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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

Das Leid anerkennen und loslassen

Traumatherapie mit Psychodrama

Erklärungen von Therapeutin Nurka Babovic zum Thema ‚Trauma und Traumafolgen’
Erklärungen von Therapeutin Nurka Babovic zum Thema ‚Trauma und Traumafolgen’

Der erste Kontakt zu Sara V. (Name geändert) war telefonisch. Sie wandte sich vor knapp vier Jahren an mich in einer tiefen Krise, die unter anderem durch eine bevorstehende notwendige, aber riskante Operation ausgelöst worden war. Sara lebt in einem Dorf, weit entfernt von jeder Möglichkeit zu psychologischer Hilfe. Die einzige Möglichkeit war vorerst der Telefonkontakt. Ich war mir der Schwierigkeit bewusst, über Telefon mit einer Frau zu arbeiten, die ich noch nie gesehen hatte und die in einer tiefen Krise steckte. Da es aber niemanden in ihrer Nähe gab, an die/den ich sie hätte verweisen können und sie betonte, dass ihr schon der Telefonkontakt viel bedeutete, beschlossen wir, es vorerst telefonisch zu versuchen - mit der Aussicht, dass sie später (nach ihrer Operation) auch zu mehrtägigen Therapieblocks ins SEKA-Haus kommen könnte.

Krisenintervention

Im ersten Telefonat wurde deutlich, das Saras aktuelle Lebenssituation sehr schwierig war (Existenzprobleme, chronische Krankheiten und Schmerzen, Schwierigkeiten in ihrer Ehe). Die Angst vor der nötigen Operation hatte darüber hinaus starke intrusive Symptome (Überflutung mit Bildern, Erinnerungen) ausgelöst, die mit traumatischen Erfahrungen in ihrer Kindheit zusammenhingen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie auch suizidale Gedanken.

Den ersten und die folgenden jeweils einstündigen Telefontermine arbeiteten wir an ihrer Stabilisierung. Ich erklärte ihr kurz, auf welche Weise ich arbeitete (humanistische Psychologie, Psychodrama, imaginative Techniken und warum diese hilfreich sein können). Ich gab ihr einige Informationen zu Trauma, die ihr halfen, den Sinn ihrer Symptome zu verstehen und vermittelte ihr Techniken zur - wenigstens vorübergehenden - Kontrolle der intrusiven Symptome: so z.B. die Technik ‚Tresor’ (um die schrecklichen Bilder ‚wegzupacken’) und die Technik ‚Umschalten’, bzw. das ‚Album schöner Bilder’ (um ihre Gedanken auf angenehme Erinnerungen oder Bilder zu lenken und sich so zu beruhigen). Wir sprachen auch über die realen Gefahren während der Operation und über ihre Möglichkeiten, sich so gut wie möglich darauf vorzubereiten. Nach unserem ersten Gespräch fühlte Sara ein Stück Erleichterung und Zuversicht, "dass ich doch nicht völlig verloren bin".

Die Technik ‚Umschalten’ gelang Sara bald recht gut - sie konnte zumindest für kurze Zeit an etwas anderes denken und sich etwas entspannen. Mit der Technik ‚Tresor’ kam sie allerdings nicht so gut zurecht. "Wenn ich die schrecklichen Erinnerungen in den Tresor schließe, dann sperre ich ja auch das kleine Mädchen dort ein. Aber das kann ich ihr nicht antun!"

Das Ego-States-Konzept

Dies gab mir Gelegenheit, das Ego-States-Konzept einzuführen. Ich erklärte Sara, dass all unsere Erfahrungen, die schönen wie die unangenehmen noch in uns ‚leben’. "Wir können uns das so vorstellen, als ob all die Personen, die wir im Leben einmal waren, noch irgendwo in uns lebten. Besonders wenn wir sehr schmerzhafte (traumatische) Situationen erlebt haben, die wir nicht wirklich bewältigen konnten, dann ist es, als ob die Person aus dieser Situation noch immer darauf wartet, dass wieder so etwas geschieht. Wenn uns dann irgendetwas an die ursprüngliche Situation erinnert (ein Geräusch, ein Geruch, ein Bild oder auch ein Gefühl), dann ist es als ob die Person aus der Vergangenheit erwacht und an Stelle von uns als heutiger Person reagiert. Ihre Gefühle, die mit der Vergangenheit zusammenhängen, überfluten und überwältigen uns und lassen uns oft panisch reagieren."

