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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

„Sich selber verstehen lernen...”

Therapeutische Seminare mit Veteranen

SEKA-Koordinatorin Esma Drkenda ist gleichzeitig stellvertretende Vorsitzende des Veteranenvereins ‚Svjetlost Drine’. Sie hat bereits an verschiedenen therapeutischen Gruppen im SEKA-Haus und im Veteranenprojekt teilgenommen, zuletzt an der zweijährigen therapeutischen Seminarreihe im Veteranenklub, die wir im September 2011 mit dem neunten dreitägigen Seminar abgeschlossen haben. Esma schreibt, was ihr die Teilnahme an dieser Gruppe bedeutet hat.

Übung ‚Meine innere Weisheit’ - Zeichnen
Übung ‚Meine innere Weisheit’ - Zeichnen

Zwei Jahre Gruppenarbeit...

Ich gehe spazieren auf dem engen Pfad entlang der Drina. Dabei gehen mir vielerlei Gedanken durch den Kopf: Heute haben wir im Veteranenklub das neunte dreitägige Seminar abgeschlossen und damit die gesamte Seminarreihe. Ich spüre eine Trauer in mir - aber ich bin mir gleichzeitig sicher, dass ich auch weiterhin mit den Gruppenmitgliedern in Verbindung bleiben werde, und das tröstet mich.

Heute auf den Tag genau vor zwei Jahren haben wir mit dieser Gruppe begonnen. Ich erinnere mich an das erste Seminar, an dem wir - obwohl wir uns alle schon kannten - noch einmal neu und anders kennen gelernt haben. Zu Anfang erarbeiteten wir die Gruppenregeln, als Grundlage dafür dass wir uns alle in der Gruppe ‚sicher und frei’ fühlen könnten. Das ist etwas, was die Mehrheit von uns im ganzen bisherigen Leben nicht erfahren konnte.

Trauma und Selbsthilfe

Auf ungewöhnliche und interessante Weise brachte uns dann Gabriele Müller, unsere Gruppenleiterin, das Thema ‚Trauma’ nahe. Wir erfuhren, was ein traumatisches Ereignis ist, was es in uns bewirkt, was typische Symptome sind und was hilfreich ist bzw. die traumatische Reaktion noch verstärken kann.

Ich hörte die Erklärungen bereits zum dritten Mal und dennoch erlebte ich das Thema wieder anders. Jedes Mal erweitert sich mein Verständnis von Trauma. Zu Anfang war ich noch so sehr mit meinen persönlichen Prozessen beschäftigt, dass ich nur das hören und aufnehmen konnte, was mir am notwendigsten war. Diesmal konnte ich mich sehr gut auf das Thema einlassen und es vertiefen.

Während des ersten Seminars lernten wir auch die Imaginationsübung ‚Rucksack’ kennen, die hilfreich ist, sich bewusst zu werden, was wir an belastenden Themen bzw. Problemen mit uns ‚herumschleppen’ und ob wir einen Teil davon evtl. zur Seite packen könnten, oder ob wir uns vielleicht mit Problemen belasten, die überhaupt nicht unsere sind. Für das ‚Zur Seite packen’ konnten wir die Technik ‚Safe’ nutzen, die wir anschließend ausprobierten. Auch die Technik ‚Album schöner Bilder’ erarbeiteten wir als Möglichkeit des ‚Umschaltens’, wenn uns traumatische Bilder und Gefühle überfluten.

Diese Techniken und Übungen kenne und nutze ich schon lange. Sie waren für mich sehr hilfreich in der Zeit, als meine Traumata aus dem Krieg mich noch vollkommen beherrschten. Aber auch heute noch nutze ich sie, wenn ich eine Krise herannahen spüre. Das Wichtigste ist zu lernen, den Beginn der Krise zu erkennen, und dann nach dem Auslöser bzw. der Ursache zu suchen ... und das Gestern vom Heute zu trennen.

Auch viele der anderen Gruppenmitglieder erkannten, dass sie - spontan und ohne sich dessen bewusst zu sein - in schwierigen Situationen manche dieser Techniken genutzt hatten. Dies empfanden sie als ermutigend. Es gab ihnen den Glauben an die eigene Kompetenz ein Stück zurück.

Arbeit mit Symbolen

Auch das zweite Seminar war dem Thema ‚Selbsthilfe / Selbstberuhigung’ und der Kontrolle von Traumasymptomen gewidmet. Durch die Arbeit mit Symbolen erlernten wir die Technik des/der ‚Inneren Beobachters / Beobachterin’, die sehr hilfreich ist, um in kritischen Situationen einen Überblick zu gewinnen und sich selbst zu beruhigen und wieder handlungsfähig zu werden. Gleichzeitig konnten wir uns durch diese Übung unserer ‚Kraftquellen und Ressourcen’ bewusst werden.

