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SEKA Journal Nr. 19, Dezember 2008

"Krise und Krieg als bittere Normalität"

Seminare mit palästinensischen Kolleginnen im Libanon

Auf Bitten der Direktorin der palästinensisch-libanesischen Organisation ‘Najdeh’, die seit ihrer Gründung 1978 mit den palästinensischen Flüchtlingen in den Lagern in Libanon arbeitet, haben wir (Gabriele Müller und Edita Ostojic) im März 2008 mit der Durchführung von parallelen Fortbildungen für zwei Gruppen von Mitarbeiterinnen begonnen. Thema der jeweils dreijährigen Fortbildungsreihe ist "Psychologische und pädagogische Hilfe für traumatisierte Frauen und Kinder".

Das völlig zerstörte Lager Nahr el-Bared
Das völlig zerstörte Lager Nahr el-Bared

Die 26 Teilnehmerinnen beider Gruppen arbeiten mit Frauen und Kindern des Flüchtlingslagers ‘Nahr el-Bared’ im Norden Libanons, das im Sommer 2007 (im Zuge der von der US-Regierung geforderten ‘Terrorbekämpfung’) in einem "Drei-Monats-Krieg" von der libanesischen Armee vollkommen zerstört und verbrannt wurde. Viele Menschen starben; 40.000 Flüchtlinge wurden damals erneut brutal vertrieben.

Diese Erfahrung hat auch die Mitarbeiterinnen selbst schwer traumatisiert, da alle mit ihren Familien ebenfalls in diesem Lager lebten. In einer unvorstellbaren Kraftanstrengung gelang es ihnen - gemeinsam mit den HelferInnen anderer Organisationen, die 40.000 Menschen notdürftig im nahe gelegenen Lager Beddawi unterzubringen. Dabei arbeiteten sie bis zur Erschöpfung.

Die Direktorin der Organisation, Leila El-Ali, erkannte, dass auch Monate nach dem Krieg nicht nur die vertriebenen BewohnerInnen der Lager, sondern auch die Mitarbeiterinnen selbst in einer sehr schlechten psychischen Verfassung waren. Zu den Traumata der Eltern und Großeltern (der Vertreibung aus Palästina 1948, den Massakern während des libanesischen Bürgerkriegs), den alltäglichen Schikanen von Seiten des libanesischen Staates, den Ängsten vor einer Eskalation im Krieg Libanons mit Israel im Sommer 2006, kam nun noch die Erfahrung des gezielten Überfalls der libanesischen Armee, der Ermordung Hunderter unschuldiger Menschen und der völligen Vernichtung des Lagers.

Leila El-Ali sagte mir in einem ersten Gespräch bei einem Treffen im Oktober 2007 in Paris: "Da ist mir bewusst geworden, dass wir das Thema Trauma nicht mehr vernachlässigen können. Bisher haben wir uns vordringlich um Fragen der Bildung, Ausbildung und Existenzsicherung gekümmert. Wir haben auch begonnen, mit den Opfern der Gewalt in der Familie zu arbeiten. Aber das Thema ‘Trauma’ haben wir bisher negiert - wahrscheinlich weil wir alle davon betroffen sind .... Aber jetzt hat es uns definitiv eingeholt. Wir müssen uns damit beschäftigen, wenn wir verhindern wollen, dass unsere eigenen Mitarbeiterinnen völlig zusammenbrechen. Und wir müssen lernen, wie wir den Menschen in den Lagern qualifiziert helfen können." Wir besprachen ein Konzept für Fortbildungen mit zwei Gruppen von Mitarbeiterinnen, das zu allererst auch die Entlastung und Stabilisierung der Mitarbeiterinnen selbst beinhalten sollte.

Trauma als Identität

Unser erstes Seminar fand im März 2008 statt im Bildungshaus ‘Dar Assalam’ (‘Haus des Friedens’ - das mich sehr an unser ehemaliges Projekt auf Brac erinnerte). Die äußeren Bedingungen waren gut, die Unterbringung sehr schön. Mit der Stromreduzierung kamen wir zurecht - das kannten wir aus Bosnien während des Krieges.