Sara erkannte sich in dieser Beschreibung wieder. Ich erklärte ihr, dass uns diese Vorstellung aber auch die Möglichkeit gibt, damit zu arbeiten. "Je mehr ich mir bewusst mache, dass ich erwachsen und in vielen Situationen meines Lebens kompetent bin, desto besser kann ich dieser Person aus der Vergangenheit helfen und sie beruhigen."

Sich selbst beruhigen

Wir erarbeiteten nun, in welchen Situationen Sara sich als kompetent erlebte: in der Rolle als Lehrerin, die die Kinder aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen verstehen und außerordentlich motivieren konnte. Da sie schon seit Jahren arbeitslos war und sie sich gerade deswegen oft so wertlos und hilflos fühlte, erklärte ich ihr, dass all die Fähigkeiten und Qualitäten, die sie sich einmal erarbeitet hatte, weiter in ihr leben - also auch ihre Kompetenz und die Fähigkeiten als Lehrerin.

In der Imaginationsübung ‚Mein innerer sicherer Ort’ erinnerte sich Sara an ihr Klassenzimmer als Lehrerin. Sie erlebte diesen Ort - mit ihren SchülerInnen - als sicherst möglichen Ort. Wir nutzten diese Übung, um ihr zu helfen, ihre eigene Kompetenz und ihre Stärken und Fähigkeiten wieder zu spüren. Dies ermöglichte ihr dann - aus der Position einer kompetenten und verständnisvollen Erwachsenen - sich auch einen ‚sicheren Ort’ für die ‚verängstigte, verletzte fünfjährige Sara’ vorzustellen und ‚die Kleine’ dort in Sicherheit zu bringen. Sara wählte einen Ort "auf einer Lichtung im Wald und eine wilde Katze, die ‚die Kleine’ beschützt".

Als weitere Möglichkeit, Panikgefühle zu unterbrechen, erklärte ich Sara die Technik der ‚inneren Beobachterin’. Sich vorzustellen, als ob sie von weitem und von oben auf sich selbst und ihre gegenwärtige Situation blicke, half ihr, mehr Distanz und Überblick zu gewinnen und sich selbst und ihre aktuellen Probleme rational zu betrachten. Wichtig ist es dabei, sich ‚mit verständnisvollen Augen’ zu betrachten und nicht mit einer negativen bzw. überkritischen Haltung.

Zur Vorbereitung auf die Operation führten wir schließlich noch die Imaginationsübung ‚Lichtkreis’ durch, die eine stärkende und beruhigende Wirkung hat. Sara wiederholte sie in den Tagen vor der Operation immer wieder und auch direkt vor dem Eingriff und erzählte mir hinterher: "Ich konnte gar nicht glauben, wie ruhig und gelassen ich in diese Operation ging. Die anderen Patientinnen in meinem Zimmer erzählten die fürchterlichsten Geschichten. Früher hätte mich das völlig verrückt gemacht und meine Angst noch gesteigert. Ich wundere mich selbst, aber ich habe einfach abgeschaltet, ihnen nicht zugehört und meine Übung gemacht." Die Operation verlief mit Komplikationen und Sara hatte danach große Schmerzen, aber nach einigen Tagen ging es ihr besser. Die Tatsache, dass sie sich so gut auf die Operation vorbereitete hatte und sie schließlich erfolgreich hinter sich gebracht hatte, gab Sara neue Zuversicht.

