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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

„Momente, in denen ich glücklich bin ...”

Gespräch mit Selim S., einem der Ehrenamtlichen des „Veteranenklubs”

Seminar im Veteranenklub: Szene zum Thema „Konfliktlösung in der Familie”
Seminar im Veteranenklub: Szene zum Thema „Konfliktlösung in der Familie”

Selim (Name geändert) stammt aus einer ursprünglich wohlhabenden Bauernfamilie, die jedoch zu Beginn des Krieges 1992 aus ihrem Dorf in der heutigen Republika Srpska vertrieben wurde und dadurch alles verloren hat. Die Familie floh nach Gorazde und Selim schloss sich der Gorazder Verteidigung an. Durch mehrere furchtbare Kriegserlebnisse ist er schwer traumatisiert, durch eine Verwundung, sowie Kälte, Nässe und Unterernährung auch körperlich krank. Nach dem Krieg heiratete er und versuchte, sich wieder ein normales Leben aufzubauen. Doch das wollte ihm nicht gelingen. Die Kriegserlebnisse ließen ihn nicht los. Die Unmöglichkeit, Arbeit zu finden, ließ ihn zunehmend verzweifeln. Mehr und mehr glitt er ab, isolierte sich von anderen. Seine Frau trennte sich von ihm. Oft dachte er daran, sein Leben, das ihm sinnlos erschien, selbst zu beenden.

Im Frühjahr 2007 hörte er, dass der Veteranen-Klub ‚Svjetlost Drine’ (‚Licht der Drina’) in Gorazde eröffnet wurde. Er wusste, dass er Hilfe brauchte, dass er es alleine nicht schaffen konnte. Schließlich überwand er sich und sprach mit einem der Ehrenamtlichen, den er aus dem Krieg kannte. Er schrieb sich als Mitglied ein und begann, regelmäßig den Klub zu besuchen. Zwei Jahre lang nahm er an therapeutischen Seminaren teil, die jeweils vierteljährlich in dreitägigen Blocks stattfanden und von SEKA-Therapeutin Gabriele Müller geleitet wurden. Seit knapp einem Jahr kommt er auch zur Einzeltherapie ins SEKA-Haus.

Inzwischen hat sich Selim stabilisiert, er kann mit seinen Trauma-Symptomen umgehen und hat sein Selbstwertgefühl wiedergewonnen. Trotz seiner noch immer völlig ungesicherten ökonomischen Situation hat er seine Zuversicht, seinen Optimismus und den Glauben an sich selbst wiedergefunden. Mit seiner Frau hat er sich ausgesöhnt. Inzwischen ist er im Veteranenklub ein wichtiger Ansprechpartner für andere Veteranen. Selim war bereit zu einem anonymisierten Interview für das SEKA-Journal. Sanel Maslan (Sozialarbeiter des Klubs) stellte die Fragen.

Sanel M.: Vor 3½ Jahren bist Du in unseren Klub ‚Svjetlost Drine’ eingetreten. Kannst Du sagen, wie es dazu gekommen ist?

Selim S.: Vor drei Jahren habe ich über einen Freund vom Bestehen eines Vereins gehört, der sich um kriegstraumatisierte Veteranen kümmert. Es ging mir damals sehr schlecht - sowohl was meine materielle Situation anging als auch gesundheitlich. Vor allem mein seelischer Zustand war furchtbar. Ich fühlte mich hilflos, verloren, verschlossen und isoliert von der Gemeinschaft - wie in einem Teufelskreis. Ich wusste mir keinen Ausweg mehr, war völlig am Boden. Ich habe mich dann entschlossen, mich an den Verein zu wenden, hab mich als Mitglied eingetragen und im Klub ‚Svjetlost Drine’ um Hilfe gebeten. Ich wollte mit anderen reden, die auch solche Probleme haben und die mich vielleicht verstehen könnten. ... einfach manche Dinge loswerden, sie nicht mehr in mir verschließen. Der Klub war der erste Ort, wo ich mich in meinem Zustand trotz allem willkommen und angenommen fühlte. Die anderen hörten mir zu, ich fühlte mich nicht verurteilt. Das erste Mal, dass ich wieder das Gefühl hatte, irgendwo hinzugehören.

