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SEKA Journal Nr. 20, Dezember 2009

"SEKA leistet Pionierarbeit ..."

Ethnologe Dragan Popovic über die Bedeutung der SEKA-Arbeit

Der Ethnologe Dragan M. Popovic aus Belgrad arbeitete von April bis Ende Juli als Berater im Sarajevoer Büro der UN-Entwicklungsorganisation UNDP (UNDP-BiH). Durch seine Arbeit war er ständig im Kontakt mit einer großen Anzahl bosnisch-herzegowinischer Nicht-Regierungs-Organisationen - so auch mit SEKA Gorazde, das in den Monaten Januar bis Juni von UNDP gefördert wurde.

Für diese Förderung wurde SEKA Gorazde mit 12 anderen Organisationen aus einer Vielzahl von Projekten ausgewählt. Unserer Bitte, aus seiner Sicht einen kleinen Beitrag für das SEKA-Journal zu schreiben, hat Dragan Popovic gerne entsprochen:

"Ich freue mich, dass ich durch meine Arbeit in Bosnien-Herzegowina das Projekt SEKA in Gorazde kennengelernt habe. SEKA Gorazde ist eine der wenigen Pionierorganisationen, die das Ausmaß des Problems der Kriegstraumatisierung in Bosnien-Herzegowina erkannt haben. Aufgrund langjähriger Erfahrung in dieser Arbeit haben die Mitarbeiterinnen über die Jahre ein spezifisches Programm entwickelt, um dem Problem PTBS (Posttraumatischer Belastungsstörung) zu begegnen, den Betroffenen psychologische Hilfe zu bieten und die Öffentlichkeit über diese psychische Verletzung aufzuklären.

Denn noch immer ist die bosnisch-herzegowinische Öffentlichkeit nicht ausreichend über das Problem PTBS und seine Auswirkungen informiert.

Auch für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist es unerlässlich, die Bedeutung der Kriegs-Traumatisierung wahrzunehmen - als mögliche Gefahr für die Entstehung neuer gesellschaftlicher Konflikte. Noch immer gibt es von Seiten des Staates keine institutionelle Antwort auf dieses massive Problem - weder im Hinblick auf spezialisierte psychologische Hilfe für die Betroffenen, noch durch die Gesetzgebung, die den Status der Betroffenen regeln müsste. Aus diesem Grund sind die Aktivitäten der Zivilgesellschaft - wie von SEKA Gorazde noch bedeutender und unerlässlicher.

SEKA leistet in diesem Bereich und vor allem auch im ökonomisch und infrastrukturell völlig vernachlässigten ländlichen Gebiet Süd-Ostbosniens wahre Pionierarbeit!

Gruppenstunde mit Mädchen
Gruppenstunde mit Mädchen

Die Mitarbeiterinnen von SEKA haben eine spezifische Methode entwickelt, die besonders für die Arbeit mit traumatisierten Menschen geeignet ist und diesen bei der Verarbeitung des Erlebten hilft. Im Laufe der Jahre hat das Projekt eine bedeutende Anzahl von Fachfrauen - Psychologinnen, Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen und Psychotherapeutinnen - in dieser Methode weitergebildet.

Besonders beeindruckt hat mich der umfassende Ansatz der Hilfe, die das Projekt SEKA bietet: Im SEKA-Haus finden Frauen und Kinder Rat, therapeutische Hilfe und ihnen wird psychologisches Wissen vermittelt. Parallel dazu haben die Mitarbeiterinnen von SEKA die Gründung des Veteranenklubs "Svjetlost Drine" initiiert, wo wiederum die männlichen Angehörigen psycho-soziale und therapeutische Hilfe finden. Diese Art der engen Zusammenarbeit ermöglicht besonders wirkungsvolle Hilfe für gesamte Familien. Dies sollte m. E. ein Vorbild sein für ganz Bosnien-Herzegowina.

Eine der bedeutendsten Methoden, die die Mitarbeiterinnen von SEKA nutzen ist das Psychodrama.

Ein wichtiges Element darin ist - soweit ich das verstanden habe - dabei in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen, um diese besser zu verstehen. Dies trägt sicherlich entscheidend zur Verbesserung der Kommunikation und der Beziehungen in den Familien bei.

Während meiner Tätigkeit für UNDP habe ich einen vollständigen Einblick in alle Aktivitäten des Projekts SEKA bekommen und konnte diese daher auch mit den Aktivitäten anderer Organisationen vergleichen, die eine ähnliche Mission haben.

Ohne Zweifel kann ich sagen, dass ich voller Bewunderung für die Professionalität des Teams von SEKA Gorazde bin, dem es - trotz immer wieder großer finanzieller Probleme - gelingt, für die Menschen in Gorazde und Umgebung ein Ort zu sein, an dem sie willkommen sind und die Hilfe bekommen, die sie benötigen. Kuca SEKA ist dabei nicht nur ein therapeutisches Zentrum sondern auch ein Projekt, das einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung leistet und damit auch zur Verständigung und zum Friedensprozess.

Ein (wie ich meine) großer Erfolg der Bewusstseinsarbeit des Projekts SEKA ist, dass es gelungen ist, die Regierung des bosnisch-podrinischen Kantons zu überzeugen von der Wichtigkeit des Engagements in der Frage der Kriegstraumatisierung. Als Ergebnis davon hat der Kanton schließlich SEKA als seinen Partner anerkannt.

Ich würde mir wünschen, dass in einer nahen Zukunft auch die Regierungen auf Entitäts- und staatlichem Niveau die herausragende Qualität dieses Projekts als ein Modell erkennen werden, das auf erfolgreiche und wirkungsvolle Weise all denen helfen kann, die an diesen psychischen Verletzungen leiden.

Noch etwas möchte ich hinzufügen: Besonders beeindruckt hat mich bei jedem meiner Besuche im SEKA-Haus - neben der fachlichen Professionalität des Teams - die warme fröhliche Atmosphäre, die Ruhe, und Freundlichkeit, die die SEKA-Mitarbeiterinnen ausstrahlen - trotz ihrer vielen Aktivitäten - und die perfekte Organisation des Hauses.

Ich wünsche den Menschen in Gorazde und Bosnien-Herzegowina insgesamt, dass ihnen das Projekt SEKA noch lange erhalten bleibt, als ein Hort und eine Oase des Friedens und der Heilung, aber auch als Initiator dringend notwendiger gesellschaftlicher Bewusstseinsprozesse."

Dragan M. Popovic

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