Reflektion zum Thema ‚Bedürfnisse und Grenzen’
Reflektion zum Thema ‚Bedürfnisse und Grenzen’

Therapieziele

Fünf Wochen nach ihrer Genesung und zweieinhalb Monate nach unserem ersten Telefonat reiste Sara Ende November 2006 mit Bus und Fähre ca. 270 km ins SEKA-Haus (damals noch auf der Adria-Insel Brac) für unseren ersten fünftägigen Block Einzeltherapie - unserer ersten persönlichen Begegnung. Wir arbeiteten täglich 2 - 2½ Stunden. Zu Anfang sprachen wir noch einmal über den therapeutischen Prozess und unsere Rollen darin, sowie über die Philosophie des Psychodramas, die von Selbstheilungskräften in jedem Menschen ausgeht. Wir definierten Saras Ziele, die sie durch die Therapie erreichen wollte. Sara formulierte das so: "Ich möchte lernen, meine Emotionen zu kontrollieren, dass ich nicht mehr ständig in einem Gefühlschaos lebe. Ich möchte mich von den Bildern der Vergangenheit, die mich fast täglich quälen, befreien. Ich möchte meine Schuldgefühle loswerden. - Ich fühle mich an allem und jedem schuld, schuld dass ich überhaupt auf der Welt bin ... Ich möchte meine Wut und mein Bedürfnis, die Menschen in meiner Nähe zu kontrollieren, verlieren. Und ich möchte mich vom Komplex meines Aussehens und meiner Behinderung befreien, möchte mich so annehmen können, wie ich bin. Ich weiß nicht, ob das überhaupt möglich ist ..."

Eine Kette von Gewalt

Dann erzählt mir Sara ihre Geschichte. Ihr Leben stellte sich dar als eine Kette massiver physischer und psychischer Gewalt - besonders von seiten des Vaters und eines Bruders, die das Mädchen bis ins Erwachsenenalter brutal misshandelten.

Eine zentrale Rolle spielte dabei ihre Krankheit: Sara erkrankte im Alter von fünf Jahren an einer sehr seltenen Wucherung und Verknöcherung eines Kiefergelenks, was dazu führte, dass sie innerhalb einiger Monate den Mund praktisch nicht mehr öffnen konnte. Nahrung konnte sie nur in flüssiger Form durch einen Strohhalm aufnehmen; zu sprechen war ihr kaum mehr möglich.

Ihre Familie konnte mit ihrer Krankheit nicht umgehen. Sie erlebten die Krankheit des Kindes als ‚Schande’ oder ‚Strafe Gottes’. Im Laufe ihrer Kindheit und Jugend musste sich Sara zahlreichen Operationen unterziehen, die jedoch keinen langfristigen Erfolg hatten.

Anstatt Mitgefühl, Fürsorge und Unterstützung erfuhr Sara nicht nur, dass sie von ihrer Familie mit ihren Schmerzen und ihrer Behinderung allein gelassen wurde, sondern auch noch, dass sie dafür vom Vater und Bruder misshandelt wurde. Die Mutter konnte ihr nicht helfen; sie war selbst der Aggression ihres Mannes ausgesetzt. Von der Dorfbevölkerung und ihren MitschülerInnen wurde das Mädchen verspottet und verletzt. Die einzigen Personen, die Sara unterstützten, waren der älteste Bruder (der dies heimlich tun musste) und eine Tante, bei der Sara für einige Zeit wohnen durfte.

Die tagtäglichen Verletzungen hinterließen tiefe Spuren in Saras Seele: Sie begann zu glauben, dass sie an allem schuld und ihre Krankheit eine Strafe sei; dass sie daher all die Misshandlungen verdient habe. Sie begann sich und vor allem ihren kranken Körper zu hassen. Dies verstärkte sich noch in der Pubertät, als ihr Bruder begann, sie systematisch mit sexualisierten, obszönen Schimpfworten zu demütigen. Als kleines Mädchen war sie heimliche Zeugin der Vergewaltigung eines Nachbarmädchens durch diesen (viel älteren) Bruder geworden. Diese Erinnerung (die sie erst später als Vergewaltigung begriff) in Verbindung mit den sexualisierten Beschimpfungen des Bruders löste in ihr eine panische Angst vor sexuellen Übergriffen durch den Bruder aus und gleichzeitig Angst und Abwehr gegenüber ihrer eigenen erwachenden Sexualität und ihrem sich entwickelnden weiblichen Körper.

