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SEKA Journal Nr. 22, Dezember 2011

‚Glückstage’ im Sommer 2011:

Die Durchführung des therapeutischen Erholungsaufenthalts war in diesem Jahr möglich durch einen weiteren großzügigen Zuschuss der Stiftung ‚Sternstunden - Wir helfen Kindern’ des Bayerischen Rundfunks, München, sowie durch viele private Spenden, die durch die SEKA-Kampagne 2011: „Schenken Sie Glückstage” und über die Betterplace-Spendenplattform gesammelt werden konnten.

Im Namen der Frauen und Kinder danken wir allen GeldgeberInnen und SpenderInnen sehr herzlich.

Kollegin Amela mit dem kleinen Mesud
Kollegin Amela mit dem kleinen Mesud

Zusammensetzung der Gruppe

Die Auswahl der Frauen und Kinder trafen wir - wie schon in den Jahren zuvor - in Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin und der Psychologin des Zentrums für psychische Gesundheit in Gorazde, dem Sozialarbeiter des Veteranenprojekts ‚Svjetlost Drine’ in Gorazde und mit der Sozialarbeiterin des Projekts ‚Die Familie stärken’ des SOS-Kinderdorf-Kindergartens in Gorazde, das mit Familien in Krisensituationen arbeitet. Die Gruppe setzte sich in diesem Jahr zusammen aus 9 Müttern mit 12 Kindern im Alter zwischen 8 und 16 Jahren (davon 6 Mädchen und 6 Jungen). Wir erhöhten die Gruppengröße in diesem Jahr auf 21 Personen, da sich im Erstgespräch mit einer der Mütter zeigte, dass es wichtig wäre, auch deren ältere Tochter (mit 16 Jahren eigentlich schon zu alt für die Kindergruppe) mit einzubeziehen, da diese in besonderem Maße traumatisiert war. Es zeigte sich während der Gruppenarbeit, dass diese Entscheidung richtig gewesen war, da das Mädchen sich auf die jüngeren Kinder gut einlassen konnte und sehr von der Gruppenarbeit profitierte.

Alle Familien leben unter schwersten ökonomischen Bedingungen - die meisten von ihnen noch unter dem (bosnischen) Existenzminimum. Der Kampf ums tägliche materielle Überleben prägt sehr stark ihren Alltag. Alle Mütter haben den Krieg in Bosnien überlebt und sind mehrfach traumatisiert durch Kriegserlebnisse (traumatische Verluste des Ehemanns oder anderer naher Personen; Einnahme des Dorfes, Vertreibung und Flucht, ständige Todesbedrohung; extreme Hungersnot u.ä). Zwei Frauen waren während des Krieges an der Front zur Verteidigung der Enklave Gorazde eingesetzt (eine als Hilfsschwester, die andere als aktive Kämpferin) und erlebten eine Unzahl schwerst-traumatischer Situationen. Eine weitere Frau war als humanitäre Helferin zur Versorgung von Flüchtlingen und oft schwer traumatisierten Vertriebenen eingesetzt. Durch das Leid und die Geschichten der Überlebenden wurde sie selbst zusätzlich sekundär traumatisiert. Sechs der neun Frauen erlebten auch nach dem Krieg traumatische Situationen (psychische Erkrankung und Suizid des Ehemanns; Gewalt durch den Ehemann und / oder durch die Familie des Mannes). Zwei der Frauen haben sich aufgrund massiver Gewalttätigkeit vom Ehemann getrennt. Zwei andere sind verwitwet. Die Mehrzahl der Frauen hat außerdem gesundheitliche Probleme.

Die Kinder haben - außer der ältesten, die im letzten Kriegsjahr geboren wurde - zwar den Krieg nicht mehr selbst erlebt, sind aber stark betroffen von den Traumata der Eltern. Vier der Kinder wurden außerdem selbst Opfer durch Gewalt in der Familie. Auch mehrere der Väter sind schwer kriegstraumatisiert.

