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Hilfe für kriegs-traumatisierte (ehemalige) Soldaten in Gorazde / Ostbosnien

"Am Tor zur Hölle"

"At Hell's Gate" - "Am Tor zur Hölle" ist der Titel der amerikanischen Version des Buches von Claude AnShin Thomas, Vietnam-Veteran und heute buddhistischer Mönch. Dieser Titel beschreibt die Wirklichkeit vieler Kriegsveteranen - nicht nur im Krieg sondern auch und vielleicht noch mehr danach.

Claude AnShin Thomas berichtet von seinem Weg als Freiwilliger nach Vietnam, von der Hölle des Krieges, in dem er Hunderte von Menschen tötete; davon wie er als hochdekorierter Vietnam-Veteran zurückkehrte in eine Gesellschaft, die sich von ihm abwandte - eben noch Held, nun Ausgestossener; wie er im "normalen" Leben nicht mehr zurechtkam, wie der Krieg ihn nicht aus seinen Klauen entliess, nicht tags und noch weniger nachts..... wie er das Weinen seines Kindes nicht ertrug und nicht die Nähe seiner Frau, wie er mehr und mehr floh.... vor den Erinnerungen, vor der Nähe zu anderen, vor dem Schlaf......... in Alkohol, Drogen.... wie er auf seine Hilferufe keine Hilfe bekam..... wie er ganz unten anlangte...... und dann schliesslich doch Hilfe bekam - selbstlos - von seinen ehemaligen "Feinden", von vietnamesischen buddhistischen Mönchen und Nonnen.

Die Erfahrungen, die Claude AnShin Thomas beschreibt, teilt er mit zahllosen kriegstraumatisierten Soldaten - überall auf der Welt. Das Leben mit einem Trauma ist die Hölle........ auch für zahllose ehemalige Soldaten in Bosnien-Herzegowina.

Täglich lesen wir in den bosnischen Zeitungen Berichte über Verzweiflungstaten ehemaliger Soldaten: gewalttätiges Verhalten gegenüber Frauen und Kindern; Konflikte, die "mit der Waffe bereinigt werden", Amokläufe, Suizide. Seit Kriegsende haben sich nach Informationen der Veteranen-Organisationen in Bosnien-Herzegowina mehr als 1000 ehemalige Soldaten selbst getötet.

Es gibt noch immer keine verlässlichen Zahlen darüber, wieviele Veteranen an der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leiden. Die vor einigen Monaten gegründete Organisation "Stecak" in Tuzla, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Situation traumatisierter ehemaliger Soldaten zu verbessern, geht davon aus, dass alleine unter "sozial unauffälligen ehemaligen Soldaten" der Prozentsatz der an PTSP Leidenden ca 34% beträgt. Bei "sozial auffälligen Ex-Soldaten" ist er beträchtlich höher.

Noch weniger als sichere Zahlen bzgl. der Traumatisierung von Veteranen gibt es ein adäquates Hilfsangebot für Betroffene. Von staatlicher Seite wurde die Lösung dieses Problems bisher vernachlässigt, um nicht zu sagen vermieden.

Ein Gesetz, dass die Anerkennung der Erkrankung an PTSD bei Veteranen regelt, hat als Stichtag den 23.12.1997 festgesetzt. Das bedeutet, Betroffene, bei denen erst nach diesem Stichtag von einem Psychiater PTSD diagnostiziert wird, bekommen keinerlei staatliche Hilfen - weder Arbeitsunfähigkeits- noch Invalidenrente, noch Sozialhilfe. Tatsache ist aber, dass es vor diesem Stichtag in vielen - besonders ländlichen Gebieten - keine Psychiater gab. Die Diagnose durch einen Allgemeinarzt wird jedoch nicht anerkannt. Bei vielen Betroffenen treten die Symptome von PTSD erst Jahre nach Kriegsende auf oder verstärken sich, so dass diese Männer erst in den letzten Jahren - wenn überhaupt - ärztliche oder psychiatrische Hilfe gesucht haben. Viele Betroffene haben sich bis heute an niemanden gewandt, sei es aus Mangel an Information, aus Scham, weil ihnen ihre Rolle als Mann in einer traditionellen Gesellschaft nicht erlaubt, Hilfe zu suchen, oder aber weil es kaum Hilfen gibt.

Gruppenarbeit mit ehrenamtlichen Helfern in Gorazde
Gruppenarbeit mit ehrenamtlichen Helfern in Gorazde

Und so kämpft jeder für sich einen einsamen Kampf - in der eigenen inneren Hölle, so wie Claude AnShin Thomas es beschreibt.

