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SEKA Journal Nr. 20, Dezember 2009

Glückstage trotz Regen!

Therapeutischer Erholungsaufenthalt am Meer im Sommer 2009

Auch in diesem Jahr waren wir uns lange Zeit nicht sicher, ob uns die Finanzierung des geplanten therapeutischen Erholungsaufenthalts glücken würde. Dass wir die ‘Glückstage’ doch auch in diesem Sommer durchführen konnten verdanken wir: dem großzügigen Zuschuss der Stiftung ‘Sternstunden - Wir helfen Kindern’ des Bayerischen Rundfunks, München, einem erneuten Zuschuss der Dr.-Ursula-Schmid-Kayser Kinderfonds Stiftung, Erlangen, einem Zuschuss der Stadtverwaltung Gorazde, sowie vielen kleineren und mittleren Spendenbeträgen, die durch die SEKA-Kampagne 2009: "Schenken Sie Glückstage" und über die Betterplace-Spendenplattform gesammelt werden konnten.

Im Namen der Frauen und Kinder danken wir allen Geldgebern und SpenderInnen sowie unseren ehrenamtlichen UnterstützerInnen sehr herzlich.

Der Erholungsaufenthalt für eine Gruppe von 20 Frauen und Kindern aus dem ostbosnischen Kanton Gorazde, die Opfer unterschiedlicher Formen von Gewalt geworden waren, fand schließlich in der Zeit vom 15. bis zum 26. Juni 2009 in Neum an der Adria statt.

Ein bisschen macht das Meer noch Angst ...
Ein bisschen macht das Meer noch Angst ...

Zusammensetzung der Gruppe:

Die Gruppe setzte sich zusammen aus 10 Kindern (7 Jungen und drei Mädchen) und deren Müttern. Dabei hatten wir zum einen Kinder und Mütter berücksichtigt, die bereits Angebote im SEKA-Haus nutzen; zum anderen hatten wir - in Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen des Veteranenprojekts ‘Svjetlost Drine’ und der Sozialarbeiterin des Zentrums für psychische Gesundheit in Gorazde - Kinder und Ehefrauen von kriegstraumatisierten Veteranen, sowie Kinder und Frauen, die Gewalt in der Familie erlebt hatten, in die Gruppe mit eingeschlossen. Eine Mutter mit Kind berücksichtigten wir auch auf Bitten des SOS-Kinderdorf-Kindergartens in Gorazde, der die Kinder von Familien mit Mehrfach-Problemen betreut.

Alle Familien leben unter sehr schweren ökonomischen Bedingungen, manche deutlich unter dem bosnischen Existenzminimum. Alle Frauen haben den Krieg in Bosnien überlebt, drei von ihnen wurden aus ihren Heimatorten in der heutigen ‘Republika Srpska’ vertrieben und leben nun in Gorazde. Alle Frauen sind durch Gewalterfahrungen im Krieg und / oder Gewalt in der Familie traumatisiert. Zwei der Frauen haben Vergewaltigungslager überlebt und sind schwerst traumatisiert. Fünf der Mütter sind alleinerziehend. Die übrigen leben mit einem Partner, der selbst (stark) kriegstraumatisiert ist und daher als Partner und Vater häufig ‘ausfällt’. Die beiden ältesten Kinder sind gegen Kriegsende geboren, alle übrigen nach Kriegsende. Da der Krieg in den Familien durch die Traumatisierung der Eltern noch immer nachwirkt, sind die Kinder dadurch ebenfalls belastet und transgenerationell traumatisiert.

Ziele des therapeutischen Erholungsaufenthalts:

Methoden und Techniken:

Unsere Methoden in der Arbeit basieren grundsätzlich auf dem Ansatz der Humanistischen Psychologie und der Philosophie des Psychodramas. Wir arbeiten mit traumatherapeutischen Verfahren, die sich an der ‘Psychodynamischen Imaginativen Traumatherapie’ (PITT) nach Luise Reddemann orientieren und mit psychodramatischen Elementen, die an die Arbeit mit traumatisierten Menschen angepasst sind. Außerdem nutzen wir eine Vielzahl kreativer Techniken sowie themenzentrierte Übungen und kurze psycho-edukative Theorie-Einheiten - jeweils angepasst an das Alter (der Kinder) und die intellektuellen Möglichkeiten der Teilnehmerinnen. Die Strukturierung der Arbeit folgt dem Psychodramatischen Phasenmodell (Erwärmung, themenzentrierte Arbeit und Integration). Zur Erwärmung und Energetisierung nutzen wir unterschiedliche Bewegungs- und Tanzspiele, sowie Imaginationsübungen. In der Arbeit mit den Kindern verwenden wir zusätzlich spieltherapeutische Techniken.

