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SEKA Journal Nr. 20, Dezember 2009

"Dass das Leben auch hinter der Mauer weitergeht ..."

Therapeutische Arbeit mit Frauen und Kindern

Im folgenden beschreiben wir an zwei Beispielen die konkrete Arbeit mit Frauen und Kindern sowohl während des Erholungsaufenthalts als auch im SEKA-Haus:

Inszenierung der Übung ‘Die Mauer’
Inszenierung der Übung ‘Die Mauer’

"Dass das Leben auch hinter der Mauer weitergeht ..."

Elvira1 und Maja1

Elvira rief im SEKA-Haus an - einen Tag nachdem das Lokalfernsehen wieder einmal über die SEKA-Arbeit berichtet hatte. "Ich habe diese Symptome, von denen Sie gestern im Fernsehen gesprochen haben," vertraute sie Vera Dacic an: "Mit wem kann ich darüber sprechen."

Zwei Wochen später kam sie zum ersten Einzelgespräch zu mir (Gabriele Müller). Es zeigte sich, dass sie sowohl an massiven intrusiven Symptomen litt (Überflutungen mit traumatischen Erinnerungen, Bildern und Gefühlen) als auch an permanenter Anspannung, Schlaflosigkeit und anderen typischen Traumasymptomen. Elvira sagte mir gleich, dass sie Opfer von Vergewaltigungen im Krieg sei, dass sie darüber aber nicht sprechen könne und wolle.

"Können Sie mir trotzdem helfen?" wollte sie wissen. Ich erklärte ihr, wie wir in der Regel arbeiten: an der Kontrolle der Symptome, der Wiederherstellung eines Gefühls von Sicherheit, Möglichkeiten der Selbst-Unterstützung, Ressourcen u.ä. - und dass sie überhaupt nichts tun müsse, wozu sie nicht bereit sei. Dies beruhigte sie.

An den ersten beiden Terminen sprachen wir einerseits über ihre Symptome und andererseits darüber, was ihr in diesen Situationen hilft. Ich erklärte ihr, was Trauma bedeutet, welchen Sinn die Symptome haben, und vermittelte ihr Techniken wie ‘Safe / Tresor’ und ‘Umschalten / Album schöner Bilder’, die helfen können, Trauma-Symptome besser zu kontrollieren. Diese beiden Techniken empfand Elvira als außerordentlich hilfreich. Sie wandte sie in der Folgezeit in ihrem Alltag häufig an, "um aus den schrecklichen Erinnerungen herauszukommen" - meist mit Erfolg.

An weiteren Terminen arbeiteten wir psychodramatisch mit Symbolen auf der ‘kleinen Bühne’: u.a. zu ihren Rollen in ihrem aktuellen Leben und damit verbunden zu ihren Stärken und Fähigkeiten. Elviras Selbstwahrnehmung begann sich zu verändern, ihre Selbstachtung zu wachsen.

Als hilfreich empfand sie auch die Technik der ‘inneren Beobachterin’, d.h. sich selbst ‘wie aus der Distanz und von oben’ mit den Augen einer ‘besten Freundin’ zu sehen.

Mehrmals kam Elvira zum Termin abgehetzt und völlig außer Atem. Dies war der Anlass, den ‘Inneren Antreiber’ zu entdecken. (Elvira konnte das therapeutische Ego-States-Konzept2, das von hilfreichen und destruktiven inneren Anteilen ausgeht, sehr gut annehmen.) In der Arbeit mit Symbolen und dem psychodramatischen Interview mit Elvira in der Rolle des ‘Antreibers’ wurde deutlich, dass dieser Elvira nicht antreibt, um ihr das Leben schwer zu machen, sondern, dass sie sich mit Hilfe des ‘Antreibers’ vor Ruhepausen und damit verbundenen Intrusionen bewahrt. Für Elvira war diese Erkenntnis faszinierend und von großer Wichtigkeit. Es gelang ihr, in Anerkennung seiner auch positiven Aufgabe in der Psychodrama-Szene mit dem ‘Antreiber’ zu verabreden, dass er seine Intensität mindern solle. Sie wollte in Zukunft, wenn sie sich selbst unter Druck setzte, mit ‘ihm’ in Kontakt gehen und ‘ihn’ an die Abmachung erinnern. In den Folgenden Sitzungen erzählte sie mir, dass das ganz gut gelang.