Trotz allem -
Lebenswille und Widerstand

Neben all dem existierte in Sara aber auch ein durch nichts zu brechender Wunsch nach Leben, nach Lernen, Wachsen, nach Liebe und Glück. Mit unglaublicher Kraft und Hartnäckigkeit erkämpfte sie - das von allen auch als geistig behindert angesehene Mädchen - sich das Recht, zur Grundschule zu gehen. Nachdem die Lehrerin in der ersten und zweiten Klasse sie ignorierte oder mit Verachtung behandelte, erkannte endlich ihr Lehrer in der 3. und 4. Klasse ihre Intelligenz und begann, sie zu fördern. Obwohl sie wegen der zahlreichen Krankenhausaufenthalte häufig für längere Zeit in der Schule fehlte, bewältigte sie den Stoff und war eine glänzende Schülerin - in der Grundschule und dann auch in der weiterführenden Schule, deren Besuch sie sich mit Unterstützung ihrer Tante erkämpfte.

Das Lernen, die Schule und ihr Ziel, einmal - allen Widerständen zum Trotz - zu studieren, waren in all diesen Jahren ihre Ressourcen und wie ein Bollwerk gegen die Schmerzen, die Verletzungen und Quälereien, die sie täglich erduldete. Doch dieses Ziel rückte wieder in weite Ferne, als Sara, nachdem sie die Schule mit hervorragenden Noten abgeschlossen hatte, bei einem Unfall schwer am Rücken verletzt wurde. Obwohl die Ärzte ihr sagten, dass sie gelähmt bleiben würde und ihre Familie sie zu fremden Leuten in Pflege abschob, schaffte sie es durch unermüdliches Üben, innerhalb von zwei Jahren, wieder Gehen zu lernen. Danach entschloss sie sich zu drei weiteren schweren Operationen, in denen ihr das verwachsene Kiefergelenk völlig entfernt wurde. Dadurch war es ihr zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder möglich, den Mund zu öffnen, wieder relativ normal zu essen und endlich normal zu sprechen.

Dieser Erfolg spornte sie an, sich - gegen den Willen ihres Vaters - an der Universität zum Lehrerstudium einzuschreiben und dieses ohne jede finanzielle Unterstützung und unter schwierigsten Bedingungen dennoch mit hervorragendem Ergebnis abzuschließen. Endlich war sie selbständig und arbeitet in ihrem ersehnten Beruf.

Supervision zu traumtherapeutischen Einzelarbeit
Supervision zu traumtherapeutischen Einzelarbeit

Neue Schicksalsschläge

Nach einigen Jahren erkrankten allerdings die Eltern schwer. Sara musste - als einzige Tochter - ihren Beruf aufgeben, um ins Elternhaus zurückzukehren und die Eltern zu pflegen. Deren Tod warf sie erneut in eine tiefe Krise. Zuviel Unerledigtes - Unausgesprochenes - zu viele offene Wunden in ihrer Beziehung zu den Eltern waren geblieben. Dann kam der Krieg. Diese Situation mobilisierte in Sara all ihre erprobten Überlebensmechanismen: Mit Hunger und Todesbedrohung kannte sie sich aus. Die Möglichkeit zu sterben gab ihr sogar ein Gefühl von Freiheit, das ihr erlaubte zu heiraten, ohne ihre Brüder um Erlaubnis zu fragen.

Dann mussten sie und ihr Mann ins Ausland fliehen. Schließlich gelang es ihr dort, eine Stelle in ihrem Beruf zu bekommen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Doch nach Kriegsende wollte ihr Mann in sein Heimatdorf zurückkehren und sie folgte ihm dorthin. Wieder musste sie von Null anfangen - in einem Ort der Zerstörung - ohne Möglichkeit, Arbeit zu finden, da sie ‚zur falschen Bevölkerungsgruppe’ gehörte. Ohne ihren Beruf, für dessen Realisierung sie so viel auf sich genommen hatte und der für sie ihre Hauptressource bildete, glitt sie allmählich in eine immer tiefere Krise: Ihr Gefühl der Ohnmacht verband sich mit den traumatischen Erinnerungen aus der Vergangenheit. Sie kämpfte täglich darum, den Tag zu überstehen. Nachts hatte sie Alpträume oder wagte es nicht einzuschlafen. Sie hatte Schmerzen im ganzen Körper und erkrankte schließlich schwer. Auch von ihrer Ehe war sie enttäuscht und fühlte sich insgesamt in ihrem Leben "eingesperrt, ohne Ausweg".

