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SEKA Journal Nr. 20, Dezember 2009

"Ich fühle mich wieder als wertvoller Mensch"

Gespräch mit Merima K.1

Merima K., kommt seit ca. 1 ½ Jahren ins SEKA-Haus - erst zu offenen Terminen; dann nahm sie im Juni 2008 am therapeutischen Erholungsaufenthalt in Neum teil und anschließend weiter an einer der Therapiegruppen im SEKA-Haus. Seit sechs Monaten kommt sie auch zu Einzeltherapie.

Gruppenarbeit
Gruppenarbeit

Als der Krieg im April 1992 begann, war Merima 20 Jahre alt und lebte mit Eltern und Geschwistern und deren Familien in einem Dorf in Ostbosnien nahe der Grenze zu Serbien. Nach Kriegsausbruch wurde das überwiegend von Bosniaken besiedelte Dorf von der Jugoslawischen Volksarmee (inzwischen unter serbischem Kommando) besetzt. Diese übergab dann nach wenigen Wochen das ‘Regiment’ an die berüchtigte serbische Freischärler-Gruppe ‘Weiße Adler’, die sofort begannen, die bosniakische Bevölkerung zu terrorisieren und liquidieren. Viele Männer - so auch Merimas Vater - wurden verschleppt und ermordet. Merimas zwei Brüdern gelang die Flucht durch den Wald und die feindlichen Linien zum von der bosnischen Armee gehaltenen Gebiet. Merima, ihre Mutter und ihre Schwestern wurden vergewaltigt, misshandelt und gedemütigt. Es gelang ihnen jedoch, mit den Kindern in den Wald zu fliehen, wo sie sich zwei Monate lang tagsüber versteckten und nachts ins Dorf schlichen, um Lebensmittel zu organisieren. Schließlich zündeten die Freischärler das gesamte Dorf an, nachdem sie es geplündert hatten.

Merima und ihrer Familie blieb nun keine andere Wahl, als sich mit den Kindern durch den Wald und die Front hindurch auf das von der bosnischen Armee gehaltene Gebiet zu flüchten. Neben den Vergewaltigungen und Misshandlungen erlebte Merima auch diese Flucht als extrem traumatisch. Die Todesangst, der Mangel an Lebensmitteln und Wasser in diesem heißen Sommer und besonders die Sorge um die Kinder machten sie "fast verrückt".

Schließlich erreichten sie die umzingelte und von Flüchtlingen überfüllte Enklave Gorazde. Obwohl die Stadt unter ständigem Beschuss lag, empfand Merima sie als "Hort der Sicherheit" - nach den Wochen im Wald.

Die junge Frau engagierte sich sofort als freiwillige Helferin in einer Notambulanz, wo sie kochte und die Schwerkranken bzw. Verwundeten pflegte. Zweimal in dieser Zeit war Gorazde in Gefahr, von den Karadzic-Truppen erobert zu werden. "Dann hätte ich mich umgebracht!" ist sich Merima sicher. "All das hätte ich nicht noch einmal ertragen können."

Nach dem Krieg lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie zwei Kinder hat. Ihr Mann - ebenfalls kriegstraumatisiert - hat sich dem Veteranenprojekt ‘Svjetlost Drine’ angeschlossen.

Merima war bereit zu einem anonymisierten Interview für das SEKA-Journal. Esma Drkenda stellte die Fragen.

E.D.: Merima, Du kommst nun ca. 1 ½ Jahre ins SEKA-Haus. Wie hast Du von SEKA erfahren?

M.K.: Ich habe mehrmals die Beiträge im Fernsehen über die SEKA-Arbeit gesehen. Ich habe damals schon überlegt, ob ich mich bei Euch melden soll, aber ich fühlte mich noch nicht bereit, an diese Geschichte zu rühren. Ich dachte damals, ich habe meine Art gefunden, damit umzugehen. Was mir gegen die Erinnerungen und die Panik am meisten geholfen hat, war Arbeit. Ich arbeitete ununterbrochen, war froh, als ich vor vier Jahren einen Arbeitsplatz in einem kleinen Betrieb fand.

