SEKA-Logo

SEKA Journal Nr. 18,
November 2007

"SEKA ist eine Riesenunterstützung ..."

Der Ansatz der "umfassenden Hilfe" im SEKA-Projekt Gorazde

Ein wichtiger Schwerpunkt der zukünftigen Arbeit von SEKA Gorazde wird die Arbeit mit den Frauen und Kindern der lokalen Bevölkerung sein - insbesondere mit durch Krieg oder andere Formen von Gewalt traumatisierten Frauen und Kindern, aber auch mit Frauen und Kindern von kriegstraumatisierten Veteranen. Diese Frauen und Kinder leiden durch das Zusammenleben mit dem schwer traumatisierten Partner / Vater in vielen Fällen an sekundärer bzw. Transgenerationen-Traumatisierung. Gleichzeitig sind sie direkt belastet durch die traumabedingten Verhaltensveränderungen des Partners / Vaters: Depression, Apathie, Isolation einerseits und Misstrauen, übersteigerte Nervosität, Kontrollsucht und Aggressivität bis hin zu Gewaltausbrüchen andererseits (siehe dazu auch den Bericht von Zaim A.).

Das Lachen der anderen zu spüren ...
Das Lachen der anderen zu spüren ...

In einem Ansatz für 'umfassende Hilfe' arbeiten wir einerseits mit Frauen und Kindern direkt, andererseits unterstützen wir durch Seminare und Vorträge die Ehrenamtlichen Helfer im Veteranen-Klub "Svjetlost Drine", um dadurch auch für die kriegstraumatisierten Männer ein Angebot psychosozialer Hilfe zu sichern. Bei Bedarf und auf Wunsch der Frauen und Kinder beziehen wir den Partner / Vater auch direkt in Beratungsgespräche mit ein.

Als ein Beispiel für diesen Ansatz schildere ich im Folgenden die Arbeit mit der Familie K.

"Wir leben in der Hölle ..."

Als erstes Mitglied der Familie K. lerne ich den Vater Amir* kennen. Er kommt zu meinem Vortrag "Kriegstrauma und Möglichkeiten der Hilfe und Selbsthilfe" in den Veteranenklub 'Svjetlost Drine'. Er ist in schlechter psychischer Verfassung, steht massiv unter Druck.

In der Diskussion nach meinem Vortrag bricht seine Leidensgeschichte geradezu aus ihm heraus: "Meine Familie und ich - wir lebten jahrelang in der Hölle. All das, was Sie beschrieben haben, kenne ich ..." Seit mehr als zehn Jahren leidet er unter starken Symptomen von PTBS (Posttraumatisches Belastungssyndrom). Die ersten Jahre wurde er mit starken Dosen Psychopharmaka ruhiggestellt. "Da hab ich nur noch vor mich hin vegetiert", beschreibt er seinen Zustand. "Ich war gar kein Mensch mehr."

Schließlich gelang es ihm, mit bewundernswerter Kraft, sich aus diesem Zustand selbst zu befreien. Er reduzierte die Dosierung der Medikamente schrittweise, begann, sich Beschäftigungen zu suchen, die ihn ablenkten und wenigstens zeitweise beruhigten, u.a. begann er wieder zu Angeln. "Das Angeln hat mir sehr geholfen, die Ruhe und die Schönheit der Natur, das Alleinsein - ich konnte damals überhaupt niemanden ertragen - außer meiner Frau.... Wirklich gerettet und bisher am Leben erhalten, hat mich die Liebe meiner Frau und meine Liebe zu ihr. Eigentlich ist es ein Wunder. Ich weiß nicht, wie sie und die Kinder es all die Jahre mit mir ausgehalten haben ..."

Amir erzählt offen und selbstkritisch, wie schwer das Leben mit ihm war - und oft immer noch ist. - Wie oft er sich das Leben nehmen wollte ... Wie oft er 'ausgerastet' ist und besonders seinen Sohn Emir bedroht und misshandelt hat. Er ist sich bewusst, dass seine beiden Kinder unter den Folgen dieser psychischen und physischen Gewalt leiden. Besonders Emir, sagt er, sei ein schwieriges und aggressives Kind.

