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SEKA-Journal Nr. 5, November 1999


"...Wir sind jetzt Freunde, nicht wahr?..."

Ein Beispiel für Einzelarbeit mit Kindern in SEKA

Der 8jährige Mate kam ohne seine Mutter ins SEKA-Haus. Seine Mutter hatte auf den Erholungsaufenthalt verzichten müssen, da sie sonst ihre Arbeitsstelle verloren hätte. Daß Mate dennoch mitkommen konnte, verdankte er einer der anderen Frauen, die sich bereit erklärt hatte, ihn zu betreuen. Dies wurde organisiert, da für Mate ein Aufenthalt bei uns besonders wichtig schien.
Mate war kurz nach Beginn des Krieges geboren. Seine Eltern waren inzwischen geschieden, der Vater, Serbe, lebte im serbischen Teil der Kleinstadt, die Mutter, Kroatin, mit Mate als einzigem Kind im kroatischen Teil. Um dem Kind "Schwierigkeiten zu ersparen", hatte sie seinen serbischen Vor- und Nachnamen in einen kroatischen ändern lassen.
Mate erschien zu Anfang mürrisch und verschlossen. Er hatte ein geringes Selbstbewußtsein und große Selbstwertprobleme, er war ständig in der Sündenbockrolle (ob zu Hause oder in der Schule) und trug mit seinem eher trotzigen Verhalten auch dazu bei, daß dies so blieb. Er hatte Schulprobleme und "mochte nicht lernen." Er hatte keine Freunde, die Beziehung zur Mutter war sehr gespannt. Auch in der Gruppe im SEKA-Haus war er zu Anfang von den anderen Kindern völlig isoliert. Die Frauen maßregelten ihn von allen Kindern am meisten, oft auch zu Unrecht.
Gleichzeitig hatte Mate eine ganz geringe Frustrationstoleranz, reagierte gleich beleidigt oder übermäßig grob (was in seiner Rolle nicht verwunderte und außerdem offensichtlich eine Spiegelung des Verhaltens seiner Umgebung war). Oft reagierte er auf Frustrationen, Anspannung oder Anforderungen psychosomatisch (mit starken Kopfschmerzen oder Übelkeit) oder stopfte Süßigkeiten in sich hinein. Er hatte deutliches Übergewicht.
Die ersten beiden Tage wich Mate jedem Kontakt aus. Am Strand traute er sich kaum ins Wasser, war sehr ängstlich und wehleidig. Doch das Kinderhäuschen mit seinen vielen Spielsachen faszinierte auch ihn und durch verschiedene Spiele kamen wir schließlich vorsichtig in Kontakt. Für uns im Kinderteam wurde schnell deutlich, daß es nötig war mit diesem Jungen einzeln zu arbeiten.
Im folgenden möchte ich beispielhaft einige Szenen in der Arbeit mit Mate herausgreifen:

"Und dann tät' die Prinzessin sterben..."

Nachdem wir an zwei Abenden zusammen mit anderen Kindern auf unserem Spielteppich "Stadt" gespielt haben und sich allmählich ein guter Kontakt entwickelt hat, schlage ich Mate vor, mal die Handpuppen und Tiere im kleinen Zimmer auszuprobieren.
Es beginnt ein Spiel, dessen Figuren und Themen Mate bestimmt, es handelt von einer Prinzessin (Mate) und einem Prinzen (mir), die sich (erstmal unausgesprochen) in einander verlieben, zusammen Eisessen gehen und dann miteinander tanzen. An dieser Stelle flieht die Prinzessin aus der Umarmung des Prinzen (offensichtlich kann Mate soviel Nähe nicht ertragen). Mate übernimmt die Rolle eines Kellners und bestimmt, daß ein anderes Kind die Prinzessin weiterspielt. Aus seiner Rolle als Kellner beobachtet er, wie Prinz und Prinzessin weiter miteinander tanzen, dann gemeinsam Kuchen essen und zärtlich miteinander umgehen. In diesem Moment kann er nur in der beobachtenden Rolle Nähe erleben.
Dann bringt er sich wieder zurück in den Mittelpunkt, indem er seine Puppe, den Kellner, von einem Krokodil umbringen läßt. Wieder beobachtet er und genießt es offensichtlich, wie Prinz und Prinzessin um ihren Freund, den Kellner trauern.
Dann wieder schlüpft er in eine andere Rolle, die des großen Bären, der nun gegen das Krokodil kämpft (Mate spielt beide Rollen). Aber das Krokodil ist stärker, es ermordet auch den "guten Bären". Wieder müssen wir, Prinzessin und Prinz, unser Entsetzen, unsere Trauer und unsere Wut ausdrücken.

