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SEKA-Journal Nr. 15 - Dezember 2004

"Krieg verwandelt den Menschen in ein Monstrum ... "

Vor zwei Jahren kam Esma D. zum ersten Mal ins SEKA-Haus. Während des Krieges hatte sie 3 Jahre in der Verteidigung der bosniakischen Enklave Gorazde gekämpft, die ständig in Gefahr war, von den Karadzic-Serben erobert zu werden. Ohne Strom und Wasser, ohne Lebensmittel und Medikamente unter ständigem Beschuss, widerstand die Bevölkerung der Kleinstadt und mit ihr Tausende Flüchtlinge aus den eroberten und verbrannten umliegenden Ortschaften (vgl. auch SEKA-Journal Nr. 12, Juni 2003). Esma war die einzige Frau, die an vorderster Front als Soldatin mitkämpfte.
Als sie ins SEKA-Haus kam, war sie schwerst kriegstraumatisiert und kämpfte darüber hinaus mit den Folgen eines Schlaganfalls, den sie mit 37 Jahren erlitten hatte. Da es in ihrer Heimatstadt keinerlei Möglichkeit für psychotherapeutische Hilfe gab, kam sie weiter ins SEKA-Haus zu mehreren Blocks Einzeltherapie in Abständen von jeweils mehreren Monaten. Im September 2004 schrieb sie ins SEKA-Gästebuch:

"Wenn Du dieses Buch durchblätterst wirst Du ein Datum finden, von vor zwei Jahren, ich habe auch geblättert und gesehen, zufällig war das der 11.08.2002, und heute ist der 11.09.2004, und der Name damals: Esma, das bin ich. Ich denke ... zwei Jahre, so wenig Zeit, je nach dem wie man das sieht, nur 24 abgerissene Kalenderblätter, aber was ist mit dem Kalender meines Lebens? Der hat viele Seiten in diesen zwei Jahren und die bedeuten für mich Reichtum.
Nein, ich glaube nicht, dass ich Worte finden werde wie an diesem 11.08.02, solche sicher nicht, aber ich werde Euch laut sagen, dass hier mein weißer Schwan wieder erwacht ist, er ist erwacht und hat die Flügel ausgebreitet, er fliegt noch nicht, aber er lebt, mein weißer Schwan ...
Als der Krieg in Bosnien-Herzegowina begann, habe ich den Schwan im Lied gebeten, dass er all die Schönheit, die meine Seele hatte, mit sich nehmen soll, alle Freude und dass er mir alles Schöne bewahren soll. - Ich brauchte damals im Krieg Kraft für den hässlichsten Traum aller Generationen, meine empfindsame Seele hätte darin nicht bestehen können, deshalb wurde sie zum Schwan ...
Hätte jemand von uns wissen können, dass eine solche Zeit kommen würde, in der du mit deinen Händen jemandes Leben nimmst, während du erwartest, dass diese andere Hand dir das Gleiche antut? ... und während ich noch diese Gedanken abwäge, werde ich zur notwendigen Mörderin, Krieg ... ja ... (Es ist ein Glück, dass es jetzt, heute einen Ort gibt, wo ich das alles sagen kann, ja, das bin ich, Soldatin, stark und trotzdem eine verletzliche Seele ... ) ... und wenn Du nur einmal den Abzug drückst, vergießt du das Blut eines anderen, aus den Wunden, die du reißt, entweicht die Quelle des Lebens, und du schaust und graust dich vor dir selbst, hasst, dass das so ist, aber du musst es ... und dann veränderst du dich, du singst nicht mehr, machst keine Musik mehr, du trauerst nicht, weinst nicht mehr, du lachst, aber das ist nicht Esmas Lachen, du gehst, du schreitest weiter durch alles ohne Seele, ohne Gefühle, du hasst nicht, aber du kannst auch nicht mehr lieben, und wenn du wieder den Abzug drückst und siehst den leblosen Körper vor dir, dann ist es, als ob dich etwas weiter treibt, noch tiefer, dass du umso mehr von deinen "Taten" hinter dir lässt. Und es ist dir ganz gleichgültig, wann du aufhören wirst, gleichgültig ob auch du selbst einmal liegen bleiben wirst, leblos.
Therapeutische Psychodrama-Szene KRIEG - verwandelt den Menschen in einen Stein, in ein Monstrum; und wenn er zu Ende ist, wenn die Gefahr vorbei ist, wenn soviel Blut vergossen ist, wie das für "manche" nötig war, und du um dich schaust, bist du zu einer elenden Seele geworden, armselig, zum Abfall des normalen Menschengeschlechts, ohne dass du es wolltest.
Du wolltest es nicht, aber das Blut, der Schweiß und die Qual der Menschen um dich, deiner Mutter, deiner Freunde, Verwandten, deiner Schwester, Nachbarin, all derer, die dein Stolz sind und das Wertvollste, was du besitzt, ließen dir keine Wahl, als mit "dem Schwert auf das Schwert" zu antworten, zu kämpfen um das Leben und Überleben derer, die Du liebst. Und dafür schäme ich mich nicht und das bereue ich auch nicht, aber es erfüllt mich mit Trauer, dass das Menschengeschlecht das alles zulässt ... und ich möchte euch sagen, wenn auch ich ... . tu du das morgen nicht ... bete, dass niemand diese hässlichen Träume von Neuem beginnt. KRIEG (= RAT), drei Buchstaben, aber wie viele Schicksale nimmt er mit sich, wie viele Schwäne werden nie wieder erwachen, wie viele eben erst knospenden Rosen sind verwelkt ...
Tja ... und dann habe ich zwei Jahre, nachdem ich zum ersten Mal durch die Tür von Kuca SEKA getreten war, meinen schlafenden Schwan wiedergefunden.
Für euch alle in Kuca SEKA und Euch, die ihr hierher kommt, mit einem schwereren oder leichteren Schicksal (aber das ist nicht wichtig abzuwägen - jede von uns trägt ihre Bürde), für Euch alle habe ich eine Tür meines Bewusstseins geöffnet, die lange dicht verschlossen war ... Euch anvertraut, was meinen Schwan in unbekannte Ferne vertrieben hatte, warum das Essen keinen Geschmack mehr hatte, die Blumen nicht mehr dufteten, warum ich nur noch eine unansehnliche Masse Fleisch war mit Knochen, die sich in dieser Masse verloren ... . Es war schwer sich so durchs Leben zu kämpfen, nachdem dieses "Unwetter" KRIEG zuende war.
Jetzt möchte ich sagen, warum ich immer wieder von diesen zwei Jahren spreche: Das Schicksal hat mich hierher geführt, Gabi hat mir ihre Hand gereicht, mich als die angenommen die ich bin, mir den Weg gezeigt, dass ich meine Wunden heilen kann, dass ich sie pflegen kann; sie hat mir geholfen, dass ich wieder glauben kann, dass ich etwas wert bin; sie hat meinen schlafenden Schwan aufgeweckt - mit ihrer Fachkenntnis, ihrer Erfahrung, ihrem grenzenlosen Vertrauen, ihrer Wärme; geduldig hat sie wieder und wieder heilenden Balsam auf meine abgestorbene Seele getan ... hat sie "eine lebende Tote" verwandelt in einen "munteren Delphin" ...
Kuca SEKA ist meine Sonne, und ein Strauss allerschönster Blumen sind Vesna, Vesna, Vesna, Vesna, Vesna, und Schmetterlinge in schönen Farben sind Marija, Fani ... Das Meer sind sie: Gabi, Mirjana, Vesna, Marija, Fani, Ute ... Kuca SEKA ist das Boot der Rettung, der Liebe, der Wärme, Ehrlichkeit, der Freundschaft, dort ist für alle Platz.
Ich hoffe, dass jemand verstehen kann, wie viel Vertrauen ich habe, dass ich angefangen habe, dies hier zu schreiben, was ich für alle schreibe, die es lesen wollen. Das hier ist keine Geschichte, das hier rinnt aus der Esma, 2002; ich habe nicht gesucht, was ich schreiben werde, ich habe meiner Seele, meiner Hand und dem Stift erlaubt, auszudrücken, was aus ihnen fließt, und nur ich weiß, wie viel mir das bedeutet. Danke Euch, danke Dir, Gabi.

Esma, 11.09.2004

Während des Krieges in Bosnien, gab es ein populäres Lied, auf das sich Esma hier bezieht. Es lautet:
Der Schwan - Wenn kein Krieg mehr ist ...
Rühr meinen Schwan nicht an
Er gehört nicht zur Welt des Bösen
Beschmutze nicht den Glanz der Perle
Mit deinen blutigen Händen
Lass den Schwan in seinem Traum leben
Seine Seele soll in Frieden schlafen
Lehr ihn nicht, diesen Traum wegzuwerfen
Es reicht, dass ich das muss ...
Mein Schwan, wenn kein Krieg mehr ist
Werde ich darum bitten, dass sie dich aufwecken ...
Mein Schwan, wenn kein Krieg mehr ist
Werde ich darum bitten, dass sie dich aufwecken ...

Esma meint mit "manchen" die nationalistischen Kriegstreiber, die den Krieg angezettelt und die Menschen aufeinandergehetzt hatten.

