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SEKA Journal Nr. 21, Dezember 2010

"Ein Baum der Früchte trägt ..."

Esma Drkenda über die Bedeutung von SEKA

Esma Drkenda auf der Konferenz „Frauen auf den Spuren des Friedens” in Omis, Kroatien
Esma Drkenda auf der Konferenz „Frauen auf den Spuren des Friedens” in Omis, Kroatien

Eine große Anerkennung

Am 18. September habe ich stellvertretend für SEKA-Projektleiterin Gabriele Müller die dieser von der Stadt Gorazde verliehene Würdigung ‚Freundin der Stadt Gorazde’ entgegengenommen. Dies war für mich ein Tag der besonderen Freude und des Stolzes! Es bedeutet mir sehr viel, dass die Menschen in meiner Stadt die Bedeutung von Gabrieles Arbeit erkannt haben und ihr diese Auszeichnung für ihr Engagement im sozialen, humanitären und Gesundheitsbereich verliehen haben.

Zu Beginn des Jahres 2006 hat Gabriele gemeinsam mit einer Gruppe von Veteranen in Gorazde ein Pilotprojekt begonnen: ‚Psychologische und psychosoziale Hilfe für kriegstraumatisierte Veteranen’. Ich erinnere mich, wie damals einer von ihnen - nach Abschluss des ersten Seminarblocks - sagte: "Wir haben hier den Samen für einen wundervollen, edlen Obstbaum gesät und werden nun sehen, was daraus keimen wird. Ich bin überzeugt - schon wegen unserer Entschlossenheit und unseres Wunsches, uns selbst und anderen zu helfen - dass aus diesem Samen ein großer Obstbaum wachsen wird, der schmackhafte Früchte tragen wird und unter dem viele Menschen ihren ‚sicheren Ort’ finden werden."

Damals waren wir, die VertreterInnen der Veteranenverbände, mehr als bereit, das Angebot der psycho-therapeutischen Hilfe von Gabriele anzunehmen, allerdings stießen wir damals noch auf großen Widerstand bei den VertreterInnen der Gorazder Gesundheitsdienste. In den Institutionen gab es damals einen gravierenden Mangel an Wissen über psychisches Trauma und an einer adäquaten Haltung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen.

Nach einer Reihe von Gesprächen, die Gabriele - teils mit uns gemeinsam, teils alleine mit den VertreterInnen verschiedener Institutionen geführt hatte, um sie zur Teilnahme an einer Fortbildungsreihe über Traumatherapie zu motivieren, wurden einige Mitarbeiterinnen zu den Fortbildungen ‚abgeordnet’ - anfangs noch gegen deren eigenen Willen. Doch dies änderte sich rasch, als die TeilnehmeInnen der Fortbildungsreihe merkten, wie sehr sie von den Seminaren profitierten.

Nun - 4½ Jahre später - bekommt Gabriele diese besondere Auszeichnung vom Gemeinwesen Gorazde - und die Begründung für den Antrag an die Stadt hat eine der damaligen Teilnehmerinnen dieser ersten Fortbildungsreihe formuliert! Heute wird das Projekt SEKA, das vor drei Jahren in Gorazde seine Tätigkeit begann, von den lokalen Gesundheits- und Bildungsinstitutionen hoch geschätzt. Die Fortbildungen im SEKA-Haus sind begehrt. MitarbeiterInnen mehrerer Institutionen kommen zur Supervision.

Diese positive Entwicklung kann aber nicht über die gravierenden Probleme im Nachkriegsbosnien hinwegtäuschen, mit denen die Menschen noch immer zu kämpfen haben und die auch die SEKA-Arbeit erschweren.

Fünfzehn Jahre nach dem Krieg

Fünfzehn Jahre sind nun seit der Unterzeichnung des Daytoner Abkommens vergangen, aber oft habe ich das Gefühl, dass der Krieg in Bosnien-Herzegowina noch immer andauert. Wegen der schwierigen ökonomischen und politischen Situation konnten sich die normalen Menschen bis heute nicht von der Last ihrer furchtbaren Kriegserfahrungen erholen; denn seit Jahren müssen sie um ihre nackte Existenz kämpfen. Die Politik unternimmt leider nichts, um daran etwas zu ändern. Im Gegenteil!