Neben der Gruppenarbeit bieten wir bei Bedarf auch Einzelgespräche für Kinder oder Frauen an. Die gemeinsam verbrachte Zeit am Strand oder am Abend gibt außerdem die Möglichkeit der direkten Intervention z.B. in Konflikt-Situationen zwischen Müttern und Kindern bzw. unter den Kindern.

Die Auswirkungen der Traumatisierung der Eltern auf die Kinder

Auch in der Arbeit mit den Frauen und Kindern dieser Gruppe konnten wir beobachten, wie stark die Traumatisierung der Eltern (ob durch Krieg oder familiäre Gewalterfahrung) auf die Kinder wirkt - sowohl direkt als auch unterschwellig, d.h. transgenerationell).

Übung: ‘Der Angst ein Gesicht geben’
Übung: ‘Der Angst ein Gesicht geben’

Alle diese Aspekte machen unseres Erachtens deutlich, wie notwendig die parallele Arbeit mit den Müttern / Eltern und den Kindern ist, um beiden zu helfen, die Traumafolgen zu überwinden und ihre Beziehungen zueinander zu verbessern. Dem versuchen wir mit dem Konzept der gemeinsamen therapeutischen Erholungsaufenthalte gerecht zu werden.

Gruppenarbeit mit Frauen
Gruppenarbeit mit Frauen

Arbeit mit der Gruppe

Wie schon in den Vorjahren hatten die Frauen und Kinder der Gruppe bereits bei zwei Vortreffen im SEKA-Haus Gelegenheit, sich untereinander kennenzulernen.

Die Busfahrt nach Neum verlief trotz der langen und kurvigen Fahrt und des heißen Wetters ohne Probleme.

Koordinatorin Esma Drkenda und Projektleiterin Gabriele Müller, sowie die Therapeutinnen Nurka Babovic und Arijana Catovic, erwarteten die Gruppe bereits in Neum, da sie die Spielsachen und Arbeitsmaterialien bereits am Tag zuvor nach Neum gefahren und dort schon die Gruppenräume und einen Aufenthaltstraum vorbereitet hatten. Wieder konnten wir auf die volle Unterstützung der Pensionsinhaber-Familie rechnen, für die unser Erholungsaufenthalt nun schon quasi ‘zur Tradition’ gehört.

Meer und Strand

Die Kinder konnten es kaum erwarten, das Meer zu sehen und so ging es nach einem kleinen Imbiss trotz der langen Fahrt gleich zum Strand - ausgerüstet mit Schwimmflügeln und Schwimmringen. In einem Fragebogen hatten wir bereits abgefragt, welche Kinder (und auch Mütter) nicht oder nur unsicher schwimmen konnten, bzw. welche Angst vorm Wasser hatten. Nur zwei der Kinder und drei der Frauen konnten gut schwimmen. So besprachen wir nochmals die Verhaltensregeln am Strand und im Meer. Abgesichert mit Schwimmflügeln und Schwimmringen trauten sich alle Kinder gleich ins Wasser - bis auf einen 12 jährigen Jungen, der deutliche Ängste hatte. Wir ermutigten ihn, aber vorerst entschied er sich, den anderen vom Strand aus zuzusehen. Auch die Frauen trauten sich ins Meer, blieben aber erst mal im flachen Wasser.

Durch die gemeinsame Zeit am Strand entstand schon am ersten Tag ein guter Kontakt zwischen der Gruppe und uns Mitarbeiterinnen.

In den nächsten Tagen genoss die Gruppe jede freie Minute am Strand. Die Kinder machten - mit Unterstützung durch uns Mitarbeiterinnen rasche Fortschritte und verloren mehr und mehr ihre Ängste vorm Meer. Am dritten Tag begannen wir mit unseren erprobten Übungen, mit denen die Kinder sich allmählich entspannen und dann fühlen können, dass das Meer sie trägt. Auch einige der Frauen ließen sich auf diese Übungen ein und genossen es "gehalten zu werden und zu spüren, dass das Meer mich wirklich trägt" - wie eine es ausdrückte.

