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SEKA-Journal Nr. 10 - Juni 2002

Als Volontärin in SEKA

"Die Fernsehmeldungen von damals haben Namen und Gesichter bekommen ..."

Henni Bartram, 22, arbeitete von Oktober 2001 bis Anfang April 2002 im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes, eines Programms der Europäischen Union, als Volontärin in SEKA. Gegen Ende ihres halbjährigen Aufenthalts schrieb sie ihre Eindrücke für das SEKA-Journal auf:

Eigentlich begann es damit, daß mir ein Freund eine Ausgabe des SEKA-Journals in die Hand drückte. "Lies das mal", sagte er, und ich bin ihm heute noch dankbar dafür. Ich las und war begeistert und voller Bewunderung für die Arbeit des Projekts. Ich erfuhr über meine Schüleraustausch-Organisation "AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.", in der ich seit Jahren ehrenamtlich arbeite, von der Möglichkeit, im Rahmen des Programms "Europäischer Freiwilligendienst" der Europäischen Union sechs Monate als Voluntärin in SEKA zu verbringen. Ich nahm die Chance wahr, stürzte mich in die Vorbereitungen und einen regen Mailwechsel mit dem SEKA-Team - und eines Tages saß ich tatsächlich in einem Flugzeug, neugierig und aufgeregt, bereit für meine ganz persönliche SEKA-Erfahrung, von der ich hier berichten möchte.

Einleben in SEKA

Ein großes weißes Haus mit mehreren Terrassen, auf denen viele Frauen in der Sonne sitzen und sich angeregt in einer mir fremden Sprache unterhalten - das war mein erster Eindruck von SEKA. Ich wurde freundlich begrüßt und herzlich umarmt, wie eine alte Freundin, die mal wieder vorbeischaute. Ich brauchte ein paar Tage, um mich in den Projekthäusern zurechtzufinden, und die fremde Sprache und die vielen Frauen schüchterten mich anfangs gar ein bißchen ein. Dennoch fühlte ich mich von Anfang an sehr wohl, willkommen, irgendwie zu Hause. Das ist es also, was die Frauen in den Gästebucheinträgen meinen, dachte ich. Diese besondere Atmosphäre in SEKA.
Voller Tatendrang startete ich in meine erste Arbeitswoche, in der ich vor allem Mirjana Bilan assistierte. Wir arbeiteten im Garten, führten kleine und größere Reparaturarbeiten durch. Ich war beeindruckt von Mirjanas Tatkraft und Improvisationsgeist und der Selbstverständlichkeit, mit der sie mit Werkzeug hantierte, das für mich eher lebensbedrohlich aussah. Gemeinsam reparierten wir problemlos Dinge, für die ich in Deutschland mit Sicherheit die Handwerker bestellt hätte. "Selbst ist die Frau" ist ein gelebtes Prinzip in SEKA, keine Floskel - das war meine erste Lektion.
Auf dieses Lernergebnis folgten viele andere. Ich lernte, den Kleinbus durch enge Straßen zu lenken, Großeinkäufe zu tätigen und abzurechnen, Rosen zu schneiden, Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Nach und nach arbeitete ich mich in Aufgaben aus den Bereichen Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit ein, in denen ich mit Gabriele Müller zusammenarbeitete. Jeder Tag brachte eine neue Herausforderung, ganz zu schweigen von der langsamen und mühsamen Annäherung an jene Sprache, die hier im Projekt "naški" genannt wird - diese bunte Mischung aus bosnischen, kroatischen und serbischen Vokabeln und Redensarten.
Anfangs blieb mir in meiner Sprachlosigkeit im Zusammensein mit Seminarteilnehmerinnnen nichts anderes übrig, als einfach nur daneben zu sitzen und strahlend zu lächeln, was die Frauen scheinbar ganz reizend fanden. Ich wurde und werde von vielen Frauen nur mit Kosenamen oder als "das Kind" angeredet - was nicht abwertend gemeint, sondern durchaus üblich ist.