Arbeit mit der Gruppe

Während des 12-tägigen Erholungsaufenthalts arbeiteten wir an 10 Tagen vormittags 4-5 Stunden (unterbrochen von zwei kurzen Pausen) in parallelen Gruppen mit Frauen und Kindern. Danach ging es nach einem Imbiss zum Strand. Außerdem gab es fast täglich weitere Aktivitäten: Strandspaziergänge, den Foto-Workshop mit den Kindern, Tanzabende, Basteln von Souvenirs mit den Kindern, die Geburtstagsfeier eines Kindes und am Ende wieder eine gemeinsame Bootsfahrt.

Themen der Gruppenarbeit:

Wie auch in den Vorjahren orientierten sich die Themen der Gruppenarbeit einerseits an den Bedürfnissen der Frauen bzw. der Kinder und andererseits am Modell traumaspezifischer Gruppenarbeit.

Wir legten den Schwerpunkt der Arbeit mit den Frauen auf die Aspekte: Erarbeitung von Sicherheit und Vertrauen in sich und andere (Kennenlernen, Gruppenregeln) und Stabilisierung (‚Arbeit an Ressourcen’, ‚Selbstachtung’, ‚Kommunikation’, ‚Beziehungen’, ‚Bedürfnisse und Grenzen / Selbstbehauptung’, ‚Gefühle’ und ‚Stressbewältigung’). Themen, die von den Teilnehmerinnen gewünscht wurden, waren: ‚Gewalt in der Familie’, ‚Trauma’ (Ursachen / Symptome / Hilfe und Selbsthilfe), ‚Kindererziehung’, ‚Umgang mit Ängsten’, ‚Umgang mit Wut’, ‚Kinder in der Pubertät’, ‚Probleme in der Ehe’, ‚Umgang mit Konflikten’ u.a.

Die Themen in der Arbeit mit den Kindern waren ähnlich. Wir arbeiteten - wie schon in den Vorjahren - an vielen der Themen (z.B. ‚Stärken und Ressourcen’, ‚Emotionen’, ‚Beziehungen’, ‚Kommunikation’ und ‚Konflikte’) parallel in beiden Gruppen - um das gegenseitige Verständnis und die Kommunikation zwischen Müttern und Kindern zu verbessern.

Frauen wie Kinder nahmen die Gruppenarbeit sehr gut an.

Neben der Gruppenarbeit suchten Frauen und Kinder häufig auch Einzelgespräche mit uns Mitarbeiterinnen.

Sommerwetter

Nachdem es in den letzten zwei Jahren während der ‚Glückstage’ tagelang in Strömen geregnet hatte, hatten wir in diesem Sommer großes Glück. An elf von zwölf Tagen herrschte richtig heißes Sommerwetter und Kinder und Mütter konnten ausgiebig baden. Nach den ersten Tagen verloren Kinder und auch Frauen mehr und mehr ihre Ängste vor dem Meer. Dabei halfen unsere erprobten Übungen und Spiele, aber auch die Neugier und der Ehrgeiz der Kinder, Schwimmen zu lernen.

Amina Vrana erklärt den Kindern die Übung
Amina Vrana erklärt den Kindern
die Übung ‚Mein Logo’

Evaluation des Erholungsaufenthalts

Um die Bedeutung des Erholungsaufenthalts für Frauen und Kinder deutlich zu machen, möchten wir einige von ihnen selbst zu Wort kommen lassen:

