danke!

Gabriele Müller

Pfeil nach oben
SEKA Logo