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SEKA-Journal Nr. 15 - Dezember 2004

"Das ist eine gute Schlange ..."

Therapeutische Arbeit mit Mutter und Kind

Als der 7jährige Petar mit seiner Mutter Katica R. (Namen geändert) ins SEKA-Haus kam, war er ein Nervenbündel. Dünn und spillerig konnte er keine zwei Minuten still sitzen, suchte unablässig die Aufmerksamkeit der Erwachsenen und redete ununterbrochen. Dabei hatte er einen außergewöhnlich entwickelten Wortschatz für sein Alter, gleichzeitig sprach er absolutes "Hochkroatisch", bzw. das unter Tudjman eingeführte "Neukroatisch". Gleichzeitig war er jedoch von den übrigen Kindern isoliert, denen er auf die Nerven ging, insbesondere, da er die serbischen Kinder ständig in ihrer Sprache verbesserte. (Die serbischen Kinder der Gruppe sprachen mit ekavischem Dialekt und benutzten für manche Dinge andere Ausdrücke als im Kroatischen.) Sein Verhalten weckte bei den anderen Kindern nur noch mehr Ablehnung und Aggression, worauf Petar wiederum mit verbaler und auch physischer Aggressivität reagierte.

Von uns Mitarbeiterinnen - aber auch von den anderen Frauen der Gruppe - forderte er unaufhörlich Zuwendung. Beim Spielen im Kucica wollte er nur mit einer der Mitarbeiterinnen alleine spielen. Sobald andere Kinder mitspielen wollten, reagierte er unwillig und verließ das Spiel. Zu Anfang konnte er sich auf kein Spiel konzentrieren. Er schaute alles an, probierte es kurz aus und räumte es wieder weg. Dabei sprach er häufig mit sich selbst. Er rannte unaufhörlich hin und her, musste immer schauen, was die anderen machten, als ob er alles kontrollieren müsste. Unordnung konnte er nicht ertragen. Auch als er am dritten Abend - mit Pädagogin Vesna Šobot - einmal für etwas längere Zeit "Mutter und Kind" spielte (dabei war er das Kind), erstreckte sich das darauf, dass er unaufhörlich "aufräumte" und der Mutter sagte, sie müsse sich ausruhen, weil sie ja von der Arbeit komme.

Hilfe für die Mutter ist Hilfe für das Kind

Psychologin Dubravka Tokic, mit der klenen Ana

Zu Anfang des Aufenthalts im SEKA-Haus bemerkten wir, dass die Mutter sich Petar gegenüber sehr ablehnend verhielt, sie ignorierte ihn geradezu und überließ die Fürsorge am Strand hauptsächlich den anderen Frauen der Gruppe oder uns Mitarbeiterinnen. Erst nachdem die Frauen der Gruppe sich weigerten, weiter die Mutterrolle zu übernehmen, sich daraus ein Gruppenkonflikt entwickelte, den wir dann in der Gruppe mit den Frauen bearbeiteten, veränderte Katica ihr Verhalten und kümmerte sich mehr um ihren Sohn.
Nach diesem Konflikt war sie auch bereit, in Einzelgesprächen und in mehreren Einzelterminen über ihre Situation zu sprechen und an aktuellen Fragen und Problemen zu arbeiten.
Es wurde deutlich, dass sie selbst sehr unter Druck stand - als bosnische Flüchtlingsfrau in Kroatien und als Mutter eines unehelichen Kindes in einer sehr traditionellen patriarchalen (dörflichen) Umgebung, die nur darauf wartete, dass sie einen Fehler machte, um dann über sie herfallen zu können. Ihren eigenen Druck, immer perfekt zu sein, gab Katica an das Kind weiter. Zeitweise fühlte sie sich von ihrer Situation maßlos überfordert und verband ihre Gefühle der Ohnmacht, Überforderung und daraus resultierenden Aggression mit der Existenz des Kindes. Gleichzeitig liebte sie ihren kleinen Sohn aber sehr, war sehr stolz auf ihn, wollte ihm jedoch auch beibringen, wie er sich "vor der feindlichen Umwelt schützen könne": nämlich durch Perfektion. Dass sie ihn dadurch vollkommen überforderte und in die Isolation trieb, war ihr nicht bewusst.
Durch Krieg, Flucht und die Erfahrung von Feindseligkeit und Ablehnung in dem Ort, in dem sie nun lebte, war sie verschlossen und hart geworden. Die Gespräche mit uns Therapeutinnen und die Möglichkeit, einerseits eigene schwere und teils traumatische Erfahrungen zu verarbeiten, andererseits ihr Verhalten gegenüber ihrem Kind zu reflektieren, halfen ihr, sich mehr zu öffnen und ein anderes Verhältnis zu ihrem Kind zu entwickeln. Es war ihr möglich, sich mehr in Petar hineinzuversetzen und zu spüren, was er mit seinen sieben Jahren benötigte.
Wichtig für die Mutter war ebenfalls die Erfahrung der gemeinsamen Gruppenarbeit mit den anderen Frauen. Zwar wurde sie - während der Bearbeitung des Konflikts - von den anderen angegriffen, aber sie konnte auch erleben, dass ein Konflikt lösbar ist. Durch die ehrliche Auseinandersetzung insbesondere mit der hauptsächlichen Konfliktpartnerin entwickelte sich zwischen diesen Frauen sogar eine Freundschaft. Durch die Bearbeitung verschiedener anderer Themen in der Gruppe erlebte Katica, dass sie von den anderen anerkannt und akzeptiert wurde.
Dies half ihr, sich zu entspannen, was sich in ihrer Beziehung zu Petar bemerkbar machte. Sie kümmerte sich nun nicht nur um ihn, sondern sie zeigte ihm mehr und mehr ihre Zärtlichkeit und hatte schließlich sichtlich Freude daran, mit ihm - und oft auch mit den anderen Kindern - zu spielen, ja sogar ausgelassen herumzutoben. Petar war davon begeistert.

