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SEKA Journal Nr. 19, Dezember 2008

"Ich kehre zurück mit kristallklarem Herzen..."

Erholungsaufenthalt für 20 Frauen und Kinder am Meer in Neum

In der Zeit vom 16. bis zum 26. Juni 2008 organisierten wir den diesjähriger therapeutischen Erholungsaufenthalt für eine Gruppe von 20 Frauen und Kindern aus Gorazde. Wie bereits im Vorjahr fand er im einzigen bosnischen Ort an der Adria statt: in Neum. Trotz Inflation sind die Preise dort in der Vorsaison weit günstiger als in Dalmatien, was unseren knappen Finanzmitteln sehr entgegenkommt.

Gruppenbild der Frauen mit Senija Tabakovic
Gruppenbild der Frauen mit Senija Tabakovic

Zusammensetzung der Gruppe:

Die 10 Frauen und 10 Kinder der Gruppe hatten wir (die Mitarbeiterinnen des Projekts SEKA) in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für psychische Gesundheit, Gorazde, und dem Veteranen-Klub "Svjetlost Drine", Gorazde, der kriegstraumatisierten Veteranen psycho-soziale Hilfe anbietet, nach spezifischen Kriterien ausgewählt:

Alle Familien leben unter sehr schweren ökonomischen Bedingungen. Alle Frauen leiden an mehrfachen Kriegstraumata; viele von ihnen haben Vergewaltigungen durch die feindlichen Soldaten überlebt, einige haben darüber hinaus auch Gewalt in der Kindheit und / oder in der Ehe erfahren. Mehrere Frauen leben alleine mit den Kindern, andere mit kriegstraumatisierten oder psychisch krankem Partner bzw. anderen nach dem Krieg psychisch erkrankten Familienangehörigen.

Alle Frauen haben den Krieg in Ostbosnien überlebt, die Mehrzahl von ihnen stammt aus Dörfern in der Umgebung Gorazdes, von wo sie während des Krieges vertrieben worden sind. Die Kinder, wie auch zwei der Frauen waren noch nie am Meer gewesen. Frauen und Kinder waren überglücklich und aufgeregt über diese Möglichkeit, die ihnen geboten wurde, sich am Meer zu erholen.

Um die Notwendigkeit des therapeutisch begleiteten Erholungsaufenthalts für diese Gruppe deutlich zu machen, beschreibe ich noch einmal kurz die Situation in Gorazde während des Krieges und heute.

Hintergrund: Der Kanton Gorazde während des Krieges und heute:

Gorazde - vor dem Krieg eine idyllisch an dem Fluss Drina gelegene Kleinstadt mit mehrheitlich bosniakischer Bevölkerung - hat neben Srebrenica und Zepa während des Krieges eine traurige und schreckliche Berühmtheit erlangt - als "Schutzzone, die nicht geschützt wurde". Seit Anfang des Krieges im Frühjahr 1992 war Gorazde, als überwiegend muslimische Enklave im von den serbischen Nationalisten dominierten Teil Bosniens ("Republika Srpska") eingekesselt und erlebte - wie Srebrenica - mehr als drei Jahre ständige heftige Granatierung, Beschuss durch Heckenschützen und eine furchtbare lang andauernde Hungersnot. Tausende Flüchtlinge aus den verbrannten Dörfern der Umgebung suchten - schwer traumatisiert - Schutz in der kleine Gorazder Enklave, die schon die eigene Bevölkerung nicht ernähren konnte.

Die Menschen in Gorazde lebten in der ständigen Angst, von den Karadzic-Truppen und Einheiten aus Serbien überrollt zu werden. Im Sommer 1995 gab es schließlich Bestrebungen der internationalen Gemeinschaft (USA und EU) wie auch der damaligen bosnischen Regierung, Gorazde ebenso zu "opfern" wie Srebrenica und Zepa, da sich Bosnien dann hätte "leichter aufteilen lassen". Die bosniakische Enklave im serbisch dominierten Gebiet sollte den Serben zugeschlagen werden. Nur aufgrund der weltweiten Empörung über den Fall von Srebrenica und die Untätigkeit der UN-Truppen dort entschieden die europäischen und amerikanischen Verhandler schließlich, dass die Enklave Gorazde als Gebiet der kroatisch-bosniakischen Föderation innerhalb Bosnien-Herzegowinas erhalten und durch eine geschützte Straße mit dem übrigen Gebiet der Föderation verbunden bleiben solle. Dies rettete die Menschen in der Enklave (die verbliebene Bevölkerung sowie eine große Zahl an Flüchtlingen) knapp davor, dasselbe Schicksal wie die Menschen in Srebrenica (Eroberung, Vertreibung und Massaker) zu erleiden.

Heute - auch 13 Jahre nach Kriegsende - ist die Situation in Gorazde noch immer äußerst schwierig. Zwar wurde der größte Teil der Häuser wieder aufgebaut, die wirtschaftliche Situation ist jedoch nach wie vor sehr kritisch. Die Arbeitslosenrate liegt noch immer bei mehr als 60%. Für den größten Teil der Bevölkerung haben sich die anfänglichen Nachkriegshoffnungen nicht erfüllt - sondern im Gegenteil einer tiefen Resignation und Verzweiflung Platz gemacht (s. auch ausführlicher Hintergrundbericht).

Dazu kommt, dass im Kanton Gorazde die gesamte Bevölkerung mehr oder weniger stark kriegstraumatisiert ist, es aber bisher keinerlei psychotherapeutische Hilfe gab. Die schlecht ausgestatteten lokalen Gesundheitsdienste sind überfordert von dem Ausmaß an Problemen, insbesondere bzgl. der psychischen und sozialen Langzeitfolgen der Traumata der Menschen. Es werden nur die gravierendsten Fälle von PTBS (Posttraumatischer Belastungsstörung) sowie psychische Krankheiten (medikamentös) behandelt. Es mangelt an Fachpersonal. Die wenigen Mitarbeiterinnen der Gesundheits- und Sozialdienste sind in der Regel selbst traumatisiert und ausgebrannt. Darüber hinaus sind die Menschen im ländlichen Ostbosnien nicht daran gewohnt, psychologische oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen. ("Seine Probleme löst man in der Familie." Oder: "Nur Verrückte brauchen einen Psychologen", ist die übliche Haltung.) Sie kommen in der Regel erst zum Gesundheitsdienst, wenn sie bereits in einem sehr schlechten Zustand sind. Der SEKA-Erholungsaufenthalt am Meer bietet daher eine hervorragende Möglichkeit, diese Barriere zu minimieren und Frauen und Kinder die Möglichkeit zu geben "wie nebenbei" psychotherapeutische und psycho-edukative Hilfe kennenzulernen

Arbeit mit der Gruppe

Bereits die beiden Vortreffen noch in Gorazde im SEKA-Haus und die gemeinsame Busfahrt nach Neum ermöglichten den Frauen und Kindern, sich gegenseitig und auch die SEKA-Mitarbeiterinnen ein wenig kennenzulernen.