Die Mitarbeiterinnen (und ein männlicher Mitarbeiter) hatten sich auf das Seminar gefreut. Allerdings spürten wir von Anfang an eine latente Anspannung in der Gruppe, die sich bis zum dritten Tag noch steigerte. Es war uns klar, dass die traumatischen Erfahrungen für die TeilnehmerInnen noch nicht lange zurücklagen, dass sie vermutlich Ängste hatten, nun daran rühren zu müssen; und wir waren uns im Klaren, dass sie ja auch noch kein Vertrauen uns - als Nicht-Palästinenserinnen - gegenüber haben konnten, sondern dass sich dies erst langsam entwickeln musste.

Als zusätzliche Schwierigkeiten mit dieser Gruppe zeigten sich allerdings zwei weitere Aspekte:

Die Seminare, die die Teilnehmerinnen bisher erlebt hatten - und die teilweise sogar ihrer psychischen Entlastung dienen sollten - beinhalteten überwiegend, dass ausführlich über die traumatischen Erlebnisse und das ‘Leid der Palästinenser’ gesprochen wurde. Dies erwarteten die Teilnehmerinnen nun auch von diesem Seminar (die einen mit Furcht, die anderen, weil sie meinten, dass sie sich so "befreien würden"). Es benötigte viel Geduld und Flexibilität, ihnen deutlich zu machen, dass es einen anderen - behutsameren - Weg gibt.

Gruppenbild nach einem Seminar
Gruppenbild nach einem Seminar

Die größte Schwierigkeit allerdings war verbunden mit der palästinensischen Identität. Immer wieder drückten die Teilnehmerinnen aus, dass sie als Palästinenser eben "ins Leiden geboren seien" und dass daran alleine Israel, ihr "verhasster Feind" schuld trüge. Dass es ihnen nicht besser gehen könne, so lange sie nicht an ihre Heimatorte (die real ja die Heimatorte ihrer Eltern und Großeltern sind) zurückkehren können. Dieses Phänomen war uns bekannt aus de Arbeit mit Frauen von Srebrenica, die ebenfalls häufug das Gefühl hatten, wenn es ihnen wieder besser gehe, würde das bedeuten, dass das Unrecht und tiefe Leid, das sie erlitten haben doch nicht so unermesslich groß war. Besonders wenn die Opfer schwerster Menschenrechtsverletzungen politisch manipuliert und missbraucht werden, und ihre Identität untrennbar mit dem Leid verknüpft ist, ist es ihnen nur schwer möglich sich einem Heilungsprozess zu öffnen.

In der Auseinandersetzung mit diesem Thema, gaben wir den palästinensischen Kolleginnen zu bedenken, dass sie mit dieser Überzeugung denen, die ihnen Gewalt antun "in die Hände spielen und deren Werk noch vollenden". Wenn wir unsere Gesundung von der Wiedergutmachung durch einen Feind abhängig machen, dann verharren wir weiter in einer unlösbaren Abhängigkeit.

Diese Interventionen rüttelten an der bisher nie hinterfragten allgemeinen Überzeugung und brachte viele der Teilnehmerinnen zum Nachdenken.

In einer Einheit vermittelten wir den Kolleginnen außerdem theoretisches Wissen zu Trauma (Definition, Traumafolgen / Symptome ...). Dies half den Teilnehmerinnen, ihren eigenen Zustand und ihre Reaktionen besser zu verstehen. Eine zweite theoretische Einheit zu den Phasen des Heilungsprozesses, die wir mit der Analyse der Arbeit des Seminars verknüpften, gab den Kolleginnen ein klares Konzept für die Arbeit mit traumatisierten Menschen an die Hand.

"Durch diese Fortbildung habe ich in vielem Klarheit bekommen", meinte eine der Teilnehmerinnen in der Evaluation des Seminars. "Ich verstehe nun, was Trauma wirklich heißt. Ich kann mich selbst besser verstehen, aber auch das Verhalten der Frauen und Kinder, mit denen ich arbeite. Und ich habe zum ersten mal das Gefühl, dem allem nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Es gibt etwas, was wir tun können; das macht mir Mut!"

"Euch war es wichtig,
wie wir uns fühlen ..."

Das zweite Seminar mit der ersten Gruppe und das erste Seminar mit einer zweiten Gruppe fanden Anfang Juli 2008 im Schatten wiederholter bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten im Libanon statt. Bis zum letzten Tag war es nicht klar gewesen, ob wir würden fliegen können, bzw. ob die Gruppen ohne Probleme aus dem Norden des Libanons anreisen könnten. Die schwierige Situation hatte selbstverständlich Auswirkungen auf unsere Seminare. Insbesondere am Abend des 1. Tages des zweiten Seminars eskalierte die Situation in Tripoli massiv. Die Frauen der zweiten Gruppe verbrachten die ganze Nacht in Angst und Sorge um ihre Familien, die ganz in der Nähe des umkämpften Viertels lebten.