"Es geschah am Vorabend des Geburtstags ..."

Als der Geburtstag ihrer ältesten Tochter näher rückte, verstärkten sich die intrusiven Symptome wieder massiv: Am Abend vor dem damals 12. Geburtstag ihrer Tochter war Elvira verschleppt worden. Sie hatte weder geschrien, noch sich gewehrt, um die Töchter, die im Obergeschoss schliefen, nicht zu wecken und sie so zu schützen. Jeder Geburtstag ihrer Tochter erinnerte sie an diesen schrecklichen Vorabend und die furchtbaren Wochen und Monate danach. Ich schlug Elvira vor, sich in Gedanken an all die früheren Geburtstage ihrer Tochter zu erinnern - glückliche Geburtstage. Während sie mir alle Geburtstage ihrer Tochter von der Geburt bis zum 11. Geburtstag schilderte, veränderte sich Elviras Gesicht und Körperhaltung völlig: Sie lächelte in Gedanken liebevoll, ihr Körper entspannte sich. Lachend erzählte sie scherzhafte Episoden. Wir übersprangen dann den 12. Geburtstag und erinnerten uns an den 13., den 14. usw. Natürlich lagen die späteren Geburtstage unter dem Schatten des Traumas, aber es gelang Elvira sie realer zu sehen und sich ebenfalls an schöne Momente mit ihrer Familie zu erinnern. Nach dieser Übung stellte sie fest, dass sie all die ‘schönen Geburtstage’ völlig vergessen hatte, und dass sie nun ein ‘Gegengewicht’ bilden konnten zu dem ‘schrecklichen Geburtstag’ - dass sie alle zusammen "eigentlich stärker waren". Wir besprachen, dass sie sich in Gedanken vielleicht noch ein zusätzliches ‘Album’ mit den schönen Geburtstagsbildern anlegen konnte, das sie dann als ‘Gegenbilder’ zum ‘Umschalten’ nutzen konnte, wenn im Zusammenhang mit dem Geburtstag der Tochter die schrecklichen Erinnerungen kamen. Dieses ‘Album’ half ihr dann wirklich, den aktuellen Geburtstag der Tochter mehr in der Gegenwart und gelassener zu erleben. "Am meisten geholfen hat mir eigentlich, dass ich wusste, dass ich ein ‘Gegenmittel’ habe. Dadurch sind die schrecklichen Bilder weniger gekommen, oder ich habe sie gleich ausschließen können."

Symbolarbeit zu ‘Ressourcen’
Symbolarbeit zu ‘Ressourcen’
Die glücklichen Erinnerungen zurückgewinnen

Auch die Übungen ‘Freude, die mein Körper mir schenkt’ oder ‘Glück’ (ebenfalls nach Reddemann) halfen Elvira, sich an weitere schöne Erfahrungen in ihrem Leben zu erinnern und sie ihrem ‘Album schöner Bilder’ hinzuzufügen. Auf diese Weise gewann Elvira Stück für Stück glückliche Erinnerungen an ihr früheres Leben zurück. Damit veränderte sich auch ihr Selbstbild weiter. Sie erlebte sich selbst nun nicht mehr nur als Opfer, als ohnmächtig und beherrscht von den traumatischen Bildern, sondern war sich ihrer positiven Erfahrungen und ihrer Stärken wieder mehr bewusst. Sie wurde auch wieder kontaktfreudiger, kam z.B. auch zu den offenen Terminen ins SEKA-Haus.

Dies war für Elvira ein großer Schritt: Beim ersten Termin hatte sie mir erzählt, dass sie sich in den letzten Jahren immer mehr zurückgezogen und Kontakte außerhalb der Familie mehr und mehr vermieden hatte. Sie hatte das Gefühl gehabt: "Jeder sieht mir an, was mit mir passiert ist." Das schien sich nun wieder zu verändern.

Ich schlug ihr daher vor, mit ihrer jüngsten (12jährigen) Tochter Maja am SEKA-Erholungsaufenthalt in Neum teilzunehmen: 12 Tage Erholung und therapeutische Gruppenarbeit. Nach einer Beratung mit Mann und Tochter stimmte sie zu.