Das ist schwere Arbeit; wir stehen unter großem Druck, müssen oft länger als acht Stunden arbeiten und den Lohn bekommen wir häufig nicht. Aber die Arbeit und das Zusammensein mit den anderen Frauen haben mich immer am besten abgelenkt, und natürlich auch meine Familie - die Kinder, mein Mann. Das funktionierte relativ gut am Tag. Die Nächte aber waren mein größtes Problem. Selten einmal schlief ich eine Nacht durch.

Vor allem wenn es abends in den Nachrichten irgendwelche Berichte gab, die mit dem Krieg oder Kriegsverbrechen zu tun hatten... dann konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen.

E.D.: Du sagtest, zu Anfang wolltest Du nicht an diese Erfahrung rühren. Was hat Dich dann doch bewogen, die SEKA-Angebote anzunehmen?

M.K.: Mein Mann. Nachdem er begonnen hatte, in den Veteranenklub zu gehen und dort auch an einer Gruppe teilzunehmen, die Gabriele leitete, hat er mir immer von den Themen erzählt, über die sie dort sprechen, oder von den Übungen, die er gelernt hat, mit denen man sich selbst helfen kann. Und er hat Papiere mitgebracht zu verschiedenen Themen. Ich habe diese Texte gelesen - über Trauma, was das ist und was es bedeutet. Oder über Gefühle... oder wie wir am besten kommunizieren können. Ich habe auch gemerkt, dass er sich verändert hat, ruhiger geworden ist, dass er mehr Geduld hat mit den Kindern und auch mich mit meinen Schwierigkeiten besser verstehen konnte.

Wir konnten offener miteinander reden. Er hat mir dann vorgeschlagen, ob ich nicht die Mitarbeiterinnen im SEKA-Zentrum kennenlernen möchte.

Ich war dann einmal mit den Kindern bei der Feier zu Bajram, Weihnachten und Neujahr2. Die Atmosphäre im SEKA-Haus hat mir gefallen. Ich bin dann noch mal zu einem der offenen Termine gegangen, weil auch die Kinder sehr gerne wollten. Und dann hat mir Senija vorgeschlagen, mit den Kindern zur Erholung nach Neum zu fahren. Das war ein so großartiges Angebot, das konnten wir unmöglich ausschlagen!

Psychodrama-Inszenierung
Psychodrama-Inszenierung

E.D.: Du wusstest aber auch, dass es in Neum täglich je vier Stunden Gruppenarbeit für Frauen und Kinder geben würde?

M.K.: Ja das wusste ich. Ich hatte schon ein wenig Angst vor der Gruppe - ich kannte die anderen ja kaum. Aber ich dachte auch, vielleicht ist das eine Chance, meine Barriere zu überwinden. Und am Ende, muss ich sagen, war mir die Gruppenarbeit noch wichtiger als das Meer!

Unsere Therapeutinnen Nurka und Senija hatten eine so einfühlsame und gleichzeitig leichte Art und sie gestalteten die Gruppenstunden so abwechslungsreich und interessant, dass ich fasziniert war.

Es hat mir auch sehr gefallen, dass wir immer die Freiheit hatten, selbst zu entscheiden, ob wir an einer Übung teilnehmen wollten oder wie viel wir in der Gruppe mitteilen wollten. Geholfen haben mir auch die anderen Frauen in der Gruppe, von denen jede ein schweres Schicksal hat und viele ähnliches erlebt haben wie ich. Durch die Gruppenarbeit und die gemeinsam verbrachten 12 Tage am Meer haben wir uns gut kennengelernt und sind richtig zusammengewachsen. In der Gruppe habe ich begonnen, über vieles zu reden, was ich bis dahin in mir verschlossen hatte. Es war ein gutes Gefühl, von den anderen verstanden und angenommen zu werden.