Über die Unterbringung in der Pension in Neum waren alle begeistert, sowohl von den schönen Zimmern, den Balkonen, dem Blick aufs Meer, als auch von der Gastfreundschaft der Pensionsinhaber, die wirklich ihr Möglichstes taten, um die Frauen und Kinder zu verwöhnen. Außerdem boten sie uns (wie auch schon im Jahr zuvor) gute Arbeitsbedingungen für die Gruppenarbeit. Sie hatten zwei der größten Zimmer leer geräumt, die wir dann als Gruppenräume für die Frauen bzw. für die Kinder einrichteten. Ein dritter großer Raum diente als gemeinschaftliches Wohnzimmer am Abend.

Täglich arbeiteten wir vormittags bis in den frühen Nachmittag für 4-5 Stunden mit den Frauen bzw. den Kindern in parallelen Gruppen. Mit den Frauen arbeiteten die Kolleginnen Senija Tabakovic und Edita Ostojic, mit den Kindern Amina Vrana und Madzida Dragolj. Das Programm der Gruppenarbeit passten wir an die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Frauen bzw. Kinder an. Wichtige Themen der Frauengruppe waren: ‘Kommunikation’, ‘Stärken und Ressourcen’, ‘Wie kann ich mit geringem Einkommen überleben?’, ‘Meine Emotionen’, ‘Überwinden von Trauma und Gewalterfahrungen’, ‘Erziehungsstile / Geschlechtsrollen’, ‘Stressbewältigung’ und anderes mehr.

Wir nutzten in der Gruppenarbeit (wie stets) neben Gruppengesprächen, Arbeit in Kleingruppen und Paarübungen, insbesondere psychodramatische Spiele und Übungen, sowie imaginative und kreative Techniken. Sowohl Frauen wie auch Kinder beteiligten sich von Anfang an sehr interessiert an der Gruppenarbeit, obwohl sie diese Art der Arbeit zuvor nicht kannten.

In der Kindergruppe gab es zu Anfang einige Spannungen und Untergrüppchen, bzw. dominierten einige Kinder andere und versuchten, sie auszugrenzen. Durch die intensive Gruppenarbeit (gerade auch zu den Themen ‘Wie wollen wir miteinander umgehen’, ‘Kommunikation’, ‘Konfliktlösung’ und ‘Vorurteile’) veränderte sich dies jedoch nach einigen Tagen.

Die restliche Zeit des Tages verbrachte die Gruppe am Strand. Insbesondere für die Kinder gab es hier zusätzliche Aktivitäten und Überraschungen (wie in jedem Jahr).

Am ersten Tag ging es schon kurz nach der Ankunft zum Strand. Und die ersten ganz mutigen Kinder schlossen - trotz des kühlen Wetters - ihre Bekanntschaft mit dem Meer. Die übrigen trauten sich in den nächsten Tagen mit Schwimmflügeln und Schwimmringen "abgesichert" in die Wellen. Nur die leicht geistig behinderte Dina* hatte große Angst vorm Wasser. Erst in der zweiten Hälfte des Erholungsaufenthalts, nachdem die Kolleginnen oder auch ihre Mutter Dina täglich ermutigt und mit ihr den vorsichtigen Kontakt mit dem Meer ausprobiert hatten, verlor auch sie allmählich ihre Ängste: Zuerst ließ sie sich auf der Luftmatratze liegend herumfahren. Dann erlaubte sie den Kolleginnen Amina oder Madzida, sie ohne Luftmatratze auf dem Wasser liegend zu halten, bis sie sich mehr und mehr entspannen und Vertrauen gewinnen konnte. Auch die anderen Kinder lernten mit dieser Übung, dass das Meer sie trägt und dass sie sich auf diese Weise immer wieder ausruhen können.

Kollegin Madzida mit der kleinen Fahra
Kollegin Madzida mit der kleinen Fahra

Natürlich halfen auch vielerlei Spiele und Wettkämpfe im Meer und am Strand, dass die Kinder sich von ihren anfänglichen Ängsten bis zum Ende des Erholungsaufenthalts völlig befreien konnten: In den 11 Tagen lernten schließlich alle Kinder schwimmen! Das machte sie stolz und selbstbewusst.

Auch einige der Frauen, die bisher nicht schwimmen konnten und Angst vorm Wasser hatten, konnten sich allmählich von diesen Ängsten befreien und das Meer von Tag zu Tag mehr genießen.

Am letzten Tag gab es dann für die Gruppe noch eine Überraschung: Die Kolleginnen mieteten zwei Tretboote, mit denen Frauen und Kinder dann eine ganze Stunde herumschippern konnten.

Wer die Kinder am ersten Tag am Meer erlebt hatte, konnte nicht glauben, dass das dieselben Kinder waren, die da herumtollten, von der Rutsche des Tretboots ins Wasser platschten, schwammen wie die Fische, tauchten, ins Wasser sprangen ... Braungebrannt, glücklich und selbstbewusst ...

Die gemeinsam verbrachte Zeit am Strand ließ die Gruppe - neben der Gruppenarbeit - rasch zusammenwachsen - "wie eine glückliche Familie", wie eine der Frauen es ausdrückte.

Aber auch am Abend gab es gemeinsame Spaziergänge, die Frauen und Kinder genossen die Sonnenuntergänge am Meer. Es ging zum Eisessen, zum abendlichen Strandkonzert ... und an einem Abend feierte die Gruppe den Geburtstag einer der Frauen. Die war zu Tränen gerührt. Soviel liebevolle Aufmerksamkeit hatte sie ihr ganzes Leben noch nicht erfahren ...

Am letzten Abend gab es eine Vorstellung der Kinder "für Mütter und Tanten", in der auch die zu Anfang schüchternsten Kinder selbstbewusst Lieder sangen, selbstgeschriebene Gedichte vortrugen und ein kleines Theaterstück auführten. Diese Vorstellung, für die sie einen überwältigenden Applaus bekamen, hatten sie sich ganz selbständig ausgedacht, mit nur wenig Unterstützung durch die Therapeutinnen.

Diese Vorstellung zeigte auch, dass die anfänglichen Spannungen und unterschwelligen Konflikte in der Kindergruppe sich zum größten Teil aufgelöst hatten und die Gruppe richtig zusammengewachsen war.