Die andere Seite des therapeutischen Prozesses

Esma hat sehr eindringlich und mit schonungsloser Offenheit beschrieben, was es für sie bedeutete, Soldatin zu sein in diesem Krieg, den sie nicht wollte, und der sie auf furchtbare Art verwandelte. Sie beschrieb auch, was sich durch die therapeutische Arbeit in Kuca SEKA für sie veränderte.

Doch nicht nur sie hat sich verändert durch den Prozess, in dem ich sie als Therapeutin begleitet habe; auch ich habe mich verändert.
Natürlich bedeutet die therapeutische Arbeit mit traumatisierten Menschen immer eine Herausforderung für die TherapeutIn. Neben professionellen Kenntnissen in Traumatherapie verlangt sie, dass wir uns den existentiellsten Fragen des Menschseins stellen. Die Auseinandersetzung mit extremer menschlicher Grausamkeit zwingt uns, die Schatten unserer eigenen Seele auszuleuchten, sie konfrontiert uns mit unseren eigenen Abgründen, eigenen traumatischen Erfahrungen, die wir vielleicht verdrängt hatten, und auch der eigenen potentiellen "Fähigkeit zum Bösen". Therapeutische Arbeit mit Opfern menschlicher Gewalt konfrontiert uns mit Fragen, auf die wir rational keine Antwort finden, und sie stellt uns immer wieder die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens, unseres Lebens. Dabei hilft uns keine Technik und keine Methode, uns und der KlientIn hilft in diesem Moment nur, dass wir wirklich da sind, dass wir als Mensch bereit sind, sie bei dem Gang durch diese Abgründe zu begleiten. Dass wir schonungslos ehrlich sind und gleichzeitig an die Kraft und die Fähigkeit der KlientIn glauben, ihr Trauma zu überwinden, zu heilen und zu wachsen ... Wenn wir dazu bereit sind - und selbst Unterstützung haben - kann diese Arbeit uns zutiefst bereichern und uns ermöglichen, unser Leben intensiver und befriedigender zu leben. Durch die Arbeit mit traumatisierten Frauen und Kindern habe ich nicht nur gelernt, zu erkennen, was mir im Leben wirklich wichtig ist, sondern auch, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben und vor allem die schönen Momente ganz anders wahrzunehmen und zu genießen.

Bisher hatte ich allerdings stets mit Frauen und Kindern gearbeitet, die Opfer von Gewalt waren.
Natürlich wusste ich auch von Kriegstraumata bei Soldaten. Aber damit wollte ich nichts zu tun haben. Soldaten waren in meinen Augen Täter und ich spürte unterschwellig Aggression ihnen gegenüber ... Kriegstraumata bei Soldaten, o.k. das war der Preis, den sie eben zu zahlen hatten. Durch ihre Taten hatten sie unvorstellbares Leid über die Frauen und Kinder gebracht, mit denen ich arbeitete ... Sicher sollte sich jemand um sie kümmern, aber das sollten bitte Männer machen. Ich wollte damit nichts zu tun haben ...
Und dann kam Esma. Sie war schwerst traumatisiert, sie war eine Frau, aber sie war auch Soldatin. Und indem ich ihr meine Hilfe anbot und sie diese Hilfe annahm, begann auch für mich ein Prozess, der mich gründlich veränderte.
Esmas Mut und ihre Bereitschaft, sich ihren Traumata als Opfer, aber auch als Täterin zu stellen, ihr Vertrauen in mich und ihre schonungslose Ehrlichkeit haben mich zutiefst berührt und mich das Trauma des Krieges in einer neuen Dimension begreifen lassen. Indem ich sie begleitete auf diesem schmerzhaften und schweren Weg, verloren sich meine Vorurteile und mein Schwarz-Weiß-Denken. Zurück blieben ein neues Verständnis für die Verheerungen, die der Krieg in den Seelen der Soldaten hinterlässt, und das Bewusstsein darüber, wie sich die unbewältigten Traumata der Soldaten auf die ganze Gesellschaft auswirken. Und - persönlich - wurde mir klar, dass auch mein eigener Vater ein kriegstraumatisierter Soldat war. Diese Erkenntnisse änderten nichts an meiner grundsätzlichen Haltung gegenüber Militär und Krieg - im Gegenteil, der Wahnsinn des Krieges wurde für mich dadurch nur noch plastischer - aber sie weckten in mir das Bedürfnis, durch die Fortbildung von männlichen Kollegen hier in der Region dazu beizutragen, dass kriegstraumatisierte Soldaten psychologische Hilfe bekommen. Dazu hat mich Esma motiviert und herausgefordert.
Danke Esma, für Deinen Mut, dein Vertrauen, deine Ehrlichkeit, deinen Humor und deine Hartnäckigkeit.

Gabriele Müller


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