Ein Geschenk für mich und meine Tochter

Den Erholungsaufenthalt in Neum erlebte Elvira "als ein Geschenk für mich und meine Tochter".

"Ich habe mich wunderbar erholt! Es gab allerdings Höhen und Tiefen", erzählte sie mir am ersten Termin nach der Rückkehr aus Neum.

Elvira hatte sich zu Anfang etwas vor der Gruppenarbeit gefürchtet. Aber nachdem sie die beiden Therapeutinnen Nurka Babovic und Arijana Catovic kennengelernt hatte, verlor sie ihre Ängste. Die anderen Frauen fand Elvira sympathisch und es half ihr, als sie merkte, dass sie alle schwere und leidvolle Erfahrungen hatten durchmachen müssen. "Da habe ich mir gesagt, die werden mich dann auch verstehen können", meinte sie.

Durch die verschiedenen Übungen lernte sie die anderen kennen und konnte auch immer mehr von sich zeigen. Sehr wichtig waren ihr die Gruppenstunden zum Thema ‘Kommunikation’ und die Übung ‘Mein innerer sicherer Ort’.

"Mein sicherer Ort ist eine Insel, auf der ich vor 30 Jahren wirklich einmal war", beschrieb sie mir, "eine Insel voller Blumen und wunderschöner Skulpturen. Ich habe mich da großartig gefühlt. Damit es ganz sicher dort ist, habe ich mir drum herum noch eine riesige Mauer und Stacheldraht vorgestellt, damit da wirklich niemand eindringen kann. Und dann habe ich mich zum ersten Mal seit all den Jahren entspannen können ..."

Die Mauer

Einige der Übungen waren Elvira schon aus der Einzeltherapie bekannt und sie fand es prima, sie noch einmal zu machen, um sich noch besser darauf einlassen zu können oder etwas Neues zu entdecken. Andere wiederum waren auch für sie neu.

Als schwierigste Übung empfand sie die Imaginationsübung ‘Mauer’. Als sie in ihrer Imagination beim Spaziergang durch den Wald plötzlich auf die Mauer stieß, erschrak sie und bekam Panikgefühle: ihre Mauer war riesig, schwarz, unüberwindlich und bedrohlich. Sie hatte das Gefühl, von ihr erdrückt zu werden. Sie unterbrach diese Übung und eine der Therapeutinnen half ihr, sich zu beruhigen. Nach der Imagination konnten die Frauen ihre Erlebnisse zeichnen. Und dann, wenn sie wollten, auf der Bühne darstellen. Elvira malte ihre Mauer: "schwarz, riesig, tödlich". Auf der Bühne wollte sie sie nicht darstellen. Als jedoch alle anderen Frauen ihre ‘Mauer-Szenen’ dargestellt hatten und sich danach sehr gut fühlten, beschloss Elvira, doch auch ihre Szene auf der Bühne darzustellen - mit Hilfe der anderen Frauen, die die verschiedenen Rollen übernahmen.

"Es war sehr schwer für mich," erzählte mir Elvira, "aber Nurka hat mich unterstützt und schließlich habe ich es geschafft, halb durch die Mauer hindurchzukommen und zu sehen, dass es doch auf der anderen Seite Leben gibt - dass das Leben da weitergeht."

Im Gespräch über diese Szene wird ihr klar, dass die Mauer für sie ihre traumatische Erfahrung symbolisierte. Deshalb hatte sie körperlich und psychisch so massiv darauf reagiert. Sie hatte die Imagination abgebrochen, aber sie hatte es geschafft, die Mauer zu zeichnen und hatte den Mut gehabt, sich mit ihr in der Szene zu konfrontieren und zu merken, "dass das Leben auch hinter der Mauer weitergeht." Elvira, die es in Neum als "Versagen erlebt" hatte, dass es ihr nicht - wie den anderen Frauen - gelungen war, die Mauer ganz zu überwinden, konnte nun ihre Leistung würdigen. Was sie geschafft hatte, war eine sehr mutige symbolische Annäherung. Alles andere wäre in diesem Moment zuviel für sie gewesen.

