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SEKA-Journal Nr. 4 - Mai 1999

Zeugnis einer Frau aus Srebrenica

Immer wenn ich über mich nachdenke, fällt mir der Beginn des Krieges in Bosnien ein. Ich bin in Srebrenica geboren und habe dort mit meiner Familie im eigenen Haus bis April 1992 gelebt. Mein ältester Sohn war damals 10 Jahre und der jüngere 7 Jahre alt. Mein Mann und ich hatten Arbeit und wir lebten mit der Überzeugung, daß das Leben schön ist.

Schon im März '92 habe ich allerdings gespürt, daß ungewöhnliche und seltsame Dinge passieren.

Meine Freunde und Nachbarn sind massenweise umgezogen. Ich habe erwartet, daß mir Freunde erklären, was los ist. Ich habe gespürt, daß sie ein großes Geheimnis hüten. Das war eine sehr angespannte Situation. Wir hatten Angst. Wir wußten nicht, was wir tun können. Wir haben uns gefragt: Wo ist ein sicherer Ort, wo wir hingehen könnten? Wir haben uns einen Ort in Serbien - Zlatibor ausgesucht. Heute schäme ich mich fast dafür, es scheint mir unglaublich.
Nach fünf Tagen sind wir zurückgekehrt und ich habe weiter im Gesundheitszentrum gearbeitet, wo ich schon zuvor als Krankenschwester beschäftigt war.
Die serbischen Angestellten waren zu dieser Zeit alle schon weg.
Mein Mann wollte Srebrenica nicht verlassen, aber ich bin am 15.04.92 mit den Kindern nach Tuzla gefahren. Mein Bruder lebte dort und wir sind bei ihm untergekommen. Einen Tag später sind mein Mann und seine Mutter nachgekommen, weil ich darauf bestanden habe. Als wir zusammen waren, fühlte ich mich wohler. Meine Eltern, mein Bruder und andere Verwandte waren noch in Srebrenica. Sie wollten ihr Heim nicht verlassen und glaubten, ihnen wird schon nichts passieren. Am Anfang hatte ich mit ihnen telefonisch Kontakt, aber als es mit den Kämpfen losging, waren die Leitungen unterbrochen. Vier Monate wußte ich nicht, was mit ihnen los ist. Ich habe unterschiedliche Informationen bekommen, mal: sie lebten, mal: sie sind alle umgebracht worden. Später konnten wir Brief-Kontakt halten über das Internationale Rote Kreuz - bis Juli 1995. In der ganzen Zeit war Srebrenica völlig isoliert. Ich konnte ihnen überhaupt nicht helfen. Inzwischen war mein Vater von einem Granatsplitter verwundet worden. Im Juli 1995 sind dann die Cetniks in Srebrenica einmarschiert. Meiner Mutter ist mit anderen Frauen und Kindern nach Tuzla geflohen. Mein Vater und Bruder versuchten durch die Wälder nach Tuzla zu kommen.
Ich habe lange an diese Möglichkeit geglaubt, daß sie so lebend ankommen könnten. Ich war in ständiger Erwartung. Nach Monaten kamen Männer aus Srebrenica an und ich habe sie nach den Meinen gefragt, ob jemand etwas weiß. Sogar heute noch - nach vier Jahren - denke ich manchmal, daß es noch Hoffnung gibt. Aber im gleichen Moment weiß ich, daß es unmöglich ist.
Als ich nach Tuzla kam, habe ich mich den Flüchtlingszentren angeschlossen, meine Kenntnisse angeboten, ich wollte meinem Volk helfen. Ich habe überhaupt nicht über mich nachgedacht. Ich habe mich nur auf die anderen konzentriert, ich habe deren Geschichten und Erlebnissen zugehört. Ich habe mich über mich selbst gewundert, woher ich so viel Kraft habe, um das alles aushalten zu können!
Im April '94 habe ich im Therapiezentrum für traumatisierte Frauen und Kinder "Vive Zene" in Tuzla angefangen, als Krankenschwester zu arbeiten, und ich hatte das Gefühl, daß ich alles gebe und daß ich das alles kann.