Amir fällt es schwer, angemessen mit den Kindern umzugehen; er bemüht sich, aber: "... sie gehen mir so oft auf die Nerven, ihr ewiges Gestreite, oft halte ich es einfach nicht aus ..." Manchmal gelingt es ihm inzwischen, rechtzeitig zu gehen, bevor er 'ausrastet'. Meist greift seine Frau ein und bringt die Kinder in Sicherheit. Amir möchte sein Verhalten verändern, aber er weiß nicht wie: "Unsere Existenzsorgen bringen mich ohnehin immer wieder in die Krise, da reicht dann eine Kleinigkeit ..." Die Familie lebt von seiner winzigen Invalidenrente und von Gelegenheitsjobs, die aber rar sind.

Während des Vortrags hat Amir sich wieder erkannt - sowohl in den geschilderten Symptomen als auch bzgl. der sozialen Folgewirkungen. Er ist erleichtert zu hören, dass es 'Wege aus dem Trauma' gibt, aber auch wütend darüber, warum er erst nach 10 Jahren Leiden davon hört. "Das brauchen wir", ruft er, "solche Hilfe, und nicht immer nur abgeschoben zu werden oder mit chemischen Keulen ruhiggestellt."

Konflikte spielen mit Handpuppen
Konflikte spielen mit Handpuppen

Seit dem Vortrag besucht Amir den Klub regelmäßig. Dieser wird für ihn zu so etwas wie einem "sicheren Ort", an dem er immer Gesprächspartner findet, an dem er willkommen ist "so wie ich bin". Schließlich bringt er auch seine Frau Dalila* mit. Auch sie ist mit ihren Kräften am Ende.

In Absprache mit der Sozialarbeiterin, die den Klub beraterisch begleitet, beschließen wir, Dalila und die beiden Kinder in das SEKA-Programm des psycho-edukativen Erholungsaufenthalts in Neum einzuschließen. Die Familie ist darüber überglücklich. Das Ehepaar hat das Gefühl, dass seit Jahren zum ersten Mal jemand das Ausmaß ihres Leidens versteht und ihnen rasch Hilfe anbietet.

Die Kinder - die 12-jährige Nermina* und der 11-jährige Emir* - sind außer sich vor Freude, ans Meer zu fahren.

"Der erste Lichtblick seit Jahren ..."

Während des 10tägigen Erholungsaufenthalts lernen wir Dalila und die Kinder näher kennen.

Nermina ist ein ernstes, in sich zurückgezogenes Mädchen, das zu erwachsen wirkt für ihr Alter. Sie steht offensichtlich unter einer starken Anspannung. Zu den anderen Kindern sucht sie kaum Kontakt. Das Verhältnis zu ihrem jüngeren Bruder ist von ständigen Streitereien geprägt. Sie versucht ihn zu dominieren, provoziert ihn oft verbal. Er reagiert darauf heftig, bedroht und beschimpft sie, reagiert mit physischer Aggression (Stoßen, Treten, Schlagen u.ä.).

Emir ist ein sehr unruhiges Kind, hyperaktiv, kann sich zu Anfang überhaupt nicht konzentrieren, hat ein minimales Durchhaltevermögen, reagiert überwiegend aggressiv auf andere Kinder, teils auch auf die Mutter. Dann wieder spielt er den 'Clown'. Uns Mitarbeiterinnen gegenüber sucht er einerseits Kontakt, 'flieht' dann jedoch sofort wieder, bevor ein wirklicher Kontakt entstehen kann.

Bei beiden Kindern ist ihr geringes Selbstwertgefühl stark zu spüren. Beide - besonders aber Emir - haben ein negatives Selbstbild, was sich in verschiedenen Selbsterfahrungsübungen besonders zeigt.

Das Verhältnis der Mutter zu den Kindern ist stark kontrollierend und reglementierend. Auffallend ist Dalilas fast nur negative Kommunikation mit den Kindern. Was auch immer die Kinder tun, es ist entweder falsch oder ungenügend. Zwischen Mutter und Kindern gibt es außerdem kaum Körperkontakt, keine Zärtlichkeiten.