Als sie zur nächsten Therapiestunde kam, erzählte sie mir stolz, dass sie mit ihren Geschwistern zu ihrem (noch völlig zerstörten) Heimatdorf gefahren sei. Zum ersten Mal war sie dort vor zwei Jahren gewesen. Damals war sie ständig von quälenden Erinnerungen überflutet worden und sie hatte nur darauf gewartet, wieder wegzukommen. Dieses Mal hatte sie sich - als die schrecklichen Bilder in ihr hochkamen - aktiv an die schönen Zeiten in ihrem Dorf vor dem Krieg erinnert. Sie nahm sich Zeit für sich allein, ging zu den Orten, wo sie in ihrer Kindheit glücklich gewesen war. Und sie konnte sich an diesem Ort wieder gut fühlen. "Es ist, als ob ich mir diesen Ort wieder angeeignet habe," meinte sie nachdenklich. "Ich glaube, ich wünsche mir, dass wir Geschwister irgendwann auf dem Fundament des alten Hauses wenigstens ein Wochenendhäuschen bauen können. Ich werde mit den anderen darüber reden."

Ich sagte Elvira, dass ich den Eindruck hätte, dass sie eine Mauer in ihrem realen Leben überwunden habe. Dem konnte sie zufrieden lächelnd zustimmen.

Übung ‘Die schlechten ZuhörerInnen’
Übung ‘Die schlechten ZuhörerInnen’
‘Die Wächterin’

Beim nächsten Therapietermin erklärte mir Elvira, dass sie sich inzwischen tagsüber wirklich gut fühle. Sie hatte am Tag nur noch selten intrusive Symptome - und wenn es sich ereignete, machten sie ihr nicht mehr so viel Angst, denn sie wusste, was sie tun konnte. In der Regel gingen diese Momente dann schnell vorbei.

"Nur mit dem Schlafen habe ich noch immer Probleme," meinte sie. "Obwohl ich jeden Abend sehr müde bin, traue ich mich nicht ins Bett zu gehen; denn dann fängt die Angst an - vor den schwarzen Gedanken, dann vor den Bildern und dann geht dieser ganze schreckliche Film ab ..." Elvira bemühte sich, alle Techniken, die am Tag so gut funktionierten, auch in der Nacht anzuwenden. "Aber das funktioniert kaum."

Ich schlug ihr vor, die Szene ‘Abends vorm Einschlafen’ psychodramatisch mit Symbolen auf der ‘kleinen Bühne’ darzustellen.

In der Arbeit an dieser Szene erkannte Elvira ‘zwei Teile’ (Ego-States) in sich: ‘die Elvira, die müde ist und gerne schlafen möchte, die weiß, dass die Vergangenheit vorbei ist’ und ‘die andere Elvira, die nicht glaubt, dass die Vergangenheit wirklich vorbei ist, die stets auf der Hut ist’. Elvira nannte sie ‘die Wächterin’. Die ‘Wächterin’ ließ Elvira nicht schlafen.

Im psychodramatischen Interview mit Elvira in der Rolle der ‘Wächterin’ zeigte sich zu Elviras Überraschung, dass die ‘Wächterin’ Elvira gar nicht ‘malträtieren wollte’, sondern sie beschützen und verhindern, dass ihr ‘noch einmal so etwas zustößt’. Sie schickte ihr die "schwarzen Gedanken und die schrecklichen Bilder zur Warnung" - gerade in der Zeit vorm Einschlafen - "denn genau in dieser Zeit ist es geschehen". Im Interview mit der ‘Wächterin’ gab diese schließlich zu, dass der Schlafmangel Elvira schwächt und sie sich dann im Notfall nicht verteidigen kann.

Elvira hatte schließlich die Idee, "dass die ‘Wächterin’ auf dem Dachboden Wache halten kann - Dort hat sie einen guten Überblick durchs Fenster." Elvira gab ihr ein Nacht-Fernglas, einen bequemen Stuhl und ein Bett, "falls sie sich doch einmal hinlegen möchte".

Elvira war sehr zufrieden mit dieser Lösung - und die ‘Wächterin’ war damit im Moment auch einverstanden. Bis zum nächsten Termin wollte Elvira das ausprobieren.

In der nächsten Therapiestunde erzählte sie mir, dass sie jeden Abend versucht hatte, die ‘Wächterin’ auf den Dachboden zu schicken, diese aber nicht gehen wollte.

