SEKA-Logo

SEKA Journal Nr. 18, November 2007

"Ein Licht im Tunnel ..."

Leben mit einem Trauma

Die Mitglieder des Vereins "Svjetlost Drine" erwarteten die Ankunft von Kuca SEKA in Gorazde mit besonderer Freude und Begeisterung. Für sie war SEKA eigentlich schon vor zwei Jahren gekommen. Damals hatte die SEKA-Projektleiterin Gabriele Müller einer Gruppe Veteranen (10 Männern und einer Frau), die interessiert waren, sich selbst und anderen zu helfen, Unterstützung angeboten - in Form von Gruppenarbeit. Die Mitglieder des Veteranenklubs durchliefen in den letzten zwei Jahren als ehrenamtliche Helfer eine ganze Reihe Seminare, die Gabi mit besonderen Arbeitsmethoden leitete. Die Teilnehmer erlernten Techniken und Übungen zur Selbsthilfe, aber ebenso, auf welche Weise sie Menschen in ihrer Umgebung - anderen Veteranen helfen konnten.

Auch im September 2007 fanden weitere Gruppentreffen statt - sowohl für die erste Gruppe der Ehrenamtlichen, wie auch (ein zweites Seminar) für neue Ehrenamtliche und einige Besucher des Klubs.

"Ich dachte, im Krieg war es besser ..."

Einer der Besucher dieses Klubs, Zaim A., war Kämpfer an der vordersten Font zur Verteidigung Gorazdes, er wurde sehr schwer verletzt, ist inzwischen demobilisiert (aus der Armee entlassen) und kämpft heute um seine Existenz und die seiner Familie. Nach vielen Jahren hat er zum ersten Mal etwas aufgeschrieben - für das SEKA-Journal, um einige seiner Erfahrungen mit anderen zu teilen.

"Das Kriegsende habe ich nicht in meinem eigenen Haus erlebt sondern als Flüchtling in einer fremden verwüsteten Wohnung, die es mir gelang, bescheiden für das Leben meiner Familie herzurichten. Ich dachte, wenn der Krieg endlich zu Ende ist, wird das Leben besser werden. Doch es kam ganz anders und das hat mich zutiefst enttäuscht.

Im Krieg bin ich sehr schwer verletzt worden - und schon damals habe ich Veränderungen an mir festgestellt, ich fühlte mich danach mehr und mehr müde und erschöpft. Etwas war anders mit mir, aber damals hatte ich keine Zeit darüber nachzudenken, ich kehrte an die Front zurück. Nun mit der Erfahrung, wie es ist, verletzt und schwach im Krankenbett zu liegen, während um die Stadt die Offensive der Cetniks wütet. Ich fühlte eine solche Ohnmacht und Angst, dass sie dass Dorf einnehmen würden, wo meine Frau und die Kinder waren ... Vielleicht werde ich irgendwann einmal darüber sprechen können. Jetzt kann ich es noch nicht.

Als ich dann nach dem Krieg aus der Armee entlassen war, fand ich glücklicherweise eine Stelle als Verkäufer in dem Laden einer Handelskette. Im Laufe der Zeit fühlte ich mich immer verlorener, die Nächte erwartete ich voller Angst; denn dann wurden meine Gedanken von den Bildern des Schlachtfelds überflutet, ich erwachte schwitzend und mit einem schrecklichen Krampf im Magen. So ging das jede Nacht. Von Tag zu Tag hatte ich immer weniger Kraft für diesen Kampf mit mir selbst. Die Anspannung, die Unruhe wegen des Gefühls, dass ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren, dass ich überhaupt nicht mehr funktionieren kann, hielten mich völlig besetzt. Ich hatte deswegen Angstzustände, aus denen ich nicht mehr herausfinden konnte.

Gruppenarbeit zu Thema "Ressourcen"
Gruppenarbeit zu Thema "Ressourcen"

Auf der Arbeit machte ich Fehler, ich konnte die einfachsten Dinge nicht mehr behalten, ich konnte die Rechnung über die verkauften Waren nicht mehr zusammenzählen. Wegen all dem war ich verzweifelt und schockiert. Ich dachte: Im Krieg war es besser, ich war ein guter Kämpfer, ein guter Freund, Ehemann, Vater - aber heute kann ich nicht einmal mehr eine gewöhnliche Rechnung zusammenrechnen. Wenn ich nach Hause kam, war ich furchtbar gereizt, bin wegen Kleinigkeiten explodiert. Meine schreckliche Stimmung habe ich auf meine Frau und die Kinder übertragen. Sie waren häufig wegen meines Verhalten in Angst und Sorge. Meine Frau hat begonnen, den größten Teil aller Pflichten alleine zu übernehmen.

Immer höhere Dosen Medikamente ...