Gleichzeitig ist deutlich, dass Dalila unter einem immensen Druck steht "alles richtig zu machen" und "eine gute Mutter zu sein". In einer der ersten Gruppenstunden benennt sie als größte Probleme: die große Sorge um ihren Mann, Angst, dass die Kinder, die nun in die Pubertät kommen, "auf die falsche Bahn geraten könnten" und ihr Gefühl extremer Erschöpfung einerseits und großer Anspannung andererseits. Sie leidet ständig unter Kopf- und Magenschmerzen und hat manchmal das Gefühl "verrückt zu werden".

Die Teilnahme am Erholungsaufenthalt und der Gruppenarbeit erlebt sie als "den ersten Lichtblick seit Jahren".

Gruppenarbeit mit den Frauen

In der Gruppenarbeit mit den Frauen legen wir wie stets besonderen Wert auf den Aufbau von Sicherheit und Vertrauen in der Gruppe, u.a. durch das gemeinsame Erarbeiten der Gruppenregeln.

Die Themen der Gruppenarbeit richten sich nach den Bedürfnissen der Frauen; einige zusätzliche Themen, die wir als Leiterinnen vorschlagen, werden von den Frauen gern akzeptiert. Obwohl die Frauen bisher keinerlei Erfahrung mit dieser Art von Selbsterfahrungsarbeit haben, können sie sich gut auf die von uns genutzten Methoden und Techniken einlassen (Bewegungsspiele, Imaginationsübungen, Techniken zur besseren Kontrolle von PTBS-Symptomen, Arbeiten mit Symbolen, Szenen und kreativen Techniken).

Dalila ist außerordentlich interessiert an den Gruppenstunden. Als wichtige Themen benennt sie für sich: Kindererziehung, Konflikte mit / zwischen den Kindern, Probleme in der Pubertät, aber auch den Wunsch, "mehr über das Thema Trauma zu erfahren". Allerdings ist sie während der ersten Tage auch während der Gruppenarbeit stark angespannt, leidet unter Kopf- und Magenschmerzen, macht sich Sorgen um ihren Mann, den sie allein zu Hause zurückgelassen hat, macht sich Sorgen, dass ihre Kinder uns Mitarbeiterinnen "auf die Nerven gehen könnten".

Am Strand hat sie mehrere Auseinandersetzungen mit ihren Kindern, in denen sie auf Kleinigkeiten sehr stark reagiert. Einige Male greife ich beruhigend ein und es ergibt sich daraus jeweils ein Gespräch.

In diesen Gesprächen wird deutlich, dass Dalila seit vielen Jahren unter ständiger Anspannung und Angst lebt, dass das Verhalten der Kinder ihrem Mann auf die Nerven gehen und wieder eine Krise oder aggressives Verhalten auslösen könnte. Sie versucht seit 10 Jahren "alles unter Kontrolle zu halten", um zu verhindern, dass "ihn etwas aufregt und seinen Zustand verschlechtert". Sie ist sich bewusst, dass das auch für die Kinder sehr schwierig ist. Sie versucht die Kinder gleichzeitig vor der Aggression ihres Mannes zu schützen.

Zum ersten Mal kann Dalila darüber sprechen, wie schwer die Situation für sie selbst ist. Sie liebt ihren Mann und ihre Kinder, aber sie ist mit ihren Kräften völlig am Ende.

"Ich habe angefangen, mich selbst besser zu verstehen ..."

Nach einigen Tagen kann sich Dalila allmählich mehr und mehr entspannen. Das Zusammensein mit den anderen Frauen tut ihr gut. Sie hört den Erfahrungen der anderen zu und kann über ihre eigenen Gefühle und Gedanken sprechen. Es bedeutet ihr viel, mit der Gruppe "endlich einen Ort zu haben, wo ich über mich sprechen kann". In ihrem Umfeld hat sie keine Unterstützung. Ihre Eltern und ihr Bruder sind nicht mehr am Leben. Die Schwiegereltern üben eher noch zusätzlichen Druck aus. Ihre Freundinnen hat sie über die Jahre verloren, "weil ich nie Zeit für sie hatte". In der Übung zu "Kraftquellen und Ressourcen" erkennt Dalila, dass sie sich immer nur auf sich selbst verlässt, aber auch, dass sie Freundinnen vermisst. Sie wünscht sich, dass mit den Frauen der Gruppe Freundschaften entstehen.