Wir arbeiteten daher weiter mit der Einschlaf-Szene. Im Interview mit der ‘Wächterin’ meinte diese (Elvira in dieser Rolle) nun, dass ihr der Dachboden zu weit entfernt sei. Sie müsse bei Elvira im Schlafzimmer sein. Auch den Platz auf dem Schrank lehnte sie ab. Schließlich gab sie sich zufrieden mit dem Platz auf dem Regal überm Bett.

Ich schlug Elvira zusätzlich vor, auszuprobieren, vorm Einschlafen in Gedanken selbst in die Rolle der ‘Wächterin’ (der aktiven Beschützerin) zu gehen, die die schlafende Elvira bewacht. Wieder wollte Elvira mit der neuen Idee experimentieren.

Als Elvira nach drei Wochen zum nächsten Termin kam (ich war in der Zwischenzeit nicht in Gorazde), sah sie wunderschön aus, frisch und erholt. Sie berichtete mir, dass sie nun 50% der Nächte gut schlafe und sich so gut fühle wie seit langem nicht mehr. Dies war für sie ein grandioser Erfolg; denn in den letzten 17 Jahren hatte sie jede Nacht mit den intrusiven Symptomen gekämpft und war meist von schrecklichen Alpträumen aufgewacht. Sie erklärte mir, dass es wirklich am besten wirke, wenn sie sich beim Einschlafen vorstellte, dass sie in der Rolle der ‘Wächterin’ ihren eigenen Schlaf bewachte!

"Das Schönste ist", sagt sie mir strahlend, "dass ich wieder richtig Freude am Leben habe!"

Angst und Wut

Die zwölfjährige Maja kam auf Vorschlag ihrer Mutter Elvira zu mir (Amina Vrana) zu einer Einzelstunde. Elvira war sich bewusst, dass ihre eigene Traumatisierung Auswirkungen auch auf ihre Familie und insbesondere auf ihre jüngste Tochter hatte. "Jahrelang verkroch ich mich mehr oder weniger in mich selbst. Ich hatte wenig Kapazität für meine Jüngste. Ich fuhr wegen allem und jedem aus der Haut oder hatte, wenn sie nicht in meiner Nähe war, oft furchtbare Ängste, es könnte ihr etwas zugestoßen sein. In der letzten Zeit habe ich bemerkt, dass auch sie Ängste hat. Sie kann z.B. nicht bei Dunkelheit schlafen. Und oft wird sie wegen Kleinigkeiten wütend - wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und sie hat keine Geduld ..."

In der ersten Therapiestunde mit Maja lernten wir uns zuerst ein wenig kennen. Ich zeigte ihr die Spielsachen. Dann sprachen wir über die Schule und ihre Vorlieben. Ich erklärte ihr, auf welche Art und Weise ich im SEKA-Haus arbeite.

Maja kam zu mehreren Einzelterminen, in denen wir u.a. über ihre Schwierigkeiten in der Schule sprachen, über ihren großen Ehrgeiz und ihre Ängste zu versagen.

Maja war begeistert, als sie erfuhr, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter am Erholungsaufenthalt in Neum teilnehmen durfte.

Beim Vorbereitungstreffen der Kinder war sie noch ein wenig still und unsicher, doch schon auf der Fahrt nach Neum wurde sie lockerer und schloss sich den anderen beiden (etwa gleichaltrigen) Mädchen an.

Maja war von Anfang an sehr interessiert an den Gruppenstunden und beteiligte sich aktiv. Sie war sehr kreativ, hatte allerdings sehr hohe Erwartungen an sich selbst und war oft unzufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde deutlich, dass sie ein geringes Selbstwertgefühl hatte und sich schnell in Frage gestellt fühlte.

