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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

„Ein Gefühl von Stärke, Glück und Zuversicht ...”

Arbeit mit Mutter und Kind während des Erholungsaufenthalts

Aida und Edis*

Aida S. und ihr 12jähriger Sohn Edis wurden uns von der Sozialarbeiterin des Zentrums für psychische Gesundheit in Gorazde für die Teilnahme am diesjährigen Erholungsaufenthalt vorgeschlagen. Von ihr wussten wir, dass Mutter und Kind in großer materieller Not in einer Notunterkunft leben und dass Aida sowohl durch Kriegserlebnisse als auch durch Gewalterfahrungen während ihrer Ehe stark traumatisiert ist.

Beim ersten Vortreffen im SEKA-Haus lernen wir eine zierliche, schüchterne junge Frau kennen, die aufmerksam zuhört, aber nur spricht, wenn das Wort direkt an sie gerichtet wird. Auch Edis wirkt eher zart für sein Alter - freundlich aber zurückhaltend. Die beiden haben offensichtlich eine liebevolle und sehr nahe Beziehung.

Angst und Misstrauen

Auch zu Beginn der Gruppenarbeit in Neum ist Aida sehr schweigsam. Die Erarbeitung der Gruppenregeln durch die Übung „Was brauche ich, damit ich mich in dieser Gruppe sicher und frei fühle? Oder: Was soll in dieser Gruppe nicht geschehen?” zeigen dann, dass fast alle Frauen befürchten, persönliche Dinge könnten aus der Gruppe herausgetragen werden. Alle haben schon erlebt, dass sie sich einer Freundin anvertraut haben und diese mit anderen darüber redete. Die Gruppe formuliert daher als wichtigste Regel ‚Absolute Vertraulichkeit’. Die ermöglicht Aida, über ihre Angst zu sprechen, sich zu öffnen. In der Notunterkunft, in der sie mit Edis wohnt, erlebt sie ständig Tratsch und üble Nachrede, sowie Auseinandersetzungen zwischen den Nachbarn. Sie fühlt sich oft bedroht und hat Angst um ihren Sohn. Dadurch hat sie ein großes Misstrauen andern gegenüber entwickelt und sich sehr verschlossen. Sie ist froh, dass die Frauen der Gruppe sie verstehen können.

Auch die Regel, „dass keine etwas sagen muss oder sich an einer Übung beteiligen muss, wenn sie sich nicht bereit fühlt”, ist Aida wichtig.

In den nächsten Tagen kann Aida sich mehr und auf die unterschiedlichen Übungen einlassen. Sie ist nicht mehr die letzte, die etwas sagt.

„Hier fühle ich mich ruhiger und stärker ...”

Als wir am 2. und 3. Tag am Thema ‚Ressourcen’ arbeiten - mit der Übung ‚Die Quellen meiner Kraft’, fällt es Aida zuerst sehr schwer, eigene Stärken und Ressourcen zu benennen - das einzige, das ihr einfällt ist ihr Sohn: „Für ihn würde ich alles tun... Er gibt mir Kraft, dass ich durchhalte und nicht aufgebe!”

Mit meiner therapeutischen Unterstützung (Nurka B.) gelingt es ihr dann jedoch, noch eine ganze Reihe weiterer Ressourcen und Fähigkeiten zu entdecken, die ihr in schwierigen Situationen helfen.

Schließlich ist Aida sogar bereit, ihre Kraftquellen mit Hilfe der anderen Frauen auf der Psychodramabühne darzustellen. Als sie dann ihren Platz in der Skulptur einnimmt, verändert sich ihre Körperhaltung: Sie richtet sich auf, atmet tief ein und aus und sagt: „Hier fühle ich mich wunderbar - ruhiger und stärker!”

Aida bedeutet es auch viel, von anderen Frauen in Rollen für deren Skulpturen auf der Bühne gewählt zu werden. In einem Bild stellt sie ‚Mutterliebe’ dar, in anderen ‚Ausdauer’ oder die ‚geliebte Schwester’ der Protagonistin. Durch die positive Wahrnehmung der anderen von ihr verändert sich allmählich auch Aidas Selbstwahrnehmung.

