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SEKA-Journal Nr. 14 - Juni 2004

"Zum ersten Mal fühlte ich keine Angst mehr ..."

Teilnehmerinnen einer Therapiegruppe berichten

Im Frühjahr 2003 begannen wir im SEKA-Haus mit einer weiteren (der 11.) Therapiegruppe für Mitarbeiterinnen / Aktivistinnen, die wir im November abschlossen. Vera D. und Bozica R. haben aufgeschrieben, was diese Gruppe und der Aufenthalt im SEKA-Haus für sie bedeutete.

Bozica R.:
"Mein Aufenthalt im Haus SEKA ist etwas vom Allerschönsten, was sich mir in der Zeit seit Kriegsbeginn 1991 bis heute ereignen konnte.
Schon dieses Meer, dieses endlose Azurblau, das sich mit dem Himmel verbindet, hat meine Seele mit einem solchen Frieden und solcher Schönheit erfüllt, wie ich das schon lange nicht mehr erlebt hatte. Und dann das Haus SEKA, alle Frauen, die bewirken, dass ich es als ein wundervolles Zuhause erlebt habe, mit weit geöffneten Türen; ein Haus, das voller Liebe, Wärme und Verständnis ist; voll von all dem Schönen, das ein Mensch braucht, um sich gut, entspannt, zufrieden, sicher und glücklich zu fühlen.
Ich habe erfahren, dass es in diesem warmen Zuhause genügend Liebe und Aufmerksamkeit für alle gibt und ich weiß ganz sicher, dass jede Person, die von woher auch immer ins Haus SEKA kommt, genau das bekommt, was sie am Nötigsten braucht und wofür sie hierher gekommen ist. Und sie wird aus diesem Haus Zufriedenheit und wunderschöne Erfahrungen mitnehmen. Alle Frauen, die in SEKA arbeiten, haben eine große Lebenserfahrung, die sie von ganzem Herzen mit uns geteilt haben. Dies hat es uns leicht gemacht, uns verstanden und angenommen zu fühlen ...

Therapeutische Inszenierung

Therapeutische Inszenierung

Aber nun zu mir und wie ich ins SEKA-Haus gekommen bin:
Ich heiße Bozica R., bin 45 Jahre alt und von Beruf Krankenschwester. Ich lebe in Pakrac in Westslawonien aber geboren bin ich in einem Städtchen in Bosnien.
Pakrac war früher ein schönes und lebendiges Städtchen, doch es wurde im Krieg 1991 völlig zerstört, da es in dieser Stadt zu massiven und direkten Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kroaten kam. In diesen Kriegshandlungen wurde mein Haus völlig zerstört. Ich musste fliehen, um meine Kinder zu retten und aus diesem Chaos herauszubringen. Doch in Bosnien, wohin ich mich traumatisiert vom Krieg in Kroatien flüchtete, wartete nur ein noch größeres Kriegschaos und noch mehr Zerstörung und Gewalt auf mich und meine Kinder. Während ich ums Überleben und um das Leben meiner Kinder kämpfte, half ich gleichzeitig mit meiner Erfahrung als Krankenschwester allen in meiner Umgebung, denen ich helfen konnte - ohne an mich selbst zu denken. Durch all das verausgabte ich mich völlig und verlor jegliche Lebensenergie. Nur mühsam und unter Aufbietung meiner letzten Kräfte gelang es mir nach all dem, wieder in ein "normales Leben" zurückzukehren.
So erschöpft und gepeinigt von all dem Leid und dem Herumirren, kam ich schließlich nach Pakrac zurück - mit all den Traumata, die ich in mir trug.

Nach meiner Rückkehr schloss ich mich der Organisation "Delfin" an, die sich für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft einsetzt und Rückkehrer, Flüchtlinge und kriegstraumatisierte Personen unterstützt.
Die Zusammenarbeit zwischen "Delfin" und Kuca SEKA ist sehr gut und die anderen Frauen aus unserer Organisation meinten, dass ich dringend die Hilfe bräuchte, die mir Kuca SEKA geben könne. Deshalb haben sie mich zur Gruppe im SEKA-Haus angemeldet.