Im Rückblick kommt es mir vor, als wären diese ersten Wochen Jahrhunderte her. Wie selbstverständlich wechsele ich nun einige freundliche Worte mit den Nachbarn auf kroatisch, gehe ein und aus im Projekthaus, finde meinen Weg durch die Inselhauptstadt Supetar, um Einkäufe zu erledigen, greife intuitiv den richtigen Ordner im Büro. SEKA ist mir in dem halben Jahr ein vertrauter Arbeitsplatz geworden, den ich nur ungern abgebe. Chaotische, hektische, lustige Situationen, die häufige Notwendigkeit zum Umdisponieren und Improvisieren haben den Alltag nie eintönig sein lassen.
Doch macht die Arbeit nur einen Teil aus. Da ist vor allem das Zusammensein mit so vielen verschiedenen Frauen und die vielen Erzählungen, Gespräche, Erlebnisse, die meinen Aufenthalt hier zu etwas sehr Intensivem gemacht haben.

Eindrücke

Ich bin oft von Teilnehmerinnen gefragt worden, ob mir denn nicht langweilig sei ohne Gleichaltrige auf dieser Insel, war ich doch mit meinen 22 Jahren meist mit Abstand die Jüngste unter den Anwesenden. Meine Antwort war regelmäßig ein vehementes "Nein, im Gegenteil": Ich erinnere mich an verrückte, urkomische Abende im SEKA-Haus, wenn Frauen sich wild verkleideten und ausgelassen tanzten. An einem Abend wurde eine regelrechte Auktion veranstaltet, auf der mir diverse Söhne spaßhaft als Ehemänner angepriesen wurden. Dann und wann legte meine Kollegin Vesna Šobot eine Einfraushow aufs Parkett, die unser aller Lachmuskeln bis aufs Äußerste in Anspruch nahm, und manchmal saßen wir im Kolleginnenkreis zusammen und verloren uns in scherzhaften Diskussionen über die abstrusesten Themen. Nein, mir war überhaupt nicht langweilig. Doch habe ich mich auch nicht nur amüsiert.
Vieles, was ich in den letzten Monaten gesehen und gehört habe, hat mich erschüttert, mich nachdenklich, traurig und wütend gemacht. Bevor ich hierher kam, wußte ich viel zu wenig über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, das wurde mir im Verlauf der Zeit immer mehr bewußt. Besonders Gabi füllte geduldig viele Wissenslücken auf. Dennoch sind mir immer noch viele Einzelheiten, Wers und Wies und vor allem Warums dieser Kriege unklar. Was so ein Krieg aber für Menschen bedeutet - Familientragödien, Gewalterfahrungen, Flucht, Hunger und Angst - das verstehe ich jetzt viel besser. Nun haben die Fernsehmeldungen von damals Namen und Gesichter bekommen - vertraute Namen und liebe Gesichter von Frauen, mit denen ich gegessen und getanzt habe hier in SEKA.
Auch die beiden Reisen nach Bosnien-Herzegowina und Ostslawonien, zu denen Gabi mich mitnahm, haben viel dazu beigetragen. Ich habe vor Ort gesehen, wie die Frauen und Kinder leben, die im Sommer ins SEKA Haus kommen. Ich habe erlebt, mit welchen Schwierigkeiten sie im Alltag zu kämpfen haben, und ich sah die verzweifelte und teils so auswegslose ökonomische Situation. Bilder von zerstörten, wie ausgestorbenen Dörfern haben sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt. Doch vor allem sind es schlüsselhafte Begegnungen mit Menschen, die unvergeßlich bleiben werden.

Henni bei der Gartenarbeit
Henni bei der Gartenarbeit

Begegnungen

So zum Beispiel die mit Safija, einer 16-jährigen Bosniakin. Wir besuchten sie und ihre Familie in einem Weiler außerhalb von Donji Vakuf in Zentralbosnien.
Safija und ich unterhielten uns ein paar Stunden lang, plauderten über Schule und Hobbies. Wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Ihre Lieblingsfächer in der Schule sind Fremdsprachen und Musik - so wie meine es waren. Sie spielt Geige - auch ich hatte Unterricht. Safija und ich sehen uns sogar ein bisschen ähnlich, und als ich 16 war, hatte ich ganz ähnliche Interessen, ähnliche Träume. Dennoch könnten unsere Lebenswirklichkeiten unterschiedlicher nicht sein - weil ich das Glück hatte, in einem wohlhabenden Land ohne Krieg aufzuwachsen, in dem sich mir Möglichkeiten boten, von denen Safija noch nicht einmal träumt, weil sie so weit außerhalb des Denkbaren liegen. Einfach unfair fand ich das, und sie tat mir so leid.