Dies war die Situation, als sie sich entschloss, mich um Hilfe zu bitten. Die erfolgreiche Operation und unsere Telefonate gaben ihr dann die Hoffnung, dass es vielleicht auch für sie Hilfe geben könnte, obwohl sie (damals) bereits 55 Jahre alt war.

Verständnis für sich selbst

All dies erzählte mir Sara in den ersten vier Tagen unserer ersten persönlichen Begegnung. Es war für sie schmerzhaft, über die erfahrene Gewalt, das Leid und die Einsamkeit ihrer Kindheit und Jugend zu sprechen, aber es war für sie auch befreiend. Zum ersten Mal in ihrem Leben vertraute sie all dies einem anderen Menschen an.

Ich hörte ihr mit Anteilnahme zu, verhinderte aber gleichzeitig, dass sie zu tief in die schmerzhaften Erinnerungen eintauchte; holte sie immer wieder in die Gegenwart und half ihr, Distanz zu den aufwühlenden Erlebnissen der Vergangenheit zu gewinnen.

Dabei nutzte ich die Technik der ‚Inneren Beobachterin’ in Verbindung mit dem Blick auf ihre inneren Ressourcen und auf das, was sie in ihrem Leben erreicht hatte.

Sara erkannte, wie sehr die schmerzlichen bzw. traumatischen Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend noch ihr heutiges Leben beeinflussten. Sie war fast ständig der Überflutung durch traumatische Erinnerungen, durch Bilder oder damit verbundene Gefühle ausgesetzt. Sie litt unter ständiger Anspannung, Angst und Schuldgefühlen, die sich psychosomatisch in starken Schmerzen am ganzen Körper, Druck und Schmerz auf der Brust manifestierten. Seit Jahren litt sie auch unter starkem Asthma.

Erneut gab ich Sara einige Informationen zum Thema Trauma und Traumasymptome, um ihr zu helfen, sich und ihre Reaktionen besser zu verstehen. Und ich erklärte ihr einige wichtige Aspekte des Heilungsprozesses. In den Erklärungen fand sich Sara wieder. Es erleichterte sie, dass ihre Reaktionen und Symptome einen Sinn hatten, dass sie "nicht verrückt" war. Und es gab ihr Hoffnung, dass "man daran arbeiten kann". Am letzten Tag des ersten Therapieblocks besprachen wir dann aktuelle Probleme mit ihrem Ehemann und bzgl. der Kommunikation mit ihrer Umgebung. Schließlich erarbeitete Sara für sich eine Liste mit Möglichkeiten zu Selbstberuhigung und Selbstunterstützung für Situationen, in denen sie Erinnerungen oder Gefühle überfluten, sie in Panik gerät oder sie irgendein aktuelles Erlebnis destabilisiert. Dabei griffen wir auf Saras bisherige Erfahrungen der Selbsthilfe zurück, schlossen aber auch die neu in der Therapie gelernten Techniken und Übungen mit ein.

Die ‚Saras aus der Vergangenheit’

Zwischen Januar 2007 und Oktober 2010 fanden insgesamt 90 einstündige Telefontermine statt, sowie weitere sieben dreitägige Therapieblöcke im SEKA-Haus - zuerst auf Brac, dann in Gorazde. Bis zum Sommer 2008 setzten wir die Arbeit an Saras Stabilisierung fort. Dies schloss die Arbeit an Saras Ressourcen, an ihrer Verankerung in der Gegenwart, sowie an aktuellen Themen und Problemen (Beziehungen zu den Menschen in ihrer Umgebung, Existenzprobleme, Arbeitslosigkeit, Schmerzbehandlung u.ä.) mit ein. Außerdem vermittelte ich Sara weitere Imaginations-Übungen zur Selbstberuhigung.

Durch Techniken und Übungen konnte Sara nach einigen Monaten die intrusiven Symptome gut kontrollieren. Allerdings lösten Alltagssituationen noch oft massive Gefühle in ihr aus, die sich bei genauer Analyse als Transfer-Emotionen aus der Vergangenheit herausstellen.