Die drei Seminare in Kuca SEKA mit einer Gruppe von Frauen aus verschiedenen Orten in Kroatien und Bosnien-Herzegowina waren für mich eine wundervolle Zeit: Gemeinsam und mit der Unterstützung durch unsere Psychologinnen konnten wir uns entlasten, an uns arbeiten, uns selbst besser kennenlernen und erfahren, wie wir Lösungen für unsere Probleme finden können.
Ich werde diese Erfahrung nie vergessen: nicht Brac mit seiner Schönheit, nicht das Zusammensein mit einer Gruppe von so verschiedenen wundervollen Frauen, mit denen ich meine Probleme und schmerzhaften Erfahrungen teilen konnte und die mich an ihren Gefühlen und Gedanken teilhaben liessen. Ich werde nie die Wärme und das Verständnis unserer Therapeutinnen vergessen und nicht die liebevolle Aufmerksamkeit der SEKA-Mitarbeiterinnen.
All das hat mir den Glauben wiedergegeben - ans Leben, an die Menschen und an mich selbst und an meine Kraft, die wieder in mir erwacht ist.
Durch all das habe ich begriffen und gespürt, dass es im Leben noch schöne Dinge gibt und dass nicht alles verloren ist. Und in unserer Gruppe habe ich erlebt, dass wir nicht alle gleich sind und das Verschiedenartigkeit bunt und fröhlich sein kann, wenn wir uns gegenseitig annehmen, wie wir sind.

Eine glückliche und zufriedene Bozica R."


Inszenierung: "Was mich stärkt"

Inszenierung: "Was mich stärkt"

Vera D.:
"Ich erinnere mich genau, wer ich war - vor dem Jahr 1992: Vera D. aus Gorazde, beschäftigt als Managerin in einem Handelsunternehmen, Mutter zweier Töchter, verheiratet mit einem Bosniaken1 in einer wundervollen Ehegemeinschaft. Frei in allen diesen Rollen als Frau, Ehefrau, Mutter, Managerin. Geachtet und geliebt von meiner Familie, meinen Freunden, meinen Kollegen. Voller Selbstvertrauen und Selbstachtung war ich wirklich ein zufriedener und glücklicher Mensch ...
Die erste Zeit des Krieges wartete ich in Montenegro ab.2
1993 floh ich dann nach Deutschland ... endlich 1997 die Rückkehr nach Hause, nach Bosnien.
Mit dem Anfang des Krieges begann alles Schreckliche. Sie nehmen dir alles! Aus deinem Leben reißen sie dir dein Innerstes heraus, sie nehmen dir die Seele, das Recht auf deine Familie, sie nehmen dir Namen und Vornamen, zerstören deine Selbstachtung und dein Selbstvertrauen, das Recht auf Freunde, das Recht, du selbst zu sein. Übrig bleibt nur eine schwache Hülse, die irgendwie funktioniert, weil sie muss. Das Leben war für mich eine Hölle und ein Alptraum, aus dem ich nicht mehr herausfinden konnte und auch nicht mehr wollte.
Als ich nach Gorazde zurückkam, bemühten sich meine Freundinnen auf jede nur erdenkliche Methode, um mich dazu zu bringen, mich der Frauenorganisation "Anima" anzuschliessen. Weil sie meine Fähigkeiten kannten, schlossen sie mich in eine Vielzahl von Projekten des Frauenzentrums ein. Heute bin ich dankbar und glücklich, dass sie so hartnäckig waren und mir bei der Rückkehr geholfen haben. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich aufgegeben. Sie schickten mich auf Seminare, um mir zu helfen, die erlebten Traumata zu verarbeiten. Aber diese Seminare erlebte ich größtenteils wie ein erneutes Aufreissen der alten Wunden, die noch nicht vernarbt waren. Ich kämpfte mich mit größter Anstrengung durch jeden Tag.
Schließlich schlugen mir meine Kolleginnen erneut vor, an einem Seminar teilzunehmen: Im Programm "Entlastung und Stärkung für Aktivistinnen" von Kuca SEKA auf Brac.
In mir erwachte wieder das Gefühl massiver ANGST. Ob wieder jemand in meinem Trauma herumstochern wollte, das bereits Genommene noch einmal wegnehmen, mir die Überzeugung zu geben, dass ich zum weiß nicht wievielten Mal manipuliert werde.
Jedoch der Wunsch in mir war stärker, dass ich es an einem neuen Ort mit neuen Psychotherapeutinnen nochmal versuche. Und das, was meine Kolleginnen von Kuca SEKA erzählten, ermutigte mich. Ich habe mich entschlossen, mir selbst die Chance zu geben, etwas Neues zu finden, etwas Sinnvolles und Wertvolles, das Unberührbare in mir zu berühren.
Alle meine Gedanken und Wünsche waren nun auf das Programm von Kuca SEKA gerichtet.