Im Folgenden werden wir über die Arbeit mit Müttern und Kindern anhand zweier konkreter Beispiele berichten:

"Die Schatten der Vergangenheit ..."

Aida und Murat

Die 52jährige Aida* und ihr 12jähriger Sohn Murat* kamen über den Veteranen-Klub ‘Svjetlost Drine’ zu SEKA. Aidas Mann war selbst kriegstraumatisiert und nahm im Klub an den psycho-edukativen Seminaren teil, die Gabriele Müller mit den Veteranen dort durchführte. Aufgrund seiner Erfahrungen ermutigte er seine Frau, für sich selbst therapeutische Unterstützung im SEKA-Haus zu suchen. So kam es, dass Aida und Murat mit nach Neum fuhren.

Aida litt seit Jahren an massiven Trauma-Symptomen (Alpträumen, Überflutung mit traumatischen Bildern, Panikattacken), sie konnte sich nicht entspannen und hatte Zwangssymptome entwickelt.

Sie hatte stets ein gutes Verhältnis zu Mann und Sohn gehabt, aber in der letzten Zeit merkte sie, dass ihre extreme Anspannung und ihre Ängste sich auf das Kind zu übertragen begannen. Murat war übernervös, manchmal ‘abwesend’ und hatte in der letzten Zeit schlechte Schulnoten, obwohl er früher zu den Klassenbesten gehört hatte. Wenn sie ihn fragte, wich er aus oder reagierte aggressiv. Auch mit ihrem Mann wollte er nicht sprechen. Sie merkte, wie sie mehr und mehr gereizt reagierte - aus Angst, dass er ihr entgleiten könnte.

Aida stammte ursprünglich aus einer anderen Stadt an der Grenze zu Serbien. Als die Stadt von den serbischen Paramilitärs eingenommen wurde, floh sie mit ihrer Mutter - und wurde im Wald von den feindlichen Milizionären aufgespürt. Sie wurden tagelang gefangen gehalten und misshandelt, Aida erlitt zahlreiche Vergewaltigungen, bevor es ihr schließlich gelang, gemeinsam mit der Mutter zu entkommen. Ihre Mutter starb jedoch bald darauf an den Folgen der Misshandlungen.

Aida schlug sich zur Familie ihres Bruders nach Gorazde durch. Sie überlebte Belagerung und Hungersnot, doch sie musste erleben, dass ihre kleine Nichte, die sie über alles liebte, von einem Heckenschützen getroffen, in ihren Armen starb. Sie begann als Hilfsschwester zu arbeiten und träumt noch heute von den schwer Verwundeten, den Sterbenden und den katastrophalen Bedingungen in der Not-Ambulanz, der sie zugeteilt war.

Nach dem Krieg heiratete sie einen Mann, dem sie glücklicherweise offen erzählen konnte, was ihr geschehen war, und der sie verstand, da er selbst an den psychischen Folgen des Krieges litt.

Bereits 40jährig wurde sie Mutter. Aida hoffte nun die Vergangenheit hinter sich lassen zu können, doch - trotz ihres liebevollen Verhältnisses zu Mann und Sohn - spürte sie, dass sie die Schatten der Vergangenheit nicht los ließen - im Gegenteil - als ob sie sie wieder zurück in das Grauen ziehen wollten. Ihre Alpträume nahmen zu, sie begann sich vor der Nacht zu fürchten, traute sich nicht einzuschlafen und immer häufiger geschah es ihr nun auch am Tag, dass sie plötzlich das Gefühl hatte, ‘wieder dort zu sein’. Sie nahm ab, wurde immer angespannter und gereizter. Sie ertappte sich, dass sie das Kind anschrie oder ihren Mann anfuhr.

Zu dieser Zeit entschloss dieser sich, an den Seminaren im Veteranen-Klub teilzunehmen - für sich selbst, aber auch für seine Frau, die er liebte. Und schließlich gelang es ihm, auch Aida zu überzeugen, im SEKA-Haus Hilfe zu suchen.

Ich war voller Schuldgefühle

Aida gelingt es schnell, einen guten Kontakt zu den anderen Frauen der Gruppe herzustellen. Sie ist sehr interessiert an der Gruppenarbeit. Schon zu Anfang formuliert sie ihre Erwartung, "durch die Gruppenarbeit besser zu verstehen, was mit mir los ist, und herauszufinden, was mir helfen kann".

Alle Themen interessieren sie. Sie hört den anderen Frauen konzentriert zu und nimmt alles in sich auf.

Die Themen ‘Kommunikation’ und ‘Erziehungsstile’ empfindet sie als sehr nützlich für ihren Alltag im Zusammenleben mit ihrer Familie: "Jetzt erkenne ich meine Fehler in der Kommunikation mit meinem Mann und besonders mit Murat," meint sie. "Ich werde in Zukunft viel mehr mit meinem Sohn reden ... und versuchen, mehr von mir selbst zu sprechen und nicht Vorwürfe zu machen ... " Das Thema ‘Ressourcen’ berührt Aida sehr und hilft ihr, ihr Selbstwertgefühl wiederzugewinnen: "Ich habe mir nie Gedanken über meine Stärken und Qualitäten gemacht ... Und vor allem in den letzten Jahren war ich so damit beschäftigt, einfach nur jeden Tag zu überstehen, dass ich nur meine Fehler und Schwächen sehen konnte. Ich war voller Schuldgefühle gegenüber meinem Mann und meinem Sohn ... und tief in mir habe ich mich total verurteilt für das, was mir passiert ist, obwohl mir mein Verstand sagte, dass ich daran nicht schuld sein konnte ..." Besonders wichtig sind für sie die theoretischen Erklärungen zu Trauma: Was das bedeutet, welche Symptome wir entwickeln, was helfen kann, ein Trauma zu überwinden. Es hilft ihr, ihre eigenen Reaktionen zu verstehen.

Die Arbeit zum Thema ‘Emotionen’ ermöglicht ihr, Körpergefühle und Emotionen in Zusammenhang zu bringen und ihre Gefühle mit anderen zu teilen.

Mit "Tante Amina" ist es doch am sichersten
Mit "Tante Amina" ist es doch am sichersten

Die größte Entlastung erlebt Aida allerdings durch die Übung ‘Fluss des Lebens’, die ihr mit behutsamer Begleitung der Therapeutinnen ermöglicht, die traumatischen Erfahrungen in ihrem Leben zu benennen, deren Folgen für ihr Leben zu erkennen und vor allem, darüber mit den anderen Frauen zu sprechen. Zum ersten Mal ist es ihr möglich, die ‘Aida damals’ mit anderen Augen zu sehen, sie überhaupt wahrzunehmen - aus der Distanz der Technik der "Beobachterin": Aida empfindet tiefes Mitgefühl, aber auch Respekt für "diese Frau, die es geschafft hat, aus der Gefangenschaft zu fliehen und auch ihre Mutter mitzunehmen". Sie erkennt, dass die Schuldgefühle, die sie jahrelang im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Mutter empfand, eher der Abwehr ihrer tiefen Hilflosigkeit dienten, weil sie die Mutter (und auch sich selbst) nicht hatte schützen können.