"Die meisten wissen nicht, was mit ihnen geschieht," erklärt Rizo Dacic von der Veteranen-Vereinigung "Goldene Lilien" in Gorazde. "Sie befürchten, verrückt zu werden, ziehen sich in sich selbst zurück, greifen zu Alkohol oder Drogen. Manche reagieren depressiv, andere aggressiv - gerade auch gegenüber Frauen und Kindern. Viele Ehen und Familien brechen unter dieser Belastung auseinander....Manche unserer ehemaligen Mit-Soldaten haben sich mit diesen Problemen an uns als Veteranen-Organisation gewandt. Aber wir wussten auch nicht, wie wir ihnen helfen sollten. Wohin auch immer wir uns wandten und um Hilfe baten, bekamen wir abschlägige Antworten. Das Zentrum für psychologische und psychiatrische Hilfe in unserem Kanton ist völlig überlastet. Die konnten sich nur um die schweren Fälle von Traumatisierung und um psychische Erkrankungen kümmern."

Ein Anfang wird gemacht

Die Vertreter der Veteranenverbände in Gorazde reagierten daher mit grossem Interesse auf das Angebot von Kuca SEKA , sie bei der Entwicklung eines adäquaten Hilfsangebots für kriegstraumatisierte Soldaten zu unterstützen.

Gemeinsam mit SEKA-Therapeutin und Trainerin Gabriele Müller entwickelten sie im November 2005 ein Konzept für einen "Klub für Veteranen - mit integrierter Beratungsstelle", eine Art "Pilotprojekt" psychologischer und psycho-sozialer Hilfe für kriegstraumatisierte (ehemalige) Soldaten im BP-Kanton / Gorazde.

Träger des Projekts sind vier Organisationen im BP-Kanton / Gorazde: der "Verband der für höchste Tapferkeit ausgezeichneten Veteranen - Goldene Lilien", der "Verein der Veteranen", die "Vereinigung der Kriegsinvaliden" und die "Vereinigung der Familien der im Krieg Gefallenen".

Der Klub soll zu einem Treffpunkt für die ehemaligen Soldaten des gesamten Kantons werden. Das "offene Angebot" des Klubs soll es für die Betroffenen leichter möglich machen, ein Vertrauensverhältnis zu den ehrenamtlichen Helfern und den Professionellen aufzubauen, damit diese dann auch allmählich Angebote wie Einzelberatung und therapeutische Gruppenarbeit annehmen können.

Darüber hinaus sollen im Klub regelmässig Informations-Veranstaltungen zu gesundheitlichen, sozialen, pädagogischen oder psychologischen Themen stattfinden - die auch für Familienangehörige offen sein werden.

Für die laufenden Kosten des Klubs haben die Veteranen-Vereine einen Antrag bei den verschiedenen zuständigen Ministerien gestellt, über den leider bisher noch immer nicht entschieden ist.

Die Fortbildung der Fachkollegen in traumatherapeutischer Arbeit und die Schulung einer Gruppe von ehrenamtlichen Helfern, die im Klub arbeiten werden, hat das Frauenfriedensprojekt SEKA übernommen (s. auch Aktionsbrief "Pilotprojekt Gorazde").

Ende Februar / Anfang März 2006 begann die Schulung der am Projekt Beteiligten mit einem ersten Fortbildungsblock in Gorazde über insgesamt 16 Tage: 2 x 4 Tage Fortbildung für eine Gruppe von Professionellen, sowie 2 x 4 Tage Fortbildung für die Gruppe ehrenamtlicher Helfer. Die Fortbildungen wurden geleitet von Dipl. Pädagogin und Psychodrama-therapeutin Gabriele Müller.

Fortbildung mit der Gruppe Professioneller
Fortbildung mit der Gruppe Professioneller

Die Gruppe der Professionellen als fachliche Ressource für das Projekt

Die Gruppe der Professionellen zusammenzustellen erwies sich als nicht ganz einfach: Wir suchten in erster Linie männliche Kollegen (Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen..), die wir in Traumatherapie fortbilden wollten - für die beraterische und therapeutische Arbeit mit traumatisierten Soldaten im Rahmen des Klubs oder in anderen Einrichtungen (Zentrum für Sozialarbeit, Zentrum für psychische Gesundheit, Krankenhaus etc). Es zeigte sich, dass es diese Kollegen fast nicht gab. Die Psychosozialen Berufe sind in Bosnien-Herzegowina offensichtlich noch immer eine Domäne der Frauen. Wir mussten, daher unser Konzept verändern, mussten die Situation akzeptieren, wie sie war und das Beste aus ihr machen.

Schliesslich setzte sich die Gruppe der Professionellen zusammen aus: einer sehr erfahrenen, auch therapeutisch tätigen Sozialarbeiterin des Zentrums für psychische Gesundheit, aus einem Lehrer und Erzieher - selbst Kriegsveteran; aus einem jungen Sozialarbeiter, der den Krieg als Kind und Jugendlicher erlebt hatte, und zwei jungen Sozialarbeiterinnen und einer jungen Psychologin, die grosses Interesse an dieser Fortbildung hatten.

Der erste Fortbildungsblock mit den KollegInnen umfasste die folgenden Themen und Fortbildungsinhalte:

Die gesamte Fortbildung wurde entsprechend der Phasen im Trauma-Heilungsprozess strukturiert, sodass die TeilnehmerInnen quasi "am eigenen Leib" die Vorgehensweise in der Traumatherapie erfahren konnten. Dies bot den TeilnehmerInnen gleichzeitig die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen und mit therapeutischer Unterstützung mit eigenen traumatischen Kriegserlebnissen auseinanderzusetzen.