Die Arbeit zum Thema "Körperwahrnehmung und Emotionen" ist für Dalila ebenfalls sehr wichtig. Wie auch die anderen Frauen, hatte sie ihren Körper bisher noch nie bewusst wahrgenommen ("nur wenn er nicht mehr funktioniert, wenn ich krank bin"). Zum anderen hatte sie sich nie über ihre Gefühle Gedanken gemacht. Das bewusste Wahrnehmen ihrer Emotionen hilft ihr zum einen, sich selbst besser zu verstehen, ihre eigenen Bedürfnisse besser zu erkennen, und andererseits ihre Kinder anders wahrzunehmen und besser zu verstehen.

Auch die Informationen zum Thema "Psychologisches Trauma" ("Was es auslöst, was es bedeutet, Symptome und Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe") empfindet sie als sehr hilfreich. "Jetzt weiß ich, was mit Amir los ist, was er durchmacht ... aber ich weiß auch, dass ich deswegen nicht einfach alles ertragen muss... Und die verschiedenen Techniken, die wir gelernt haben, kann ich auch selbst anwenden, wenn ich im Stress bin."

Die Arbeit an den Themen "Gewalt in der Familie" und "Gewalt gegen Kinder" helfen Dalila zu erkennen, in welcher Situation ihre Kinder all die Jahre waren. "Es tut mir sehr leid, dass sie es so schwer hatten und dass ich sie nicht genügend schützen konnte. Ich weiß, dass Nermina viel zu ernst ist für ihr Alter und dass sie keine Freundinnen hat ... genau wie ich ... Und sie ist immer angespannt ... wie ich ... Gestern habe ich sie zum ersten Mal richtig fröhlich erlebt - mit Amina und Senija im Wasser ... Und Emir ist oft von meinem Mann misshandelt worden. Ich habe immer versucht einzugreifen, aber ich war selbst in so einer schlechten Verfassung, hatte Angst um meinen Mann, Angst um die Kinder ... und ich war mit allem allein ..."

Dalila kann ihre Trauer äußern, über das, was geschehen ist und was sie nicht verhindern konnte. Sie fühlt Verständnis für ihre Kinder - aber auch zum ersten Mal Verständnis für sich selbst.

Was Kinder brauchen ...

Was mich unterstützt ...
Was mich unterstützt ...

Die Themen "Was Kinder brauchen, um gesund und glücklich aufzuwachsen" und "Veränderungen in der Pubertät" sind für alle Frauen von großer Bedeutung, besonders auch für Dalila: "Ich verstehe jetzt, was mir selbst als Kind gefehlt hat - nicht weil meine Eltern schlechte Eltern waren - aber auch sie wussten es nicht anders ... Deswegen habe ich auch nicht gewusst, was meine Kinder brauchen. Meine Mutter hat mich nie in den Arm genommen oder war zärtlich zu mir. Das fällt mir nun auch bei meinen Kindern sehr schwer ... Ich liebe sie, aber ich bin mir jetzt gar nicht sicher, ob sie das überhaupt wissen."

Wir sprechen darüber, dass die Situation im Krieg und teilweise auch in der Nachkriegszeit es für Eltern sehr schwer macht, ihre Kinder mit einem Gefühl von Geborgenheit und Freiheit aufwachsen zu lassen. Und auch darüber, dass niemand ideal ist und wir alle Fehler machen, aber dass es wichtig ist, dass Eltern und Kinder öfter miteinander reden - über die Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse und Grenzen, über die gegenseitige Beziehung ... Dass wir Kinder als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen und eine Beziehung gegenseitiger Wertschätzung entwickeln. Die Frauen bemerken dazu, wie stark die traditionelle Erziehung eine solche Beziehung zu den Kindern verhindere.

Als letztes Thema während des Erholungsaufenthalts bearbeiten wir schließlich mit den Frauen die Themen "Geschwister-Konflikte" und "Erziehungsstile". Anhand von drei Szenen der jeweils gleichen Konfliktsituation zwischen Geschwistern ("Streit um den Computer") demonstrieren wir drei unterschiedliche Reaktionen der Mutter auf diese Situation: einmal autoritär, einmal "passiv-manipulativ" sowie schließlich mit klaren aber auch flexiblen Grenzen auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung.