Die wertschätzenden und unterstützenden Rückmeldungen der anderen Frauen entlasten Aida zusätzlich.

Nach dieser Übung hat Aida das Gefühl "als ob ein riesiger Druck von meiner Brust genommen ist." Auch das ständige latente Gefühl von Übelkeit, das sie quälte ist verschwunden.

Am letzten Tag in Neum, als alle Frauen benennen, was sie von der Gruppenarbeit mitnehmen, meint Aida: "Ich bin gekommen mit großen Erwartungen, aber auch voller Angst, dass ich hier an diese schrecklichen Erinnerungen rühren muss. Ich hatte Angst, dass ich das nicht ertragen könnte, oder dass mich die anderen Frauen vielleicht verachten würden. Aber nichts davon ist geschehen ... im Gegenteil, ihr alle habt mir durch eure eigenen Erfahrungen geholfen, dass ich mich öffnen konnte. Dass ich mit euch über diese schrecklichsten Momente meines Lebens sprechen und mich von dieser Last befreien konnte ... Ich fühle mich so glücklich und leicht und ich kehre nach Hause zurück mit erfülltem und gleichzeitig kristallklarem Herzen. Ich danke Euch allen!"

"Sind wir jetzt Freunde?"

In den ersten Tagen des Erholungsaufenthalts muss Murat überall der Erste sein. Ob im Spielzimmer oder am Strand muss er sich immer zu beweisen. Er versucht, die anderen Kinder zu dominieren und wenn das nicht gelingt, wird er wütend, falls er dann noch immer keinen Erfolg hat, zieht er sich schmollend zurück und "stichelt aus dem Hintergrund". Der schmale blasse Junge ist intelligent und sehr ehrgeizig, gleichzeitig sehr nervös und angespannt.

Das ist aber ein dicker Fisch ...
Das ist aber ein dicker Fisch ...

Gegenüber den schwächeren und jüngeren Kindern der Gruppe zeigt er sich zu Anfang sehr intolerant. Er ist schnell dabei, andere auszulachen oder er ignoriert sie.

Mehrfach müssen die Therapeutinnen ihn an die Gruppenregeln erinnern. Gleichzeitig ist Murat aber sehr interessiert an der Gruppenarbeit. Mit seiner schnellen Auffassungsgabe versteht er den Sinn der Spiele und Übungen sofort. Je mehr sich die Kinder kennenlernen desto umgänglicher wird Murat.

Durch die Übung "Mein Herz" wird deutlich, wie wichtig ihm seine Eltern sind, aber auch, dass er sich ihrer Liebe nicht wirklich sicher ist. Und auch, dass er zwar Schulkameraden aber keinen richtigen Freund hat.

In der Übung "Meine Gefühle" kann Murat über seine Wut sprechen, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, über seine Angst, dass ihn vielleicht niemand mag, und über seine Trauer, als seine Katze überfahren wurde. Dann erzählt er unter Tränen, dass er manchmal Angst hat, dass seine Mutter stirbt. Er hat das einmal geträumt und diesen Traum konnte er niemandem erzählen.

Es zeigt sich, dass hinter dem vordergründig arroganten und dominanten Jungen eigentlich ein verunsichertes Kind mit vielen Ängsten steckt. Sein Bedürfnis, überall der Erste zu sein, entspringt seinem geringen Selbstwertgefühl, seine Dominanz seinem Bedürfnis, die Welt und seine Beziehung zu ihr zu kontrollieren.

Durch die parallele Arbeit mit Mutter und Kind, können wir Ähnlichkeiten in den Verhaltensmustern erkennen: Ängste und Unsicherheiten versuchen beide durch übermäßige Kontrolle auszugleichen, Überforderung und mangelndes Selbstwertgefühl oder Schuldgefühle durch aggressives Verhalten.

Die Gruppenarbeit ermöglicht Murat, sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Die einfachen kindgerechten Informationen der Therapeutinnen helfen ihm dabei. Er lernt zu unterscheiden zwischen dem ‘Gefühle haben’ ("das ist o.k., das haben alle") und dem ‘Gefühle ausagieren’ ("man darf seine Wut nicht an anderen auslassen"). Er ist begeistert von der Übung, in der jedes Kind seine Wut auf eine vorgestellte Person an einem großen Schaumgummipolster auslassen darf.

Auch die Themen ‘Kommunikation’ und ‘Konflikte lösen’ interessieren ihn sehr. Er meldet sich mehrmals freiwillig für die Übernahme schwieriger Rolle in verschiedenen Szenen.

Mit jedem Tag wird er geduldiger und sein arrogantes Verhalten lässt deutlich nach. Dadurch bekommt er von den anderen Kindern auch immer mehr positive Rückmeldungen. Mit einem der anderen Jungen, den er zuerst ignoriert hat, freundet er sich mehr und mehr an.

Am meisten beeindruckt Murat allerdings das Gruppenspiel zum Thema ‘Vorurteile’. Danach ist er sehr nachdenklich und schließlich entschuldigt er sich sogar bei Dina dafür, dass er manchmal so grob und ungeduldig mit ihr war. Dina schaut ihn verblüfft an und mit einem Mal strahlt sie über das ganze Gesicht. "Sind wir jetzt Freunde?", fragt sie ihn. "Klar", meint Murat und grinst ein wenig verschämt.

Am Ende des Erholungsaufenthalts, als wir die Kinder fragen, was ihnen denn am Besten gefallen hat, meint Murat: "Ich fand alles super, besonders die Übungen zum Thema ‘Wut’, die Fotoapparate, die Meeresschlange und die LEGO-Steine ... Es war mir wichtig, dass wir uns die Gruppenregeln gemeinsam ausgedacht haben. Und ich fand es toll, dass wir am Ende einer Gruppenstunde immer gemeinsam herausgefunden haben, was wir aus den Übungen lernen können. Ich fühle mich jetzt viel schöner als zu Anfang und ich verstehe die anderen besser. .... Amina und Madzida sind super ... Ich möchte in Gorazde weiter ins SEKA-Haus kommen ... Danke, dass ihr mich zu den Ferien in Neum eingeladen habt."

Senija Tabakovic, Amina Vrana, Gabriele Müller

"Danke, dass ihr mich akzeptiert habt, so wie ich bin ..."