Wir beschäftigten uns daher einen großen Teil der Zeit mit der Identifizierung dieser Transfer-Emotionen und ihrer Zuordnung zu unterschiedlichen Ego-States und der Arbeit mit diesen Ego-States.

Sara identifizierte neben der ‚Kleinen’ (ca. 5jährigen) den 13 - 15jährigen ‚Teenager’ und die 18-20jährige ‚junge Sara’. Jede von ihnen hatte auf ihre Weise besonders gelitten und hatte gleichzeitig besondere Überlebensstrategien entwickeln müssen, die Sara in ihrem aktuellen Leben weiter anwandte und die sie nun daran hinderten, ein zufriedenes Leben zu leben, bzw. eine positive Beziehung zu sich und anderen aufzubauen. Die Arbeit mit Symbolen ermöglichte Sara, mit diesen inneren Anteilen in Kontakt zu gehen. Zu Anfang fühlte sie hauptsächlich Ablehnung und gegenüber dem ‚Teenager’ und der ‚jungen Sara’ gar eine heftige Aggression, die mit deren Opferstatus, ihrer Hilflosigkeit zusammenhing.

Erst aus der Rolle der ‚kompetenten und engagierten Lehrerin’ konnte Sara mit Verständnis auf die ‚verletzten Saras aus der Vergangenheit blicken’. Am leichtesten gelang ihr das bei der 5jährigen. Die Annäherung an die ‚Teenager-Sara’ und die ‚junge Sara’ dauerten fast ein Jahr. Dabei arbeiteten wir auch mit unterstützenden Ego-States - so z.B. der ‚Inneren weisen Frau’ oder den ‚Idealen Eltern’, die sich Sara mit meiner Unterstützung schuf. Am wirkungsvollsten war aber immer wieder die Verankerung von Sara in ihrer Rolle als kompetente und mitfühlende Lehrerin, aus der heraus sie die Situationen der Vergangenheit klar einschätzen konnte.

In den Telefonterminen zwischen den Therapieblocks im SEKA-Haus unterstützte ich Sara sowohl in der ‚erwachsenen’ Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen als auch darin, Situationen, die ‚die Saras aus der Vergangenheit’ aktivierten, rechtzeitig zu erkennen und sich um die verletzten Ego-States zu kümmern (beruhigen, erklären, dass Sara heute mit der Situation umgehen kann, an den sicheren Ort bringen etc.).

Dies gelang Sara zeitweise gut, dann wieder fiel sie in ihren Selbsthass zurück. Es war offensichtlich, dass in Sara auch mächtige Introjekte lebten.

‚Spuren des Täters in uns’

Ich erklärte ihr das Konstrukt ‚Introjekt’ - als einen Anteil in uns, der sich dadurch entwickelt hat, dass wir (insbesondere als Kind) lange Zeit hilflos extremer Gewalt ausgesetzt waren. Um diese Situation seelisch überleben zu können, identifiziert sich ein Teil unserer Psyche mit dem / den Täter/n und übernimmt deren Sichtweise und negatives Wertesystem. Auch nachdem wir später keinen Kontakt mehr zum Täter haben oder dieser gar tot ist, lebt dieser (selbst-)destruktive Anteil wie eine Verkörperung des Täters in uns weiter - als Introjekt.

Sara fand sich in dieser Erklärung vollkommen wieder. Sie half ihr, zu begreifen, warum - trotz all ihrer Bemühungen um einen achtsamen und verständnisvollen Umgang mit sich selbst - immer wieder dieser Selbsthass in ihr durchbrach. Die Vorstellung des Introjekts als Ego-State ermöglichte Sara jedoch, damit zu arbeiten.