Die Arbeit mit Symbolen (Steine, Muscheln, Glasmurmeln, Ansichtskarten oder ähnliches) bringt einen unwillkürlich dazu, über das eigene alltägliche Leben nachzudenken und es von einem neuen Blickwinkel aus zu sehen.

Das Gefühl von Sicherheit der TeilnehmerInnen und die Akzeptanz dieser Methode werden besonders dadurch gefördert, dass jedes Gruppenmitglied selbst bestimmen kann, in welchem Maß es seine Erfahrungen während einer Übung mit der Gruppe teilen möchte. Diese Entscheidungsfreiheit ist von außerordentlicher Bedeutung und steht in großem Gegensatz zur psychiatrischen Behandlung, wie sie die meisten bisher erlebt haben: Die übliche paternalistische Arzt-Patient-Beziehung empfinden die Betroffenen als verletzend. Sie verstärkt ihr Gefühl von Ohnmacht.

Wachsendes Vertrauen

In der Gruppenarbeit war auch immer Raum für aktuelle Probleme der Teilnehmer. Es gab sehr schreckliche Geschichten. Manchmal erschien es mir fast unerträglich, welche Ungerechtigkeiten und welche Notlagen Menschen durchstehen müssen, die für das Überleben dieser Stadt gekämpft haben und dabei ihre Gesundheit und fast ihr Leben verloren haben.

Nach solchen schweren Themen gab uns unsere Gruppenleiterin die Möglichkeit zur Entlastung - mit Bewegungs- und Imaginationsübungen wie der ‚Wasserfall’ oder mit Übungen, in denen wir Gefühle körperlich ausdrücken konnten.

Gegen Ende des zweiten Seminars konnte ich spüren, wie gut wir uns als Gruppe schon verbunden hatten, wie sehr das Vertrauen untereinander gewachsen war: Wir teilten Erfahrungen miteinander, die wir noch nie jemandem zuvor erzählt hatten.

Besonders eindrucksvoll war auch die Übung ‚Mein innerer sichere Ort’ - eine Übung zur Selbstberuhigung und Verstärkung innerer Ressourcen. Wir erlebten zuerst unseren ‚Sicheren Ort’ in der Imagination, zeichneten ihn dann und hatten schließlich Gelegenheit, ihn auf der Psychodramabühne darzustellen. Alle Gruppenmitglieder nutzten diese Gelegenheit. Bei der Darstellung jeder Szene wirkte die ganze Gruppe in den verschiedenen Rollen mit. Diese Erfahrung verband uns als Gruppe noch tiefer.

Psychodramatische Skulptur ‚Mein sicherer Ort’
Psychodramatische Skulptur ‚Mein sicherer Ort’

Beziehungen

Großes Interesse bei allen Gruppenmitgliedern weckte auch das Thema ‚Beziehungen’, das wir durch die Übung ‚Mein Soziales Atom’ erarbeiteten. Diese Übung ermöglichte uns eine ‚Bestandsaufnahme’ unserer aktuellen Beziehungen. Wir erkannten, wie sehr sich unsere Traumatisierung und die damit verbundene psychische Verfassung auf unsere Beziehungen in der Familie, auf der Arbeit und allgemein auswirken.

Wenn ich mich erinnere, wie mein ‚Soziales Atom’ heute aussieht im Vergleich zu dem von vor fünf Jahren, als ich diese Übung zum ersten Mal machte, dann scheint es mir, dass ich aus einer ‚Welt der Armut’ in eine ‚Welt des Reichtums’ gewechselt bin. Die Mehrzahl meiner heutigen Beziehungen hatte ich auch damals, aber ich war mir dessen nicht bewusst. Wenn du schwer traumatisiert bist, ist deine Wahrnehmung massiv eingeschränkt: Du siehst weder, was dich unterstützt noch was dich belastet - du erlebst die Welt nur als unkontrollierbares Chaos.

Kommunikation

Eines der für mich wichtigsten Themen war ‚Kommunikation’. Besonders haben sich für mich die Szenen eingeprägt, die wir zu diesem Thema gespielt haben: Wie deine Kommunikation ist - so sind deine Beziehungen. Je mehr ich mir über die Bedeutung der Kommunikation bewusst bin, desto mehr bemühe ich mich, meine eigenen Schwächen zu überwinden: Die ‚Du-Form’, Vorwürfe und Verallgemeinerungen zu vermeiden und stattdessen von mir zu sprechen und von meinen Gefühlen und Bedürfnissen - und auch der anderen Person wirklich zuzuhören. Es gelingt mir immer besser, auf wertschätzende Weise meine Bedürfnisse und Grenzen zu vertreten. Wenn ich früher sofort aufgebraust bin, nutze ich nun meine Energie, um nachzudenken und eine angemessene Reaktion zu finden.

