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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

"Leben lernen - mit fast 60 Jahren ..."

Sara V.* über ihre Traumatherapie

Aufmerksames Publikum bei der Fotoausstellung der Kinder (‚Glückstage 2010’) im SEKA-Haus
Aufmerksames Publikum bei der Fotoausstellung der Kinder (‚Glückstage 2010’) im SEKA-Haus

"Seit fast vier Jahren gehe ich zur Psychodrama-Therapie. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich dieser Art von Therapie schon früher in meinem Leben begegnet wäre. - Dann wäre nicht mein ganzes Leben erfüllt gewesen von Ängsten, Alpträumen, Tränen, Bitterkeit und seelischen Schmerzen. Dann hätte ich seit langem die Folgen der Gewalt in meiner Kindheit und Jugend überwunden, gelernt zu leben und das Leben zu genießen.

Bevor ich meine Therapie begonnen habe, wusste ich nicht, wie ich mit meinen Problemen im Leben fertig werden sollte - jedes neue Problem stürzte mich in Verzweiflung, ich versank in tiefen Abgründen, aus denen ich nicht mehr herausfand. Ich war verzweifelt und hilflos, ich wurde beherrscht von inneren Geistern. Mein ganzes Leben lang habe ich mich stumm nach Hilfe gesehnt, nach Unterstützung, einem schönen Wort, nach Aufmerksamkeit und nach Liebe. Ich habe es nicht bekommen - oder wenigstens nicht auf eine Art und Weise, die ich annehmen konnte.

Krankheit, Gewalt und Widerstand

Ich bin aufgewachsen auf dem Dorf in einer armen Familie - als jüngstes und einziges weibliches Kind in einer patriarchalen, von Männern dominierten Welt. Männern war alles erlaubt, Frauen waren dazu da, dass sie sie bedienten. Krankheit war die größte Schande - besonders für ein weibliches Kind. Ich wuchs auf in der ‚Schande’ dieser Krankheit, unter deren Auswirkungen ich noch heute leide. Von einem schönen fünfjährigen Mädchen wurde ich zum ‚unlösbaren Problem’, zur psychischen und materiellen Last für die ganze Familie. Ich erkrankte "am Kopf" - wie alle sagten und mich von da an als geistig behindert behandelten, obwohl ich nur meinen Mund nicht öffnen und normal sprechen konnte. Es wurden Operationen angeordnet, zehn insgesamt bis zu meinem 20. Lebensjahr. Ich wurde jeden Tag mit Versuchen misshandelt, meinen Mund aufzuzwingen.

Das waren Jahre der Hölle, unbeschreiblicher Schmerzen - als ob Ihnen jeden Tag Stunden lang ohne Betäubung die Zähne gezogen würden. Es waren Jahre des Hungers, in denen ich zusehen musste, wie andere genussvoll aßen. Jahre des Geschreis, der Schläge, der psychischen und physischen Misshandlungen durch die, die mir am nächsten waren; des Verspottetwerdens auf der Straße und in der Schule, des Verstecktwerdens vor andern Menschen, aber auch Jahre meiner hartnäckigen Versuche zur Schule zu gehen, aus der ich noch hartnäckiger vertrieben wurde. Und dann, als ich anfing, erwachsen zu werden und mit mehr Kraft zu kämpfen, verletzte ich bei einem Unfall die Wirbelsäule und war mit 18 Jahren gelähmt. Obwohl die Ärzte mich aufgaben und mir sagten, dass ich gelähmt bleiben würde, lernte ich mit eisernem Willen innerhalb von zwei Jahren wieder zu gehen. Und dann unterzog ich mich - ohne die Unterstützung meiner Familie - drei schweren Operationen, in denen mir ein Kiefergelenk entfernt wurde, ich danach aber endlich teilweise den Mund öffnen konnte, was mir ermöglichte, nach 15 Jahren endlich wieder normal zu essen und - bald - auch normal zu sprechen.

Das eröffnete mir eine neue Chance: Gegen den Willen und die Überzeugung aller schrieb ich mich an der Universität ein und verwirklichte meinen Traum, Lehrerin zu werden. - Meiner Lehrerin in der 1. und 2. Klasse Grundschule zum Trotz, die mich als geistig behindert behandelt und mir den Abschluss der 1. und 2. Klasse verweigert hatte; und zum Stolz meines Grundschullehrers der 3. und 4. Klasse, der allen mit meinen schriftlichen Arbeiten bewiesen hatte, dass ich schulfähig war. Diesem Menschen verdanke ich die Verwirklichung meines Traums.

