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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

„Wir haben ein Modell bekommen...”

Seminarreihe mit dem Beratungsteam des Autonomen Frauenzentrums in Belgrad

In den Jahren 2008 - 2011 leitete SEKA-Projektleiterin Gabriele Müller eine vierteilige Fortbildungsreihe für das Beratungsteam des Autonomen Frauenzentrums in Belgrad, Serbien. Das Thema der Fortbildungsreihe, die vier mal drei Tage umfasste, lautete: ‚Beratungsarbeit mit traumatisierten Frauen - insbesondere Überlebenden sexualisierter Gewalt - auf der Basis der Methode Psychodrama mit imaginativen und kreativen Techniken’.

Im Juli 2011 wurde die Fortbildungsreihe abgeschlossen. Zwei der Teilnehmerinnen, Lepa Mladenovic und Tijana Popivoda beschreiben für das SEKA-Journal, was die Seminare ihnen und ihren Kolleginnen bedeutet haben.

Gabriele Müller im Autonomen Frauenzentrum Belgrad

Das Autonome Frauenzentrum (AZC) ist eine feministische Organisation in Belgrad (Serbien), die sich bereits seit 18 Jahren gegen Männergewalt an Frauen engagiert. Eines der Programme des Zentrums ist das Beratungsprogramm für Frauen, die Gewalt überlebt haben. Die Mitarbeiterinnen des Beratungsteams bieten Frauen, die sexualisierte Gewalt bzw. Gewalt in der Familie erleben / erlebt haben, direkte Unterstützung und Beratung. Dafür benötigen sie selbst fachliche Fortbildungen, um den Bedürfnissen der Klientinnen gerecht werden zu können.

Wir freuen uns, dass wir Gabriele Müller für vier Seminare als Leiterin gewinnen konnten. Insgesamt nahmen 13 Beraterinnen an diesen Fortbildungen teil. Die Fortbildungen beinhalteten, neben der Vermittlung von Theorie, zu einem großen Teil Selbsterfahrung mit Psychodrama, imaginativen und kreativen Techniken.

Wichtige Themen der Seminare waren: ‚Psychologisches Trauma / Traumasymptome’; Techniken und Übungen zur Selbstberuhigung und Stabilisierung; Arbeit an Ressourcen; Umgang mit Emotionen; Thema ‚Beziehungen’, ‚Bedürfnisse und Grenzen’ / Selbstbehauptung; Ego-States-Konzept / Arbeit mit destruktiven, hilfreichen und verletzten Ego-States.

Wir nutzen sehr gerne die Gelegenheit, hier einen kleinen Bericht über diese Seminare zu schreiben, die sowohl auf uns persönlich als auch in unserer Arbeit einen tiefen Eindruck hinterlassen und uns verändert haben.

Lepa Mladenovic mit Klientinnen im Frauenzentrum Belgrad
Lepa Mladenovic mit Klientinnen
im Frauenzentrum Belgrad

Persönliches Wachstum

In den Seminaren hatte jede Teamfrau die Möglichkeit, persönliche Themen zu bearbeiten, die meist Wurzeln in der Vergangenheit hatten. Durch die Gruppenarbeit war es möglich, dass jede ihre Themen erkannte, sich mit ihnen konfrontierte und sie ‚aus der Distanz’ betrachtete. Dies war für jede von uns eine sehr stärkende Erfahrung. Wir gewannen neue Einsichten über uns selbst - über unser Verhalten, unsere Einstellungen und unsere Gefühle. Wir haben viel über uns gelernt.

Wir erarbeiteten uns auch Fähigkeiten und Techniken, die uns im Alltag erleichtern, unsere Gefühle wahrzunehmen, zu akzeptieren - aber auch mit ihnen konstruktiv umzugehen.

Besonders wichtig ist uns aber, dass uns diese Seminare ‚zu uns selbst zurückgebracht haben’. Dies hat dazu geführt, dass wir uns selbst besser verstehen und annehmen können - was wahrscheinlich etwas vom Wertvollsten ist, was Gabriele uns ermöglicht hat.

Gleichzeitig - vor dem Hintergrund der hohen Anforderungen unserer Arbeit und der oft stressigen Arbeitsbedingungen - haben diese Seminare ermöglicht, dass wir uns vom Burn-Out erholen oder ihm vorbeugen konnten. In der Abschluss-Evaluation stellten wir alle fest, dass uns die Arbeit leichter fällt und wir uns weniger belastet fühlen.

Veränderungen in der professionellen Arbeit

Die meisten von uns haben durch Gabriele zum ersten Mal Psychodrama als psychotherapeutische Methode kennen gelernt - seine Philosophie und Praxis ‚am eigenen Leib erfahren’.