Die szenische Darstellung ermöglicht den Frauen, die Unterschiede in den Erziehungsstilen sehr konkret wahrzunehmen, bzw. zu erleben und anschließend ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken mit der Gruppe zu teilen. Auch Dalila erkennt in vielen Aspekten sich und ihr eigenes Erziehungsverhalten wieder. Das "positive Beispiel" regt die Frauen an, darüber nachzudenken, wie sie Konfliktsituationen mit ihren eigenen Kindern konstruktiv lösen könnten.

In der Runde zum Abschluss der 9-tägigen Gruppenarbeit meint Dalila: "Ich bin unendlich froh, dass ich mit den Kindern die Chance bekommen habe, hier teilzunehmen. Ich habe mich richtig gut erholt und manchmal all meine Probleme ganz vergessen können. Aber noch viel wichtiger waren für mich unsere Gruppenstunden hier. Ich habe so Vieles gelernt ... und ich habe angefangen, mich selbst und andere besser zu verstehen; ich habe begonnen, meine Fehler im Umgang mit meinen Kindern zu erkennen. Ich fühle mich viel ruhiger und sicherer ... nicht mehr so in Panik ... Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich und meine Familie weiter Unterstützung benötigen. Deswegen bin ich glücklich, dass SEKA nach Gorazde kommen wird. Das gibt mir sehr viel Hoffnung. Ich wünsche mir, dass sich unsere Gruppe dort weiter treffen kann."

Arbeit mit den Kindern

Auch in der Arbeit mit der Gruppe aus Gorazde ist das Meer ein wichtiges Medium, das den Kindern hilft, sich einerseits von Ängsten zu befreien und Selbstvertrauen aufzubauen, andererseits soziales Verhalten und Rücksichtnahme zu lernen.

Für Nermina und Emir, wie auch für fast alle übrigen Kinder, ist es die erste Begegnung mit dem Meer. Beide können zu Anfang nur wenig schwimmen und haben deutlich Ängste, die Emir "als Junge" zu überspielen versucht.

Allerdings verlieren sich durch die täglichen Ausflüge zum Strand, durch unsere Übungen, Spiele und Wettkämpfe diese Ängste rasch. Und nach einigen Tagen schwimmen beide ohne jegliche Hilfsmittel, tauchen, nehmen sogar am "nächtlichen Schwimmen" teil, bei dem wir uns mit viel Gekreische in die dunklen Fluten stürzen.

Aber auch die täglich vierstündige Arbeit in der Kindergruppe (parallel zur Gruppenarbeit der Mütter) gefällt den Kindern von Tag zu Tag besser. - zu Anfang haben sie noch die Befürchtung, dass das "wie Schule" sei, da es die einzige Art von "Gruppenarbeit" ist, die sie bisher kennengelernt haben. Schnell merken sie, dass die Spiele, Übungen, kleinen Workshops und vor allem die Überraschungen, die die Kolleginnen Amina Vrana und Senija Tabakovic täglich für sie vorbereitet haben, "richtig Spaß machen" und dass sie da "wichtige Dinge lernen".

Zuerst lernen sich die Kinder durch verschiedene Übungen kennen. Dann diskutieren sie intensiv: "Wie wir miteinander umgehen wollen - Was wir mögen, was wir nicht mögen" und formulieren daraus "unsere Gruppenregeln". Amina erklärt, warum solche Regeln wichtig sind: "Damit wir uns in unserer Gruppe hier alle wohl fühlen. Damit jedes Kind weiss, dass es genau so wichtig ist wie alle anderen." Alle sehen ein, dass das nötig ist, weil zu Anfang besonders die Jungs, bzw. die Geschwister ständig streiten und sich gegenseitig und damit auch die anderen stören.

Alle Kinder sind mit den Regeln ("niemanden verletzen, nicht ins Wort fallen, nicht auslachen, sich zuhören, Mädchen sind genau so wichtig wie Jungen u.ä.") einverstanden, auch Nermina und Emir. Es ist für die beiden offensichtlich neu, auf so eine Weise über das zu reden, was jede/r möchte oder nicht mag. "Jedes Kind hat Gelegenheit, seine Meinung zu sagen und alle anderen hören zu ... Das gefällt mir," meint Nermina nach dieser Gruppenstunde zu Senija.