Munevera und Azra

Ein Leben voller Gewalt

Munevera* kam mit ihrer 8jährigen Tochter Azra* schon kurz nach der Eröffnung des SEKA-Hauses in Gorazde zu uns. Zum einen hoffte sie auf materielle Hilfen, zum anderen suchte sie Unterstützung für ihre Tochter, die Schwierigkeiten in der Schule, insbesondere mit den anderen Kindern hatte. Wir erklärten ihr, dass SEKA keine finanziellen oder materiellen Hilfen geben könne, aber dass wir sie auf andere Weise unterstützen könnten. Munevera akzeptierte das.

In den Folgemonaten kam sie regelmäßig zu Einzelterminen. Senija arbeitete mit ihr, Amina parallel dazu mit Azra. Es wurde rasch deutlich, dass Munevera und ihre Tochter ein fortgesetztes Martyrium hinter sich hatten: Von frühester Kindheit an hatte Munevera Gewalt erlebt - mit einem gewalttätigen Vater und einer Mutter, die selbst Opfer war und ihre Kinder in keiner Weise schützen konnte; Munevera floh in eine frühe Ehe, in der sie erneut misshandelt wurde. Noch vor dem Krieg verließ ihr Mann sie und nahm die gemeinsame kleine Tochter mit sich. Nie wieder hörte sie von ihr. Während des Krieges musste Munevera aus ihrem Dorf fliehen und kam so nach Gorazde. In einer neuen Partnerschaft gebar sie ein weiteres Kind, das aufgrund des Mangels an Nahrung und Medikamenten im belagerten Gorazde schon nach wenigen Tagen starb. Nach dem Krieg kam schließlich Azra zur Welt. Nun begann auch ihr zweiter Mann (selbst kriegstraumatisiert), sie und auch die kleine Tochter zu misshandeln. Es gelang ihr schließlich, sich von ihm zu trennen. Allerdings lebten sie noch Jahre in Angst und Schrecken vor seinen sporadischen Besuchen, mit denen er sie weiter terrorisierte.

Seit Jahren lebt Munevera mit der Tochter in einem Zimmer einer Obdachlosenunterkunft - abhängig von den minimalen Sätzen der Sozialhilfe (die in Bosnien absolut unter dem Existenzminimum liegt).

Morgendliche Foto-Exkursion
Morgendliche Foto-Exkursion
Senija berichtet:

In unseren Gesprächen wird schnell deutlich, dass Munevera seit langem jedes Selbstwertgefühl verloren hat. Das Leben in tiefster Armut - abhängig von den ‘Almosen’ anderer, aber auch die fortgesetzte Erfahrung massiver Gewalt haben ihr jedes Gefühl für ihre eigene Stärke und ihren eigenen Wert genommen. In Ermangelung einer Alternative hat sie ihre Rolle in dem erniedrigenden Spiel akzeptiert: Sie sieht sich selbst als Opfer, schwach, abhängig und verachtet von denen, die ihr ‘helfen’. Diese Haltung hat sie als ‘Überlebensstrategie’ auch ihrer Tochter vermittelt.

Zu Anfang ist es für mich schwierig herauszufinden, was Munevera wirklich empfindet, was sie wirklich denkt, da sie ihre Gefühle und Gedanken offensichtlich seit langem tief in sich verschlossen und gelernt hat, sich an die Erwartungen ihrer Umwelt anzupassen, um Hilfe zu bekommen. In dieser Situation ist es hilfreich, dass SEKA keine materiellen und finanziellen Hilfen zu geben hat, sondern ‘nur’ eine andere Art der Unterstützung: Respekt, Wertschätzung und das Vertrauen in die Fähigkeiten Muneveras, Lösungen für ihre Probleme zu finden - daneben konkrete Begleitung in der Auseinandersetzung mit Behörden und anderen Einrichtungen und fachliche Hilfe in der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen. Und - nicht zu vergessen: absolute Vertraulichkeit, was leider in Bosnien bis heute keine Selbstverständlichkeit ist. Munevera spürt, dass in SEKA "etwas anders ist"; zu Anfang kann sie es noch nicht anders benennen, als dass "es hier so schön und warm ist und ich gerne hierher komme".

In den ersten Monaten lege ich in der Arbeit mit Munevera den Schwerpunkt einerseits auf die Unterstützung bei der Lösung konkreter Probleme, u. a. in Zusammenarbeit mit den Institutionen und Azras Schule, andererseits auf die Stärkung ihrer Selbstachtung (Bewusstmachen ihrer Stärken und Ressourcen und die Förderung des Verständnisses für sich selbst). Ein drittes Thema ist die Beziehung zu Azra, in der es sehr viele Probleme gibt. Ein viertes Thema ist Muneveras Einsamkeit und ihre Überzeugung, dass niemand zu ihr wirklich Kontakt haben möchte.

Es ist nicht leicht für mich, Muneveras Vertrauen zu gewinnen, und es ist nicht leicht für Munevera, sich wirklich auf sich selbst einzulassen. Doch Schritt für Schritt kann sie sich mehr öffnen, ganz allmählich verändert sich ihr Selbstbild und sie kann sich anders sehen als nur als hilfloses und abhängiges Opfer. Sie beginnt, sich als aktiver zu erleben - und sie beginnt sich allmählich aus der Abhängigkeit von anderen zu befreien.

Und sie äußert, dass sie gerne Freundinnen finden - gerne an einer Gruppe im SEKA-Haus teilnehmen würde .... Ich überlege gemeinsam mit den Kolleginnen, ob der Erholungsaufenthalt in Neum für Munevera eine gute Möglichkeit wäre, an einer Gruppe teilzunehmen ....

Amina Vrana erzählt weiter:

Als die 8jährige Azra mit ihrer Mutter ins SEKA-Haus kommt, ist sie zuerst ganz in sich zurückgezogen und lehnt jede Kommunikation ab. Schweigend sitzt sie da und beobachtete nur die Spielsachen im "SEKA-Kinderzimmer". Ich habe den Eindruck, als ob sie sich am liebsten verkriechen würde und mit größter Vorsicht alles sondiert. Später sollte ich erfahren, dass Azra in ihrem Leben zu oft von anderen Menschen, die ihr Schutz und Sicherheit hätten bieten müssen, enttäuscht worden war.

Ein sicherer Ort

Ich arbeite mit Azra zuerst lange Zeit einzeln. Mit jeder Stunde gelingt es mir, ihr Vertrauen ein Stückchen mehr zu gewinnen. Eine Zeitlang probiert sie alles aus, kann sich aber auf kein Spiel länger konzentrieren.