A. P.: „Zu Anfang hatte ich etwas Angst vor der Gruppenarbeit, ich wollte zwar gerne Neues lernen, aber ich fürchtete, etwas falsch zu machen - ich habe ja noch nie an so etwas teilgenommen. Am meisten Angst hatte ich, dass ihr (die Therapeutinnen) von mir verlangen würdet, dass ich über meine schrecklichen Erfahrungen spreche. Als ich dann gesehen habe, wie die Gruppenarbeit verläuft, da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Als wir über das Thema Gefühle gesprochen haben, hatte ich selbst das Bedürfnis über den Tod meines Mannes zu sprechen. Und ich fühlte mich danach sehr erleichtert. Ich finde es schade, dass unser Aufenthalt nun schon zu Ende geht. Ich fühle mich in dieser Gruppe sehr gut und ich möchte sehr gerne, dass wir uns in Gorazde weiter treffen... Was mir an der Gruppenarbeit am meisten bedeutet hat, das waren die Gruppenregeln. - Ich bin mir ganz sicher, dass keine von uns etwas aus der Gruppe heraus tragen wird. Dadurch habe ich Vertrauen gewinnen können.... Und die Übung ‚Unsere Kraftquellen’ war mir sehr wichtig. Ich werde nie meine Szene auf der Bühne vergessen! Ich bin mir dadurch bewusst geworden, wie stark ich trotz allem bin und was mir im Leben wirklich wichtig ist. Ich danke allen von Herzen, die mir und meinen Töchtern diese wunderbare Erholung ermöglicht haben: Kuca SEKA und allen Menschen in Deutschland, die dafür Geld gegeben haben!”

M. B.: „Ich war überglücklich, mit meiner Tochter ans Meer zu fahren. Die Gruppenarbeit hat mich interessiert, aber ich hatte auch Ängste, was da geschehen würde und ob die anderen Frauen mich akzeptieren würden. Doch dann fand ich es wunderbar. Ich hab mich noch nie in einer Gruppe von Menschen so gut gefühlt. Ich habe seit dem Krieg große Ängste und Probleme. Deswegen hatte ich mich sehr zurückgezogen. Aber hier habe ich gelernt, über mich zu sprechen. Weil mich niemand bedrängt hat. Ich habe sogar einige meiner schwersten Erfahrungen mit euch geteilt. Ich danke euch allen für eure Geduld und Unterstützung und unseren Therapeutinnen für ihre Wärme und ihr Verständnis!”

M. K.: „Ich bin sehr froh, dass ich mit meiner Tochter hier teilnehmen konnte! Im Krieg habe ich ein Meer schrecklicher Erfahrungen erlebt. Aber auch die Nachkriegszeit ist nicht einfach. Hier konnte ich mein Herz öffnen. Durch die Übung ‚Soziales Atom’ und eure Vorträge zum Thema ‚Gewalt’ habe ich einige bitteren Erkenntnisse über meine Ehe gewonnen. Das war nicht leicht, aber es gibt mir Klarheit, was ich tun will - für mich und meine Kinder. Ich möchte auf jeden Fall weiter ins SEKA-Haus kommen. Ich wünsche mir, dass wir da als Gruppe weiter arbeiten können.”

A. S.: „Ich danke euch für alles, was meine Tochter und ich hier erleben durften. Soviel Liebe, Fürsorge, Verständnis und Unterstützung! Es ist für mich ein großes Geschenk. Unsere Gruppenarbeit hat mir sehr geholfen in vielerlei Hinsicht. Ich habe mich selbst besser kennengelernt und meine Stärken und Fähigkeiten erkannt. Das gibt mir neues Selbstvertrauen. Die Übungen ‚Kraftquellen’ und ‚Soziales Atom’ haben mir die Augen geöffnet. Ich habe erkannt, auf wen ich mich verlassen kann, welche Menschen mir wichtig sind und welche Beziehungen ich verändern möchte. Ich bin mir bewusst geworden, wie wichtig mir meine Kinder sind und wieviel Energie sie mir geben. Ich bin sehr interessiert, auch in Gorazde weiter zu solchen Gruppenstunden zu kommen.”

I. M.: „Nie in meinem Leben habe ich mich schöner gefühlt als hier mit euch in dieser Gruppe! Ich bin aus tiefstem Herzen dankbar, dass Kuca SEKA meinen drei Kindern und mir eine so wunderbare Erfahrung ermöglicht hat. Ich danke allen, besonders den Geldgebern in Deutschland für ihre Hilfe. Ich liebe meine Kinder, aber es gibt auch Probleme, vor allem mit dem Ältesten. Es hat mir sehr viel geholfen, dass ich hier offen darüber sprechen konnte. Ich habe hier einige meiner Fehler erkannt. Es war mir wichtig, eure Erfahrungen zu hören, und ganz besonders haben mir die Themen Kommunikation und Kindererziehung genutzt, über die unsere Leiterinnen gesprochen haben. Ich bin mir sicher, dass sich die Beziehung zu meinen Kindern positiv verändern wird.”