Die Mütter sind von der Vorstellung ihrer Kinder begeistert
Die Mütter sind von der Vorstellung ihrer Kinder begeistert

An den folgenden Tagen arbeiten die Kolleginnen mit den Kindern u.a. zu den Themen: "Kommunikation", "Unterschiede und Toleranz", "Körperwahrnehmung und Gefühle", "Meine Stärken und was mich unterstützt", "Konflikte und wie es dazu kommt", "Lösung von Konflikten", "Vorurteile" und "Gleichberechtigung der Geschlechter".

Dabei nutzen sie überwiegend Szenen bzw. Rollenspiele und kreative Techniken, außerdem witzige Bewegungsspiele, Pantomime oder ähnliches zur Erwärmung, Jeden Tag haben die Kinder zusätzlich die Möglichkeit zum freien Spiel. Dabei sind sowohl LEGO als auch Puzzle hoch im Kurs. Wie jedes Jahr begeistern auch der Foto-Workshop und verschiedene andere Überraschungen die Kinder.

Das Gefühl, angenommen zu werden ...

Die Atmosphäre in der Kindergruppe verändert sich rasch: Durch ihre ruhige, liebevolle aber auch klare Art gelingt es Senija und Amina, die Kinder rasch für sich zu gewinnen. An ihrem Beispiel erleben die Kinder, dass wirkliche Autorität nichts mit Brüllen, Drohen, Schlagen oder Strafen zu tun hat, sondern mit Kompetenz und gegenseitiger Wertschätzung.

Die anfängliche Polarisierung der Gruppe (in 'Täter' und 'Opfer') verändert sich außerdem durch die thematische Gruppenarbeit, in der die Kinder Gelegenheit haben (die meisten offensichtlich zum ersten Mal), über sich selbst nachzudenken und die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle der andern zu hören. Vor allem aber erleben sie, dass auch ihnen zugehört wird und dass sie ernst genommen werden.

Auch für Emir ist das eine neue Erfahrung. Er erlebt in der Kindergruppe, dass er ganz einfach seinen Platz hat, dass er hier nicht darum kämpfen muss, dass die anderen ihn mögen, dass Amina und Senija liebevoll mit ihm umgehen, ihn ermutigen und loben. Er wird allmählich ruhiger, steht weniger unter Druck, sich zu beweisen, seine aggressiven Ausbrüche nehmen ab. Wenn es dennoch 'passiert', reagiert er sofort auf den Hinweis bzgl. der Gruppenregeln und entschuldigt sich. Sein Durchhaltevermögen und seine Konzentrationsfähigkeit wachsen. Und er kann nicht nur im Kontakt zu anderen bleiben, sondern er zeigt sogar Zärtlichkeit - ob gegenüber dem jüngsten Mädchen der Gruppe, oder gegenüber uns Mitarbeiterinnen.

Für beide Kinder ist das Thema "Emotionen" sehr wichtig, besonders die Aspekte "dass es natürlich ist, Gefühle zu empfinden - dass dadurch unser Leben reicher wird" und "dass unsere Gefühle 'Freunde' sind, dass unangenehme Gefühle uns darauf aufmerksam machen, wenn 'etwas nicht in Ordnung ist oder uns fehlt'." Für Emir ist es von besonderer Bedeutung, dass es in Ordnung ist wütend zu sein, aber dass es nicht in Ordnung ist, dann jemand anderen zu verletzen.

"Angst, dass ihm etwas passiert ..."

In der Szene, in der die Geschwisterkinder mit Handpuppen Konflikte spielen, die sich tatsächlich ereignet haben, wird deutlich, dass sich Nermina sehr verantwortlich fühlt für das Verhalten des jüngeren Bruders. Schluchzend erzählt sie, dass sie in ständiger Angst lebe, "dass er eine Dummheit macht, oder ihm etwas passiert". Sie fühlt sich erdrückt von dieser Verantwortung, die sie von Seiten der Eltern fühlt ("Du bist die Ältere und Vernünftigere!"). Aus diesem Grund versucht sie mit allen Mitteln die 'Kontrolle über den Bruder zu behalten', was zu ständigen Konflikten und Streitereien zwischen den Geschwistern führt - und bei Emir offensichtlich zu dem Gefühl, dass Nermina ihn nicht mag.