Dann - als unser Kontakt stabiler wird - hat sie eine Phase, in der sie es "mir um jeden Preis recht machen will" - verständlich, denn das ist eine der Strategien, die sie entwickelt hat, um wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit oder Anerkennung zu bekommen. Als sie merkt, dass es nicht nötig ist "es mir recht zu machen", dass ich sie im Gegenteil unterstütze herauszufinden, was sie will und braucht - was sie empfindet, ist das für sie zunächst verwirrend.

Sie beginnt dann auszutesten, ob ich das wirklich so meine, auszutesten, wo die Grenzen sind. Und natürlich gibt es in unserem Kontakt auch Grenzen: zeitlich, räumlich und auch bzgl. des Verhaltens (wir haben Regeln im Kinderzimmer, die die Kinder in der Gruppe selbst erarbeitet haben, z.B. niemanden zu verletzen, nichts absichtlich kaputtzumachen und anderes mehr). Ich erkläre ihr immer wieder geduldig, was möglich und was nicht möglich ist. Auch das ist neu für sie, dass ihr Grenzen geduldig aber klar vermittelt werden: Sie ist gewohnt, dass Grenzen und Regeln völlig unvorhersehbar und willkürlich gehandhabt und meist aggressiv oder gewaltsam durchgesetzt werden. Langsam gewinnt Azra Vertrauen und fühlt sich sicher in unserer Beziehung.

Durch die Arbeit meiner Kollegin Senija mit Azras Mutter erfahren wir, dass beide viele Jahre lang schwere körperliche und seelische Gewalt durch Azras Vater erlitten haben, der alkoholabhängig und sehr gewalttätig war (s. o.) Außerdem hat Azra (wie auch ihre Mutter) ihr Leben lang mehr oder weniger die Erfahrung gemacht, ausgestoßen zu sein, verachtet von anderen Menschen und auf Almosen angewiesen.

SEKA ist für sie offensichtlich der erste Ort, an dem sie spürt, dass sie willkommen ist und Achtung und liebevolle Wertschätzung erfährt. Azra beginnt sich auf die Stunden im SEKA-Spielzimmer zu freuen.

Je sicherer Azra sich fühlt, desto mehr beginnt sie von sich zu erzählen: Sie hat Schwierigkeiten mit anderen Kindern, sie fürchtet sich geradezu vor ihnen ... wenn sie kann, zieht sie sich zurück und weicht dem Kontakt aus; wenn sie das nicht kann - zum Beispiel in der Schule - reagiert sie oft auch aggressiv.

Sie kann zu Anfang nicht formulieren, was sie im Zusammensein mit anderen stört. Sie drückt es so aus, dass sie die Lautstärke und "das Gedränge" nicht ertragen kann, sie mag auch keine laute Musik.

Wir bemerken dies bei verschiedenen Feiern im SEKA-Haus (zu Bajram, Weihnachten, Neujahr und ähnlichem). Wie alle Kinder und Frauen laden wir sie mit ihrer Mutter ein und erleben wiederholt, dass sie sich im Treppenhaus versteckt oder sich im Kindertherapieraum verkriecht und um keinen Preis den Raum mit den übrigen feiernden Kindern und Frauen betreten will.

Ich finde heraus, dass sie sowohl in der Schule aber auch in ihrem Wohnumfeld oft verletzt, gedemütigt oder ausgelacht wird. Insbesondere einer der Jungs belästigt und provoziert Azra ständig. Ich nehme diesbezüglich mit Azras Einverständnis Kontakt zu ihrer Klassenlehrerin und zur Schulpädagogin auf. Sie versprechen, mit den betreffenden Kindern zu sprechen.

"Grrrhhrr ..."
"Grrrhhrr ..."

Mit der Zeit und mit viel Geduld, gelingt es mir, Azra zu zeigen, dass das SEKA-Haus und besonders das Kindertherapiezimmer für sie ein sicherer Ort sind, an dem sie sich geborgen fühlen kann. Von Woche zu Woche gewinnt sie mehr Vertrauen und kann sich allmählich mehr und mehr entspannen und öffnen.

Sie beginnt, mit mir ihre Freuden und Schmerzen, ihre Ängste und Träume zu teilen, erzählt mir, was sie erlebt hat und besonders im Spiel beginnt sie, mir anzuvertrauen, wie viel Gewalt und Schreckliches sie erfahren hat durch ihren Vater, ihren Onkel, aber auch zeitweise durch ihre Mutter, die in ihrer eigenen Hilflosigkeit ihre Frustration und ohnmächtige Wut an dem Kind ausgelassen hat.

Es wird mir nun klar, warum, Azra zu Anfang unseres Kontakts so ‘zerfahren’ auf mich wirkte, als ob sie da und doch nicht da sei. Als ob sie Nähe suchte und gleichzeitig fliehen wollte. Sie hatte damals überhaupt kein Gefühl für sich selbst: für ihre Bedürfnisse, ihre Grenzen. Sie war verschreckt und einerseits überangepasst, andererseits konnte sie nicht ertragen, wenn etwas von ihr erwartet wurde. Dieses Verhalten kann ich nun als Folgen ihrer fortgesetzten traumatischen Erfahrungen erkennen.

Ferien am Meer

Nachdem sich Azra in der Einzelarbeit recht gut stabilisiert hat, entscheiden wir uns im SEKA-Team, Azra und ihrer Mutter die Teilnahme am therapeutischen Erholungsaufenthalt am Meer vorzuschlagen. Wir gehen davon aus, dass die therapeutisch-pädagogische Gruppenarbeit für Azra eine gute Möglichkeit sein könnte, sich weiterzuentwickeln und mit Unterstützung der Therapeutinnen einen tragfähigen Kontakt zu den anderen Kindern der Gruppe aufzubauen.

Weder Mutter noch Kind sind je am Meer gewesen. Das Angebot ist für sie daher außerordentlich attraktiv. Dennoch ist Azra lange Zeit sehr ambivalent: Auf der einen Seite möchte sie so gerne ans Meer fahren, aber immer wieder schwankt sie in ihrem Entschluss. Ich dränge sie nicht, lasse ihr Zeit, mache deutlich, dass das ein Angebot ist, dass sie nichts muss. Wir sprechen immer wieder über ihre Ängste, die sie an äußeren Dingen festmacht: "Wir haben kein Geld ..." (Ich beruhige sie, es wird alles von uns bezahlt.) "Ich habe keinen Badeanzug ..." (Ich beruhige sie, dass wir ihr einen Badeanzug leihen können) usw. Es ist zu sehen, wie sehr sie mit sich kämpft, da sie weiß, dass sie dort sehr viel mit den anderen Kindern der Gruppe zusammen sein wird.

