Die Hoffnung liegt in den Frauen

Arbeit mit Frauen und Kindern aus Ostbosnien im Sommer 2006

Die erste von zwei Gruppen, denen SEKA im Sommer 2006 Erholung und psychologische Unterstützung ermöglichen konnte, kam über die Frauenorganisation "Frauenforum Bratunac" aus Bratunac, Ostbosnien /Republika Srpska, zu uns.

Bratunac und Umgebung / Krieg und Nachkriegszeit:

Die Gruppe aus Bratunac

Die Gruppe aus Bratunac

Das Städtchen Bratunac liegt in Ostbosnien (Republika Srpska) dicht an der Grenze zu Serbien. Vor dem Krieg waren 67% der ca. 34 000 Menschen umfassenden Bevölkerung bosniakisch (muslimisch), die restliche Bevölkerung serbisch (orthodox). Zu Beginn des Krieges - im Frühjahr 1992 - wurde die gesamte bosniakische Bevölkerung von serbischen Paramilitärs mit äusserster Brutalität und Grausamkeit aus dem Gebiet vertrieben, ihre Häuser geplündert und verbrannt. Massaker, Vergewaltigungen und sadistische Quälereien waren die Mittel der "ethnischen Säuberungen". Viele der überlebenden bosniakischen BewohnerInnen flohen durch die Wälder nach Srebrenica und erlebten dort weiter Jahre der Blockade, der fortwährenden Granatierung, des extremen Hungers, der Todesangst und schliesslich den "Fall" der "UNO-Schutzzone" Srebrenica, der die endgültige Vertreibung der Frauen und Kinder und die Ermordung der meisten Männer zur Folge hatte.

Gleichzeitig litt während der Kriegsjahre auch die serbische Bevölkerung durch Militäraktionen der bosnischen Armee. In einigen Orten gab es Massaker an der serbischen Bevölkerung. Auch auf serbischer Seite kamen viele Männer im Krieg um.

In Bratunac siedelten sich während des Krieges und insbesondere nach dem Abkommen von Dayton im November 1995 (das den Krieg beendete) viele serbische Flüchtlinge aus anderen Teilen Bosnien-Herzegowinas an.

Die - im Abkommen von Dayton geforderte - Rückkehr der Vertriebenen an ihre Heimatorte gestaltet sich überall in Bosnien-Herzegowina schwierig - besonders allerdings im Osten der Republika Srpska (= Serbische Republik = serbisch dominierter Teil Bosnien-Herzegowinas).

Im Vergleich zu anderen Städten in dieser Region ist die Zahl der bosniakischen RückkehrerInnen in Bratunac relativ hoch. Allerdings sind viele Menschen nur zurückgekehrt, weil sie keine Alternative hatten. (Das westliche Ausland schickte sie zurück und die bosnisch-herzegowinische Föderation war bereits von Binnenflüchtlingen überfüllt.) Die weibliche Bevölkerung ist in diesem Gebiet in der absoluten Überzahl (ca 70%), da viele Männer durch Krieg und Massaker umgekommen sind.

Die Mehrzahl der Bevölkerung der Gemeinde Bratunac lebt in den Dörfern in der Umgebung der Stadt. Nach wie vor wird Ostbosnien und damit auch Bratunac von den serbischen Nationalisten der SDS (Karadzic-Partei) kontrolliert, die diesen Krieg und die damit verbundenen Kriegsverbrechen massgeblich verschuldet habe und natürlich eine Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen mit allen Mitteln verhindern. Stattdessen schüren sie weiter ein Klima der Angst und des Hasses. Die Mehrzahl der an den Vertreibungen und Massakern an der bosniakischen Bevölkerung Beteiligten leben nach wie vor unbehelligt und unter dem Schutz der staatlichen Autoritäten.

Für die wenigen bosniakischen RückkehrerInnen (überwiegend sind es Frauen und Kinder) bedeutet dies ein Leben in grosser Unsicherheit und Angst. Spannungen, Ängste und wechselseitiges Misstrauen prägen das Verhältnis zwischen ihnen und der serbischen Bevölkerungsmehrheit. Die unverarbeiteten Traumata beider Seiten verhindern die Kommunikation zwischen den Bevölkerungsgruppen. Diese Spaltung wird nach wie vor durch die offizielle Politik gefördert, z.B. durch getrennte Grundschulen für bosniakische und für serbische Kinder und durch die anhaltende nationalistische Propaganda.

Die schwierige ökonomische Situation (hohe Arbeitslosigkeit, Leben unter dem Existenzminimum, mangelnde Perspektiven gerade auch für Kinder und Jugendliche) verschärft die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen zusätzlich, erhöht den Pegel der Gewalt in der Gesellschaft und bewirkt gleichzeitig ein Klima von Depression, Hoffnungslosigkeit und Erstarrung.

Eine Gesellschaft des Schweigens

Für die Kinder bedeutet all dies, dass sie in einem Klima von Spannungen, Angst und Aggression aufwachsen. Die Jugendlichen haben noch selbst den Krieg erlebt - viele von ihnen auch Gewalt, Vertreibung und Flucht, das "Verschwinden", bzw. den Tod der Väter oder anderer männlicher Verwandter. Sie sind selbst traumatisiert oder durch die Erlebnisse ihrer Familienangehörigen (sekundäres bzw. Transgenerationen-Trauma). Sie wachsen auf in einer "geteilten Gesellschaft", in der es noch immer kein allgemein gültiges Recht und keine wirkliche Sicherheit gibt. Sie werden geprägt von den Vorurteilen und Stereotypen über die jeweils andere Seite - ausgesetzt der Indoktrination und nationalistischen Propaganda der politischen Führer der eigenen Bevölkerungsgruppe; dies bedeutet auch die Verleugnung der Kriegsverbrechen und die Heroisierung der Kriegsverbrecher der eigenen Seite. Die Kinder wachsen heran in einer "Gesellschaft des Schweigens und der Tabus": Über das, was während des Krieges geschehen ist, wird nicht gesprochen - weder in den Familien der Opfer (aus Angst, erneut zum Objekt der Aggression zu werden), noch in der der Täter (die ihre Taten verleugnen und ihre Schuld abwehren), und auch nicht von den nicht direkt Beteiligten, die zu Zeugen der Verbrechen geworden sind (in einer Mischung aus Angst und Abwehr von Schuldgefühlen, die rasch in Aggression umschlägt). Dies erzeugt für die Kinder ein Klima der Angst, der Unsicherheit und der Sprachlosigkeit. Die traditionell patriarchale Kultur dieser ländlichen Region mit ihren rigiden Normen wirkt noch zusätzlich reglementierend und erschwert das Infragestellen der vorgegebenen autoritären Strukturen, Stereotypen und Verhaltensnormen (insbesondere auch der geschlechtsspezifischen).

