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SEKA-Journal Nr. 4 - Mai 1999

"... Ich bin stark, meine Wirklichkeit ist schön ..."

Therapeutische Gruppenarbeit in SEKA (1)

Bilder prägen sich ein, wohingegen Wörter oft nach einigen Monaten oder Jahren bereits vergessen sind. Deswegen möchte ich in Bildern einige schöne berührende Erlebnisse aus der therapeutischen Arbeit mit einer Gruppe von Frauen im Haus SEKA auf Brac beschreiben.

Während einer einführenden Sitzung brachte K., eine Flüchtlingsfrau aus einer kleinen Stadt in Ostbosnien, die sich jetzt in der "Republika Srbska" befindet, in die Gruppe das Erlebnis ein, wie sie zum ersten Mal nach dem Krieg ihr Haus besuchte, das "auf der anderen Seite" geblieben war.
"Es tut mir nicht leid um das Haus, nicht um den Geschäftsraum, nur um den steinernen Tisch und die Kletterrose im Hof, denn da bin ich gesessen mit meinem Mann, der im Krieg umgekommen ist, da haben wir Kaffee getrunken, uns besprochen, da war die ganze Familie zusammen...."

Nach einer Phantasiereise, in der die Gruppenmitglieder sich vorstellen sollten, sie seien ein Rosenbusch, stellte B., eine andere Flüchtlingsfrau aus einer kleinen Stadt in Nordwestbosnien, sich vor als ein schöner kräftiger Busch orangefarbener Rosen im Hof des alten Stadthauses ihrer Eltern, in dem unmittelbar vor dem Krieg ihre Mutter gestorben war, die sie sehr geliebt hatte. Mit geschlossenen Augen, stolz erhobenem Kopf und tiefer schmerzlicher und entschlossener Stimme sagte sie: "Ich werde nicht zulassen, daß irgendjemand mir das Bild meiner orangefarbenen Rose und meines früheren Lebens nimmt."
In der abschließenden Übung "gemeinschaftlich gezeichnetes Bild" der folgenden Sitzung des Seminars, zeichnete sie einen schönen und kräftigen Busch sonnenbeschienener orangefarbener Rosen und schrieb dazu: "Ich wünsche mir, daß diese Rosen immer duften und ihren Duft verbreiten, weit, weit."
In der Übung "Rosenbusch" hat B's Bild der orangefarbenen Rose eine andere Frau erinnert an die zarte rosafarbene Rose im Hof ihres Elternhauses und an den Tod ihrer Mutter. Diese Frau ist längst selbst Mutter und inzwischen sogar Großmutter: "Fünf Rosen" sagt sie leise - "wie wir fünf Kinder. - Deine Mutter brauchst Du Dein ganzes Leben."

In einer der Abschlußübungen der folgenden Seminareinheit genannt "Markt der weiblichen Stärken", stellte B. ihren "Ausstellungsstand" (einen feinen niedrigen Bambustisch) mit zahlreichen "inneren Stärken", die sie hat und auch anderen anbietet, als "Baumaterial" vor. Ein Stück schönen weißen Bracer Marmors bezeichnete sie als "familiäre Stabilität", die sie in großem Maße hat und noch anderen davon abgeben kann, Feuerholzstücke stellten ihren "inneren Halt" und ihre "familiäre Wärme" dar.

Arbeit mit Symbolen im Psychodrama

In einer Übung des folgenden Seminartages, genannt "Mauer", die eingeleitet wurde mit einer angenehmen (nicht anstrengenden) Phantasiereise durch eine liebliche Landschaft, über sonnige Felder und sich schlängelnde Pfade bis vor eine überraschend und unerwartet auftauchenden Mauer, inmitten des schönen und frischen Waldes, stellte K. ihre Mauer psychodramatisch1 dar, indem sie andere Frauen aus der Gruppe, sowie Symbole, Spielzeug oder unterschiedliche Materialien auswählte, um die Elemente und Rollen ihres Bildes der "Mauer" darzustellen.
Sie wählte drei Frauen für die Rolle einer Mauer von mittlerer Größe. Den Anfang des Lebens auf der Flucht stellte sie dar mit einer kleinen gewebten Decke; Krieg, Angst, als dunkel rot-brauner Fleck, in der Mitte der Decke - den Verlust des Ehemannes.
"Ein kleiner Frosch der nach allen Seiten springt, aber von nirgendwoher Hilfe hat, das bin ich am Anfang meines Lebens nach der Vertreibung." -
"Meine Unterstützung, das sind: meine Kinder, meine Arbeit, meine Eltern, meine Wohnung. Nachdem ich eine Wohnung bekommen hatte, habe ich begonnen, anderen zu helfen; in meiner Wohnung wurden 6 Babies geboren. Meine Tochter und ich haben so viele Frauen begleitet - wie in einem Entbindungsheim. Meine Kraft: ist dargestellt durch den Stoffbären."
"Wo ist Dein Platz in der Szene?" (Frage der Therapeutin).
"Bei meiner Kraft."
"Nimm das Symbol für Deine Kraft in die Hände. Wie fühlst Du Dich jetzt" (Therapeutin)
"Ich bin stark." (K. ist sehr bewegt.)
"Möchtest Du noch etwas verändern in Deiner Szene?"
"Ich möchte die Sonne, die auf der anderen Seite der Mauer geblieben ist, in meiner Wirklichkeit." (Sie holt die Sonne auf ihre Seite der Mauer, schaut ihre Szene an)
"Willst Du mit der Mauer noch irgendetwas tun?"
"Sie ist da, aber ich will nicht hinter sie gehen. Sie ist da, aber sie ist mir nicht wichtig. Ich will nur bis zu ihr gehen und dann in meine Wirklichkeit zurückkehren."
"Wie könnte die Überschrift über Deine Szene sein?"
"Meine Wirklichkeit ist schön".

Marijana Senjak, Psychologin und Therapeutin
im Frauentherapiezentrum Medica Zenica und
Leiterin einer der Therapiegruppen im SEKA-Haus
(Übersetzung: Gabriele Müller)
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Anmerkung:

Psychodrama arbeitet mit dem "Nach außen bringen", Inszenieren und damit Sichtbarmachen innerer Bilder, Szenen, Prozesse, Gefühle, Gedanken oder Träume. Dies erlaubt der Klientin eine sehr aktive Rolle, was insbesondere in der therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen von großer Bedeutung ist.