Sanel M.: Vor drei Jahren hast Du Dich dann entschlossen, dass Du an den regelmäßigen therapeutischen Seminaren teilnimmst, die Gabriele leitet. Was hat Dich motiviert, dass Du daran teilnimmst? Was hast Du Dir von diesen Seminaren erwartet und wie hast Du Dich am Anfang in dieser Gruppe gefühlt?

Selim S.: Meine Motivation war zuallererst, dass ich konkret an mir arbeiten wollte bzw. an der Lösung meiner seelischen Probleme. Dass ich lerne, sie zu überwinden bzw. zu lösen.

Mein zweites Motiv war, dass ich damals erkannt habe, dass ich durch diese Seminare mit anderen zusammen sein würde und schon alleine damit meine Isolation durchbrechen würde.

Dennoch fühlte ich am Anfang große Angst und Zweifel, da ich das erste Mal mit so einer Art Hilfe, d.h. einem Therapieseminar konfrontiert war. Am ersten Tag des ersten Seminars überkam mich geradezu eine Panik und ich überlegte sogar, ob ich die Gruppe und das Seminar verlasse. Ich konnte sogar nicht einmal anschließend zum gemeinsamen Mittagessen mitgehen - das formlose Zusammensein machte mir zu viel Angst. Doch jetzt bin ich überglücklich, dass ich damals nicht weggelaufen bin!

Sanel M.: Wenn Du heute an die therapeutischen Seminare zurückdenkst: Was hast Du durch sie bekommen? Was war Dir wichtig?

Selim S.: Durch die Seminare habe ich sehr viele konkrete Dinge gelernt. Indem ich den anderen zuhörte, habe ich gesehen, wie andere ihre Probleme lösen - und von jedem habe ich versucht das Beste zu übernehmen, was mir am Geeignetsten für mich selbst erschien. Vieles davon wende ich heute an, wenn ich in schwierigen Situationen bin.

Auch viele der Techniken und Übungen, die wir in den Seminaren gelernt haben, haben mir sehr geholfen, mit meinen Traumasymptomen fertig zu werden. Besonders die Technik des ‚Umschaltens’ nutze ich noch heute - und die Übung ‚Sicherer Ort’, wenn mir schwer ums Herz ist und in Krisen-Momenten. Ich stelle mir dann vor, dass ich wieder am Ort meiner Kindheit in der Natur bin - und das beruhigt mich sofort und ich fühle mich ruhig und sicher.

In den Seminaren habe ich auch gelernt, wie ich mit Ärger und Wut, oder mit dem Gefühl von Hilflosigkeit umgehe, oder wie ich Konflikte vermeiden kann. Ich habe viel gelernt, wie ich besser mit anderen kommunizieren kann - auf eine ruhige Art meine Grenzen oder meine Bedürfnisse deutlich machen. Kommunikation ist einer der wichtigsten Faktoren, dass meine Beziehungen besser funktionieren.

Eine andere Technik, die mir hilft, ist, dass ich mich in bestimmten Momenten selbst beobachte - als ob ich aus der Entfernung und von oben auf mich und mein Leben blicke. Das hilft mir, in kritischen Situationen besser zu beurteilen, was der Kern des Problems ist, oder mich selbst zu beruhigen oder mich zu ermutigen. Als ob ich mit mir als guter Freund rede. Das wende ich z.B. an, wenn ich in der finanziellen Krise bin und keine Arbeit finde. Es hilft mir, nicht in Panik zu geraten.

Sanel M.: Seit 10 Monaten etwa gehst Du auch zur Einzeltherapie. Warum hast Du Dich dazu entschlossen? Und was hat sich bei Dir durch die Einzelarbeit verändert?

Selim S.: Ich habe mich dafür entschieden, weil ich gesehen habe, wieviel mir diese Art der Therapie, die Gabriele anwendet, und die Art wie sie das tut, in der Gruppe bedeutet hat, bzw. in den Seminaren. Und ich wollte noch mehr an mir selbst arbeiten; denn ich habe gesehen, dass ich deutliche Fortschritte gemacht habe. Für die Einzeltherapie habe ich mich entschieden, weil ich da mehr Zeit für mich habe und mich noch mehr öffnen kann. Ich kann offener über meine Gefühle und Probleme sprechen; denn durch die Gruppentherapie hatte ich großes Vertrauen zu unserer Therapeutin gefasst.