Die Organisation "Frauenforum Bratunac"

Das Frauenforum Bratunac ist eine demokratische Nichtregierungs-Frauenorganisation, gegründet im Jahr 1998. Sie hat sich insbesondere die Förderung von Frauen und Mädchen zum Ziel gesetzt, die Hilfe bei rechtlichen, sozialen, ökonomischen und gesundheitlichen Problemen, die Gleichstellung der Geschlechter, die Teilnahme von Frauen am gesellschaftlichen Leben, sowie die Förderung des Friedensprozesses und der Demokratisierung auf dem Gebiet der Gemeinde Bratunac. Das Frauenforum ist eine der wenigen Organisationen in diesem Gebiet, die sich aktiv um bosniakische Rückkehrerinnen kümmert und die Förderung des friedlichen Zusammenlebens der beiden verfeindeten Bevölkerungsgruppen zum Ziel hat und dafür auch mutig öffentlich eintritt.

Dies gestaltet sich allerdings sehr schwierig. Die Aktivistinnen wurden in den ersten Jahren von den serbischen Nationalisten massiv angefeindet. Insbesondere ihre Unterstützung der bosniakischen RückkehrerInnen und ihre Bemühungen um ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen wurden als "Verrat" diffamiert. Die lokalen Behörden verweigerten die Zusammenarbeit. Das Engagement der Frauen glich einem "Kampf gegen Windmühlenflügel". Trotz aller Widerstände gaben die Frauen nicht auf. Mit Seminaren zur "ökonomischen Existenzsicherung von Frauen" und dem Engagement zum Thema "Gewalt in der Gesellschaft" gelang es ihnen inzwischen, sich - auch in den Medien - mehr Gehör zu verschaffen. Dies ist ein grosser Erfolg.

Durch ihre hervorragende Vernetzung mit Nichtregierungsorganisationen im Ausland - insbesondere auch mit den Gewerkschaftsfrauen in Italien - gelang es den Aktivistinnen des Frauenforums Bratunac eine grosse Anzahl von Projekten zu verwirklichen. Insbesondere Qualifizierungskurse und Existenzsicherungsprojekte fanden grosses Interesse bei den Frauen beider Bevölkerungsgruppen, da die Sicherung des Lebensunterhalts für sich und ihre Kinder für alle ein gravierendes Problem darstellt. Durch Unterstützung der italienischen Freundinnen gelang es, an eine grosse Anzahl von Frauen der ländlichen Bevölkerung Setzlinge von Himbeer- bzw. Erdbeerpflanzen zu verteilen und die Frauen bzgl. Pflege und Ernte der Pflanzen zu schulen. Gleichzeitig wurde eine alte Fabrik aufgekauft und umgerüstet für die Verarbeitung des Obsts zu Säften und Marmeladen, für die die italienischen Organisationen eine Abnahmegarantie gaben.

Durch diese attraktiven und wichtigen Projekte gelang es den Frauenforums-Aktivistinnen serbische und bosniakische Frauen zusammenzubringen. So verbinden sie Friedensarbeit und die Förderung des friedlichen Zusammenlebens mit konkreten ökonomischen Hilfen.

Seit 2003 steht das Frauenforum Bratunac in Kontakt mit Kuca SEKA. Mitarbeiterinnen nahmen mit grossem Interesse an Therapiegruppen und Fortbildungen in SEKA teil.

Bereits im letzten Jahr wandten sich die Aktivistinnen des Frauenforums an uns, mit der Bitte eine Gruppe von Frauen und Kindern aus Bratunac und Umgebung ins SEKA-Sommerprogramm aufzunehmen. Neben psychologischer Hilfe versprachen sie sich, dass der Aufenthalt im SEKA-Haus die Beziehungen zwischen serbischen und bosniakischen Frauen verbessern würde.

Die Freude war riesengross, als wir im April diesen Jahres den Vertreterinnen des Frauenforums mitteilen konnten, dass die Finanzmittel für den Erholungsaufenthalt ihrer Gruppe nun endgültig gesichert sind.

Zusammensetzung der Gruppe

Selbsterfahrung-Spiel: "Was wäre sie, wenn sie eine Blume, eine Haus, ein ... wäre"

Selbsterfahrung-Spiel:
"Was wäre sie, wenn sie eine Blume, eine Haus, ein ... wäre"

Die Gruppe setzte sich zusammen aus 18 Frauen und Kindern, davon 12 SerbInnen / serbisch-orthodox (6 Frauen und 6 Kinder) und 6 BosniakInnen / MuslimInnen (3 Frauen und 3 Kinder).

Alle Frauen und der älteste Junge hatten den Krieg in Bosnien-Herzegowina erlebt. Alle Frauen bis auf eine stammten aus Bratunac oder den umliegenden Dörfern.

Die drei Bosniakinnen flohen zu Beginn der Vertreibungen im Frühjahr 1992 aus dem serbisch dominierten Ostbosnien in von der Armee BiH gehaltene Gebiete. Eine von ihnen flüchtete nach Srebrenica, erlebte dort vier Jahre der Einkesselung, den Fall von Srebrenica und die erneute Vertreibung. Eine der serbischen Frauen war in Zentralbosnien aufgewachsen, nach Ausbruch des Krieges in von den Serben kontrolliertes Gebiet geflohen und schliesslich (nach dem Abkommen von Dayton) nach Bratunac gekommen.

Sechs der acht Mütter sind alleinerziehend. Bei einer der Frauen ist der Mann im Krieg gefallen, alle anderen sind geschieden bzw. getrenntlebend aufgrund von Gewalterfahrungen in der Ehe.

Bei mehreren von ihnen stellt sich die Frage eines Zusammenhangs der Kriegstraumatisierung des Mannes mit seinem gewalttätigen Verhalten. Die jüngste Frau (19 Jahre) lebt noch bei ihren Eltern. Sie kam zusammen mit ihrem 13jährigen Stiefbruder ins SEKA-Haus.