Für den 2. Seminartag änderten wir folglich das Programm völlig. Wir gaben den Frauen die Möglichkeit, ihre Gefühle und Sorgen auszudrücken - durch Körperausdruck, Töne sowie verbal. Dann besprachen wir, was wir zu ihrer Unterstützung tun könnten. Alle waren sich einig, dass es keinen Sinn machte, das Seminar abzubrechen und zurückzufahren. Dadurch würden sie sich nur selbst gefährden und könnten niemandem helfen. Sie hatten sich außerdem so viel von diesem Seminar erhofft - an Entlastung und Kenntnissen. Sie nahmen unser Angebot an, zu ihrer Stabilisierung zu arbeiten.

Mit der Imaginationsübung "Fels, Feigenbaum, Wilder Rosenbusch" gaben wir ihnen die Möglichkeit, sich wieder zu erden, zu beruhigen und zu stabilisieren. Jede malte anschließend das während der Übung Erlebte, um die Wirkung zu vertiefen. Als die Frauen dann begannen, ihre Bilder vorzustellen und ihre Erfahrungen während der Übung miteinander zu teilen, erhielten wir die Nachricht von einer erneuten Eskalation der Kämpfe und vom Tod eines jungen Sanitäters, den alle gut kannten. Erneut machte sich Verzweiflung breit. Wieder gaben wir diesen Gefühlen Raum und fragten die Frauen, was sie nun benötigten.

Nachdem jede ausgedrückt hatte, wie sie sich fühlte, entschlossen sich die Teilnehmerinnen, trotz allem mit der begonnenen Übung fortzufahren, da sie realistischer Weise in diesem Moment nichts anderes tun konnten, als sich selbst (gegenseitig) zu unterstützen. Wir arbeiteten weiter und schlossen diesen Tag dann mit einem ‘Energiekreis’ ab, durch den wir unsere Energie, unsere Gedanken und Wünsche "zu denen im Norden sandten". Eine der Frauen sprach noch ein Gebet, in das alle mit einstimmten.

Paarübung
Paarübung

Glücklicherweise beruhigte sich die Situation in Tripoli in den nächsten Tagen einigermaßen, so dass wir mit der Gruppe ohne weitere Krise an den Themen zur Stabilisierung (‘Stärken und Ressourcen’) arbeiten konnten.

Selten hatten wir bisher eine Gruppe erlebt, die alles von uns angebotene so bereitwillig und intensiv für sich nutzte. Wir fühlten eine große Dankbarkeit für das Vertrauen, das die Frauen uns nach so kurzer Zeit entgegenbrachten, und für die Nähe, die so rasch zwischen uns entstanden war.

In der Abschlussrunde drückte eine der Frauen es so aus: "In dieser schwierigen Situation haben wir gespürt, wie gut ihr uns versteht und wie bereit ihr seid, uns zu unterstützen. Nach diesen 5 Tagen empfinde ich euch wie liebe Mitglieder meiner Familie." Und eine andere fügte hinzu: "Ich habe schon viele Seminare besucht. Aber ihr seid bisher die Einzigen, die nicht nur wollten, dass wir noch besser arbeiten, sondern die auch uns sehen - als Menschen, als Frauen und nicht nur als Mitarbeiterinnen. Euch war es wichtig, wie wir uns fühlen und was wir brauchen - für uns habt ihr das Programm völlig umgeschmissen. Dafür danke ich euch von Herzen ... Und ich freue mich sehr auf unser nächstes Seminar!"

Gabriele Müller, Edita Ostojic

Anmerkung: Für PalästinenserInnen ist es im Libanon fast unmöglich zu studieren; außerdem ist ihnen die Ausübung von 72 qualifizierten Berufen untersagt, damit bleiben ihnen nur Hilfsjobs oder eine Berufstätigkeit innerhalb der Lager. Seit 2001 ist ihnen darüber hinaus der Erwerb von Immobilien verboten. Dies alles zielt auf eine Verhinderung der Integration, auf die Konzentration in den Lagern und das Bestreben, ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen und sie dadurch zur Ausreise zu zwingen - doch wohin ?

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