Im nächsten Therapieblock im SEKA-Haus identifizierte Sara das Introjekt ihres Vaters ("Du bist nichts wert; du bist eine Last, besser du wärst gestorben; du bist unfähig, schlecht, dumm ..., du hast kein Glück verdient, musst froh sein, wenn etwas für dich abfällt ...") und ein zweites von ihrer Mutter ("Wehr' dich nicht, sonst wird es nur schlimmer; versuch es, allen recht zu machen; Frauen sind immer Opfer, sie müssen gehorsam sein ..."). Aus ihrer Rolle der kompetenten Lehrerin begann sie, sich mit meiner Unterstützung mit den Introjekten und deren Auswirkungen auf ihr heutiges Leben auseinanderzusetzen und deren "Lügen zu entlarven". Sie entwickelte Strategien, sie sich - wenn sie in ihrem heutigen Leben auftauchen - bewusst zu machen und (zumindest vorübergehend) auszuschalten ("eine ‚Isolierstation’ mit einem Drachen als Wächter").

In der Folgezeit arbeiteten wir daran, dass Sara die Introjekte so bald wie möglich erkennt und sich distanziert bzw. die ‚verletzten Saras’ unterstützt und beruhigt. Als ihr dies recht gut gelang, fühlte sie sich bereit, sich mit traumatischen Situationen aus der Vergangenheit konkret zu konfrontieren.

Fortbildung zu Traumatherapie: Übung ‚Mein Leben als Garten’
Fortbildung zu Traumatherapie: Übung ‚Mein Leben als Garten’

Befreiung von der Vergangenheit

In den nächsten Therapieblocks arbeiteten wir daher an verschiedenen traumatischen Situationen. Wir begannen mit Situationen, die die ‚kleine Sara’ erlebt hatte.

Zuerst schuf sich Sara außerhalb der Bühne einen ‚Sicheren Ort für sich selbst’, falls sie bei der Konfrontation zu starke Gefühle überfluten sollten, sowie einen ‚Sicheren Ort’ für die ‚Kleine’. Dann wählte sie sich Symbole für die ‚Kleine’, sowie für ‚Vater und Mutter in der Vergangenheit’ und platzierte diese auf der Bühne, die die Vergangenheit darstellte. Wir beide setzten uns an den Rand der Bühne. Ich unterstützte Sara nun, über einzelne traumatische Situationen in der Weise zu sprechen, als ob wir zusammen einen Film über dieses Geschehnis anschauen würden. Dies ermöglichte ihr einerseits konkretes Erinnern auf allen Ebenen (Geschehnisse, Körpersensationen, Emotionen, Gedanken, Verhalten) und andererseits genügend Distanz, um nicht ‚in die Situation zu rutschen’.

Wenn Sara eine Pause bzw. mehr Distanz zu den Erinnerungen benötigte, konnte sie jederzeit unterbrechen, zu ihrem ‚Sicheren Ort’ gehen oder begleitet von mir im anderen Teil des Therapieraums herumgehen. Ich unterstützte sie dann, sich wieder in der Gegenwart zu verankern. Erstaunlicherweise war das jedoch nur selten nötig. Sehr konzentriert arbeiteten wir verschiedene traumatische Erlebnisse der ‚Kleinen’ durch: die Krankenhausaufenthalte, in denen sie keinen Besuch von ihren Eltern bekam; die Misshandlungen durch den Vater, wenn sie wegen ihrer Schmerzen weinte; die Misshandlungen, als der Keil, mit der ihr Mund aufgezwungen werden sollte (weil sie angeblich nur simulierte) zerbrach und andere mehr.

Die detaillierte Konfrontation ermöglichte es Sara - neben einem tiefen Mitgefühl für die ‚kleine Sara’ zum ersten Mal ihre Wut auf ihre Eltern zu spüren.

Auf der Bühne hatte sie die Möglichkeit psychodramatisch als kompetente Erwachsene ‚die Kleine’ aus der Situation zu holen, sie zu schützen, zu trösten und ihr zu erklären, dass sie nicht schuld ist, sondern es ein maßloses Unrecht ist, was ihr geschieht. Dann stellte sie ‚die Eltern der Vergangenheit’ einzeln zur Rede, erklärte ihnen wütend und unter Tränen - aber als heutige Erwachsene, was sie angerichtet hatten, welche Folgen das für Saras Leben hatte und wie sie sich hätten verhalten sollen. Im Anschluss konfrontierte auch ich die Eltern mit ihrem Verhalten und Versagen - bei allem Verständnis für ihre schwierige Lebenssituation; und ich machte ihnen deutlich, dass Sara, trotz der Vernachlässigung, der Misshandlungen und Demütigungen ihren Weg gegangen sei - und dies mit großem Erfolg, der aber allein ihrem Mut und ihrer Hartnäckigkeit zuzuschreiben sei.