Alle Frauen und Kinder der Gruppe leben unter schwierigsten ökonomischen Bedingungen. Einige der Frauen hat das Frauenforum in seine Projekte der Existenzsicherung (Erdbeer-/Himbeer-Anbau) eingeschlossen, um den Frauen wenigstens ein geringfügiges Einkommen zu ermöglichen. Fast alle Frauen leben von der Landwirtschaft (Garten, Feldanbau von Gemüse, ein paar Hühner, eine Kuh o.ä.).

Insbesondere die Kinder der Gruppe hatten fast alle gesundheitliche Probleme. Mehrere Kinder litten an chronischer Bronchitis, schwacher Immunität; Zwei Jungen hatten seit Jahren schweres Asthma, der 8-jährige Samir* hatte deswegen mit Unterbrechungen 3 Jahre im Krankenhaus verbringen müssen. Bei einem Jungen war eine leichte geistig-psychische Retardierung festzustellen.

Zu Anfang ist es auf der Luftmatratze am sichersten...

Zu Anfang ist es auf der Luftmatratze am sichersten...

Die Frauen der Gruppe kannten sich vor der gemeinsamen Reise nach Brac über Aktivitäten des Frauenforums relativ oberflächlich. Nur jeweils zwei Frauen hatten bereits zuvor näheren Kontakt.

Arbeit mit Frauen und Kindern

Den grössten Effekt und eine nachhaltige Wirkung erzielen wir im SEKA-Haus durch die intensive und parallele Arbeit mit Müttern und Kindern. Im folgenden möchte ich wieder zwei Beispiele herausgreifen:

"Der Zauberer kann dem Teufel helfen, dass er gut und mächtig wird ..."

Dragana und Nebojsa*

In den ersten Tagen des Erholungsaufenthaltes schien es uns, als versuche der 12jährige Nebojsa uns zu überzeugen, dass er ein "Ekel" sei. Es vergingen kaum ein paar Minuten in denen er nicht versuchte, die anderen Kinder zu ärgern, zu provozieren, oder zu quälen, was ihm als körperlich weit Überlegenem natürlich ein Leichtes war. Andererseits war er in seiner geistig-psychischen Entwicklung etwas retardiert, sodass er mit dem (bereits sehr reifen) 13jährigen Filip* überhaupt keine Berührungspunkte hatte und die Gesellschaft der jüngeren Kinder (zwischen 5 und 9 Jahre alt) suchte.

Die ersten Tage waren wir Mitarbeiterinnen also ständig damit beschäftigt, ihm Grenzen zu setzen. Seine Mutter, Dragana, eine stille, schüchterne Frau, schämte sich für ihn, hatte aber offensichtlich schon keinerlei Einfluss mehr auf ihn. Sie verhielt sich ihm gegenüber liebevoll und geduldig, aber sie konnte ihm keinerlei Grenzen setzen.

In Gesprächen mit der Mutter erfuhren wir, dass der Vater des Jungen im Krieg gefallen sei, während sie mit Nebojsa schwanger war. Die Nachricht vom Tode ihres Mannes war für Dragana ein schwerer Schock. Sie waren noch nicht lange verheiratet gewesen und hatten eine sehr gute Ehe geführt, wie sie betonte: "Er war ein so liebevoller Mensch - er wollte gar nicht in diesen Krieg ... jedes Mal hatte ich Angst um ihn, wenn er an die Front musste ... Und dann geschah dass, wovor ich mich am meisten fürchtete: Sie kamen und sagten mir, dass er tot sei.... ich durfte ihn nicht einmal mehr sehen ... weil ich ihn wohl nicht mehr erkannt hätte ... Es war furchtbar ...". Die letzten Wochen der Schwangerschaft verbrachte sie in einem psychischen Ausnahmezustand, in Schock, Erstarrung und unter schweren Medikamenten ... Einzig der Gedanke an das Kind gab ihr etwas Kraft. Doch auch die Geburt war schwer und die Ärzte wollten ihr das Kind zuerst nicht geben: Das Baby zitterte ununterbrochen am ganzen Körper ...

Die Ärzte wussten sich keinen Rat, sie hatten so etwas offensichtlich noch nie erlebt. Erst nach einigen Tagen beruhigte sich das Zittern ... vermutlich auch durch Medikamente ...

Dragana erholte sich allmählich von ihrem Schock. Dabei half ihr, dass sie sich um ihr Kind kümmern musste. Allerdings blieb ihr eine grosse Besorgtheit um ihn, da sie bis heute nicht weiss, was eigentlich genau mit ihm passiert war. War es die Wirkung ihres eigenen Schocks auf das Kind oder die Wirkung der Medikamente?

Nebojsa entwickelte sich körperlich gut, allerdings erkrankte er schon bald an Asthma, das sich im Lauf der Jahre noch verschlimmerte und natürlich die Ängste der Mutter noch erhöhte. Im Laufe der Jahre, als Nebojsa dann die Grundschule besuchte, bemerkte Dragana, dass "er irgendwie anders war als andere Kinder". Sie erkannte seine leichte Retardierung und Verhaltensauffälligkeit, fand aber dafür keinen Ausdruck und hatte auch niemanden, den sie diesbezüglich um Rat fragen könnte. In ihrem Dorf gibt es nicht einmal einen Arzt. Mit den Lehrern sprach sie, aber die warnten sie nur, sie müsse auf ihn aufpassen. Psychologische Hilfe gibt es im Umkreis von 100 km keine. Je mehr der Sohn heranwuchs, desto ohnmächtiger fühlte sie sich ihm gegenüber. Mit Sorge beobachtete sie seine wachsende Aggressivität. Sie war sich bewusst, dass er ein männliches Vorbild / eine männliche Autorität brauchte, dass sie ihm zu wenig Orientierung geben konnte.

Für Dragana war der Aufenthalt im SEKA-Haus "ein Geschenk des Himmels", wie sie sagte, und sie war bereit, Einzelgespräche und Gruppenarbeit intensiv für sich zu nutzen. Aber auch unsere Interventionen gegenüber Nebojsa waren (am Strand oder im SEKA-Haus) für sie Modell und Anregung für mögliches Verhalten ihm gegenüber.