Tanzspiel mit Luftballonen
Tanzspiel mit Luftballonen

Sich und andere verstehen

Das Thema ‚Gewalt in der Familie’ ist auch in dieser Gruppe ein dominantes Thema. Aida findet sich wieder in den Erfahrungen anderer Frauen und in den theoretischen Erklärungen der Therapeutinnen. Es ermutigt sie, darüber zu sprechen. Sie hatte sehr jung geheiratet, wenige Jahre nach dem Krieg. Ihr Mann war deutlich älter - und offensichtlich kriegstraumatisiert. Schon im ersten Jahr der Ehe hatte er begonnen, sie - und später dann auch die Kinder - zu terrorisieren und zu misshandeln. Als der jüngere Sohn an Leukämie erkrankte, verschlimmerten sich die Exzesse noch. Erst nach dem Tod des jüngeren Kindes fand Aida die Kraft sich zu trennen. Seit der Trennung leben sie und Edis von einem minimalen Kindergeld und von Putzjobs, die Aida nur schwer finden kann. Von ihrem Ex-Mann bekommt sie keine Unterstützung - er kümmert sich nicht um seinen Sohn. Aida erfährt in der Gruppe das Verständnis und Mitgefühl der anderen Frauen. Das ist für sie neu: „Ich hab' das alles noch nie jemandem so genau erzählt! Danke, dass ihr mir zuhört und mich versteht. Jetzt fühle ich mich viel leichter!”

Als wir am 5. Tag über das Thema ‚Trauma’ sprechen, helfen die theoretischen Erklärungen auch Aida, ihre eigenen Symptome und Reaktionen besser zu verstehen - besonders ihre massiven Ängste und Panikattacken. Sie realisiert, dass diese einerseits Folgen der jahrelangen Gewalterfahrungen in ihrer Ehe sind, andererseits aber auch mit Kriegstraumata zusammenhängen.

Aida erlebte 10jährig den Kriegsausbruch. Ihr Dorf wurde zuerst von den serbischen Paramilitärs eingeschlossen und beschossen, dann eingenommen. Ein Teil der Bevölkerung wurde ermordet, die übrigen vertrieben. Aida gelang es, mit ihrer Familie zu fliehen. Nachts schlugen sie sich durch den Wald, am Tag versteckten sie sich, bis sie endlich die Enklave Gorazde erreichten. Ihr Vater fiel ein Jahr später bei der Verteidigung Gorazdes. Die Mutter erkrankte schwer und starb kurz nach dem Krieg.

Aida realisiert nun, dass sie so früh (mit 16 Jahren) heiratete, weil sie sich nach einer Familie und Geborgenheit sehnte.

Angst und unbewältigte Trauer

Mithilfe der Übung ‚Landkarte der Emotionen’ erarbeiten die Frauen die vier Grundemotionen ‚Angst’, ‚Ärger / Wut’, ‚Trauer’ und ‚Freude’: Welche Situationen lösen das jeweilige Gefühl aus? Wo im Körper und auf welche Weise spüre ich dieses Gefühl? Wie gehe ich damit um? Durch diese Übung und durch die Beiträge der anderen Frauen erkennt Aida, wie sehr ihr Leben von Angst bestimmt wird und wie sehr sie diese Angst bereits auf ihren Sohn überträgt. Sie realisiert, dass sie eigentlich vom Leben nur Schlimmes erwartet und dadurch auch schöne Momente nur sehr eingeschränkt genießen kann.