Partnerübung zum Thema ‚Kommunikationen’
Partnerübung zum Thema ‚Kommunikationen’

E., 9 Jahre: „Mir hat hier alles gefallen, unsere Zimmer, das Meer, die Abende; am Schönsten fand ich aber unsere Gruppenstunden hier. Es ist toll, dass wir uns so gut verstanden haben und wir haben uns gut an unsere Regeln gehalten. Wenn es solche Regeln nur auch in der Schule gäbe! Es war mir alles wichtig. Ich habe ganz viel gelernt. Besonders darüber, wie wir besser zuhören und miteinander reden können und über unsere Gefühle. Schön fand ich auch die Übung mit dem ‚Sicheren Ort’. Ich möchte auch in Gorazde gern zu solchen Gruppenstunden kommen!”

A., 12 Jahre: „Diese zwölf Tage haben mir viel bedeutet. Ich finde es schön, dass wir uns kennengelernt haben. Ich fand es auch am Strand schön, aber zu Anfang hatte ich etwas Angst vorm Meer und vor Haifischen oder anderem Getier. Aber es war alles o.k. und jetzt liebe ich das Meer. Unsere Gruppenstunden haben mir viel bedeutet. Ich wusste nicht, wie das sein würde. Amina und Amela haben jede Stunde wirklich toll vorbereitet. Die Themen waren interessant und abwechslungsreich. Besonders wichtig fand ich das Thema ‚Emotionen’ und auch ‚Kommunikation’. Es hat mir geholfen, vieles besser zu verstehen. Ich werde das sicher anwenden. Ich danke allen, die uns diese Tage ermöglicht haben.”

H., 13 Jahre: „Hier das war richtig super! Es hat mir sehr gefallen. Natürlich das Meer und der Strand, aber das Wichtigste war mir unsere Gruppe hier. Ich hab mich hier richtig gut gefühlt! Das wichtigste Thema waren für mich Gefühle, besonders Wut. Ich hab besser verstanden, was da bei mir abläuft. Und ich glaube, ich kann das jetzt besser kontrollieren. Ich hab auch verstanden, wie wichtig es ist, richtig miteinander zu reden und auch den anderen zuzuhören.”

S., 8 Jahre: „Hier ist es so schön! Am liebsten würde ich hier bleiben. Ich hatte noch nie so ein schönes Zimmer. Es war auch toll, dass wir alle einen Fotoapparat bekommen haben und fotografieren konnten. Und die Bootsfahrt, das Meer. Mir haben auch die Spiele hier gefallen. Und die Übungen - zum Beispiel der ‚Sichere Ort’. Es war oft lustig. Auch meine Mama war froh und musste sich keine Sorgen machen. Ich möchte sehr gerne wiederkommen! Danke, dass ihr mich und meine Mama eingeladen habt!”

E., 16 Jahre: „Die Zeit hier hat mir sehr geholfen - besonders unsere Gruppenstunden. Ich fühle mich jetzt ruhiger und zufriedener. Ich kann mich selber besser akzeptieren und auch andere besser verstehen. Ich verstehe auch meine Mutter mehr. Ich glaube, wir werden in Zukunft besser miteinander zurechtkommen. Ich bin froh, dass ich euch, Amina und Amela kennengelernt habe. Danke für unsere Gespräche. Und ich danke den Menschen in Deutschland, die Geld gegeben haben, damit wir hier 12 Tage verbringen können.”

Zur Veranschaulichung der Arbeit während des Erholungsaufenthalts beschreiben wir im Anschluß ein konkretes Beispiel der parallelen Arbeit mit einer der Frauen und ihrem Sohn.

Amina Vrana, Nurka Babovic und Gabriele Müller

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