Emotionen

Ein anderes wichtiges Thema war für mich ‚Emotionen’. In der Übung ‚Landkarte der Emotionen’ hat jedes Gruppenmitglied für sich in ein Körperschema in verschiedenen Farben die unterschiedlichen Emotionen Angst, Wut, Trauer und Freude eingezeichnet - auf die Weise, wie er / sie diese Emotion in den entsprechenden Situationen spürt. Wir haben uns bewusst gemacht, was in uns das jeweilige Gefühl auslöst, wie wir damit umgehen und ob wir bzgl. dieses Umgangs etwas verändern möchten. Wir sind uns darüber klar geworden, was wir im Umgang mit unseren Gefühlen verändern wollen. Die theoretischen Erklärungen unserer Therapeutin haben uns geholfen, denn Sinn unserer Emotionen in spezifischen Situationen zu verstehen und zu realisieren, dass es keine negativen Emotionen gibt, aber dass es darauf ankommt, wie wir mit ihnen und der auslösenden Situation umgehen.

Umgang mit Konflikten

Das nächste Thema war ‚Konflikt’. Was bedeutet ‚Konflikt’? Was sind die Ursachen? Was sollte man über Konflikte wissen? Auf welcher Ebene kann sich ein Konflikt abspielen? Welcher Umgang mit Konflikten wirkt destruktiv - Welcher konstruktiv? Sowohl mit Symbolen als auch durch Szenen erarbeiteten wir unsere Mechanismen und typischen Verhaltensweisen in Konflikten und probierten neue Möglichkeiten des Umgangs mit Konflikten aus. Besonders die Szenen, in denen wir konkrete Situationen aus dem Alltag spielten, zeigten uns sehr gut, mit welchen Reaktionsweisen wir den Konflikt noch verschärfen oder überhaupt einen Konflikt auslösen können, oder aber, wie sich ein Konflikt - bei gegenseitiger Wertschätzung und der Bereitschaft, sich zuzuhören, zur beiderseitigen Zufriedenheit lösen lässt.

Auf diese Weise kann die konstruktive Austragung eines Konflikts sogar zu einer Verbesserung der Beziehung zwischen den beiden Personen führen.

Das Thema Konflikt rührte an das Thema ‚Transfer-Emotionen’, da die emotionale Massivität vieler Konflikte mit Projektionen zusammenhängen; d.h. der / die aktuelle Konfliktpartner/in oder die aktuelle Situation erinnert uns unbewusst an eine unverarbeitete Erfahrung aus der Vergangenheit: z.B. die Kollegin, von der wir uns ständig angegriffen fühlen, an die Schwester, mit der wir eine sehr schwierige Beziehung hatten. Da wir uns dieser Übertragung nicht bewusst sind, reagieren wir in der aktuellen Situation unangemessen und verschärfen dadurch den Konflikt.

Transfer-Emotionen und innere Anteile

Im nächsten Seminar gab uns unsere Leiterin daher eine Einführung in das Thema ‚Transfer-Emotionen’ und ‚Ego-States’ (d.h. verschiedene innere Anteile, bei denen man ‚unterstützende’, ‚destruktive’ und ‚verletzte’ Anteile unterscheiden kann). Obwohl die meisten von uns davon noch nie gehört hatten, fanden wir dieses Konzept sehr spannend. Es half uns, unsere Reaktionen in bestimmten Situationen besser zu verstehen.

Durch die Arbeit mit verschiedenen inneren Anteilen (z.B. dem verletzten Kind, das ich in einer bestimmten Situation war; der inneren weisen Gestalt; oder dem ‚inneren Kritiker’ oder ‚Antreiber’) erhielten wir eine wirkungsvolle Möglichkeit, in bestimmten Situationen den Auslöser für massive Transfer-Emotionen zu erkennen und den damit verbundenen ‚inneren Anteil’ zu beruhigen.

Szene zum Thema ‚Kommunikationen’
Szene zum Thema ‚Kommunikationen’

Was Kinder brauchen

Die Themen unseres letzten Seminars waren ‚Die Entwicklung des Kindes’, ‚Was Kinder brauchen’ und ‚Erziehungsstile’. Auch diese Themen erarbeiteten wir sowohl durch Selbsterfahrungsübungen, Gruppengespräche, theoretische Erklärungen unserer Leiterin, als auch durch Szenen auf der Psychodrama-Bühne. Es wurde deutlich, wie sehr wir alle vom traditionellen autoritären Erziehungsstil geprägt sind, aber auch, dass sich jeder auf seine Art bemüht, seine Kinder zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Allerdings gilt die Bestrafung noch immer als wirkungsvollstes Erziehungsmittel. Die Arbeit an diesem Thema hat uns allen geholfen, das Kind, das wir einmal waren, besser zu verstehen. Dadurch bekamen wir einen neuen Blickwinkel auf das Verhalten unserer Kinder heute. Die theoretischen Erklärungen halfen uns zu verstehen, was Kinder benötigen, um sich zu gesunden selbstbewussten und verantwortungsvollen Menschen zu entwickeln.