Dies ist - wie sich in der Übung "Meine starken Seiten und was mich unterstützt" zeigt - ohnehin Emirs großes Problem: Er hat das Gefühl, dass ihn niemand mag, dass er 'allen auf die Nerven geht' und für niemanden wirklich wichtig ist. Darauf reagiert er mit seinem 'kasperigen' oder aggressiven Verhalten.

Die überkritischen und stets negativ gefärbten Botschaften seiner Mutter und das aggressive Verhalten seines Vaters fördern sein negatives Selbstbild.

In der Kindergruppe und im Kontakt mit den Mitarbeiterinnen erlebt Emir zum ersten Mal, dass er so angenommen und wertgeschätzt wird, wie er ist.

Am deutlichsten zeigen Emirs Bilder die Veränderung, die er in den 10 gemeinsamen Tagen erlebt: In den ersten Tagen malt er - egal zu welchen Motiven - nur sehr düstere, ja geradezu schwarze Bilder, auf denen man nichts erkennen kann und die sehr bedrohlich wirken. Am letzten Tag des Aufenthalts malt er in fröhlichen hellen Farben ein Bild von 'unserer Gruppe' - dargestellt als lauter rote Herzen.

Auch Nermina verändert sich: gegen Ende des Erholungsaufenthalts wirkt sie viel entspannter, fröhlicher und selbstbewusster. Sie hat einen guten Kontakt zu den anderen Kindern entwickelt - besonders aber zu uns Mitarbeiterinnen. Nach wie vor spielt sie auch gerne für sich (mit Puzzlen, LEGO, Basteln von Souveniren u.ä), aber wir haben nicht mehr den Eindruck, dass sie sich in diese Tätigkeiten "flüchtet". Die Beziehung zu ihrem Bruder ist entspannter, die Häufigkeit und Intensität ihrer Streitigkeiten nimmt ab. Auch das Verhältnis zur Mutter scheint sich vorsichtig zu entspannen.

Gruppenbild auf der großen Treppe der Pension
Gruppenbild auf der großen Treppe der Pension

Beim Abschiedsfest am letzten Abend gibt es neben der Ausstellung der kreativen Arbeiten und der besten Fotos der Kinder eine großartiges Unterhaltungsprogramm, das die Kinder selbständig zusammengestellt haben. Die Mütter sind begeistert. Gerade auch Nermina und Emir zeigen ihre Kreativität und besondere Musikalität. Ihre Mutter ist stolz auf sie, was sie ihnen auch sagt. Nach vielen Zugaben der Kinder, kommen wir auf die Idee, dass nun die Frauengruppe auch den Kindern eine Vorstellung gibt.

Mit Liedern, Gedichten und witzigen Spielen begeistern die Mütter ihre Kinder und zeigen sich von einer ganz neuen Seite.

"Glücklich, dass es SEKA nun hier gibt"

Dalila, Nermina, Emir und Amir sind die ersten Gäste, die am Nachmittag des Eröffnungstages von Kuca SEKA zum 'Tag der offenen Tür' kommen. Sie begrüßen uns mit großer Herzlichkeit. In den ersten Wochen im neueröffneten Projekt treffen sich dann sowohl die Frauen als auch die Kinder der 'Neumer Gruppe' regelmäßig.

Alle haben sich schon seit Wochen auf Kuca SEKA gefreut.

Nermina und Emir erzählen, dass sie sich oft an die Gruppenarbeit in Neum erinnern und dass ihnen einige der gelernten Strategien schon sehr hilfreich waren in Konfliktsituationen.

Auch Dalila betont, dass sie "als eine andere Person" aus Neum zurückgekommen sei, das habe auch ihr Mann bemerkt. "Ich bin gelassener, sicherer. Ich lasse die Kinder mehr und rede mehr mit ihnen ... Unsere Gruppenarbeit hat mir sehr geholfen. Und ich kann gar keine Worte dafür finden, wie glücklich ich bin, dass es SEKA nun hier gibt. Ich empfinde Euch als eine Riesenunterstützung."

Zusätzlich zur Teilnahme an der Frauengruppe hat Dalila auch um einen gemeinsamen Beratungstermin mit ihrem Mann gebeten: "Es ist mir wichtig, dass wir beide gemeinsam unsere Beziehung zu den Kindern verändern."

Gabriele Müller

Pfeil nach oben
SEKA Logo