Allerdings, als die Zeit der Abreise näher rückt, sage ich ihr klar, dass es nun wichtig sei, dass sie sich endgültig entscheidet. Denn falls sie nicht möchte, dann solle ein anderes Kind diese Gelegenheit bekommen.

Nun entscheidet sie sich endgültig.

Auf dem Vortreffen der Kinder, das im Kindertherapieraum stattfindet (den sie offensichtlich inzwischen als ihren ‘sicheren Ort’ empfindet), zeigt sich zu meiner Überraschung eine erste Veränderung: Azra hat diesmal keine Probleme, mit den anderen Kindern im Raum zu sein und sie beteiligt sich an der Unterhaltung, sogar mehr als manches andere Kind. Auf der Reise nach Neum hält sie sich zwar in meiner Nähe. Das braucht sie offensichtlich als Sicherheit. Gleichzeitig muss sie aber meine Aufmerksamkeit mit den anderen Kindern teilen; und das gelingt ihr ohne größere Probleme.

Sich selbst behaupten ...

Während des Erholungsaufenthalts am Meer macht Azra weiterhin große Fortschritte:

Während der gesamten Zeit beteiligt sie sich mit Eifer an allen Gruppen-Aktivitäten, meldet sich oft sogar für kleine Aufgaben freiwillig. Es gibt keine Situation, in der sie sich von der Gruppe zurückzieht - im Gegenteil: zu Anfang bemüht sie sich eher zu sehr um die anderen Kinder, macht ihnen Komplimente und zeigt, wie sehr sie ihre Freundschaft sucht.

Dies ist für Azra einerseits ein großer Fortschritt; andererseits nutzen zwei der Mädchen ihre Bemühungen aus, um sich über sie lustig zu machen. Sie behandeln Azra "von oben herab", tuscheln hinter ihrem Rücken und ‘verdrehen die Augen’, wenn sie etwas sagt. Es gibt insgesamt zu Anfang der Gruppenarbeit in der Kindergruppe eine deutliche Hierarchie und Untergrüppchen, die eine latente Spannung erzeugen. Azra, die geistig behinderte Dina und noch ein Junge werden von vier der dominanteren Kinder nicht als gleichwertig behandelt.

Durch die Erarbeitung der Regeln ("Wie wollen wir uns verhalten, damit wir uns alle in der Gruppe wohl fühlen") am ersten Tag der Gruppenarbeit und durch die Arbeit an den Themen ‘Kommunikation’, ‘Gefühle’, ‘Konflikte lösen’ und ‘Vorurteile’ verändert sich das Klima in der Gruppe zusehends. Die Kinder entwickeln mehr Verständnis und Toleranz für einander. Auch Azra fühlt sich dadurch gestärkt und ihr Selbstwertgefühl wächst.

Dadurch findet sie - mit unserer Unterstützung - selbst einen Weg, ihr Verhältnis zu den beiden Mädchen zu klären: Früher hätte sie sich zurückgezogen, wäre aggressiv geworden, oder hätte erwartet, dass ich für sie ihr Problem lösen solle. Nun erzählt sie mir auf einem der Abendspaziergänge ihren Kummer, dass die beiden Mädchen sie als Freundin ablehnen. Sie fragt mich um meinen Rat. In unserem Gespräch erkennt sie, dass sie vielleicht manchmal "des Guten zuviel tut", um die Freundschaft der Mädchen zu erreichen. Wir sprechen auch darüber, dass man Freundschaft nicht erzwingen kann und dass sie das auch nicht nötig hat. Es gibt auch noch andere Mädchen in der Gruppe ... Azra entscheidet sich, dass sie mit den beiden Mädchen einzeln sprechen will - und sie fragen, was sie denn an ihr stört.

Durch diese direkte Aussprache gelingt es Azra, aktiv ihr Verhältnis zu den beiden zu klären. Sie werden zwar nicht ‘dicke Freundinnen’, aber hören mit ihrem abfälligen Verhalten auf und beziehen Azra in Zukunft häufiger in ihre Spiele mit ein. Azra ihrerseits ist nicht mehr so auf die beiden fixiert und schließt Freundschaft mit einem der anderen Mädchen. Sie ist glücklich und stolz, dass sie das selbst erreicht hat. Sie hat es - mit nur ein wenig Unterstützung - geschafft, aus der Rolle des Opfers herauszutreten, sich selbst zu behaupten und befriedigende soziale Kontakte zu anderen zu knüpfen.

Kraft für neue Herausforderungen ...

Azra verliert viele ihrer Ängste - auch durch das Medium Meer: Sie lernt schwimmen und tauchen, gewinnt Vertrauen, dass das Meerwasser sie trägt.

Sie wird von Tag zu Tag selbstbewusster, fröhlicher und unbeschwerter - als ob eine Last von ihr abgefallen sei.

Während des Erholungsaufenthalts emanzipiert sich Azra auch mehr von ihrer Mutter, die sie bisher sehr an sich gebunden hat - aufgrund eigener Ängste und des Bedürfnisses nach Kontrolle.

Am letzten Abend in Neum kann ich die Azra, die 8 Monate zuvor mit ihrer Mutter ins SEKA-Haus gekommen war, kaum mehr wiedererkennen:

Aus einem schwer traumatisierten, in sich verschlossenen Kind, das Angst vor anderen Kindern und vor jeder Menschenmenge hatte, das keine laute Musik ertragen konnte und vor jedem Kontakt zurückschreckte, ist ein Mädchen geworden, das mit den anderen ausgelassen spielt und tanzt (und das Gedränge war an diesem Abend groß!), das gemeinsam mit den anderen Lieder vorträgt und sogar ein Lied alleine singt. Wenn ich mir die Bilder anschaue - Azras gelöstes glückliches Gesicht sehe, dann fühle auch ich ein tiefes Glücksgefühl und die Gewissheit, dass diese unsere Arbeit in SEKA wirklich etwas bewirken kann ...

Zurück in ihrem Alltag wird Azra sicher noch für eine Weile unsere Begleitung benötigen - aber in Neum hat sie einen riesigen Schritt vorwärts gemacht - ein Erfolg, der ihr Kraft auch für neue Schwierigkeiten und Herausforderungen geben wird.

Senija berichtet weiter:

"Munevera freut sich über das Angebot, am SEKA-Erholungsaufenthalt in Neum teilzunehmen.

Allerdings fällt es ihr zu Anfang nicht leicht, sich in die Gruppe der Frauen zu integrieren. So sehr sie sich einerseits Kontakt und Freundschaft zu anderen wünscht, so schwierig ist es doch für sie, sich zu öffnen.

Wie kann ich ökonomisch überleben?