Aggression als Folge von Frustration

Im Zusammensein mit Nebojsa wird rasch deutlich, dass sein aggressives Verhalten hauptsächlich aus seiner Frustration bzgl. seiner Retardierung resultiert:

Wenn er aufgeregt ist, fängt er an zu stottern. Überhaupt hat er Probleme, sich auszudrücken. Offensichtlich erlebt er im Kontakt mit gleichaltrigen Kindern zu Hause (in seiner Klasse bzw. seiner Umgebung) vielfache Frustrationen, wird häufig selbst provoziert, gehänselt oder ausgelacht. Da er sich verbal nicht gut wehren kann, setzt er seine physische Kraft ein.

Im Zusammensein mit jüngeren Kindern (wie hier im SEKA-Haus) benutzt er dann seine körperliche Überlegenheit und seine Macht, um seine Aggression an den Kleineren auszulassen. Sein Verhalten hat dabei teils richtig sadistische Züge. Seine Empathie für andere ist fast nicht entwickelt. (Zu Anfang fragen wir uns, ob dies mit seiner Retardierung zusammenhängt.) So brüstet er sich z.B. - ohne einen Funken Mitgefühl zu zeigen - damit, wie er als kleiner Junge eine Katze gequält und getötet habe. Er geniesst es offensichtlich, bei anderen entsetzte Reaktionen zu provozieren. Es gibt ihm ein Gefühl von Macht.

Wir verstehen die Ängste der Mutter, "er könnte in schlechte Gesellschaft geraten". Nebojsa ist gefährdet, in einer verrohten chauvinistischen und nationalistischen Gesellschaft zum Gewalttäter "abgerichtet" zu werden, wenn er dafür das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Zugang zur Macht bekommt.

In den ersten Tagen weicht Nebojsa einem kontinuierlichen Kontakt eher aus ... Er sucht zwar Kontakt - insbesondere zu uns Mitarbeiterinnen - er sucht offensichtlich geradezu "Autorität", Personen, die ihm Grenzen setzen / einen Rahmen (und damit Sicherheit) geben ... aber dann entzieht er sich auch schon gleich wieder blitzartig. Er kann Nähe nicht aushalten - offensichtlich hat er oft Verletzungen erlebt. Er hat kein Vertrauen, dass ein Kontakt langfristig positiv sein kann.

Impulse für positives Verhalten
Handpuppenspiel mit Psychologin Dubravka Tokic

Handpuppenspiel mit Psychologin Dubravka Tokic

Natürlich kommen wir - besonders in den ersten Tagen - nicht umhin, dem Jungen sehr häufig Grenzen zu setzen. Gleichzeitig bemühen wir uns allerdings, gezielt positive Herausforderungen schaffen, um das negative Verhalten allmählich "überflüssig" werden zu lassen.

Wir beziehen Nebojsa in Spiele (insbesondere im Wasser) ein, in denen es um körperliche Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit geht, und loben ihn für seine Fähigkeiten und Erfolge. Wir fordern ihn zu Wettkämpfen heraus, erbitten seine Hilfe bei physisch schweren Arbeiten. Durch diese Aktivitäten kann er zum einen überschüssige Energie ausagieren, zum anderen bekommt er immer wieder Anerkennung und erlebt positive Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig sucht insbesondere Psychologin Aleksandra Hadzic bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder das Gespräch mit ihm. Sie fragt Nebojsa zum Beispiel wie das für ihn sei, wenn er den ganzen Tag immerzu hören muss: "Nebojsa, nein, lass das ... hör auf damit ... mach nicht dies ... mach nicht das ... nein ... nein ... nein ...". Sie spiegelt ihm, wie sie sich fühlen würde ... Er hört zu, sagt aber nichts dazu ... Bei anderen Gelegenheiten, fragt sie ihn, ob er weiss, wie das ist, wenn jemand einen ständig provoziert, auslacht, demütigt (wie er das besonders mit einem der Mädchen immer versucht) ... Sie sagt ihm, wie sie sich da fühlen würde ... Er sagt wieder nichts, hört aber zu ... Und er sucht mehr Nähe ... sogar körperlich ... mag sich anlehnen ... Ein anderes Mal sagt Aleksandra so nebenbei, dass jemand, der andere immer wieder verletzen muss, damit er sich stark fühlt, eigentlich ein armer Kerl ist, bedauernswert / schwach ... Jemand, der wirklich stark ist, will Anderen, Schwächeren eher helfen ... Nebojsa sieht sie ein wenig erstaunt an ... sagt aber noch immer nichts ... Aber er beginnt, ihr bereitwillig beim Tragen zu helfen...

Ein anderes Mal sucht er körperlichen Kontakt, indem er sich an sie lehnt, als sie gemeinsam den steilen Berg zum SEKA-Haus hinaufgehen. Aleksandra sagt ihm freundlich, dass er ja schon so gross und ihr zu schwer sei. Er reagiert darauf rücksichtsvoll, ja, er bietet sich an, ihr noch etwas abzunehmen, dass sie nicht so viel tragen muss. Sie bedankt sich bei ihm herzlich.

Nach vier / fünf Tagen verändert sich Nebojsas Verhalten merklich: ab und zu muss er noch provozieren, aber es wird immer seltener und er reagiert rasch auf Interventionen. Er wird ruhiger, fröhlicher, kann Kontakt - mit den Kindern und mit uns besser aushalten.

Die Veränderungen in seinem Verhalten haben natürlich auch mit der Arbeit am Abend im Kindertherapiehaus ("Kucica") zu tun.

Erlaubnis für aggressives Verhalten

Wie stets arbeiteten wir an den Abenden mit Frauen und Kindern jeweils getrennt noch zwei Stunden, nach dem Abendessen. Mit den Kindern dieser Gruppe arbeiteten Psychologin Aleksandra Hadzic und Pädagogin Vesna Sobot.

Das "Kucica" begeisterte auch die Kinder dieser Gruppe sehr. Am ersten Abend hatten die Kinder ausgiebig Gelegenheit, nach einem Gespräch über die Regeln im SEKA-Haus und einem ersten gegenseitigen Kennenlernen, die Spiele und das Spielzeug im Häuschen auszuprobieren.

An den folgenden Abenden klinkten sich die Kolleginnen entweder in das Spiel der Kinder ein, oder sie machten Vorschläge bzgl. spezifischer Aktivitäten, die die Kinder gerne annahmen.

In der Arbeit mit den Kindern nutzten sie psychodramatische und gestalttherapeutische Techniken (so z.B. Rollenspiele, Inszenierungen mit unterschiedlichen Figuren, Handpuppen oder dem Tisch-Theater), kreative Methoden, aber auch Gesellschafts- und Konzentrationsspiele sowie Gesprächsrunden und Einzelgespräche mit den Kindern.