Verunsichert und hilflos wie ich war, ohne jedes Selbstvertrauen, habe ich die Stelle als Verkäufer aufgegeben, aus Angst, dass ich dem Arbeitgeber große Verluste verursache. So blieb meine Familie ohne Existenzgrundlage. Ich ging zum Arzt, in der Hoffnung, dass ich dort irgend eine Lösung finden würde, aber das Resultat war, dass ich begann Beruhigungs-Tabletten zu nehmen; zuerst gaben sie mir geringere Dosen und dann höhere und höhere.

Die Tabletten ließen mich absterben, sie bewirkten, dass ich keinerlei Gefühle mehr hatte, es war mir alles gleichgültig, was um mich her geschah; alles was ich tat, tat ich wie gegen einen inneren Widerstand ... Zeitweise überfiel mich Panik, die Angst um meine Familie, vor der Zukunft... aber die Schuldgefühle verschwanden mit einer noch höheren Dosis der Medikamente ... Die Situation, in der ich mich fand, brachte mich zur Verzweiflung und in einigen Momenten kam ich in Versuchung, mein Leben zu verkürzen.

Ich wurde immer unsicherer, verschloss mich in mich selbst, ich wollte mit niemandem über das, was ich durchmachte, reden. Ich hatte Angst, verrückt zu werden, aber auch davor, was meine Umgebung von mir denken wird.

Ich suchte irgend einen "Rettungsstrohhalm" und in dieser Zeit hat mir jemand von dem Verein "Svjetlost Drine" erzählt - vielleicht einer meiner ehemaligen Mitkämpfer. Ich kann mich nicht mehr so gut erinnern. Ich brauchte Zeit, mich zu entschließen, dorthin zu gehen und die Tür des Klubs zu öffnen - ich fühlte große Unsicherheit und Angst. Aber als ich mich dann dazu durchrang, war es, als ob ich eine Tür öffnete, die schon auf mich gewartet hatte.

"Als ob ich 'meinen Hafen' gefunden hätte ..."

Ich wurde herzlich willkommen geheißen und als ich mich umsah, hat mich die Tatsache ermutigt, dass ich im Klub eine ganze Reihe meiner ehemaligen Mitkämpfer angetroffen habe. Wahrscheinlich, dachte ich, haben sie ähnliche Probleme wie ich.

Wir redeten über verschiedene Themen. Was mich am meisten interessierte, war, was die anderen über diese Dinge sagten, die ich selbst so gut kannte. Ich klinkte mich ins Gespräch ein und sprach über meine Probleme. Alle hörten mir aufmerksam zu und von einigen hörte ich, dass ihnen das auch geschieht. Als ich nach Hause kam, fühlte ich mich besser - so als ob ich auf einmal "meinen Hafen" gefunden hätte, wo ich geachtet und wertgeschätzt werde, wie ich bin. Der Tag, als ich die Tür des Klubs geöffnet habe, war der Tag, an dem ich mich entschlossen habe, für ein neues Leben zu kämpfen, der Tag an dem ich die Kraft dazu bekommen habe.

Seit diesem Tag komme ich regelmäßig in den Klub, wir reden, lernen uns auf neue Art kennen, fügen Puzzleteilchen um Puzzleteilchen zusammen und auf diese Art kommen wir uns selbst und anderen näher.

Ich bin mir bewusst, dass ich nicht mehr alleine bin. Durch die Gespräche mit den ehrenamtlichen Helfern im Klub habe ich eine Menge von deren eigenen Erfahrungen gehört und auch davon, dass sie verschiedene Seminare durchlaufen haben, in denen Gabi sie Techniken und Übungen gelehrt hat, wie sie die Symptome des Traumas überwinden, bzw. besser kontrollieren können. Mich hat das sehr interessiert und ich wollte jeden Tag mehr darüber wissen. Es war, als ob ich mein "Licht im Tunnel" gefunden hätte.

"Ich wollte nicht meine Chance verpassen ..."

Eines Tages hat mich Esma dann gefragt, ob ich an einer neuen Gruppe teilnehmen wollte, die Gabi leiten wird. Sie erzählte mir, was ihr diese Gruppenarbeit bedeutet hat. Ich habe von ihr viele Dinge gehört, die mit meiner Geschichte übereinstimmten.

Noch immer hatte ich Zweifel, ob ich bereit bin, aber ich bekam genügend Zeit, um in aller Ruhe zu überlegen, ob ich sicher bin, dass ich da teilnehmen kann und will.

Wieder ging ich durch die Hölle, ich hatte Angst, was da mit mir vielleicht geschehen würde, Angst, an zu schreckliche Dinge zu rühren, ich fühlte mich unsicher; aber Esma war mir ein Beispiel, wegen ihr habe ich mich entschlossen, dass ich es versuche; ich wollte nicht meine Chance verpassen.