Beim Thema ‚Trauer’ wird deutlich, dass Aida viele Verluste erlitten hat, die sie bisher nicht betrauern konnte, da sie weiter funktionieren mußte: der Verlust ihres Zuhauses und des friedlichen geborgenen Lebens in ihrem Heimatdorf; der Tod ihrer Eltern; das Scheitern ihrer Ehe und - als größte ‚offene Wunde’ der Tod ihres jüngeren Kindes - der für sie offensichtlich am traumatischsten war. Zum ersten Mal spricht Aida über dieses schmerzliche Thema: über das Leiden ihres Kindes, ihre Ohnmacht, ihm nicht helfen zu können, die Gewalttätigkeit ihres Mannes. Sie ist sich bewusst, dass auch für Edis diese Zeit sehr traumatisch war. Das Mitgefühl und die Erfahrungen der anderen Frauen helfen Aida. Zum ersten Mal fühlt sie sich mit ihrem Schmerz nicht allein.

Bei den Themen ‚Kommunikation’ und ‚Kindererziehung’ ist Aida eher ein Modell für die anderen Frauen. Sie hat einen sehr demokratischen Erziehungsstil, allerdings auch klare Werte und Richtlinien. Bei gemeinsamen Aktivitäten z.B. am Strand erleben wir, dass Mutter und Sohn liebevoll und wertschätzend miteinander umgehen. Allerdings bemerken wir auch eine Überfürsorglichkeit Aidas, die ganz offensichtlich mit ihren Ängsten zusammenhängt. Auch Edis hängt sehr an seiner Mutter.

Schritte zur Veränderung

Das Thema ‚Beziehungen’ erarbeiten wir mit der Gruppe mit Hilfe des Tests ‚Soziales Atom’, der den Frauen ermöglicht, ihre emotional wichtigen aktuellen Beziehungen zu analysieren bzgl. der Anzahl und Qualität der Beziehungen, bzgl. Nähe / Distanz und bzgl. Veränderungswünschen. Für Aida ist diese Übung nicht einfach: Noch einmal wird ihr bewusst, wie viele nahe Menschen sie verloren hat. Außerdem realisiert sie, wie sehr sich ihr aktuelles ‚Soziales Atom’ (Beziehungsnetz) reduziert hat. Sie erkennt, dass ihr das nicht gut tut und dass sie ihre Isolation durchbrechen und neue Beziehungen aufbauen will und muss. Die Teilnahme am Erholungsaufenthalt erlebt sie als einen wichtigen Schritt in diese Richtung. Die positiven Rückmeldungen der anderen Frauen bestärken sie.

Die Selbstbehauptungsübung ‚Kampf um die Socken’ zeigt uns Aida von einer neuen Seite: Sie kämpft wie eine Löwin und ist eine der hartnäckigsten. Durch dieses Spiel realisiert sie, dass sie wirklich kämpfen kann. Sie fühlt sich danach selbstbewusst und voller Energie.

Bei der Auswertung der Gruppenarbeit am Ende des Erholungsaufenthalts meint Aida: „Neum und unsere Gruppenstunden hier werde ich nie vergessen. Ich habe hier soviel über mich begriffen und gelernt. Und ich habe von euch allen so viel bekommen. Ich danke euch aus tiefstem Herzen. Ich fahre nun nach Hause mit einem Gefühl von Stärke, Glück und Zuversicht. Und natürlich möchte ich weiter ins SEKA-Haus kommen.”

Gemeinsamer Strandspaziergang der Frauen
Gemeinsamer Strandspaziergang der Frauen

„Ich mag mich nicht prügeln!”

Edis ist ein stiller Junge mit einem schüchternen Lächeln. Zu Anfang hält er sich in der Kindergruppe eher am Rand; er spricht kaum. Lebhafte Spiele machen ihm offensichtlich eher Angst.

Wie er mir (Amina Vrana) später anvertraut, hat er Angst vor anderen Jungen. Mit Mädchen fühlt er sich sicherer. Die Jungen in der Schule oder in der Umgebung der Notunterkunft empfindet er als laut und aggressiv. Oft provozieren sie ihn und greifen ihn körperlich an. „Ich mag mich aber nicht prügeln, wie die anderen Jungs. Es macht mir Angst. Ich versuche, ihnen auszuweichen; aber das klappt oft nicht.”