Auch im "Kucica" gab es besonders zu Anfang immer wieder Konflikte zwischen Nebojsa und den jüngeren Kindern. Oft stiftete dieser auch die anderen Jungs dazu an, die Mädchen zu stören und zu ärgern.

Die Kolleginnen mussten häufig intervenieren: Teilweise setzten sie klare Grenzen und erinnerten an die gemeinsam vereinbarten Regeln. Wann immer es möglich war, stiegen sie ins Spiel mit ein, mit dem Ziel, die Kinder im Spiel dabei zu unterstützen, ihre Aggressionen (erlaubt) auszudrücken, um dann offen für konstruktive gemeinsame Lösungen zu sein.

Im folgenden will ich dafür zwei Beispiele geben:

"Godzilla und die Dinosaurier"
"Monster auf der Autobahn"

"Monster auf der Autobahn"

Drei der Jungs bauen gemeinsam eine Autobahn und lassen Spielzeugautos darauf fahren. Nebojsa kommt dazu und beginnt mit anderen Autos, diese zu rammen und sie von der Autobahn zu stossen. Einer der Jungs übernimmt dies, die beiden anderen schreien, rufen um Hilfe und wollen sich schlagen ... Kollegin Aleksandra H. kommt dazu und beteiligt sich am Spiel, indem sie eine Spielfigur nimmt, mit Bausteinen ein Haus auf die Autobahn baut und erklärt, dass hier offensichtlich jemand unerlaubterweise am falschen Ort ein Haus gebaut habe. Sie fragt die Kinder, was denn nun geschehe. Die Jungs zeigen, dass die Autos natürlich gegen das Haus fahren und es so beschädigen und am Ende kaputt machen. Alle beteiligen sich nun mit grossem Spass daran, die Autos auf das Haus fahren zu lassen und es kaputtzumachen. Als es restlos beseitigt ist, baut Aleksandra noch einmal ein Haus ... Und die Szene wiederholt sich. (Auf diese Weise hat sie eine Situation geschaffen, in der die Kinder erlaubterweise ihre Aggressionen ausleben können - nicht im Streit gegeneinander sondern gemeinsam - und dabei grossen Spass haben.) Als auch das zweite Haus zerstört ist, nimmt die Therapeutin eine Godzilla-Monsterpuppe und weitere Dinosaurier-Puppen, die die anderen Kinder übernehmen, und beginnt sich mit der Puppe der Autobahn zu nähern. Sie lässt "Godzilla" beginnen, die Autobahn zu zerstören und die Jungs machen begeistert mit ihren Dinaosaurierpuppen mit (Zerstörung ist nun ein erlaubter Inhalt des Spiels). Während dessen erfindet sie eine Geschichte, wonach die Dinosaurier sauer auf die Menschen sind, weil diese die Autobahn genau über dem Haus der Dinosaurier gebaut haben. Deswegen "müssen" die Dinosaurier die Autobahn kaputt machen. Sie stellt die Frage, was wäre, wenn die Menschen die Autobahn verlegen würden? Die Kinder greifen diese Idee bereitwillig auf, bauen die Autobahn vollends ab und ein Stück weiter wieder gemeinsam auf. Aleksandra als "Godzilla" äussert ihre Zufriedenheit, dass die Autobahn nun "entfernt von unserem Haus" verläuft. Auch die anderen Dinosaurier sind zufrieden und äussern, dass sie nun schlafen gehen könnten. Danach spielt Nebojsa gemeinsam mit den anderen ruhig und friedlich weiter mit den Autos und der Autobahn.

"Kampf der Schlangen"

Wieder ist es Nebojsa, der mit provozierendem, aggressivem Verhalten die Mädchen in ihrem Spiel mit Puppen und Tierpuppen stört. Auch die anderen Jungen schliessen sich ihm an ... (Eine sehr typische Situation, die die Kinder offensichtlich aus ihrem Alltag kennen: männliche Aggression wird an Frauen / Mädchen ausgelassen und damit das eigene (geringe) Selbstwertgefühl aufpoliert, bzw. Frust abgelassen.) Nebojsa nimmt die grosse Stoffschlange aus dem Schrank und beginnt die Mädchen damit zu erschrecken.

Wieder klinkt sich Psychologin Aleksandra H. ins Spiel ein. Sie nimmt alle übrigen (kleineren) Schlangen, verteilt sie an die Kinder (Jungen wie Mädchen) und animiert sie miteinander, bzw. alle gemeinsam gegen die grosse Schlange zu kämpfen. Die Schlangen kämpfen mit Köpfen und Leibern und schliesslich gelingt es den kleineren Schlangen gemeinsam, die grosse Schlange zu besiegen. Anschliessend fallen sie gemeinsam über die Mungo-Puppe her, mit der Pädagogin Vesna S. sich ebenfalls am Spiel beteiligt und "fressen" sie gemeinsam auf.

Anschliessend kommen die Jungs (samt ihren - nun friedlichen Schlangen) zu den Mädchen (ebenfalls mit ihren Schlangen) zum Kaffeetrinken. Auch Nebojsa kann sich nun am gemeinsamen Spiel beteiligen.

Mit dieser Wendung des Spiels konnten die Kinder Aggressionen und Spannungen ausdrücken, ohne dass die anderen real zu verletzen (ob physisch oder verbal). Dadurch konnte sich wieder Raum zum gemeinsamen Spiel öffnen.

Die Entscheidung zu diesen Interventionen im Spiel hatte den Hintergrund, dass insbesondere Nebojsa, aber auch den anderen Jungs, täglich am Strand sowohl von Mitarbeiterinnen als auch von den Müttern ständig Grenzen gesetzt werden mussten. Auch verschiedene Gespräche in der Gruppe über Verhalten, Umgangsformen, Regeln waren nur begrenzt erfolgreich und verstärkten zum Teil nur noch die Spannungen und die Polarisierung zwischen den Kindern (Nebojsa - kleinere Jungen, bzw. Jungen - Mädchen). Durch die Interventionen im Spiel konnten die Kinder Wut und Aggressionen erlaubt ausleben - und zwar gemeinsam. Dies entlastete, schuf Verbundenheit und eröffnete gleichzeitig neuen Raum für gemeinsame und kooperative Spiele. Durch diese und ähnliche Spiele veränderten sich die Beziehungen in der Gruppe insgesamt deutlich; sie wurden entspannter und gleichberechtigter. Die Gruppenkohäsion wuchs merklich. Nebojsa konnte sich in diesen Spielen als akzeptierter Teil der Gruppe erleben.