All der unbarmherzige und grausame Spott der Kinder während meiner ganzen Schulzeit, besonders als ich durch eine Kanüle atmen musste und als ich versuchte mündlich eine Antwort zu geben, verletzte mich zwar zutiefst, aber er konnte mich nicht beirren. Mein Trotz und die Tatsache, dass ich nicht den Rückhalt meiner Eltern hatte oder irgendeinen Winkel, wo ich mich hätte verkriechen können, zwangen mich, dass ich erfolgreich widerstand.

Die Geister der Vergangenheit

Später, als ich selbständig wurde und dachte, dass ich jetzt endlich mein Leben leben konnte, entdeckte ich, dass die Vergangenheit soviele unauslöschliche Spuren in meiner Seele und meinem Verhalten hinterlassen hatte, dass ich nicht den Weg finden konnte, einfach zu leben. Ich war streng zu allen - am meisten aber zu mir selbst. Natürlich kam ich dadurch mit anderen in Konflikt und auch mit mir selbst.

Die nächste schmerzliche und psychische belastende Periode war mein mehrjähriger Kampf mit der schweren Krankheit meiner beiden Eltern, die mit deren Tod endete. Trotz all des durch sie erfahrenen Leids war ich mit ihnen unauflösbar verbunden. Nach ihrem Tod verlor ich meinen Lebenswillen. Am liebsten wollte ich sterben.

In dieser Phase überraschte mich der Krieg in Kroatien. Die Bedrohung durch Waffen und Granatbeschuss oder der Hunger konnten mich nicht zerbrechen. Das Spiel mit dem Tod war mir längst bekannt und darin fand ich mich gut zurecht.

Der Gedanke, vielleicht morgen schon zu sterben, gab mir ungeahnten Mut und Lebensfreude. Ich getraute mich etwas zu tun, zu dem ich in Friedenszeiten aus Angst vor meinen Brüdern nie den Mut gefunden hätte: ich heiratete - und das einen Mann, wie ich ihn mir gewünscht hatte - wenigstens kam es mir damals so vor.

Der Verlust aller materiellen Güter und die Flucht ins Ausland konnten mich nicht brechen. Irgendwo auf diesem Weg verlor sich dann die Verliebtheit in meinen Mann. Ich begann seine Fehler wahrzunehmen. Ich war zu dieser Zeit in ständiger Anspannung und Ungewissheit, wie wir überleben sollten. Diese Situation und das Gefühl waren mir aus meiner Kindheit und Jugend bekannt. Und gerade als es mir gelungen war, eine Stelle in meinem Beruf zu bekommen, kehrte mein Mann von heute auf morgen in sein Heimatdorf zurück.

Patriarchal erzogen und immerzu andere wichtiger nehmend als mich selbst, ließ ich mich überreden und kehrte ebenfalls zurück. Wieder Not, Armut und Kampf. Nach vier Jahren schafften wir uns endlich wieder halbwegs eine Lebensgrundlage. Und da traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Ich musste mich operieren lassen und mein Mann hatte eine Geliebte, die seine Tochter hätte sein können. Die Operation war lebensgefährlich. Ich hätte Liebe, Unterstützung, Verständnis und Aufmerksamkeit gebraucht, doch der Mensch, mit dem ich lebte, war nicht einmal in Gedanken bei mir. Wieder fühlte ich mich einsam, verlassen, hilflos.

Einige Wochen vor meiner Operation kam ich zufällig ins SEKA-Haus auf der Insel Brac. In einem Augenblick der Wahrheit und des Vetrauens erzählte ich, was mich quälte und die Freundinnen rieten mir, Gabriele M. zu bitten, mir zu helfen. Wieder zu Hause, bat ich sie telefonisch um Hilfe. Das war der Beginn meiner Psychodrama-Therapie.

Ich war mir damals nicht bewusst, dass mein gegenwärtiges Leben an mir vorbeiglitt, während ich Schlachten aus der Vergangenheit schlug. Ich wusste einfach nicht zu leben. Erst durch die mehrjährige therapeutische Arbeit habe ich begriffen, wie ich leben und mich von meinen Traumata befreien kann. Der Prozess der Befreiung ist noch immer nicht beendet - solange in mir noch verschiedene düstere und schmerzhafte Anteile leben. Mit jeder neuen Therapie (jetzt reise ich mehrere Hundert Kilometer für einige Tage therapeutischer Arbeit) fühle ich mich besser, werde mehr ich selbst, gelassener; ich erkenne leichter destruktive Anteile und Mechanismen aus der Vergangenheit und kann sie ausschalten; ich weiss, wie ich mich stabilisieren kann; ich verstehe mich selbst. Ich sehe mich nicht mehr mit den Augen der anderen und versuche nicht, es allen anderen recht zu machen. Mehr und mehr kümmere ich mich um mich selbst und nehme meine Gefühle wahr. Es ist schön, wenn ich mich selbst verwöhne. Ich habe den Eindruck, dass ich jetzt all diese Leere ausfülle, die durch den vergeblichen Wunsch nach der Liebe meiner Familie entstanden war. Ich genieße täglich die neue Person, die ich bin und fühle mich wie neugeboren.

