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SEKA Journal Nr. 18, November 2007

10 Jahre Frauenfriedensprojekt SEKA - Rückblick und Neubeginn

Gorazde / Hamburg, Oktober 2007

Liebe SEKA-Freundinnen und Freunde,
viele von Ihnen begleiten unsere Arbeit schon von Anfang an. Andere sind in den vergangenen Jahren auf SEKA aufmerksam und zu UnterstützerInnen geworden. In diesem Jahr feiern wir nun das 10jährige Bestehen des Projekts.

Dies nehmen wir zum Anlass, um einerseits zurückzublicken auf die 10 Jahre SEKA-Projektarbeit auf der wunderschönen Adria-Insel Brac, aber auch um nach vorne zu schauen - auf die Aufgaben, die vor uns liegen im neuen SEKA-Wirkungsfeld Gorazde.

10 Jahre SEKA Brac

Als wir das SEKA-Projekt Brac am 27. Juni 1997 feierlich eröffneten, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass es uns gelingen würde, das Projekt 10 Jahre lang am Leben zu erhalten; denn die Anfänge - viele von Ihnen erinnern sich noch - waren äußerst schwierig. In den ersten Monaten 'hangelten' wir uns finanziell von Monat zu Monat. Und auch in den folgenden Jahren raubten uns die finanziellen Sorgen oft den Schlaf. Aber wir haben es geschafft - gemeinsam mit Ihrer aller Unterstützung:

10 Jahre lang haben wir im SEKA-Haus auf der Insel Brac ein dichtes und anspruchsvolles Programm verwirklicht.

SEKA ist bekannt geworden für seine einzigartige Atmosphäre, für seine spezifische Art der Arbeit und seine besonderen (vom Psychodrama geprägten) Methoden.

SEKA hat sich einen Namen gemacht als Frauenfriedensprojekt und einen hervorragenden Ruf erworben mit seinen spezifischen Fort- und Weiterbildungen zum Thema 'Trauma'.

Insgesamt 1638 Frauen und Kinder aus mehr als 160 Frauenorganisationen und Institutionen aus Bosnien-Herzegowina (Serbische Republik und Föderation), Kroatien, Serbien, Slowenien, Mazedonien und Albanien haben SEKA als ihren 'sicheren Ort' erlebt, an dem sie therapeutische und pädagogische Hilfe bekamen, sich erholen und neue Energie tankten, lernen und wachsen konnten und sich - über die Trennlinien der vergangenen Kriege hinweg - mit anderen austauschten und vernetzten.

Für die Kolleginnen und Aktivistinnen in der gesamten Balkanregion war das SEKA-Haus ein Ort, wo auch sie - die stets nur für andere da waren - einmal aufatmen und sich entlasten konnten; wo sie die Möglichkeit hatten, eigene schmerzliche Erfahrungen zu verarbeiten und wo sie durch Fortbildungen und Supervision qualifizierte fachliche Unterstützung bekamen.

Aber leider bleibt nichts wie es ist und "alles nimmt einmal ein Ende": Wie die meisten von Ihnen durch die letzten Journale und Rundbriefe wissen, konnten wir das Projekt auf Brac - mit seinen stationären Programmen - aus finanziellen und personellen Gründen nicht weiterführen. Da wir uns aber der Bedeutung der SEKA-Arbeit für die ganze Region bewusst sind, entschlossen wir - das SEKA-Team Brac und die Vereinsfrauen von SEKA Hamburg - uns, das Projekt nach Gorazde / Ostbosnien umzusiedeln.

Die Gründe dafür haben wir bereits im letzten Rundbrief erläutert: hoher Bedarf in diesem Gebiet für unsere Programme, viel niedrigere Preise, genügend motivierte Mitarbeiterinnen und engagierte Unterstützerinnen.

Einzelarbeit: Amina Vrana mit der kleinen Velida
Einzelarbeit: Amina Vrana mit der kleinen Velida

Darüber hinaus haben wir das Konzept unserer Arbeit insofern leicht verändert, dass wir in Gorazde nur noch wenige stationäre Seminare anbieten werden. Auch dadurch können wir unseren zukünftigen Finanzbedarf auf ein - wie wir hoffen - finanzierbares Maß reduzieren.