Das politische Klima erinnerte in der letzten Zeit wieder an jenes kurz vor dem Krieg: Die Phrase des ‚vitalen nationalen Interesses’ ist die Hauptfrage der politischen Eliten aller Seiten. Wenn es nach ihnen geht, leben in Bosnien-Herzegowina nicht Menschen sondern Serben, Kroaten, Bosniaken und sogenannte ‚Sonstige’. Niemanden interessiert was das tatsächliche ‚vitale Interesse’ der ersten, zweiten, dritten und vierten ist - nämlich für alle dasselbe: das wir zuallererst Menschen sind; dass wir gleichwertig und gleichberechtigt sein wollen; dass wir unsere Rechte gleichermaßen im ganzen Land verwirklichen wollen; dass wir von unserer Hände Arbeit leben können und dass wir mehr über die Fragen, die unser Leben bestimmen, mitentscheiden wollen.

Die gewöhnlichen Menschen hier in Ostbosnien (in der Mehrheit Bosniaken und Serben) teilen das gleiche Schicksal: sie leben unter schwierigsten Bedingungen; die Rechte, die ihnen zustehen, können sie kaum verwirklichen; viele Familien können sich nicht einmal alle Grundnahrungsmittel oder notwendige Produkte der täglichen Hygiene leisten. Neben der schweren ökonomischen Situation sind die Menschen immer wieder den Auseinandersetzungen der politischen Führer ausgesetzt. Und wenn sie gerade vorsichtig begonnen haben, wieder Vertrauen zur ‚anderen Seite’ aufzubauen, dann ereignet sich wieder irgendeine heftige Konfliktsituation auf der politischen Ebene, die wieder die alten Ängste und die Anspannung zwischen den Menschen erweckt und die Sorge, was sich möglicherweise morgen schon wieder ereignen wird.

Den herrschenden Politikern entspricht dies und sie werden alles tun, um zu verhindern, dass sich etwas ändert; denn der Status Quo und die Angst der Menschen ermöglicht ihnen, sich in ihren Positionen zu halten.

Der Kanton, in dem wir leben, ist der ärmste in ganz Bosnien-Herzegowina und liegt wie eine Art Wurmfortsatz als bosniakische Enklave in der ‚Serbischen Republik’ (RS). In ihm bilden sich die Probleme des ganzen Landes noch einmal ab. Die politischen Spannungen in Bosnien-Herzegowina wirken als besonderer Auslöser für die Menschen, die den Krieg in Gorazde überlebt haben und die sich bei den nationalistischen Sezessionsdrohungen vor einer erneuten Blockade und Isolation fürchten. Im Prinzip wissen wir, dass ein erneuter Krieg recht unwahrscheinlich ist, aber die von den nationalistischen Parteien geschürten Konflikte und Manipulationen wirken stark auf die Psyche der Menschen. Einen Hoffnungsschimmer haben mir immerhin die vor kurzem abgehaltenen Wahlen gegeben (zum Parlament Bosnien-Herzegowinas, zum Parlament der RS, zu den Parlamenten der einzelnen Kantone und zum Staatspräsidium, das aus je einem serbischen, einem kroatischen und einem bosniakischen Vertreter besteht). Ins Staatspräsidium wurde diesmal u.a. Zeljko Komsic gewählt - ein Sozialdemokrat, der sich für Verständigung einsetzt und der als Kroate auch sehr stark von Bosniaken und Serben gewählt wurde. Die Vertreter der nationalistischen Kroatenpartei HDZBiH erregten sich natürlich darüber, aber ich hoffe, dass sich Komsics Wahl doch positiv bemerkbar machen wird.

Doch so frustrierend ich die Stagnation auf der parteipolitischen Ebene auch erlebe, so gibt es doch auch positive Entwicklungen - auf der Ebene der Zivilgesellschaft.

Abschlussbild mit anderen Konferenz-TeilnehmerInnen
Abschlussbild mit anderen Konferenz-TeilnehmerInnen

SEKA - ein Modell

Als SEKA-Koordinatorin nehme ich regelmäßig an Konferenzen und Treffen teil, die die Demokratisierung, die Aufarbeitung der nahen Vergangenheit und die Förderung eines friedlichen Zusammenlebens in der Region zum Ziel haben. So ist SEKA u.a. Mitglied der Koalition zur Gründung einer Regionalen Komission zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen während der Kriege nach dem Zerfall Jugoslawiens (REKOM). Auf solchen Treffen bekomme ich jedes Mal die Bestätigung, wie wichtig die Arbeit von SEKA für die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Menschen in unserer Region ist.

Auf einem REKOM-Treffen in unserer Nachbarstadt Visegrad hörte ich zum Beispiel zum ersten Mal von den Leiden der serbischen Bevölkerung in Zentralbosnien während des Krieges, etwas, wovon Menschen in Gorazde (mehrheitlich Bosniaken) zu dieser Zeit nichts wissen konnten. Nur dann, wenn Menschen sich authentisch begegnen können, wenn jede Erfahrung, jeder Schmerz Respekt und Anerkennung erfährt und wenn ein Opfer als Opfer anerkannt wird, egal zu welcher Bevölkerungsgruppe es gehört, dann können wir erwarten, dass wir einer ‚Versöhnung’ näher kommen.