Gruppenspiel: "Floßfahrt auf der Drina"
Gruppenspiel: "Floßfahrt auf der Drina"

Jetzt habe ich zwei Seminare hinter mir. Es bedeutet mir sehr viel, mit den anderen Gruppenmitgliedern zusammen zu sein, sie geben mir Kraft, dass ich durchhalte, dass ich mich auf meinem Weg zur Heilung weiterkämpfe; mein Selbstvertrauen wächst täglich.

Die ehrenamtlichen Helfer des Klubs haben mir eine große Hilfe gegeben und besonders Gabriele Müller, mit ihrer Haltung und der Art ihrer Methode. Oft probiere ich gemeinsam mit meiner Frau die Übungen aus, die ich auf den Seminaren erlernt habe - und immer mehr gelingt es mir, die Tabletten durch die Technik des "Umschaltens auf angenehme Bilder oder Erinnerungen" zu ersetzen.

Ich weiß, dass ich noch am Anfang meiner Genesung bin. Aber ich bin überzeugt (auch wenn ich schon seit Jahren versucht habe, mich vergeblich zu stabilisieren), dass ich nach dem, was ich durch die Gruppenstunden erkannt habe, dazu fähig bin, mir selbst zu helfen. Und ich will es!

Ich habe einen Teil meines Vertrauens in mich selbst wieder gewonnen. Jetzt weiß ich, dass ein Trauma nicht unbesiegbar ist, ich weiß jetzt, warum meine Krisen kommen, ich kann sie erkennen und es gelingt mir bereits, einige Dinge bei mir selbst zu verändern.

Ich weiß, dass vor mir noch ein ziemlich langer Weg liegt, aber das, was Gabi mit uns arbeitet, ist von unschätzbarem Wert. Es ist nicht leicht, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen, die wir in uns tragen, aber das ist der einzige Weg zur Heilung."

Zaim A.

Heute traf ich Zaim vor der Praxis der Psychiaterin, er hat mit der Prozedur bzgl. des Antrags für seine Berentung begonnen. Er gab mir das Papier, auf dem er versucht hatte, seinen Beitrag für das SEKA-Journal, 'für Gabi', aufzuschreiben. Er sagte mir, dass er das Papier ziemlich oft wieder zerrissen hatte, aber dass es ihm am Ende doch gelungen sei, etwas aufzuschreiben. Es sei ihm nicht leicht gefallen, den Anfang zu finden, aber es scheine ihm, dass er jetzt schon deutlich mehr schreiben könne. Während er mir dies erzählte, sah ich in seinen Augen einen leichten Schatten der Trauer, und ich erinnerte mich meiner eigenen Erfahrung und des Tages, als ich zum ersten Mal versucht hatte, etwas niederzuschreiben. Wir unterhielten uns ein wenig und dann meinte er fröhlich: "Esma, möchtest Du meinen Golf sehen?" und führte mich ein wenig weiter, wo ein gelber Golf parkte. Voller Freude erzählte er mir von diesem 27 Jahre alten Auto, zeigte mir den Blinker, den er leider nicht mehr hatte befestigen können, da das Blech an dieser Stelle schon vollkommen verrostet war. Voller Stolz sprach er über dieses alte Auto - sein Auto! Lachend erzählte er mir seine Erlebnisse mit ihm und die Art und Weise, wie es ihm gelingt, dieses Auto noch am Fahren zu halten. Im Winter zum Beispiel muss der Nachbar das Auto mit seinem Traktor anschleppen, bis es anspringt. Darüber lachten wir beide. Dann wünschten wir uns schöne Bajram-Feiertage und verabschiedeten uns voneinander mit dem Versprechen, uns am Montag im Klub wiederzusehen.

In dieser Stadt gibt es viele Menschen, die mit sich ein ähnliches Schicksal tragen wie Zaim. Sie benötigen Verständnis, Wertschätzung, Wärme und Ermutigung - neben fachlicher Hilfe, um auf ihrem Weg "das Licht im Tunnel" zu finden. SEKA hat dieses Licht in unsere Stadt gebracht!"

Esma Drkenda

Kämpfer: Von den Menschen in Gorazde wird in der Regel für die Soldaten des vergangenen Krieges das Wort "borci" (=Kämpfer) oder "suborci" (=Mitkämpfer) verwendet, da die meisten dieser Soldaten keine ausgebildeten Soldaten waren, sondern Männer, die sich plötzlich in der Situation sahen, ihre Stadt zu verteidigen gegen den fortgesetzten Angriff einer übermächtigen und hervorragend ausgerüsteten Armee. Siehe auch Artikel "Da wächst in dir der Mut der Verzweiflung ..."

Cetniks: In diesem Krieg: Synomym für die nationalistischen Karadzic-Truppen

Pfeil nach oben
SEKA Logo