Kuca SEKA Gorazde

Über die Gründung des Frauenvereins 'SEKA' Gorazde, den Kauf eines hervorragend geeigneten Projekthauses und dessen Renovierung haben wir bereits im Rundbrief 2007 berichtet.

Im Juli - nach Beendigung unseres letzten Seminars auf Brac - zogen wir dann mit einem Teil der Einrichtung nach Gorazde um. Im August und in den ersten Septembertagen richteten das Gorazder SEKA-Team und die Vereinsfrauen das Haus ein und bereiteten alles für die Projekteröffnung vor, die wir dann am 12. September mit vielen Gästen feierten (vgl. auch den Bericht von Esma Drkenda).

Natürlich ist noch immer viel zu tun. Jeder Neuanfang ist arbeitsreich. Viele Abläufe, die auf Brac jahrelang eingespielt waren, müssen wir nun neu entwickeln oder an die lokalen Gegebenheiten anpassen.

Vieles fehlt noch: von Aktenschränken über Bürogeräte, Regale ... bis zum Lagerraum für Brennmaterial.

Doch das Wichtigste ist, wie eine der Seminarteilnehmerinnen der Fortbildung "Traumatherapie" es ausdrückte: "Kuca SEKA hat auch in Gorazde seine Seele bewahrt ... Du kommst zur Tür herein und fühlst es: Hier bin ich richtig, hier bin ich willkommen ..."

Erste Aktivitäten von SEKA Gorazde

Trotz der kurzen Zeit, die erst seit der Eröffnung verstrichen ist (von Mitte September bis jetzt Mitte Oktober) organisierte SEKA Gorazde (wir haben begonnen es 'SEKA GO' zu nennen) schon zahlreiche Aktivitäten:

Team und Vereinsfrauen in Gorazde

Vereinsfrauen bei der Vorbereitung des Eröffnungstages
Vereinsfrauen bei der Vorbereitung des Eröffnungstages

Es stellt sich Ihnen das Team SEKA GO vor. Jede von uns hat ihre persönliche Motivation, warum sie in SEKA mitarbeitet.

Neben dem Team arbeiten in SEKA - wie auch bisher - externe Mitarbeiterinnen auf Honorarbasis mit - wie z. B. unsere langjährigen Kolleginnen Edita Ostojic und Nurka Babovic, die uns weiter treu bleiben.

Außerdem hat SEKA Gorazde (im Unterschied zu SEKA Brac) bisher 18 engagierte Vereinsfrauen, die u.a. bei der Einrichtung und Vorbereitung des Projekthauses oder auch am Eröffnungstag tatkräftig mithalfen. Es gibt noch viele Frauen, die Vereinsfrau werden wollen.

Auch für die Vereinsfrauen bieten wir - auf deren Wunsch - regelmäßig themenzentrierte Gesprächsabende oder andere Aktivitäten (z.B. Übungen zur Entspannung, Stressprävention und Selbstunterstützung).

Wie geht es weiter mit dem Haus auf Brac? Ein bitterer Lernprozess

Natürlich interessiert Sie alle auch, wie es mit dem Projekthaus auf Brac und unserer Auseinandersetzung mit den übrigen Kolleginnen der Koordinacija weitergegangen ist.

Zuerst möchten wir uns sehr herzlich bei Ihnen / Euch allen für die rege Beteiligung an der Protestbriefaktion bedanken. Wenn es auch in der Sache leider nichts gebracht hat, so haben wir uns über die fast 100 Briefe sehr gefreut. Es war uns wichtig - auch in der direkten Auseinandersetzung mit den Kolleginnen, dass wir Ihre / Eure Unterstützung und Solidarität spürten. Wichtig war uns auch, dass wir die Situation öffentlich gemacht haben, anstelle uns mundtot machen zu lassen.

Das Treffen am 11.08. war allerdings - trotz der neutralen Kollegin, die zu moderieren versuchte, wirklich furchtbar.