Die Frauengruppe mit unseren Besucherinnen aus Berlin, Adina H. und Giesela K.
Die Frauengruppe mit unseren Besucherinnen aus Berlin, Adina H. und Giesela K.

Ich weiss endlich, wer ich bin

Die Psychodramatherapie hat mir geholfen, mir selbst und anderen zu verzeihen, die kleinen Dinge im Leben zu genießen, Probleme ohne Panik oder Angst zu lösen, und mir zuallererst selbst die Liebe zu geben, die ich brauche und sie nicht von anderen zu erwarten. Ich habe verstanden, dass ich nicht die anderen nach meinen Wünschen ändern kann, sondern nur mich selbst.

Ich habe gelernt besser zu kommunizieren, indem ich mir und anderen mehr Zeit gebe. Jetzt verstehe ich auch die Reaktionen anderer besser. Ich fühle mich nicht mehr für jede Kleinigkeit schuldig, denn ich habe erkannt, dass ich nicht alles kontrollieren kann und dass ich das auch nicht brauche.

Durch die Psychodrama-Arbeit mit Symbolen habe ich furchtbare Dilemata in Bezug auf meine Eltern und deren Liebe aufgelöst. Ich habe ihnen all das gesagt, was ich ihnen, als sie noch lebten, nicht sagen durfte und konnte. Und ich habe Antworten auf all meine Fragen bekommen. Wir haben unsere Rechnungen beglichen. Jetzt sehe ich sie mit anderen Augen und weine nicht mehr, habe keine Alpträume mehr. Ich verstehe den Hintergrund für die Gewalt meines Vaters, für die Hilflosigkeit meiner Mutter - und ich habe in mir selbst das kleine verletzte Mädchen getröstet und beruhigt.

Ich habe begonnen, mich selbst an die erste Stelle zu setzen. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie schön ich mich an diesem Platz fühle! Ich bin erfüllt von einer großen Kraft, Energie und Liebe. Ich hatte auch früher Kraft, aber das war eine düstere Gewalt die mich in den Kampf getrieben hat, mehr ein Instinkt, eine Art tierhafter Überlebenswille.

Dies jetzt ist etwas Neues: ein beflügeltes, zartes, mächtiges Gefühl, das mir täglich Lebensfreude gibt. Früher lebte ich immer in der Vergangenheit oder in irgendeiner irrealen Zukunft, doch jetzt bin ich mit Gedanken und Gefühlen mehr und mehr hier in jeder Sekunde, die ich mit viel mehr Freude erlebe. Das ist das schönste Gefühl, das ich durch das Psychodrama bekommen habe - indem ich mich von alten Lasten aus der Vergangenheit befreit habe. Allerdings muss ich zugeben, dass ich an den ersten Therapieterminen das Psychodrama seltsam fand: In manchen Momenten kam es mir vor, als ob ich mich vor der Therapeutin blamieren würde, aber schon bald habe ich dann die guten Seiten dieses Spiels auf der Bühne erkannt.

Heute sehe ich Psychodrama als die beste Methode, Menschen zu stärken und ihnen die Entdeckung ihrer Potentiale zu ermöglichen. Als ich auf der Psychodramabühne in die Rollen meiner Eltern schlüpfte, bekam ich eine andere Wahrnehmung von ihnen. Mit der Zeit hat die Vergangenheit eine andere Bedeutung bekommen und ich fühle mich mehr und mehr frei. Erst damals habe ich die ganze Bedeutung des Spiels mit den Symbolen gespürt. Nach jeder Therapie fühlte ich mich leichter, als ob ich eine große Last abgeworfen hätte. Es gab Augenblicke, da kam es mir vor, als ob ich flöge; denn es hinderte mich nichts mehr auf meinem Weg zu meiner Freiheit und meinem Glück. Erst dann erkannte ich, wie frustriert und unzufrieden ich in meinem früheren Leben gewesen war.

Ich sehe jetzt, wieviel erfolgreicher diese Methode im Vergleich zu psychiatrischen Methoden ist, die mich in der Überzeugung gehalten haben, dass ich psychisch für immer verloren sei. Ohne das Psychodrama hätte ich nie entdeckt, wieviel Stärken und Potentiale ich in mir habe.

Und das Wichtigste ist: Ich weiss endlich, wer ich bin!

Durch das Psychodrama habe ich das Rezept gefunden für ein glückliches Leben, jetzt muss ich nur noch gut kochen lernen ;-))

Und was habe ich verloren durch das Psychodrama?

- Den Schlüssel zum Tresor, in den ich die Fesseln aus meiner Vergangenheit geworfen habe!"

Sara V.

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