Am vierten Tag des Aufenthalts in Neum hatte einer der Jungs, Emir*, seinen 10. Geburtstag. Natürlich wurde dies gemeinsam gefeiert, mit einer Torte, kleinen Geschenken und einem Geburtstagslied. Emir strahlte und genoss sichtlich die Aufmerksamkeit. Dann sang er zum Dank ein Lied und schließlich sang die ganze Gruppe viele der schönen alten bosnischen Lieder.

Regenwetter

Leider verschlechterte sich das Wetter ab dem 5. Tag und es begann zu regnen. Außerdem fielen die Temperaturen auf 14 - 15°C, so dass an Strand und Schwimmen nicht zu denken war. An zwei Nachmittagen nutzten wir die regenfreie Zeit zu Spaziergängen mit der Kindergruppe (und teilweise auch den Müttern) am Strand; wir sammelten Muscheln, besondere Steine, aus denen wir kleine Kunstwerke und Souvenirs bastelten, machten "Trimm-Dich"-Übungen und tobten uns aus.

Dann gab es drei weitere Tage lang nichts als Regen. Um die Langeweile oder Frustration über das Wetter möglichst gering zu halten, beschlossen wir Mitarbeiterinnen, Frauen und Kindern anzubieten, auch nachmittags weiter in der Gruppe zu arbeiten. Dies nahmen Kinder und Mütter gerne an. Auf diese Weise arbeiteten wir an drei Tagen auch am Nachmittag jeweils 2 - 3 Stunden. Glücklicherweise kehrte die Sonne dann schließlich wieder zurück und wir hatten noch zwei traumhafte Sonnentage, die die Gruppe zu ausgiebigem Sonnenbaden und Schwimmen nutzte.

Am vorletzten Tag gab es als Überraschung die Fahrt mit einem kleinen Schiff, das wir nur für unsere Gruppe für zwei Stunden gemietet hatten. Frauen und Kinder genossen diese Bootsfahrt außerordentlich - die meisten Kinder hatten so etwas noch nie erlebt. Jedes Kind durfte sogar einmal das Schiff - unter Aufsicht des Kapitäns - steuern. Natürlich wurde das alles fotografiert.

Durch das schlechte Wetter hatten Kinder und Mütter in diesem Jahr viel weniger Gelegenheit gehabt, Schwimmen zu lernen. Dennoch konnten am letzten Tag zwei weitere Kinder gut schwimmen und die anderen hatten ihre Ängste vor dem Meer verloren. Dies zeigte sich beim Spielen mit der aufgeblasenen Meerschlange, um die wir uns gemeinsam balgten.

Am letzten Abend gab es - wie in jedem Jahr - ein Abschiedsfest, zu dem auch Esma Drkenda und Gabriele Müller wieder rechtzeitig eintrafen. Neben einer Ausstellung der Gemälde und Kunstwerke der Kinder gab es ein ausführliches Unterhaltungsprogramm, das die Kinder selbst vorbereitet hatten - mit unterschiedlichsten Darbietungen wie lehrreichen Sketchen, Liedern, Tanzdarbietungen, Geschichten und Gedichten. Die Kinder bekamen immer wieder begeisterten Applaus.

Am letzten Tag gab es keine Gruppenarbeit, sondern es ging vormittags noch einmal zum Strand. Schon am frühen Nachmittag bezog sich der Himmel wieder und als wir dann am späten Nachmittag zur Heimfahrt nach Gorazde aufbrachen, schüttete es wieder wie aus Kübeln.

Die Stimmung im Bus war dennoch fröhlich und ausgelassen. Immer wieder erinnerten wir uns an einzelne Begebenheiten der zwölf Tage, sangen Lieder, erfanden Geschichten. Die Fahrtzeit verging uns doppelt so schnell wie auf der Hinfahrt. Kinder und Mütter betonten immer wieder, dass diese Tage für sie - trotz des Wetters - wunderschön waren und ihnen unvergesslich bleiben werden.

Beim Abschied in Gorazde gab es dann bei fast allen Kindern Tränen und die gegenseitigen Versicherungen, dass sie sich im SEKA-Haus bald wieder sehen würden.

Amina Vrana, Nurka Babovic, Arijana Catovic,
Adisa Adzem und Gabriele Müller

Anmerkung: Name geändert

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