Gefühle wahrnehmen, benennen und ausdrücken
Spiel mit Hand-(Tier-)Puppen zum Thema "Gefühle"

Spiel mit Hand-(Tier-)Puppen zum Thema "Gefühle"

Vor dem Hintergrund der Schwierigkeiten der Mehrheit der Kinder (besonders der Jungs), sich selbst (Körpergefühle, Emotionen und Bedürfnisse) wahrzunehmen und zu artikulieren, arbeiten die Kolleginnen an einem der Abende mit Hilfe von Tierpuppen und Handpuppen zum Thema Gefühle.

Die Kolleginnen animieren die Kinder, sich aus den vielen zur Verfügung stehenden Hand- und Tierpuppen jeweils welche auszusuchen, die für sie ein bestimmtes Gefühl repräsentieren können und die Puppe dann erzählen zu lassen (oder über sie zu erzählen), wo im Körper sie dieses Gefühl wahrnimmt, in welchen Situationen sie dieses Gefühl schon hatte und was sie macht, wenn sie dieses Gefühl hat. Sie beginnen mit dem Gefühl, wie die Kinder sich "gerade eben hier" fühlen.

Die Kinder nehmen diesen Vorschlag bereitwillig an und wählen ihre Puppen, die sie dann vorstellen. Einige der Kinder, insbesondere Nebojsa hat dabei Schwierigkeiten, sich auszudrücken.

Ganz erstaunlich ist nun für diese Gruppe, dass die anderen Kinder Nebojsa (von dem sie ja schon einiges erduldet haben) nicht auslachen oder ungeduldig werden, im Gegenteil, sie sind geduldig und helfen ihm, die richtigen Worte zu finden. Dies macht deutlich, wie positiv sich die Beziehungen der Kinder untereinander bereits verändert haben. Auf diese Art beschreiben die Kinder auch, wann und wie sie sich glücklich fühlen, oder verliebt, traurig, ängstlich oder wütend.

Nebojsa wählt für das Gefühl der Wut die Teufelspuppe und beschreibt, wie der Teufel sich freut, wenn er andere ärgern und verletzen kann. "Der Teufel will die ganze Welt vernichten und macht nur Böses". Aleksandra H. fragt ihn, warum der Teufel denn so sei, worauf der Teufel antwortet, er möchte alles kaputt machen ... Die Therapeutin meint, dass ihr der Teufel leid tue, denn sicher sei er sehr einsam, weil niemand in seiner Nähe sein möchte ... Sie fragt weiter, ob er wirklich nur schlecht sei, ob es da gar nichts anderes gäbe ... Nach kurzem Nachdenken bittet Nebojsa Kollegin Vesna S., ihm die Puppe des "guten Zauberers" zu geben. "Der gute Zauberer kann dem Teufel helfen, dass er gut und mächtig wird", erklärt Nebojsa. Er hält dann auf der einen Hand den Teufel und auf der anderen den "guten Zauberer", er lässt sie sich umarmen und sagt dazu "Zauberworte". Danach wirkt er ganz erleichtert und zufrieden (er hat symbolisch für sich einen Weg gefunden, das Böse zu "erlösen" und beide Möglickeiten (das Böse und das Gute) in sich zu integrieren.

In den letzten Tagen des Aufenthalts zeigen sich ausserordentliche Veränderungen in Nebojsas Verhalten. Er hat aufgehört, die anderen zu provozieren und zu ärgern. Er ist gut integriert in die Gruppe und muss nicht mehr ständig Jüngere oder Schwächere dominieren. Er kann besser zuhören, hat mehr Geduld. Er muss sich nicht mehr entziehen, hält positiven Kontakt aus. Er ist hilfsbereit, wofür er natürlich auch viel Lob bekommt. Er ist erfolgreich bei den Aktivitäten im Wasser. Auch das bringt ihm positive Aufmerksamkeit ein. Er beginnt, andere Gefühle als nur Aggression zu zeigen: echte Freude (nicht nur Schadenfreude), Zärtlichkeit gegenüber seiner Mutter, die er zuvor entweder ignoriert oder rüde behandelt hatte.

Auch der Mutter tun sowohl die Einzelgespräche als auch die Gruppenarbeit gut. Sie beginnt klarer mit Nebojsa zu kommunizieren und ihm einerseits deutlicher Grenzen zu setzen, ihn aber andererseits auch mehr zu ermutigen und zu fordern.

Gleichzeitig besprechen wir offen mit Dragana, was bzgl. der leichten Retardierung (wir sprechen von einer "Besonderheit im Verhalten") im Kontakt mit ihrem Sohn wichtig ist: Einen klaren positiven Rahmen geben, liebevolle Autorität zeigen und auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung kommunizieren, Möglichkeiten finden, wie Nebojsa sich physisch austoben kann (er spielt gerne Korbball), positives Verhalten verstärken, über Gefühle sprechen. Bzgl. dieser Themen kommt Dragana die Gruppenarbeit mit den Frauen zu den Themen (Erziehungsstile, Kommunikation und Umgang mit Gefühlen) zugute. Wir überlegen auch gemeinsam, ob es eine positive männliche Bezugsperson gibt, zu der der Kontakt intensiviert werden könnte - als positive Identifikationsmöglichkeit für den Jungen.

Am letzten Tag kann Nebojsa zeigen, dass er traurig ist über den baldigen Abschied. Er schenkt mir eine Muschelkette und legt sie mir mit grosser Behutsamkeit um. Beim Abschied weint er und drückt uns alle ganz fest. Wir versprechen, dass wir auf Besuch kommen werden.

Manchmal können wir selbst nicht glauben, welche Veränderungen Kinder - wenn sie die richtige Unterstützung bekommen - in 12 oder 14 Tagen durchlaufen können.

"Er ist das Wichtigste in meinem Leben ..."