Doch als dann Srebrenica fiel, hatte ich mit einem Mal das Gefühl, völlig erschöpft zu sein und mit jedem Tag war es für mich schwerer. Mein psychischer Zustand und meine Stimmung pendelten ständig und ich weiß selbst nicht wie ich damit zurechtgekommen bin.
Im März 1998 organisierte schließlich Kuca SEKA auf Brac Therapiegruppen für Frauen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten (aber nicht therapeutisch). Von damals bis heute habe ich an vier solchen Gruppentreffen teilgenommen. Ich habe versucht, herauszufinden, was im letzten Jahr mit mir passiert. Ich hatte wohl Angst davor, wie das in der Gruppe werden würde, hatte Angst von mir zu erzählen. Doch ich hatte viel zu erzählen. Zuerst wußte ich nicht, wo ich anfangen soll, aber schon am nächsten Tag konnte ich die Frauen in der Gruppe akzeptieren und habe Vertrauen zu ihnen bekommen.

Vom ersten Treffen an hat etwas angefangen sich in mir zu verändern. Als ich nach Tuzla zurückkam, fühlte ich mich entlastet. Auch die anderen in meiner Umgebung haben diese positiven Veränderungen an mir bemerkt. Manche Frauen haben im Spaß gesagt, ich hätte den Blick einer verliebten Frau.
Das zweite Treffen habe ich mit Ungeduld erwartet. Die ganze Atmosphäre und die Frauen, die im SEKA-Haus arbeiten, die Frauen in der Gruppe und die Leiterinnen waren tief in mir, sodaß mir bereits die Gedanken an sie sehr geholfen haben.
Ich war überrascht, wie schnell ich gelernt habe und wie gut mir das tat. Am meisten hat mir das geholfen, was ich über mich selbst erkannt habe, wer ich bin, wo meine Grenzen sind, wo meine Kraft ist, wo mein Platz ist für meine Erlebnisse als Flüchtlingsfrau.
Auch meine Flüchtlingserfahrungen waren schwer. Ich war konfrontiert mit Mangel an Lebensmitteln, an Wasser, habe die Granatierungen erlebt, habe Verletzte erlebt und versorgt. Diese Erfahrungen als Flüchtlingsfrau habe ich in Kuca SEKA verarbeitet, durch die Anteilnahme der anderen. Die gewonnenen Erkenntnisse haben mir Mut, Kraft und Stabilität gegeben. Nach dem dritten Treffen, ging es mir allerdings nochmal schlecht. Die Fröhlichkeit war weg, zu vielem habe ich überhaupt nichts mehr gefühlt. Ich hatte plötzlich Angst, das etwas Furchtbares passieren wird, daß ich verrückt werde. Ich habe bei unserer Psychologin Hilfe gesucht, wollte wissen, was mit mir passiert. Sie hat mir erklärt, daß ich mich im Trauerprozeß befinde, daß ich geduldig sein soll und daß das auch vorbeigeht.
Auf den letzten zwei Gruppentreffen ist bei mir viel in Bewegung geraten. Zum Glück hat das nicht lange gedauert, ich war sehr erschöpft. Dann fand das vierte Gruppentreffen statt. Ich erzählte der Gruppe alles. Während ich sprach, wurde mir der Prozeß noch klarer und deutlicher. Was ich erlebt habe, war unglaublich und ich wünsche mir, so etwas nie wieder erleben zu müssen.
Ich finde es unglaublich wichtig, daß in Kuca SEKA solche Therapiegruppen stattfinden. Ich wünsche mir, daß jede Frau, die etwas ähnliches erlebt hat, die Möglichkeit hätte, in Kuca SEKA zu sein und an solchen Gruppen teilnehmen zu können, wo sie ihre traumatische Erlebnisse verarbeiten könnte. Ich habe so eine Gruppe durchlaufen und weiß, wie wertvoll das ist! Aber ich denke auch, daß ich noch weiter Unterstützung brauchen werde, da ich mit kriegstraumatisierten Frauen arbeite.

Salimovic Hanija
Übersetzung: Mirjana Bilan

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