Irgendwann an jenem späten Nachmittag holte Safija ihr Instrument hinaus in den Garten. Sie spielte etwas und drückte dann mir die Geige in die Hand, hielt mir Noten vor. Und so stand ich dann also zwischen einem Kohlfeld und einem Holzschuppen und spielte ein bosnisches Volkslied. Dämmerung lag über den sanften Hügeln, und die Frauen sangen zu der wehmütigen Melodie. Es war ein wunderschöner, friedlicher, aber auch trauriger Moment, in dem ich die ganze Tragödie dieses unseligen Krieges und seiner Folgen zu spüren glaubte, aber auch die Hoffnung, die Tatkraft und den Sinn für Schönes, den sich so viele Frauen und Mädchen trotz allem bewahrt haben. Und mir wurde klar, daß Mitleid für Safija nicht angebracht ist. Hochachtung und Bewunderung dafür, wie sie - und viele andere - ihr Leben meistert, so klug und selbständig das Beste aus den schwierigen Bedingungen macht - das ist angemessen.
Ich habe immer wieder viel Mut und Optimismus bei unseren GastgeberInnen in Bosnien und Gästen hier in SEKA erlebt, wofür ich die Frauen einfach nur bewundern konnte. Sich trotz allem nicht unterkriegen zu lassen und dann noch viel Kraft dafür einzusetzen, anderen zu helfen - das ist eine unglaublich große Leistung. Ich bin so froh für die Frauen, daß es SEKA gibt - sie haben jede Form der Unterstützung so sehr verdient.

Abschied

Deswegen bin ich auch dankbar, daß ich ein Stück weit zu SEKAs Arbeit beitragen konnte, die den Frauen und Kindern so viel bedeutet und die ihnen so sehr hilft, wie sie immer wieder betonen. Mir scheint, daß allein SEKAs Existenz den Frauen beweist, daß ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft im friedlichen Miteinander in Erfüllung gehen können. Dieser Ort strahlt wirklich Liebe, Zuversicht und Lebensfreude aus. Die viel beschriebene besondere Atmosphäre SEKAs habe auch ich gespürt - ich war Teil von ihr. Und auch ich habe in SEKA Kraft sammeln und Energie tanken können - durch Aufgaben, die mich ausfüllten, durch gute Gespräche, durch Zuhören und Gehör finden, und durch Augenblicke wie den, in dem ein glückliches Strahlen auf dem Gesicht einer alten Frau aufleuchtet, die ausgelassen ohne Schuhe mit mir durchs Wohnzimmer tanzt.
Meine Kolleginnen haben mir, jede auf ihre Art, viel gegeben. Gabi hat mich von ihrem Wissen profitieren lassen, mir viel über Traumata und ihre Folgen beigebracht und auch intensive persönliche Gespräche mit mir geführt, die mir sehr geholfen haben. Gleiches gilt für Mirjana, die auch immer ein offenes Ohr für mich hatte und mir oft mehr zutraute als ich mir selbst. Vesna Liermann hat geduldig kroatische Grammatik mit mir gepaukt und über meine Verzweiflung angesichts all der Unregelmäßigkeiten mit mir gelacht. Es war Marija, die mir die ersten kroatischen Wörter beibrachte - allesamt aus dem Küchenbereich. Fanis Fröhlichkeit und Energie waren einfach ansteckend. Vesna Šobot brachte mir Sonnenschein in die verregnetsten Tage und hat beschlossen, mich als ihre dritte Tochter anzusehen, mich zu umsorgen und zu verwöhnen.

Ich war Teil des Teams, nicht "bloß als Volontärin", sondern auch als gleichgestellte Kollegin und Freundin - so habe ich es empfunden. Wir haben zusammen gelacht, diskutiert, philosophiert, Freude und Ärger geteilt. Meine Lieben: Ich möchte Euch allen danken, daß Ihr so seid, wie Ihr seid - ich werde Euch sehr vermissen.
Natürlich werde ich auch die traumhafte Insel vermissen, die Sonne und das Meer, die Abende mit den Frauen und Marijas unübertrefflich gutes Essen.
Sicherlich werde ich weiter die Ereignisse und die Arbeit auf Brac verfolgen und mittragen. Und ganz bestimmt werde ich wiederkommen an diesen Ort, der mir ein weiteres Zuhause geworden ist.

Henni Bartram