Ernesa und Samir

Als Samir mit seiner Mutter Ernesa ins SEKA-Haus kommt, wirkt er in seinem Verhalten eher wie ein ängstliches Kleinkind als ein 8jährige Schulkind: Blass, schmächtig, schüchtern und furchtsam, hält er sich quasi "am Rocksaum seiner Mutter", quengelt wegen jeder Kleinigkeit und ist völlig unselbständig. Ernesa behandelt ihn auch tatsächlich wie ein Kleinkind: nimmt ihm alles ab, überschüttet ihn mit Zärtlichkeiten und kontrolliert ihn aber auch gleichzeitig völlig. Er wird von ihrem überbehütenden Verhalten förmlich erstickt.

Allerdings ist auch sie sehr interessiert an Gesprächen über Kindererziehung und Mutterrolle. Und nachdem sie die Kolleginnen Aleksandra Hadzic und Vesna Sobot, die mit den Kindern arbeiten, kennengelernt hat, ist sie bereit, ihnen "ihren kleinen Sohn" für zwei Stunden am Abend anzuvertrauen. Samir lockt das Zusammensein mit den anderen Kindern und die zauberhaften Spiele im "Kucica". (Er lebt in einem Haushalt mit vier Erwachsenen und hat auch kaum Kinder in der Umgebung zum Spielen.) Am Anfang quengelt er zwar wegen jeder Kleinigkeit, und ist das "ideale Opfer" für Nebojsa. Da die Kolleginnen ihn aber wie einen 8-jährigen behandeln, ihn ernst nehmen, aber auch etwas von ihm verlangen, bzw. ihm etwas zutrauen, verändert er sein Verhalten rasch und verhält sich mehr und mehr altersgemäss - zumindest im "Kucica".

Sobald die Mutter da ist - z.B. am Strand, fällt er aber wieder in sein Kleinkindverhalten zurück und versucht, auf die gewohnte Art und Weise ihre Zuwendung zu bekommen.

Die Kraft zu überleben ...
Partnerinnen-Übung

Partnerinnen-Übung

Am dritten Tag sucht Ernesa gezielt das Gespräch mit Psychologin Vahida Selimovic-Bijedic. Sie hat sich entschieden, dass sie unser Angebot zu Einzelgesprächen annehmen will. Sie möchte "sich einmal alles von der Seele reden". Ernesa redet zwei Stunden lang, nur manchmal unterbrochen vom Nachfragen der Therapeutin. Es ist, als hätte sie jahrelang auf so eine Gelegenheit gewartet. Es hat sich unendlich Vieles angesammelt.

Ihr erstes schweres Trauma erlebt sie mit 15 Jahren: Ein Nachbar erschlägt ihren Vater im Hof des eigenen Hauses und dieser stirbt in den Armen seiner 15jährigen Tochter. Ernesa war sehr mit dem Vater verbunden und verwindet dieses furchtbare Erlebnis nie. Fünf Jahre später beginnt der Krieg. Die serbischen Nationalisten beginnen ihr Schreckensregime auch in Ernesas Dorf. Ernesa, ihrer Mutter und ihren Geschwistern gelingt es, sich durch die Wälder nach Srebrenica zu flüchten. - Srebrenica, eine der drei noch von der Armee BiH gehaltenen Enklaven in Ostbosnien. Nach kurzer Zeit erkennt die Familie: Sie haben sich in ein Gefängnis geflüchtet: Srebrenica ist eingekesselt: Niemand kommt heraus und keine Lebensmittel oder Medikamente hinein. Auch als die Enklave zur UN-Schutzzone erklärt wird, verbessert sich die Situation kaum.

Ernesas Familie überlebt wie Tausende anderer mit einem Minimum an Lebensmitteln, die sie unter ständiger Bedrohung durch Granatierung "organisieren": Von "Almosen" von Verwandten, dem Erlös für den letzten Schmuck, den die Frauen bei sich trugen, von Wildkräutern, von spärlicher humanitärer Hilfe. Ein Freudentag ist, wenn der Bruder sich einige Lebensmittel aus einem vom Flugzeug abgeworfenen Paket erkämpft ... Aber meist sind andere schneller, stärker.

Ernesa ist jung. Es ist Krieg, aber sie möchte nicht nur "überleben", sondern wenigstens ein bisschen "leben". Sie verliebt sich, heiratet sehr schnell; denn: "Wir wussten ja gar nicht ob wir diesen Wahnsinn überleben würden". Ihr Mann ist mehr im Krieg, verteidigt die Enklave ... Sie sehen sich selten. Kennen sich kaum und können sich unter diesen Umständen auch nicht besser kennenlernen.

Dann kommt der Sommer 1995. Die Bedrohung durch die Mladic-Truppen wächst. Die scheren sich nicht mehr darum, dass Srebrenica eine UN-Schutzzone ist. Von der internationalen Gemeinschaft kommt keine Hilfe. Srebrenica wird von den serbischen Milizen gestürmt. Tausende suchern Schutz im UN-Camp Potocari. Dort selektieren dann Mladics Schergen - unter den Augen der holländischen UN-"Beschützer" Männer und Jungen über 14 Jahren. Alle diese Männer und Jungen werden kurze Zeit später ermordet und in Massengräbern hastig verscharrt. Frauen und Kinder werden in Bussen und auf Lastwagen Richtung Tuzla deportiert. Ernesa, ihre Mutter und Schwester marschieren die letzten Kilometer mit Hunderten anderen Frauen und Kindern getrieben von Todesangst in glühender Sommerhitze und ohne Wasser oder Essen, bis sie schliesslich Tuzla erreichen.

Ernesas Mann und Bruder gehören zu den wenigen Männern, denen die Flucht durch die Wälder Richtung Tuzla gelingt. Nach Wochen des Hungers und der Todesangst auf der Flucht durch das von den serbischen Truppen kontrollierte Gebiet erreichen sie Tuzla, völlig entkräftet und traumatisiert.

Tuzla ist von Flüchtlingen aus Srebrenica völlig überfüllt. Und so werden auch Ernesa und ihr Mann nach der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens weitergeschickt nach Sarajevo.

In der Umgebung Sarajevos bekommen sie ein ursprünglich serbisches Wochenendhaus als Unterkunft zugewiesen. Ernesa ist schwanger. Dann kommt Samir zur Welt. Er ist ein schwächliches Baby. Ernesa ist viel allein. Ihr Mann versucht, die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten.

