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SEKA-Journal Nr. 12 - Juni 2003


"Plötzlich verstand ich die einfachen Geschichten ..."

Wie SEKA-Volontärin Amy Shifflette die Reise nach Gorazde erlebte

Sogar hier in SEKA - einem Ort für Frauen und Kinder, deren Leben durch den Krieg für immer verändert worden ist - hatte ich dem Krieg in seiner ganzen brutalen Sinnlosigkeit nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden. Vor meinen Erlebnissen in Gorazde hatte ich nur den Schatten des Krieges gesehen - nämlich das, was übrig ist, wenn die Bomben aufgehört haben zu fallen, der Staub sich gelegt hat, und alles was bleibt, die Scherben zerbrochener Leben sind, die irgendwie wieder zusammengesetzt werden müssen.
Bevor ich nach Gorazde fuhr, war meine Bejahung des Friedens eine prinzipielle (basierend auf gesundem Menschenverstand), doch mein jetziges Empfinden spiegelt meine ganz persönlichen Erfahrungen wieder mit den Frauen und Kindern - meinen neuen Freundinnen - von Anima. Wichtiger als die Bestätigung dessen, was ich bereits über Krieg dachte, war, die segensreiche Wirkung von SEKA über seinen direkten Einflussbereich hinaus zu spüren. Derweil es mich begeistert, Gruppen von Frauen von Mal zu Mal mehr lächeln, mehr singen, mehr essen und mehr tanzen zu sehen, wenn sie ins SEKA-Haus kommen, so ist es noch wichtiger festzustellen, dass ihre Erfahrungen aus SEKA sich in ihr Leben zu Hause übertragen.
An unserem ersten Morgen in der Stadt standen Gabi und ich am Bürgersteig, als die Grundschulkinder von Gorazde in einer Schülerdemonstration gegen den Krieg an uns vorbeimarschierten. Ich glaube kaum, dass eine Demonstration in einer der großen Weltstädte mich mehr hätte berühren können als diese von 200 Kindern, die die Folgen von Krieg allzu gut kennen. Sie trugen Schilder, auf denen stand, "Wir wollen Frieden" und "Rettet die Kinder des Irak, wenn ihr schon die Kinder Bosniens nicht gerettet habt". Irgendwo in der Masse der kleinen Demonstranten waren auch die drei ältesten Kinder aus der Anima-Gruppe. Von den ersten paar Minuten meiner Unterhaltung mit Alenka, Adisa und Katarina (alle Namen geändert) an beeindruckten mich ihre Reife und Intelligenz. Aus Gründen, die sie nicht beeinflussen konnten, sind sie viel zu schnell erwachsen geworden.

Alenka ist zwölf, was bedeutet, dass sie kurz vor Kriegsausbruch geboren wurde. Ihre Mutter erzählte, dass 1997, als die Elektrizität wieder angestellt wurde, - nach 5 Jahren ohne Strom - Alenka beim Lichtschalter saß und das Licht an ... und aus ... und an ... und ausschaltete.
Alenka lebt mit ihren Eltern in der obersten Etage eines sechsstöckigen Wohnhauses über dem Hauptplatz der Stadt. Ich verbrachte mehrere Stunden auf Alenkas Balkon und unterhielt mich mit ihr über Musik (sie liebt den deutschen "Superstar" Alexander), wir spielten Karten und schauten uns die SEKA-Fotos an. Obwohl das Fotoalbum erst sieben Monate alt ist, reissen seine Seiten bereits ein vom vielen Herumblättern. Alenka brachte mir wieder Rummy bei (ich hatte vergessen, wie es geht), und ich lehrte sie, wie man das Kartenspiel, ähm, "Krieg" spielt (ich brachte es doch tatsächlich fertig, erst diesen Namen zu sagen, und dann, rot vor Scham, das Spiel schnell in "Mir", Frieden, umzubenennen.)

Nur sehr wenige serbische Familien, die vor dem Krieg in Gorazde lebten, sind zurückgekommen, und Katarinas Familie ist eine dieser wenigen. Ihre Mutter sagt, jeder dachte, sie sei verrückt, hierher zurückzukommen nach dem Krieg. Katarina und ihre Familie leben in einer Wohnung, die gerade mal für eine Person geeignet ist, wohl kaum für vier. Die Wohnung hat nur zwei Räume - ein Wohnzimmer und ein Eßzimmer/Küche - sowie ein kleines Badezimmer. Es gibt keinen Platz für irgend etwas anderes in ihrem winzigen Heim, vor allem nicht für eine Privatsphäre. An meinem letzten Tag in Gorazde tranken Katarina und ich zusammen Saft in einem der Cafés, gingen im Park spazieren und endeten wieder in ihrer Wohnung. Wir hörten uns die einzige Kassette, die sie besitzt - aufgenommen aus dem Radio - wieder und wieder an und spielten Karten. Katarinas Lieblingssong ist "Lose Yourself" von Eminem, und sie zeigte mir, wo sie den Text des Liedes in eines ihrer Hefte geschrieben hatte. Zehn mal mindestens sangen wir dieses Lied mit, aber der Text gab mir zu denken. "Du hast nur eine Chance, verpasse nicht den Moment, diese Möglichkeit kommt nur einmal im Leben, yo." Bekommt überhaupt jeder eine Chance?
Kurz bevor ich ihre Wohnung verließ, führte sie mich auf den Balkon, von wo aus wir auf die Ruinen ihrer Nachbarschaft herunterblickten. Ich habe immer noch ein klares Bild von der materiellen Verwüstung in Gorazde vor mir, aber dieses Bild ist sicherlich nicht das, was ich für mich mitgenommen habe.