Nach dieser guten Erfahrung war es für mich klar, dass ich auch in Gorazde gerne weiter an der Gruppe teilnehmen wollte.

E.D.: Welche Themen der Gruppenarbeit waren Dir bisher am wichtigsten?

M.K.: Sehr hilfreich fand ich die Phantasie-Übungen, mit denen wir uns selbst beruhigen können, oder das ‘Umschalten auf schöne Bilder oder Erinnerungen’. Das nutze ich viel, besonders abends vorm Einschlafen, oder wenn mich wieder irgendetwas beunruhigt.

Auch die Themen ‘Gefühle’ oder ‘Kommunikation’ oder ‘Kinder’ haben mich sehr interessiert und ich habe neue Informationen bekommen. Oder die Erklärungen zu Trauma, warum wir welche Symptome haben und was hilfreich ist. Das hat mir geholfen, meine eigenen Zustände besser zu verstehen und mich nicht dafür schuldig zu fühlen.

Es war für mich bisher alles interessant und trotz der manchmal sehr schweren Themen haben wir auch viel gelacht. Jedes Mal machen wir zu Anfang ein Spiel, das uns entspannt und Spaß macht.

E.D.: Inzwischen kommst Du auch zur Einzeltherapie. Wie kam es, dass Du Dich dazu entschieden hast?

M.K.: Die Gruppe ist mir nach wie vor eine wichtige Unterstützung. Nach den Gruppentreffen fühle ich jedes Mal neue Energie und der Austausch mit den anderen Frauen ist mir sehr wichtig.

Dennoch habe ich mich entschieden, Gabriele auch um Einzeltermine zu bitten, da ich über manche Themen und vor allem meine schwersten Erfahrungen doch nicht in der Gruppe sprechen will.

Die Einzelstunden tun mir sehr gut. Nach jeder Stunde fühle ich mich erleichtert. Mit Gabriele kann ich sprechen wie mit niemandem sonst. Ich bin mir sicher, dass sie mich verstehen kann und dass sie das nicht zu sehr belastet, weil sie viel Erfahrung hat. Über manches kann man nur mit einer neutralen Person sprechen, einer Therapeutin eben. Mein Mann weiß, was mir geschehen ist, aber über Einzelheiten möchte ich mit ihm nicht sprechen. Ich weiß, dass ihn das nur belasten würde.

Die Einzeltermine helfen mir, meine Fortschritte zu erkennen. Und das Wichtigste ist, dass ich mich wieder wie ein wertvoller Mensch fühle, dass ich mich selbst annehmen kann, mit dem was mir passiert ist, - und mich nicht mehr dafür verurteile. Im Gegenteil, ich bin stolz auf mich, wie ich mein Leben meistere - und dass ich immer öfter wieder wirklich glücklich sein kann.

Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann in der nächsten Zeit zum ersten Mal nach dem Krieg wieder mein altes Dorf besuchen will. Ich war da so glücklich - vor dem Krieg. Noch bin ich nicht so weit. Aber ich merke, dass der Wunsch in mir stärker wird. Gabriele hat mir versprochen, dass sie mich bei meinem ersten Besuch dorthin begleiten wird. Damit fühle ich mich sicherer. Und zuvor werde ich mich in der Therapiestunde darauf vorbereiten. Das wird für mich ein großer Schritt sein - und wie ich hoffe ein großer Erfolg...

SEKA ist für mich und meine Familie ein Geschenk des Himmels. Unser Leben hat sich so sehr verändert, so viel an Qualität gewonnen. Ich wünsche mir, dass noch viele Menschen so wie wir im SEKA-Haus Hilfe bekommen.

E.D.: Herzlichen Dank, Merima, dass Du all das mit uns geteilt hast! Ich wünsche Dir und den Deinen alles alles Gute.

Übersetzung: Gabriele Müller

Anmerkungen:
1) Name geändert und Interview anonymisiert
2) Diese Feste werden im SEKA-Haus stets als ein gemeinsames Fest gefeiert.

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