Eines Tages kommt der serbische Besitzer des Wochenendhauses. Er will nach dem Häuschen sehen, ob es noch steht. Ernesa bittet ihn herein. Sie können sich gut verständigen. Sie weiss, dass es sein Besitz ist. Ihm ist es recht, dass sie im Haus wohnt und darauf achtgibt. Nachdem er sie wieder verlassen hat, schreckt Ernesa ein furchtbares Geräusch auf: Jemand schlägt die Tür ein: Ihre Nachbarinnen, Überlebende aus Srebrenica wie sie selbst, dringen in ihr Haus ein, verprügeln sie in wildem Hass - es gelingt ihr gerade noch, das Baby unter dem Sofa zu verstecken. Sie verwüsten das Haus und lassen sie zerschlagen in den Trümmern liegen. Sie schreien, dies sei die Strafe dafür, dass sie mit "dem Feind" gemeinsame Sache mache. Sie sei eine Verräterin. Sie weiss, dass die Frauen alle ihrer Männer und teils auch Väter, Brüder und Söhne verloren haben. Sie ist wie gelähmt ...

"Tante" Esmeralda bewundert die Gemälde der Kinder

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Als ihr Mann kommt und erfährt, was geschehen ist, beginnt auch er zu wüten - anstatt ihr Unterstützung zu geben: Er beschimpft sie, misshandelt sie brutal, schreit, warum sie sie nicht gleich umgebracht haben, das habe sie verdient. Monatelang hofft sie, dass er sich wieder beruhigt. Aber er misshandelt sie, wann immer er nach Hause kommt.

Der serbische Besitzer des Wochenendhauses hört davon, was ihr geschehen ist. Offensichtlich fühlt er sich schuldig, möchte ihr helfen und überschreibt ihr ein Stück Land als Eigentum. Das heizt die Wut ihres Mannes nur noch mehr an. Er zwingt sie, das Stück Land zu verkaufen. Das Geld nimmt er ihr weg.

Ernesa ist in einem furchtbaren Zustand, doch etwas in ihr hilft ihr, einen Entschluss zu fassen: "Ich habe Samir angesehen, meinen kleinen Jungen ... Und ich sagte mir, ich muss weggehen, muss ihn in Sicherheit bringen. Ich kann nicht zulassen, dass er weiter dieser Gewalt ausgesetzt ist ... Und am nächsten Tag bin ich gegangen ... Zu Fuss ... Richtung Tuzla."

Sie kehrt zu Mutter und Geschwistern zurück und mit diesen gemeinsam schliesslich in ihr Heimatdorf - in der Republika Srpska. Durch ihre Kontaktfreude, ihren Humor und ihre Grossherzigkeit gelingt es ihr, die Gräben zwischen Serben und Bosniaken zu überwinden ... Sie reden nicht über die Vergangenheit, sie versuchen "das was geschehen ist bei Seite zu schieben und wieder gute Nachbarn zu sein, wenn da natürlich auch immer eine Dosis Misstrauen bleibt. Aber alleine könnten wir hier nicht überleben ..."

Sie leben durch ihre kleine Landwirtschaft - sehr bescheiden. "Aber weißt Du", sagt Ernesa, "ich bin frei und das ist das Wichtigste, niemand tyrannisiert mich, niemand schlägt mich - ich bin glücklich. Das Einzige, worum ich mir Sorgen mache, ist Samir: Er ist das Wichtigste in meinem Leben. Wenn er nur gesund würde."

Samir ist schon als kleines Kind schwer an Asthma erkrankt und war deswegen immer wieder im Krankenhaus (insgesamt 3 Jahre!). Darin liegt der Hauptgrund für Ernesas Angst und Tendenz zur Überbehütung.

Nach dem langen Gespräch mit Vahida fühlt sich Ernesa sehr entlastet "als ob ein Felsblock von meiner Seele genommen wäre".

In weiteren Gesprächen hilft Vahida ihr, durch einfache Erklärungen zur Wirkungsweise traumatischer Erfahrungen, dass Ernesa sich selbst besser verstehen kann. Sie erkennt, dass ihre teils übersteigerten Ängste oder auch ihre Anfälle von Jähzorn Folgen dieser Erfahrungen sind und überlegt gemeinsam mit der Therapeutin, was ihr helfen kann, solche Reaktionen schneller zu erkennen und besser zu kontrollieren. Gleichzeitig unterstützt die Therapeutin Ernesa darin, sich ihrer Überlebenskraft und ihrer Ressourcen bewusst zu werden, die ihr im Leben immer wieder geholfen haben. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei ihr Humor und ihre Fähigkeit, die kleinen alltäglichen Dinge zu geniessen und im "Hier und Jetzt zu leben". Schliesslich sprechen sie auch über Ernesas Verhältnis zu Samir. Darüber, dass es wichtig wäre, ihm "mehr Luft zu lassen" und ihm mehr zuzutrauen, ihm nicht alles abzunehmen. Ernesa realisiert, dass sie ihn dadurch nur schwächer macht.

Ernesa ist auch sehr interessiert an den Themen der Gruppenarbeit und beteiligt sich rege an den Diskussionen. Mit ihrem trockenen Humor trifft sie oft den Nagel auf den Kopf und wir haben immer wieder viel zu lachen.

"Mama, ich bin doch kein Baby!"

Am letzten Tag am Strand ist Samir nicht mehr wiederzuerkennen. Er spielt lebhaft mit den anderen Kindern, behauptet seinen Platz in der Kindergruppe. Er ist braungebrannt, lebendig, von seinem Asthma ist kaum etwas zu merken. Er schwimmt - "sogar bis zur Boje", er taucht, er darf bei der Bootsrundfahrt sogar "Tante Mirjanas" Boot eine Weile lenken, was mit einem Erinnerungsfoto dokumentiert wird. Er hat sich von seiner Mutter abgenabelt - und sie hat es zugelassen. Sie ist stolz auf ihn - und glücklich, wie gesund er aussieht. Es scheint, als ob er in 12 Tagen um mehrere Jahre gewachsen ist.

Schliesslich führen alle Kinder den Müttern ihre neu erworbenen Fähigkeiten im Wasser vor - auch Samir will zeigen, wie er springen kann. Ernesa fällt nochmal in ihre alte Rolle: "Soll ich nicht vielleicht im Wasser ..." Samir lässt sie gar nicht ausreden "Ooch Mama, ich bin doch kein Baby ..." schreit er und springt erstklassig.

Ernesa schaut Vahida an und zwinkert ihr zu.

Gabriele Müller,
in Zusammenarbeit mit Aleksandra Hadzic,
Vahida Selimovic-Bijedic und Vesna Sobot

Anmerkung: Namen geändert

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