In der Einzeltherapie spreche ich über alles, was mich betrifft. Dadurch hat sich die Kommunikation mit denen, die mir wichtig sind, weiter verbessert. Aber ich habe auch gelernt, mich abzugrenzen und nein zu sagen, was ich früher nicht konnte. Ich kann besser mit Problemen umgehen, was für mich am Wichtigsten ist. Obwohl ich noch immer in einer finanziell ganz unsicheren Situation lebe, kann ich sagen, dass ich heute täglich Momente erlebe, in denen ich glücklich bin. Und das ist ein Ergebnis der Therapie.

Sanel M.: Du bist nach wie vor häufig im Klub, aber inzwischen hat sich Deine Rolle da sehr verändert. Wie würdest Du den Unterschied beschreiben?

Selim S.: Zu Anfang kam ich als Hilfesuchender - als jemand der dringend die Hilfe der Ehrenamtlichen benötigte. Aber im Laufe der Zeit und durch die Seminare, die Gruppenarbeit und die Einzeltherapie hat sich meine Rolle verändert. Durch meine eigene Erfahrung kann ich anderen Betroffenen erklären was Traumatisierung bedeutet, welches die Symptome sind, die wir als Folge davon in uns tragen, und wie wir damit zurecht kommen können. Ich erkläre neuen Besuchern auch, was Ziel und Zweck des Veteranenvereins ist, welche Art von Hilfe sie hier - oder auch in SEKA finden können.

Inzwischen kommt es auch oft vor, dass ich in der Stadt angesprochen werde, manchmal werde ich auch angerufen - von Veteranen, die mich noch aus dem Krieg kennen und wissen, dass ich im Klub aktiv bin. Da sie wissen, dass ich selbst viel Schlimmes durchgemacht habe, haben sie Vertrauen zu mir und sprechen mit mir über ihre Probleme. Ich lade sie dann in den Klub ein und motiviere sie, auch therapeutische Hilfe anzunehmen; denn ich weiß, wo ich ihnen helfen kann - aber auch, wobei sie fachliche Hilfe benötigen.

Fernsehinterview mit Gabriele Müller zum Thema „Traumatherapie”
Fernsehinterview mit Gabriele Müller
zum Thema „Traumatherapie”

Sanel M.: Was würdest Du aus Deiner Erfahrung anderen Betroffenen sagen, die mit ähnlichen Problemen kämpfen wie Du vor drei oder vier Jahren?

Selim S.: Ich würde all denen, die mit den Traumasymptomen kämpfen, empfehlen, dass sie die Kraft und den Mut finden, in den Veteranenklub zu kommen; denn nur wenn sie ihre Isolation durchbrechen und sich anderen anvertrauen, die sich mit dem Thema auskennen, können sie ihre Probleme bewältigen. Der Klub ist ein Ort, wo du über alles, was dich bedrückt, sprechen kannst und wo du sicher sein kannst, dass alles, was du sagst, auch hier bleibt und nicht nach außen getragen wird. Ich muss sagen, dass wir alle diese Dinge, die sehr wichtig sind, von unserer Therapeutin Gabriele gelernt haben.

Sanel M.: Gibt es noch etwas, was Dir wichtig ist zu sagen?

Selim S.: Ich möchte meine ganz besondere Dankbarkeit gegenüber all den Menschen ausdrücken, die Ku?a SEKA und ihre Projekte unterstützen; denn sie haben uns ermöglicht, dass wir - Menschen mit Trauma - wieder ein menschenwürdiges Leben haben können. In meinem Namen und im Namen der Nutznießer des Vereins ‚Svjetlost Drine’ Gorazde ein ganz großes DANKE ihnen allen, für das was sie bisher für uns getan haben. Mein Dank gilt besonders auch den Menschen, die uns seit fast zwei Jahren mit Spenden über das Internet helfen, das Geld für die Miete des Veteranenklubs zu sammeln. Ohne diese Hilfe, hätte der Klub sicher schon mehrfach seine Räume verloren und schließen müssen. Es berührt mich besonders, dass diese Menschen in Deutschland uns gar nicht persönlich kennen und dennoch bereit sind, ihre Herzen und Geldbörsen zu öffnen.

Sanel M.: Herzlichen Dank, Selim, dass Du zu diesem Gespräch bereit warst!

Übersetzung: Gabriele Müller

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