Aus diesem Grund ist für ihn die gemeinsame Formulierung der Gruppenregeln am ersten Tag der Gruppenarbeit sehr wichtig. Die Regeln und die Tatsache, dass wir gemeinsam auf deren Einhaltung achten, geben ihm einen sicheren Rahmen. Das erlebt er als beruhigend und entlastend. Bereits zu Anfang des Erholungsaufenthalts wird deutlich, dass Edis unter großem Druck steht und voller Ängste ist.

Der ‚Schalter’

Am zweiten Abend gehen wir mit den Kindern an der Uferpromenade spazieren. Es gibt schon viele Feriengäste in Neum und die Promenade ist recht voll. Edis fragt mich, ob er meine Hand halten kann. Ich gebe sie ihm, doch einige der anderen Jungs bemerken das und beginnen, ihn aufzuziehen, er sei ja „noch ein Baby”. Er lässt meine Hand los. Da sage ich: „Ach, es ist ja schon ziemlich dämmerig. In der Dämmerung sehe ich schlechter, da fühle ich mich sicherer, wenn ich jemanden an der Hand halte.” Die anderen Jungen sagen nichts mehr und Edis nimmt wieder meine Hand - dabei zwinkert er mir zu.

Während wir auf der Promenade gehen, spüre ich dass Edis' Handflächen stark schwitzen - besonders wenn das Gedränge dichter wird. Wir lassen die anderen ein wenig vorausgehen und ich frage Edis, ob er müde sei. Er verneint, meint aber, dass er Angst „vor den komischen Gestalten” habe, die da spazierengingen. Er fügt hinzu, vielleicht seien das ja Drogenabhängige. Ich kann an den vorübergehenden Männern nichts Besonderes entdecken, offensichtlich aber machen sie Edis Angst - erinnern ihn an irgendwelche unangenehmen Situationen.

Auf einfache Art und Weise erkläre ich ihm, wie ‚Trigger’ (Auslöser) wirken: wenn wir etwas Schreckliches erlebt haben und uns später dann irgend etwas an diese schlimme Situation erinnert, haben wir das Gefühl, dass das gleich wieder passiert. Edis ist das einleuchtend, es fallen ihm selbst noch Beispiele für ‚Trigger’ ein und er erkennt, dass die ‚seltsamen Gestalten’ eigentlich gar nicht so seltsam sind, sondern dass einige von ihnen ihn in ihrem Körperbau an Nachbarn erinnern, mit denen es ständig Probleme gibt, weil sie betrunken aggressiv werden. Ich ‚gratuliere’ ihm, dass er diesen ‚Auslöser’ erkannt hat (er nennt das sympathischerweise einen ‚Schalter’), und dass er in Zukunft - wenn er plötzlich Angst bekommt, es aber keinen aktuellen Grund gibt - überlegen kann, woher diese Angst kommt. Edis lächelt zufrieden, lässt meine Hand los und geht selbständig weiter. Auf keinem unserer Spaziergänge benötigt er mehr meine Hand.

Gefühle

Das Thema ‚Gefühle’ ist auch in der Arbeit mit dieser Gruppe von besonderer Bedeutung. Drei Tage lang haben die Kinder Gelegenheit, sich über die vier Grundemotionen (s.o.) sowie Situationen, in denen sie diese fühlen, bewusst zu werden; sie mit Körpersensationen in Verbindung zu bringen und über ihren Umgang mit diesen Gefühlen zu sprechen.

Als wir über das Gefühl ‚Trauer’ sprechen und die Kinder Situationen benennen, die sie traurig machen (überwiegend sprachen sie über den Tod geliebter Menschen), bemerke ich, dass Edis sich sehr zurückzieht. Als ich ihn frage, ob er etwas sagen möchte, schüttelt er nur den Kopf. Als ich ihn nach der Gruppenstunde frage, ob er mit mir sprechen möchte, wehrt er ab: „Ein anderes Mal”. Da ich von der Mutter weiß, dass Edis seinen jüngeren Bruder verloren hat, will ich nicht in ihn dringen, sondern ihm Zeit lassen, bis er bereit ist, darüber zu sprechen.