Veränderungen

Jedes Thema, über das ich hier geschrieben habe, hat eine Spur in meinem Leben hinterlassen - verbunden in einem vollkommenen Kreis. Jede Gruppe, an der ich bisher teilgenommen habe, war eine Welt für sich, die auf mich gewirkt hat. Früher haben oft andere bestimmt, was für mich gut sei. Und es gab Zeiten, in denen ich nicht einmal eine Ahnung hatte, was ich selbst wollte. Jetzt nehme ich selbst wahr, was ich brauche und vertrete das auch.

Die Arbeit mit Symbolen hat am deutlichsten gezeigt, wie sehr sich von einem Seminar zum nächsten meine Lebensressourcen verändert haben. Einst wählte ich dunkle Steine mit vielen Löchern und Narben. So war auch mein Leben - voller Löcher und Leere; glatt und glänzend war nur das Bild, das ich gegenüber der Welt zeigte. Heute sind diese Löcher ausgefüllt, die Farben sind zart aber intensiv. Ich weiß, dass mein Leben nie mehr sein wird wie vor dem Krieg; doch jetzt erlebe ich mein Leben voller Qualität und Verständnis.

Nun, am Ende dieser Seminarreihe, spüre ich, wie viel mehr Kapazität ich wieder für andere habe - nach einer langen Periode, in der ich meine Energie für mich selbst und für den Prozess meiner Heilung gebraucht habe. Ich denke sehr viel über die Beziehungen zwischen den Menschen in meiner Umgebung nach und ich merke, dass ich besser begreife, warum die Beziehungen sind wie sie sind. Es scheint mir, dass all das, was ich durch die Arbeit an mir selbst erarbeitet habe, mir nun hilft, meinen Blickwinkel zu erweitern und andere besser zu begreifen.

... die andere Seite anhören können ...

Heute hat mich jemand gefragt, inwiefern man psychotherapeutische Arbeit als Friedensarbeit charakterisieren kann. Im ersten Moment scheint das schwierig zu erklären. Meine Antwort war einfach. Alles, was wir für uns selbst erarbeitet haben, wirkt auch auf die Menschen in unserer Umgebung - und so weitet sich der Kreis.

Die Mauer, die hier zwischen Serben und Bosniaken gewachsen ist, hat weder die eine noch die andere Seite gezielt gebaut - aber all das Schreckliche, was geschehen ist, hat aus Freunden Bekannte werden lassen - oder eben sogar Feinde.

Diese Mauer vor mir konnte niemand anderes wegnehmen: Die eine Seite war für mich die, die uns angegriffen, auf uns geschossen hat, und das hat in mir einen tiefen Groll und eine tiefe Wut ausgelöst.

Nicht ein einziges unschuldiges Leben, das der Krieg genommen hat, konnte ich verzeihen und das ist auch noch heute so - aber es bedeutet für mich heute, dass es sich nicht nur um unschuldige muslimische Leben handelt, sondern um alle, die unschuldig gestorben sind - egal welcher Bevölkerungsgruppe sie angehören. Ich kann nicht vergessen, was geschehen ist, aber ich kann die andere Seite anhören. Wenn Menschen die andere Seite anhören, ist das bereits eine große Chance, dass wieder Vertrauen wachsen kann.

Eine solche Wende nach allem, was ein Mensch durchgemacht hat, kann weder durch Zeit noch durch Entfernung erreicht werden, sondern nur dadurch, dass du dich selbst verstehst, deine eigenen Gefühle und deine eigene Geschichte ... Und wenn Du dann auch bereit bist, die anderen wahrzunehmen, dann bekommst du die Möglichkeit, dass sich dein Denken erweitert und dass du begreifst, dass nichts im Leben verallgemeinert werden kann.

Es bedeutet eine große und unglaublich wertvolle Entscheidung für die Menschen in Gorazde und für das ganze Gemeinwesen, dass SEKA gerade hierher gekommen ist, hier an die Drina. Ich danke allen, die uns dabei unterstützt haben und ich danke besonders Gabriele, dass sie sich entschieden hat, hier mit uns zu sein und mit uns Trauer und Freude zu teilen.

Esma Drkenda

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