Die SEKA-Arbeit erfährt auf solchen Konferenzen häufig Anerkennung. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Kommentar eines Teilnehmers aus einem Ort in der RS, der dort in einer Behörde arbeitet. Er meinte: "Der beste Weg zur Verständigung, von dem ich heute gehört habe, ist, den Menschen die Möglichkeit zu geben, direkt miteinander zu sprechen in einer Atmosphäre des Respekts. Und ich glaube, dass das, was SEKA in Gorazde tut, der richtige Weg dazu ist." Er bot mir seine Unterstützung an, wann immer SEKA die benötigen würde.

Eine der Moderatorinnen von REKOM sagte, nachdem ich meine Ausführungen über die SEKA-Arbeit und unsere Sichtweise von Friedensarbeit beendet hatte: "Alles, was die Vertreterin von SEKA gesagt hat, unterschreibe ich persönlich. Wir wissen alle, dass es nach all dem, was geschehen ist, schwer ist, gegenseitig wieder Vertrauen zu fassen, aber REKOM soll dafür der erste Schritt sein, dass wir anfangen, über das zu sprechen, was uns geschehen ist, und dass wir gegenseitig respektieren und anerkennen, dass es niemand leicht hatte. Einen solchen Staat, wie Bosnien-Herzegowina es im Moment ist, brauchen weder die Bosniaken, noch die Serben oder die Kroaten. Ein solcher Staat entspricht nur der politischen Elite aller drei Seiten; Einen fortwährenden Zustand innerer Konflikte zu erhalten, ist nur die Methode, wie sie sich an der Macht halten. Es ist höchste Zeit, dass wir alle das verändern - wenn schon nicht wegen uns selbst, dann wenigstens für die kommenden Generationen!" An diesem Tag habe ich viele großartige Menschen kennengelernt und bin von dieser Konferenz voller neuer Energie zurückgekommen.

In Zusammenarbeit mit der UN-Entwicklungsorganisation UNDP nimmt SEKA ebenfalls an regelmäßigen Konferenzen von Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Institutionen teil, die die Förderung rechtsstaatlicher Strukturen zum Ziel haben. Ein wesentliches Thema ist insbesondere die Wiederherstellung von Gerechtigkeit für Opfer von Krieg und Menschenrechtsverletzungen.

Einer der Organisatoren erklärte beim letzten Treffen: "Die Arbeit von Kuca SEKA ist ein Modell, das auch in der Praxis der Institutionen des Gesundheitswesens angewandt werden könnte, insbesondere was die Haltung und die Art und Weise betrifft, wie für die Menschen Bedingungen für eine bessere Lebensqualität geschaffen werden können."

Auch ich selbst sehe den größten Erfolg SEKAs in den positiven Veränderungen der Menschen, die unsere Hilfe suchen. Vor zehn Tagen saß ich mit anderen Veteranen zusammen im Veteranenklub ‚Svjetlost Drine’. Wir erinnerten uns der Anfänge des Klubs und der ersten Seminare für Ehrenamtliche und Professionelle. Zehn Männer und ich als einzige Frau hatten an dieser ersten Gruppe für Veteranen teilgenommen, sowie fünf professionelle KollegInnen an der Fortbildungsgruppe für Traumatherapie. Im Gespräch analysierten wir, was wir seit diesen Seminaren in unserem Leben verändert haben - und wir waren begeistert, wieviel Erfolge in unterschiedlichen Lebensbereichen jede/r von uns erreicht hat. Die Erfahrung des über zwei Jahre dauernden Seminarzyklus, die Arbeit an uns selbst und an vielen wichtigen Lebensthemen hat in uns allen einen unauslöschbaren Eindruck hinterlassen.

Einer meiner Kollegen sagte sogar: "Wenn es nicht SEKA und den Klub gegeben hätte, ich glaube, dann wäre ich nicht mehr am Leben!"

Und damit möchte ich noch einmal zu dem Bild vom Anfang zurückkehren: Die ersten Zweige (und nun Äste) des Obstbaumes, das sind wir - die Teilnehmer der ersten Gruppe. Und der Baum wächst täglich weiter, seine Krone wird breiter und dichter und die Früchte, das sind die Zufriedenheit und das Glück, das Frauen, Kinder, Männer und ganze Familien mit Hilfe von Kuca SEKA wiedergefunden haben.

Esma Drkenda

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