Wut als Trigger

Beim Thema ‚Ärger/Wut’ bieten wir am Ende die Übung ‚Gefahrlos Wut ablassen’ an, die die Kinder in der Regel sehr mögen, da sie dabei auf Polster hauen oder treten und dabei lautstark schimpfen dürfen. Das ‚erlaubte Ausdrücken’ der Wut empfinden viele Kinder als befreiend, da sie im Alltag häufig Situationen ohnmächtiger Wut erleben, in denen sie diese nicht ausdrücken können, da dies nur negative Folgen für sie selbst hätte. ‚Gefahrloses Wut Ablassen’ verhindert, dass die Kinder selbst ihre Wut an Schwächeren ausagieren, auf diese Weise die Kette der Ungerechtigkeit fortsetzen und quasi vom Opfer zum Täter werden.

Nachdem bereits mehrere Kinder ihren Ärger ausgedrückt haben, kommt der 13jährige Salih an die Reihe. Er hat zuvor über verschiedene Situationen gesprochen, in denen er eine maßlose Wut verspürt. Nun nutzt er die Gelegenheit, diese Wut an den Polstern abzuarbeiten.

Auf einmal bemerke ich, dass Edis sich verändert: er wird sehr blass, erstarrt und kauert sich zusammen, den Blick auf den Boden gerichtet und die Hände auf den Ohren. Ich beende behutsam Salihs Übung (dieser fühlte sich danach „großartig und erleichtert”.) Dann frage ich Edis, ob alles in Ordnung sei. Er schweigt, den Blick noch immer auf den Boden gerichtet. Ich übergebe die Gruppenleitung meiner Kollegin und gehe mit Edis nach draußen, um alleine in Ruhe mit ihm zu sprechen. Offensichtlich hat die Wut, die Salih gezeigt hat, in Edis eine traumatische Erinnerung ausgelöst.

Ich frage ihn, was ihn an der Übung so beunruhigt und erschreckt hat. Es kostet Edis einige Überwindung, doch dann sagt er mir, dass die Art wie Salih seine Wut ausgelassen hat, ihm Angst gemacht habe. Er wisse, dass das nur eine Übung sei und dass wir (Leiterinnen) ja auch da seien und dass nichts Schlimmes passieren kann, aber... dann beginnt er zu weinen: „Ich kann diese Übung nicht machen!” Ich nehme seine Hand, fühle seinen Schweiß auf den Handflächen und beruhige ihn behutsam, dass er gar nichts tun müsse, was er nicht will. Dann sage ich ihm, dass es mir hilft, jemandem zu erzählen, wenn mich etwas quält oder ich vor etwas Angst habe, und frage ihn, ob er mir sagen möchte, was ihn quält.

Die Bootsfahrt: Ein Traum ist wahr geworden ...
Die Bootsfahrt: Ein Traum ist wahr geworden ...

Nicht nur ein Traum...

Edis erzählt mir, dass in der Notunterkunft viele Männer leben, die trinken und aggressiv werden, herumbrüllen und sich prügeln oder ihre Frauen und Kinder beschimpfen und schlagen und dass er schon so viele solcher Situationen erlebt hat. Oft können seine Mutter und er nicht schlafen, weil sie Angst haben, dass ihnen jemand die Tür eintritt. Daran hat ihn die Übung erinnert. Ich erinnere ihn an unser Gespräch über die ‚Auslöser’ auf unserem Spaziergang. Edis bricht in Tränen aus und unter Schluchzen stößt er hervor: „Ich hab so viel Schreckliches erlebt und mitangesehen.” Ich nehme ihn in den Arm, was er gerne geschehen läßt, und sage ihm, dass wir Zeit haben und dass er mir sagen kann, was er erlebt hat, wenn er möchte.