Sara bedeutete meine Unterstützung in diesem Moment sehr viel. "Eine große Last ist von mir abgefallen", sagte sie mir. "Etwas in mir ist ins Lot gekommen. Es war für mich sehr wichtig, meinen Eltern all das zu sagen, was ich nie sagen konnte; aber am wichtigsten war für mich, dass ich damit nicht alleine war und dass Du für mich eingetreten bist." Im nächsten Therapieblock arbeiteten wir in ähnlicher Weise an traumatischen Situationen, die der ‚Teenager’ und dann ‚die junge Sara’ erlebt hatten. Im Anschluss an das Durcharbeiten der Situationen konnte Sara jedes Mal, ‚die verletzte Sara’ in Sicherheit bringen, mit ihr reden, sie unterstützen und dann wiederum die ‚Eltern von damals’ konfrontieren. Nach jeder dieser Konfrontationen fühlte sich Sara deutlich entlastet. Sie fürchtete die Erinnerungen nun nicht mehr, sondern konnte um das, was ihr geschehen war, trauern.

In weiteren Therapieeinheiten gaben wir dieser Trauer und dem Mitgefühl für das, was Sara erleben musste, aber auch ihrer Stärke Raum. Dazu gehörte schließlich auch eine nochmalige psychodramatische Auseinandersetzung mit den ‚toten Eltern heute im Jenseits’.

"Ich bin stolz auf Dich!"

Als erstes war sie bereit, in die Rolle ihrer ‚Mutter im Jenseits’ zu wechseln. In dieser Rolle erkannte sie, dass ihre Mutter selbst Opfer und zu schwach gewesen war, um ihr gegen den Vater zu helfen. Am Ende sagte Sara als ‚Mutter’ zur ‚heutigen Sara’: "Es tut mir so leid, dass ich Dir nicht helfen konnte und besonders, dass ich selbst so hart zu Dir war. Ich dachte damals, ich müsste Dich abhärten gegen die Gemeinheit der Welt; denn ich wusste, dass Du es mit Deiner Krankheit sehr schwer im Leben haben würdest. Heute sehe ich, wie falsch das war. Bitte verzeih mir. Trotz allem, habe ich Dich immer geliebt!"

Im nächsten Therapieblock war Sara dann bereit, sich mit dem ‚Vater heute im Jenseits’ auseinanderzusetzen. Sie wechselte zwar nicht in die Rolle, aber ‚hörte die Antworten des Vaters’, während ich mit ‚ihm’ sprach. Zuerst blieb dieser weiter ‚hinter seiner Maske’ und versuchte, allen anderen die Schuld zuzuschieben. Doch dann gelang es mir, ‚zu seinem Inneren’ vorzudringen. Nun konnte er zugeben, dass er in seinem Leben seine Hilflosigkeit und seine Ängste stets in Aggression umgewandelt hatte, er konnte nun sehen, wie sehr er seine Tochter verletzt hatte und ausdrücken, dass ihm das leid tue. Am Ende sagte er: "Wenn ich Dich heute sehe, was Du trotz allem erreicht hast, dann bin ich sehr stolz auf Dich!"

Die Worte der ‚Mutter’ und noch mehr die des ‚Vaters’ wirkten auf Sara zutiefst befreiend.

Noch Wochen nach diesem Therapieblock fühlte sie sich leicht und "als ob ich fliegen könnte". Die Gedanken an die Eltern quälten sie nun nicht mehr. Sie konnte sie loslassen. Die Eltern erschienen ihr auch nicht mehr in ihren Träumen. Einige Wochen, nachdem Sara das Thema ‚Eltern’ für sich abschließen konnte, tauchte in ihren Träumen ein neues Thema auf: der misshandelnde Bruder. Das Trauma, das dieser ihr zugefügt hatte, war offensichtlich das schwerwiegendste. Erst jetzt fühlt sich Sara bereit, sich diesem Thema zu stellen.

Gabriele Müller

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