Neue Erfahrungen machen

Abschiedsfest

Parallel zur Arbeit mit der Mutter halfen wir Petar, mit uns und der Kindergruppe neue Erfahrungen zu machen. Zu Anfang war vieles für Petar neu und ungewohnt: von uns Mitarbeiterinnen hielt sich niemand an das "Hochkroatische", im Gegenteil, jede sprach ihren Dialekt, ob Nord-Bosnisch, Zentral-Bosnisch, Dalmatinisch, Bracer Dialekt oder ein Gemisch von allem ... Petar erlebte, dass nie jemand verbessert wurde und dass wir uns prima verstanden, miteinander scherzten und lachten. Das half ihm, sich mehr und mehr zu entspannen.
Der Konflikt unter den Frauen, hatte auch Auswirkungen auf die Kinder gezeigt und Petar noch mehr isoliert. Durch die Bearbeitung des Konflikts in der Frauengruppe, und durch ein abendliches Gespräch mit der Kindergruppe über die Erlebnisse des Tages, darüber, wie sich jedes Kind gefühlt hatte, entspannte sich die Atmosphäre unter den Kindern. Alle Kinder hatten Gelegenheit zu sagen, was ihnen am Verhalten anderer (auch der Erwachsenen) nicht gefällt und was sie sich wünschen, wie die anderen und sie selbst sich verhalten sollten.
Petar erlebte, dass die anderen Kinder ihm zuhörten und seine Gefühle und seine Meinung wichtig genommen wurden. Das war für ihn eine neue Erfahrung. In den nächsten Tagen spielte er am Strand mehr mit den anderen Kindern. Er hörte auf, ihre Sprache zu verbessern. Er merkte, dass die anderen ihn mehr und mehr akzeptierten. Abends im Kucica suchte er noch immer unsere Aufmerksamkeit, aber er hielt es jetzt aus, wenn auch andere Kinder mitspielen wollten. Er wurde nicht mehr gleich wütend und eifersüchtig. Er konnte sich besser auf ein Spiel konzentrieren, stand nicht mehr so unter Druck.
An verschiedenen Abenden animierte Psychologin Aleksandra Hadzic Petar dazu, mit ihr im kleinen Zimmer mit den Tierpuppen zu spielen. In den ersten Tagen hatte Petar häufig die große Schlange benutzt, um andere Kinder damit zu erschrecken und aggressiv anzugehen, was die Kolleginnen gestoppt hatten. Aleksandra ermöglichte ihm stattdessen, mit der Schlange oder anderen "mächtigen Tieren" seine Aggressionen auszudrücken "ohne dass jemandem real wehgetan wird". Petar genoss es sichtlich, mächtig zu sein und seine Aggressionen ausagieren zu können.
An einem weiteren Abend begann er schließlich ein neues Spiel mit der Schlange, die bisher ganz einfach nur "furchtbar gewesen war und nur die anderen Tiere angegriffen, verletzt und gefressen hatte". Aleksandra fragte ihn, wer die Schlange sei. Petar gab zur Antwort: "Das ist die Mama-Schlange, die kümmert sich um die Kleinen". Er wählte noch zwei kleine Spielzeugschlangen aus, drapierte die große Schlange zusammengeringelt mit den beiden kleinen in der Mitte. "Die Mama passt auf sie auf", erklärte Petar. Dann ließ er die "Mamaschlange" auf die Jagd gehen und Frösche fangen, um die kleinen zu füttern. Als ein anderes Kind mit einer weiteren kleinen Stoffschlange dazu kam und die Schlange angreifen wollte, ließ sich Petar nicht aus der Ruhe bringen, meinte: "Ach diese arme kleine Schlange ist allein und hat keine Mama und keinen Papa, sie kann bei uns bleiben." Und er nahm die kleine Schlange und setzte sie zu den anderen in die Mitte der großen.
Nach diesem Spiel, in der sich die "schreckliche Schlange" in eine "Mamaschlange, die sich um ihre Kinder sorgt" verwandelt hatte, spielte Petar noch mehrfach mit der Schlange, wickelte sie um sich selbst und erklärte den anderen Kindern wiederholt: "Das ist eine gute Schlange, die ist nicht schlimm." Sein extrem unruhiges aggressives Verhalten konnte Petar gegen Ende des Aufenthalts völlig aufgeben. Er konnte seine Energie nun für Aktivitäten wie Schwimmen und Tauchen einsetzen, die ihm Freude machten und Anerkennung einbrachten. Er stand nicht mehr so unter Druck, perfekt zu sein und er machte die Erfahrung, dass er die Zuwendung, die er brauchte, bekam - auch von seiner Mutter - ohne dass er darum kämpfen musste. Sein Bedürfnis nach Kontrolle ließ nach, er konnte sich mehr und mehr als das Kind verhalten, das er war. Am Ende des Aufenthalts im SEKA-Haus war er gut in die Kindergruppe integriert.

Gabriele Müller, Aleksandra Hadzic


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