An unserem Samstag abend in der Stadt gingen Adisa und ich viel spazieren und unterhielten uns ausführlich. Obwohl der Großteil unserer Unterhaltung sich um alles Mögliche, nur nicht den Krieg drehte, war sie (von allen drei Mädchen) am ehesten bereit, auch darüber zu reden. Sie erzählte mir, dass sie, ihre Familie und Verwandte ein paar Tage vor Kriegsbeginn in Gorazde ihr ganzes Leben in zwei Autos verstauten - allerdings gab es für eine Person keinen Platz ... Nach einer langen Debatte bestand ihr Vater darauf, zu bleiben. Sie wird böse, wenn ihre Familie ihr sagt, sie sei zu jung gewesen, um sich erinnern zu können, denn obwohl sie damals erst drei Jahre alt war, erinnert sie sich doch daran, aus Gorazde ohne ihren Vater herausgefahren zu sein, und sie erinnert sich an ihre große Angst, ihn nie wieder zu sehen. Sie erinnert sich auch, dass ihre Mutter vier Jahre lang keine Nacht schlafen konnte, weil sie nicht wusste, ob der Vater noch am Leben sei. Gorazde habe es nicht so schlimm getroffen, sagt Adisa. In Višegrad, zum Beispiel, da hätten sie Leute auf der Brücke in einer Reihe aufgestellt und sie einen nach dem anderen erschossen, so daß sie in den Fluss fielen.

Amy mit ihren neuen Freundinnen

Weil ich neugierig war und weil ich merkte, wie sehr sie es mochten, dass ich Fragen stellte, fragte ich sie alle (getrennt voneinander), was ihre drei größten Wünsche seien. Ihre Antworten treiben mir immer noch die Tränen in die Augen, denn ihre Wünsche - alle neun - hatten so gar nichts mit ihnen selbst und alles mit anderen zu tun. Der erste Wunsch von allen dreien war, dass der Krieg im Irak aufhören würde. Alenka wünschte, jemand würde ein Mittel gegen AIDS finden. Adisa wünschte Frieden in der ganzen Welt, und Katarina wünschte, niemand solle hungrig zu Bett gehen müssen. Ich konnte kaum glauben, dass von diesen drei Mädchen - Mädchen, die aus einem Ort kommen, an dem das Leben bestenfalls hart und schlimmstenfalls verzweifelt ist - keine auch NUR EINEN Wunsch für sich selbst hegte. Als ich Katarina fragte, was sie sich denn für sich selbst wünsche, dachte sie erst eine Weile nach, bevor sie antwortete: "Ich hoffe, dass ich eines Tages in einem Flugzeug fliegen kann." Ich stelle mir vor, dass man vom Flugzeug aus nur Gorazdes natürliche Schönheit sehen kann und sich dem menschlichen Leiden unten gar nicht bewusst ist.

Ein Gefühl von Leere breitete sich in meinem Magen aus, als der Bus aus Gorazde hinausfuhr, und sie blieb dort während unseres Tages in Sarajevo und der langen Fahrt zurück nach Split am nächsten Tag. Ein großer Teil der Leere ist nun verschwunden, und das, was davon übrig ist, hat sich von meinem Magen in meine Kehle fortbewegt, was immer passiert, wenn ich Leute verlasse, die ich lieb gewonnen habe. Ein großer Teil dieses Gefühls, innerlich hohl zu sein, verschwand allerdings an jenem Abend, als wir zurück ins SEKA Haus kamen, wo uns die Psychodrama-Gruppe begrüßte. Ihr Enthusiasmus und ihre Liebe kehrten meine Erschöpfung ins Gegenteil um, und irgendwann während des Singens und Lachens an diesem Abend wurde mir der Sinn und Zweck von SEKA vollkommen klar. Plötzlich verstand ich die einfachen Geschichten, die die Frauen und Kinder in Gorazde über SEKA erzählt haben. Sie bedeuten viel, viel mehr als die Projektgrundsätze, die ich so viele Male in irgendwelchen Anträgen an Geldgeber geschrieben habe. Hier in SEKA müssen Kinder keinen Deut schneller aufwachsen als sie sollten, und Frauen müssen sich selbst nicht immer wieder sagen, dass alles in Ordnung kommen wird, obwohl sie es selbst nicht glauben. SEKA ist eines der wenigen Dinge, die mir je begegnet sind, die vollkommenen Sinn machen. Die Schönheit der Insel geht absolut synchron mit der Energie und Kraft, die Frauen und Kinder hier ausstrahlen.

Es ist klar, dass SEKA das Leben der Frauen und Kinder von Anima weit über ihren zweiwöchigen Aufenthalt letzten Sommer hinaus erfüllt hat. Katarina sagte, sie, ihre Mutter und ihr Bruder schauen sich die Fotos vom letzten Sommer in SEKA andauernd an. Sie sagte, "ich war nie so glücklich in meinem Leben." Es ist eine ziemlich schlichte Aussage, aber der Ausdruck in ihren Augen erzählte mir all das, was Sprache nicht ausdrücken konnte. Ich verstand vollkommen.

Amy Shifflette
(Übersetzung: Henni Bartram)
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