Als wir beim Thema ‘Gefühle’ zum Gefühl ‘Angst’ arbeiteten, erzählte sie, dass sie Angst vor der Dunkelheit habe oder davor, dass ihrer Mutter oder ihrem Vater etwas zustoßen könnte. Nach dieser Gruppenstunde fragte sie mich, ob sie mit mir allein sprechen könne. Sie erzählte mir von ihrer Angst, dass die anderen sie nicht mochten. Wie sich zeigte, steckte dahinter ihre Angst, dass ihre Mutter sie nicht liebte oder wütend auf sie war. Sie wusste nicht, warum, traute sich aber auch nicht zu fragen. "Sie sieht manchmal so wütend aus und dann redet sie nicht. In letzter Zeit ist es besser. Ich wünsche mir, dass es so bleibt." Ich erklärte ihr, dass Erwachsene oft eigene Probleme haben oder sich Sorgen über etwas machen, dass das aber nicht mit den Kindern zu tun haben muss. "Wenn uns eine Person wichtig ist, ist oft der beste Weg, sie direkt zu fragen." Maja wollte darüber nachdenken.

Paarübung zum Thema ‘Konflikte’
Paarübung zum Thema ‘Konflikte’

Am nächsten Tag, als wir am Gefühl ‘Wut’ arbeiteten, meinte Maja über ihr ‘Wutgemälde’: "Ich werde ganz schnell wütend, wenn jemand ungerecht ist, aber auch wenn ich mich unsicher fühle oder wenn ich Angst habe.

Wir sprachen dann über das, was uns helfen kann, wenn wir wütend sind. Die Übung ‘Wut ablassen’ fand auch Maja "toll". Sie haute auf die Polster, trat gegen sie und schimpfte vor sich hin. Am Ende war sie erschöpft aber sie fühlte sich gut. "Ich hab mir einen Jungen von der Parallelklasse vorgestellt, der mich ständig provoziert und blöde Sprüche klopft", erklärte sie.

Später am Strand fragte Maja mich, ob ich mit ihr "ein wenig raus schwimme". Dann erzählte sie mir, dass sie manchmal auch so wütend auf ihre Mutter ist, wenn die ihr nicht zuhört, oder so streng sei oder wegen allem und jedem so ein Theater mache. Sie schämte sich dafür, "weil es doch nicht in Ordnung ist; sie ist doch meine Mama und ich weiß, dass es ihr oft nicht gut geht."

Ich erklärte Maja, dass es ganz natürlich ist, dass wir manchmal auch auf Menschen, die wir lieben, ärgerlich oder wütend sind: Und dass es wichtig ist, dass sich die Wut nicht anstaut, sondern dass wir mit der anderen Person reden (wenn dies möglich ist).

‘Ich-Botschaften’

Zwei Tage später arbeiteten wir mit den Handpuppen zum Thema ‘Konflikte’. Die Kinder spielten verschiedene Szenen aus ihrer eigenen Erfahrung. Zuerst die ‘problematische Version’. Dann überlegten wir gemeinsam, wie sich der Konflikt besser lösen ließe. In einer kleinen Theorie-Einheit erklärten wir den Kindern den Unterschied zwischen ‘Du-Botschaften’ und Generalisierungen einerseits ("Du bist immer so faul ...") und ‘Ich-Botschaften’ in Verbindung mit unserem Gefühl und einem konkreten Anlass ("Ich bin ärgerlich, weil Du Deinen Teil der Arbeit nicht erfüllt hast"). Schließlich probierten die Kinder für jede Szene eine neue Version, in der sie versuchten, das Gelernte anzuwenden.

Am nächsten Morgen begrüßte mich Maja mit einer Umarmung. Dann sagte sie leise: "Ich hab mit Mama geredet - so wie wir das gestern geübt haben - und dann haben wir beide geweint und sie hat gesagt, dass sie mich versteht und dass sie gar nicht wütend auf mich ist!" Noch ein tiefer Seufzer und dann tobte Maja mit den anderen Kindern ausgelassen durch den Raum.

Gegen Ende des Erholungsaufenthalts bemerkten wir, dass Maja deutlich entspannter und selbstsicherer war. Auch das Verhältnis zur Mutter war ausgeglichener, da auch Elvira gelassener mit der Tochter umgehen konnte. Gleichzeitig schloss Maja enge Freundschaft mit den beiden anderen Mädchen, die sie nun - nach dem Erholungsaufenthalt - regelmäßig in der Kindergruppe im SEKA-Haus wieder trifft.

Arijana Catovic, Gabriele Müller, Amina Vrana

Anmerkung:
1) Namen geändert
2) vgl. L. Reddeman, ‘Traumatherapie-PITT, Das Manual’

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