Durch die Arbeit während der Seminare haben wir zahlreiche psychodramatische Techniken kennen gelernt, die für uns zu einem Schatz in unserer Arbeit geworden sind. Wir wenden sie in der Arbeit mit Frauen an, die Gewalt überlebt haben - in Einzelberatungen, in der Notrufberatung und bei der Leitung von Selbsthilfegruppen für Überlebende von Gewalt. Ebenso setzen wir sie in Seminaren ein, die unser Team für Kolleginnen anderer Einrichtungen - oder zur Ausbildung von ehrenamtlichen Beraterinnen des Notrufs für Überlebende von Gewalt - durchführt. Wir nutzen die psychodramatische Arbeit mit Symbolen auf der ‚kleinen Bühne’ ebenso wie themenzentrierte Gruppenspiele oder Imaginationsübungen zur Stärkung und Stabilisierung.

Ein anderer wichtiger Aspekt unserer professionellen Entwicklung durch diese Seminare ist, dass wir emotional viel besser mit den schweren Themen unserer traumatisierten Klientinnen umgehen können; wir können unseren Klientinnen aufmerksam und empathisch zuhören, mit ihnen in einem authentischen Kontakt sein, aber dennoch uns selbst dabei schützen.

Tijana Popivoda auf einer filia-Konferenz in Hamburg
Tijana Popivoda auf einer filia-Konferenz in Hamburg

Veränderungen im Team

Die Seminare haben nicht nur das Wissen jeder einzelnen Teamfrau bzgl. der Beratungsarbeit mit traumatisierten Frauen vergrößert, sondern haben auch die Kenntnisse im gesamten Team vereinheitlicht. Dies wirkte sich sehr positiv auf eine Veränderung der Machtbeziehungen innerhalb des Teams aus, die immer bestehen.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass die Gruppenarbeit während der Seminare die Kommunikation zwischen uns Teamfrauen stark verbessert hat, was wir in allen Bereichen unserer Arbeit wahrnehmen konnten. Es gab z.B. auf den regelmäßigen wöchentlichen Teambesprechungen viel weniger Konflikte - und wenn sich Konflikte entwickelten, dann konnten wir sie schneller und leichter lösen; denn wir hatten schon eingespielte Systeme, wie wir mit ihnen umgehen können, und jede war sich ihrer eigenen Bedürfnisse und Grenzen aber auch ihrer Verantwortung bewusst.

Die Seminare haben uns außerdem einander näher gebracht; denn wir hatten durch sie einen kontrollierten und sicheren Raum, in dem wir sehr persönliche Themen mit einander teilen konnten. Wir hatten die Möglichkeit, uns gegenseitig offener zuzuhören und zu verstehen, woher unser Verhalten in bestimmten Situationen rührt, welche Mechanismen (aus der Vergangenheit) noch heute in der Gegenwart unser Verhalten bestimmen. Wir konnten in unserem Team einen warmen Ort der Liebe, der Sorge umeinander und der positiven Einstellung gegenüber den Kolleginnen entwickeln.

Ein Modell in unserem Leben

Durch die Arbeit mit Gabriele haben wir ein wunderbares Modell bekommen - sowohl für unsere Rolle als Therapeutin / Beraterin als auch für unsere Kommunikation mit anderen insgesamt. Sie hat uns in besonderer Weise beeindruckt und wir haben sie ins Herz geschlossen. Und mit Liebe lernt man am leichtesten. Daher fragen wir uns oft in kritischen Situationen: „Wie würde jetzt unsere Gabi reagieren?” Auf diese Weise hilft sie uns - auch wenn sie persönlich nicht da ist.

Um alles Gesagte zusammenfassen: Die Seminare mit Gabriele hatten für uns einen unschätzbaren Wert - für uns persönlich, für unsere Arbeit und für uns als Team. Sie haben für uns tief greifende Veränderungen bewirkt und einen großen Einfluss - sowohl auf unser Leben als auch auf das Leben der Frauen, mit denen wir arbeiten. Durch die Seminare haben sich unsere Haltung und unsere Beziehung zu unseren Klientinnen entscheidend verändert. Davon profitierten Hunderte von Frauen, die wir in den vier Jahren auf dem Weg zu ihrer Stärkung und Heilung begleitet haben.

Wir möchten Gabriele daher unsere Dankbarkeit ausdrücken - im eigenen Namen und im Namen unserer Klientinnen.

Für das Beraterinnen-Team des Autonomen Frauenzentrums:
Lepa Mladenovic und Tijana Popivoda

Belgrad, im September 2011

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