Die Reise nach Brac habe ich genossen. Und allein schon der Empfang durch die Mitarbeiterinnen von Kuca SEKA hat meine Unruhe besänftigt und in mir die Erwartung geweckt, was hier geschehen würde. Sie haben sich um jedes Detail gekümmert: vom Empfang bis zur Unterbringung. Warum das wichtig war? Die Wärme, das Lächeln, die Liebe und Freude die sie uns gegeben haben: Gabi, Mirjana, Vesna, Marija und Fani, bedeuten die erste Injektion Glück. Auf einmal fühlst du dich wichtig, geachtet, ein warmes Gefühl in der Brust, das unbeschreibbar ist. Ich sagte mir: Stell dir vor! Es gibt noch immer Hoffnung für dich!
In die Gruppenarbeit ging ich dann mit weniger Unruhe. Und unsere Leiterinnen Nurka und Marijana sind uns mit soviel Liebe, Freude, Aufmerksamkeit und fachlichem Wissen begegnet. Das gab mir Kraft, mich auf die Gruppenarbeit einzulassen. Zuerst haben mir die Gefühle von Unsicherheit und Angst nicht erlaubt, mich zu öffnen. Ich hörte zu, nahm alles in mich auf, manchmal beteiligte ich mich. Ohne Druck, durch Übungen, voller Achtung und Wertschätzung, gelang es den Leiterinnen einen Teil von mir zu öffnen. Unter Tränen, mit zitternder Stimme begann ich meine Seele zu öffnen, wie eine Blüte - nur ein Blütenblatt meines Traumas. Durch die Arbeit mit den Therapeutinnen in der Gruppe begriff ich, dass ich mir in diesem Haus das, was mir genommen wurde, wieder zurückholen kann. Zum ersten Mal fühlte ich keine Angst mehr. Hier ist meine Rettung, hier werde ich aus meinem Kokon, meiner Gehemmtheit herausschlüpfen. Ich kann einfach da sein, bestehen, mit vollen Lungen einatmen, ausdauern und von Neuem wachsen. Die neugeknüpften Freundschaften mit den Teilnehmerinnen aus verschiedenen Teilen Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens gaben mir ein wunderschönes Gefühl. Ein neuer Reichtum. Durch die Arbeit in den beiden Folgeseminaren veränderte ich mich zu einer Person mit einer positiven Lebenseinstellung. Ich begann, meine Kreativität zu spüren, auf mich zu achten, auf das in mir und um mich herum. Stell Dir vor, die eigenen Wünsche wichtig zu nehmen! Meine "Gefängniswärter-Haltung" gegenüber mir selbst begann sich zu verlieren. Ich verliess mein inneres Gefängnis dank unseren Leiterinnen und den Mitarbeiterinnen von Kuca SEKA. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn du wieder von Herzen lachen kannst, ohne Maske. Nach zehn Jahren fühle ich zum ersten Mal in mir emotionales Gleichgewicht und Zufriedenheit. Danke Euch, meine Lieben, dass Ihr mir geholfen habt, all das Verlorene wiederzugewinnen, dass ich wieder kreativ und positiv denke, dass Ihr mir geholfen habt, meine persönlichen Potentiale wiederzuerkennen. ...

Etwas ist noch übrig geblieben!!! Etwas Unerledigtes, aber nicht mehr furchtbar. Ein Blütenblatt, das noch geöffnet werden muss. Ich glaube zutiefst und hoffe, dass es in Kuca SEKA noch einmal einen Platz und die Unterstützung durch meine Therapeutinnen geben wird, um mich von diesen letzten dunklen Schatten zu befreien. Wenn ich das erledigt habe, weiß ich, dass ich dann in der Lage sein werde, dass ich mein Wissen und meine Erfahrung als Helferin in meinem Gemeinwesen an andere weitergeben kann.

Mit Liebe und Achtung gegenüber
den Leserinnen und Lesern
Vera D."


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Anm. 1: Vera selbst ist bosnische Serbin


Anm. 2: Viele BosnierInnen dachten, der Krieg wäre bald zu Ende