Edis erzählt mir nun von der schweren Krankheit seines kleinen Bruders und von dessen Tod vor 5 Jahren. „Das Schlimmste war, dass ich ihm nicht helfen konnte! Es war so schrecklich, dass er sterben musste!”

Ich sage ihm, dass ich ihn so gut verstehen kann, erzähle ihm, dass auch meine Mutter an einer schweren Krankheit gestorben ist und dass ich weiß, wie es ist, wenn man für einen geliebten Menschen nichts tun kann und ihn am Ende verliert.

Edis schaut mich an und fragt: „Du hast keine Mama mehr?” Ich sage ihm, dass meine Mutter vor drei Jahren gestorben ist und dass mir das noch immer schwer fällt und ich deswegen manchmal weine, genau wie er. „Aber auch wenn meine Mama nicht mehr am Leben ist, habe ich sie doch noch immer in meinem Herzen und in meiner Erinnerung. Ich erinnere mich gern an sie und all das Schöne, was wir zusammen erlebt haben und ich schreibe meine Gefühle und Erinnerungen an sie in mein Tagebuch.”

Edis erzählt mir dann, dass er mit seiner Mama nicht über seinen Bruder sprechen könne, weil sie dann so furchtbar traurig werde und in Tränen ausbreche. Deswegen spreche er nie mit ihr darüber und auch sonst mit niemand.

Ich erkläre Edis, dass es dann oft noch mehr weh tue, wenn wir solche Erfahrungen in uns verschließen. „Wenn Du möchtest, kannst Du mit mir darüber sprechen”, schlage ich Edis vor. „Hier in Neum oder auch in Gorazde, wenn wir wieder zurück sind.” Edis will das sehr gerne.

Er bittet mich dann noch, mit seiner Mama zu sprechen und der zu erklären, warum er geweint hat. „Sie sieht mir das an, aber ich kann es ihr nicht sagen!”

Als ich Aida erkläre, was geschehen ist und was mir Edis anvertraut hat, bricht auch sie in Tränen aus. „Es tut mir so leid, dass auch Edis so sehr leidet! Ich weiß sein Bruder fehlt ihm! Aber, da ist auch noch etwas. Diese Übung hat Edis nicht nur an die Männer in der Unterkunft erinnert sondern auch an seinen Vater, der uns jahrelang fürchterlich misshandelt hat!” Ich erkläre Aida, es sei gut, dass Edis angefangen hat, über all das zu sprechen und dass er immer zu mir kommen kann. Ich ermutige sie aber auch, selbst diese Themen mit Edis nicht weiter zu tabuisieren. „Darüber zu sprechen ist zwar schmerzhaft aber gleichzeitig auch sehr erleichternd! Es hilft euch beiden, Euren Schmerz zu überwinden.”

Einen Freund finden

Mit jedem Tag des Erholungsaufenthalts wird Edis ein wenig freier, selbstsicherer und kommunikativer. Dazu trägt ganz entscheidend auch seine neue Freundschaft zu dem gleichaltrigen Senad bei. Auch Senad ist zu Anfang sehr still und verschlossen. Die beiden mögen sich auf Anhieb und sind bald unzertrennlich. Dabei ziehen sie sich jedoch nicht von der Gruppe zurück. Im Gegenteil: offensichtlich fühlen sie sich miteinander sicher genug, um auch in der Gruppe lebhafter und aktiver zu werden. Edis ist glücklich, dass er in Senad seinen ‚besten Freund’ gefunden hat.

Auf Wiedersehen im SEKA-Haus!

Mutter und Sohn haben sich in den 12 Tagen sehr verändert: sie sind offener, kommunikativer und fröhlicher geworden, ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen und sie haben wichtige neue Beziehungen geknüpft. Sie haben begonnen, sich selbst besser zu verstehen und sie sind sich der Themen bewusst geworden, an denen sie weiter arbeiten wollen - mit unserer Hilfe, die sie gerne annehmen.

Nurka Babovic, Amina Vrana, Gabriele Müller

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