Einzelarbeit mit der kleinen Selma: Inszenieren einer Szene mit den LEGO-ElementenSchließlich schlüpft Mate in die Rolle eines kleinen Hundes - und besiegt das Krokodil! Nachdem wir das gefeiert haben und den Mut und die Stärke des kleinen Hundes bewundert haben, beende ich die Spielstunde.
Ich schlage vor, daß wir noch kurz darüber sprechen, wie wir uns in unseren Rollen im Spiel gefühlt haben. Mate äußert sich kaum, aber er saugt förmlich in sich auf, was ich erzähle, wie ich in meiner Rolle oder auch in Identifikation mit seinen Rollen das Spiel erlebt habe. Danach verabschiedet sich Mate herzlich von mir. Er schaut mich zum ersten Mal direkt an.

Am nächsten Abend, nach einem gemeinsamen Spiel mit den anderen Kindern, bittet Mate darum, "daß wir mit den Puppen im kleinen Zimmer spielen". Er nimmt den Faden vom Vorabend sofort wieder auf. Diesmal spielt er wieder die Prinzessin, ich den Prinzen. Er kann nun die Nähe zwischen Prinz und Prinzessin schon besser ertragen. Außerdem bietet Mate in diesem Spiel fast alle Tierpuppen auf, um "seine vielen Freunde" (die er im wirklichen Leben ja nicht hat) zu verkörpern. Aber auch das Krokodil ist wieder da und bedroht Prinzessin und Prinz. Die Freunde sollen helfen. Das Krokodil soll vor Gericht gestellt werden. Weil es den Kellner und den Bären getötet hat. Aber es entkommt und greift die Prinzessin an, die es schwer verletzt. Trotz aller Bemühungen des erschütterten Prinzen und der Ärzte im Krankenhaus stirbt die Prinzessin. Wieder beobachtet Mate intensiv die von mir als Prinz gezeigte Trauer und den Schmerz. Kurzzeitig schlüpft er in die Rollen einiger "Freunde" und trauert ebenfalls um die Prinzessin....

Am Abend darauf verkriecht sich Mate in seinem Zimmer. Etwas ist geschehen. Schließlich kommt er mit mir ins Kucica und erzählt mir - nur wir beide im kleinen Zimmer - von einem Vorfall an diesem Tag, bei dem ihn eine der Frauen gekränkt und verletzt hatte. Ich sage ihm, daß das nicht in Ordnung war und biete ihm an, daß wir gemeinsam oder ich alleine mit der Frau sprechen. Das will er jedoch auf keinen Fall. Es ist offensichtlich, daß diese erneute Kränkung in die nicht verheilte Wunde einer Kette von vorhergegangenen Verletzungen trifft. Mate fängt an, heftig mit einem Ball auf eine Puppe zu schiessen. Ich biete ihm an, daß er seine berechtigte Wut ausdrückt, aber auf eine Art, wo er weder sich noch mich verletzt und auch die Puppen nicht zerstört. Wir einigen uns, daß er ca 20 Stofftiere auf den Polstern aufbaut, die wir dann gemeinsam mit Stoffbällen abschiessen. Dabei animiere ich Mate, seiner Wut Luft zu machen, sie in Sätzen auszudrücken, die ich wiederhole, verstärke und ihn damit unterstütze.
Nach etwa einer Stunde ist Mate entspannter und wechselt nun zu einem weniger aggressiven Wurfspiel über, eine Art Wettkampf, bei dem er gegen mich gewinnt, was ihn stolz macht. Kurz bevor wir die Spielstunde beenden, entdeckt er plötzlich einen kleinen kuscheligen Pelzigel, der ihn entzückt und den er zärtlich erst an seine dann an meine Wange hält. Er bittet darum, den kleinen Igel über Nacht mitnehmen zu dürfen.
Ich stimme zu. Dann umarmt mich Mate und sagt: "Wir sind jetzt Freunde, nicht wahr?"

Mate hat an den folgenden Tagen noch große Schritte gemacht. Besonders auch der Foto-Kurs und die Ausstellung haben sein Selbstwertgefühl sehr gesteigert. Er konnte immer mehr Nähe zulassen und fand mehr Kontakt zu den anderen Kindern.
Allerdings zeigte sich, daß es von großer Bedeutung ist, seine Mutter in die Arbeit mit einzubeziehen.
Inzwischen habe ich zu Mates Mutter Kontakt aufgenommen. Ende Oktober werde ich die beiden besuchen und im nächsten Frühjahr werden Mutter und Sohn für eine weitere Woche zur Therapie ins SEKA-Haus kommen.

Gabriele Müller


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