Zu Anfang der Gruppenarbeit und auch am Strand ist sie verschlossen und reagiert eher ablehnend auf die Angebote der anderen. Die lassen sie dann.

In der Gruppenarbeit beteiligt sie sich an den Übungen, aber es fällt ihr schwer, sich auszudrücken. Sie ist es nicht gewohnt, auf diese Art mit anderen über sich zu sprechen.

Doch eines der ersten Themen, das die Gruppe auswählt, hat sie selbst formuliert: ‘Wie kann ich ökonomisch überleben?’.

Alle Frauen leben mit geringsten Einkünften. Für alle stellt sich diese Frage. Jede erzählt, wie sie ökonomisch ‘überlebt’ - oft von Tag zu Tag: der eigene Garten, Feldarbeit bei Bauern für Lebensmittel, Kräuter, Beeren und Pilze sammeln und auf dem Markt verkaufen; Putzjobs; in einer Bäckerei aushelfen; Nähen für die eigene Familie und für andere; Socken oder Hausschuhe stricken und verkaufen; sparsame und sättigende Rezepte ..... die Frauen sind in ihrer Notlage unglaublich kreativ. Sie erzählen auch von schlimmen Situationen, in denen sie dachten, es ginge nicht mehr weiter, von der Verzweiflung, "wenn dich die Kinder nach einem Stück Brot fragen und du ihnen nicht einmal das geben kannst".

Eine der Frauen, deren Familie bis vor kurzem fast ein Jahr lang ohne jedes Einkommen war, berichtet, wie mit gemeinsam mit ihrem Mann im Gelände Metallteile suchte und diese dann beim Altmetallhändler für ein paar Mark pro Kilo verkauften. Weil inzwischen fast nichts mehr zu finden ist (auch andere versuchen auf diese Weise zu überleben), haben sie auch auf einem Minenfeld gesucht - wo andere sich nicht hintrauten, oft im Regen, unterm Schnee ... Glücklicherweise ist ihnen nichts geschehen.

Für Munevera, die bisher ihre Energien in ihren Kampf mit den Institutionen um kleine finanzielle Hilfen gesteckt hat und auf diesem Weg viele Demütigungen erfahren hat, sind die Erfahrungen der anderen Frauen wichtig. Sie sieht, wie sie alle kämpfen müssen, aber erlebt die anderen auch als selbstbewusst, mutig, kreativ und stolz auf ihre Unabhängigkeit.

Sie beginnt über ihre eigene Überlebensstrategie nachzudenken.

"Ich gehe von hier voll positiver Energie ..."

Bei der Arbeit zum Thema ‘Gefühle’, merkt sie, dass sie ihre Gefühle schon seit langem tief in sich verschlossen hat. Sie beginnt, ihre Trauer zu spüren - über die vielen Verluste, die sie erlebt hat: ihre erste Tochter, die sie nie mehr wieder gesehen hat; ihr Baby, das kurz nach der Geburt starb; der Tod vieler Verwandter während des Krieges ... Sie spürt ihre Angst "davor, dass wieder etwas Schreckliches geschehen wird", ihre Angst, dass andere sie ablehnen und verletzen, und ihre Angst um Azra ("sie ist das Einzige, was mir geblieben ist"). Deswegen versucht sie, Azra ständig zu kontrollieren.

Wut spürt sie über Ungerechtigkeit und "wenn jemand über jemand anderes etwas Schlechtes sagt" (das hat sie selbst zu oft erlebt). Freude erlebt sie "über eine gute Nachricht".

Übung: "Fluss des Lebens"
Übung: "Fluss des Lebens"

Bei der Übung ‘Fluss des Lebens’, die eine behutsame Annäherung an traumatische Erlebnisse ermöglicht, erinnert sie sich an schwere Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit, ihrer ersten Ehe, während des Krieges und auf der Flucht, sowie in ihrer zweiten Ehe. Durch die theoretischen Erklärungen zum Thema Trauma beginnt sie zu verstehen, was mit ihr geschehen ist, beginnt ihre eigenen Reaktionen auf die Gewalterfahrungen besser zu verstehen. Sie versteht, warum sie nicht mehr weinen kann, warum sie ihre Gefühle von sich "abgetrennt hat" ... Und sie erlebt, dass die anderen Frauen ihr mitfühlend zuhören und kann sich auch in den Erfahrungen der anderen wieder finden.

Die Übungen zum den Themen ‘Kommunikation’, ‘Bedürfnisse und Grenzen’, ‘Erziehungsstile’ bringen Munevera zum Nachdenken. Sie hört den anderen zu, die offen von ihren Erfahrungen berichten. Es wird deutlich, dass sie kaum jemals etwas anderes als gewalttätige Beziehungen erlebt hat und es ihr schwer fällt, aus diesem eingefahrenen Gleis auszusteigen. Aber sie spürt, dass es ihr gut tut, wenn andere wertschätzend mit ihr umgehen.

Zum Thema Freundschaft kann Munevera formulieren, dass sie sich Freundinnen wünscht und dass sie sich doch gleichzeitig vor der Wiederholung schmerzhafter Erfahrungen fürchtet. Deswegen hält sie einen Sicherheitsabstand.

Während der elf Tage in Neum erleben wir, wie Munevera sich vorsichtig verändert: Sie öffnet sich ein wenig, zieht sich wieder zurück, öffnet sich mehr, schottet sich wieder ab, erträgt ein wenig mehr Nähe und distanziert sich wieder.

Es ist ein schwerer und mühsamer Prozess und etwas völlig Neues für sie: Nie zuvor hat sie anderen so viel zugehört, nie mit so vielen anderen Frauen persönlichste Erfahrungen geteilt. Doch sie hält diese Nähe in der Gruppe aus und beginnt, sich selber kennenzulernen und über viele Themen nachzudenken. Die Erfahrungen und Erzählungen der anderen Frauen sind ihr Spiegel und zugleich Herausforderung.

Als sie in der letzten Runde in Neum darüber spricht, was sie für sich mitnimmt, formuliert sie das so: "Ich gehe von hier weg voller positiver Energie und mit den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Ich danke Euch, dass ihr mich so wie ich bin akzeptiert habt. Und ich freue mich schon, dass wir uns in Gorazde weiter treffen."

Wir sind uns bewusst, dass Munevera noch für einige Zeit unsere Unterstützung benötigt - gerade auch im Hinblick auf ihre Beziehung zu Azra. Aber der Erholungsaufenthalt in Neum hat es ihr ermöglicht, in einem geschützten Rahmen vorsichtig neue Kontakte zu knüpfen und die Erfahrung zu machen von anderen angenommen zu werden.

Senija Tabakovic, Amina Vrana, Gabriele Müller

Anmerkung: Namen geändert.

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