In Ermangelung von Argumenten hatten sich die Kolleginnen entschieden, uns anzugreifen, wegen der Tatsache, dass wir die Einrichtungs- und Ausstattungsgegenstände unseres Projekts, die wir in Gorazde weiter benötigen, umgezogen hatten. Darüber waren wir sprachlos. Das Ziel des Ganzen war zu erreichen, dass wir so schnell wie möglich aus der Koordinacija ausscheiden würden. Eine - auch teilweise Auszahlung von SEKA Hamburg - wiesen sie vehement zurück.

Auf unsere Fragen, was für ein Projekt sie denn nun in dem Haus planten, wurde deutlich, dass sie noch immer nur völlig vage Ideen hatten - und keinerlei Vorstellung, wie sie diese finanzieren wollen. Obwohl wir sie seit 10 Jahren kennen und nichts Gutes erwarteten, waren wir von diesem Verhalten doch sehr erschüttert.

Das Einzige, was wir tun konnten, bevor wir das Haus übergaben, war, eine schriftliche Erklärung darüber abzugeben, dass SEKA Hamburg in Zukunft für keinerlei Kosten mehr aufkommen wird - weder für das Haus noch für die Koordinacija als Organisation. Mirjana Bilan hat ihr Amt als Koordinatorin niedergelegt. Eine neue Koordinatorin wurde gewählt.

Das Haus steht seit zwei Monaten leer.

Inzwischen haben wir uns ausführlich mit einer Rechtsanwältin beraten, die uns leider keine großen Hoffnungen machen konnte, wenigstens einen Teil der ins Haus investierten Finanzmittel (fast 400.000,- €) ausbezahlt zu bekommen.

In der Vereinssatzung sind die besitzrechtlichen Verhältnisse zwischen den einzelnen Vereinen überhaupt nicht definiert. Besitzerin des Hauses ist die Koordinacija im Gesamten. Das kommt den Kolleginnen nun entgegen, da alle Beschlüsse diesbezüglich von der Vereinsversammlung zu treffen sind, in der sie eine Mehrheit von 4:1 haben.

Im November werden wir auf der Vereinsversammlung von SEKA Hamburg über mögliche weitere Schritte nachdenken. Leider haben wir nicht viel Hoffnung. Mit der 4:1 Mehrheit können die Kolleginnen der übrigen Koordinacija-Projekte auch jederzeit die Satzung ändern und auch bei einem evtl. Verkauf des Hauses tun und lassen, was ihnen beliebt. Guten Willen, zu einem Kompromiss zu finden, können wir auf ihrer Seite nicht im Geringsten erkennen.

Diese Erfahrung ist ein bitterer Lernprozess für uns bzgl. der Wichtigkeit von formalen Regelungen, auch im Verhältnis oder der Kooperation mit 'Freundinnen'. Daraus haben wir gelernt und die Investitionen ins Haus von SEKA Gorazde von Anfang an vertraglich abgesichert.

Kampagne in Hamburg: 10 Jahre SEKA

Da die Chancen, von den Koordinacija-Kolleginnen zumindest einen Teil der ins Haus auf Brac investierten Mittel zurückzubekommen, gering sind und unsere fianziellen Reserven inzwischen gegen Null gehen, planen wir nun - anlässlich des 10jährigen Geburtstags des SEKA Projekts - eine Öffentlichkeits-Kampagne, u.a. mit dem Ziel, zusätzliche FörderInnen für SEKA zu gewinnen.

Außerdem werden wir am 13. November eine Podiumsdiskussion veranstalten zum Thema: "Trauma als transgenerationelle Hypothek - Wege aus dem Kreislauf der Gewalt" (Ankündigung).

Wir freuen uns über viele interessierte BesucherInnen.

Sonstige SEKA-Aktivitäten
Mitte Juni - Anfang September 2007:

Was Sie noch in diesem Journal lesen können:

Eine der Überraschungen für die Kinder: das Gummiboot
Eine der Überraschungen für die Kinder:
das Gummiboot

Ihnen allen wünschen wir nun eine schöne Vorweihnachtszeit, frohe Feiertage und alles alles Gute für das Jahr 2008.

Ihre Gabriele Müller, Esma Drkenda, Vera Dacic, Senija Tabakovic und Amina Vrana (Team SEKA GO)
sowie Christa Paul, Bergit Falter und Ursula Sietzen (SEKA Hamburg e.V.)

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