Obwohl sich alle TeilnehmerInnen - zumindest vom Sehen - kannten (Gorazde ist eine Kleinstadt) und dies in einer solchen Gruppe die Öffnung sehr erschweren kann, entwickelte sich schon nach kurzer Zeit eine dichte und vertrauensvolle Atmosphäre.

Die Rückmeldungen in der Evaluation am Ende der acht Fortbildungstage waren sehr positiv. Die KollegInnen äusserten, dass sie sehr profitiert hatten, insbesondere von der Mischung aus Theorie und Selbsterfahrung. Besonders gefallen hatte ihnen die psychodramatische Methode und die behutsame Arbeitsweise.

Das kleine Organisationsteam: Rizo Dacic, Gabriele Mueller und Esma Drkenda....
Das kleine Organisationsteam:
Rizo Dacic, Gabriele Mueller und Esma Drkenda....

Eine der TeilnehmerInnen meinte ganz offen: "Ehrlich gesagt war ich am Anfang sehr skeptisch, was diese Fortbildung betrifft: schon wieder ein Seminar über Trauma, als ob wir nicht selbst am besten wüssten, was Trauma ist.... Aber schon nach kurzer Zeit hat mich die Art der Arbeit hier begeistert.... das ist etwas völlig anderes, als was wir hier gewohnt sind. Ich habe hier soviel bekommen... zum einen für mich persönlich.... Ich werde die Erfahrungen aus den Übungen hier oder aus meiner Szene auf der Bühne mit mir tragen und bestimmt nie vergessen.... Aber auch für die Arbeit mit meinen Klienten habe ich hier einen wahren Schatz bekommen.... Ich kann es kaum erwarte, das in der Arbeit anzuwenden..... Und ich freue mich schon auf die Fortsetzung unseres Seminars...."

"Lernen sich selbst zu helfen - um anderen helfen zu können"

Die Gruppe der ehrenamtlichen Helfer, die von den Vorsitzenden der Veteranenvereinigungen ausgewählt worden waren, setzte sich zusammen aus sechs Veteranen und drei noch aktiven Offizieren (davon eine Frau).

Die Teilnehmer kamen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen; es war ihnen aber gemeinsam, dass sie in ihrem jeweiligen Umfeld sehr angesehen waren. Unter ihnen: der Vorsitzende der Bauernvereinigung, Handwerker, Lehrer, Ingenieure, ehemalige Angehörige der Polizei, aktive Mitglieder der muslimischen Gemeinde, Stadträte. Dadurch war gewährleistet, dass die Ehrenamtlichen die Arbeit des Klubs in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten bekannt machen und gleichzeitig als Ansprechpartner fungieren könnten. Ausserdem nahmen an dieser Gruppe auch die beiden männlichen Professionellen teil, da sie später gemeinsam mit den Ehrenamtlichen im Klub arbeiten sollten.

Arbeit mit Ansichtskarten als Symbole
Arbeit mit Ansichtskarten als Symbole

Die Themen und Fortbildungsinhalte der ersten acht Seminartage mit dieser Gruppe waren:

Übung 'Landkarte der Emotionen'
Übung 'Landkarte der Emotionen'

Die Arbeit mit der Gruppe ehemaliger bzw. noch aktiver Soldaten war auch für Gabriele Müller, die bisher mit traumatisierten Frauen und Kindern gearbeitet hatte, Neuland:

"Die Arbeit mit dieser Gruppe war für mich eine Herausforderung," erklärt sie. "Aber ich muss sagen, ich bin begeistert von der Motivation, der Offenheit und insbesondere der Bereitschaft dieser Männer, an sich zu arbeiten. Ich hab' mir die Arbeit mit dieser Gruppe von ehemaligen oder noch aktiven Soldaten schwieriger vorgestellt. Insbesondere hatte ich Befürchtungen bzgl. der doch sehr ungewohnten Methode Psychodrama: z.B. die Arbeit mit Symbolen, Imaginationsübungen, Malen, oder ganz besonders die imaginativen Bewegungsübungen zur Erwärmung.... Aber es hat sich wieder einmal gezeigt, wenn wir vorsichtig und sorgsam vorgehen und jedem Gruppenmitglied die Freiheit geben, sich soviel einzubringen, wie er oder sie das in dem Moment kann, dass wir dann in kürzester Zeit ein Höchstmass an Offenheit und Bereitschaft erreichen, sich maximal in die Arbeit einzubringen. Mir hat es grosse Freude gemacht, mit dieser Gruppe zu arbeiten....."

Die Feedbacks der Teilnehmer während und nach diesem ersten Fortbildungsblock untermauern die Einschätzung von Gabriele Müller:

"Ich habe nach dem Krieg als Stadtrat viele Seminare besucht," sagt Emir H.*, "aber so ein Seminar wie dieses hier, habe ich noch nie erlebt. Keine Minute war mir langweilig oder überflüssig. Ich habe hier so wichtige Dinge gelernt, auf eine so angenehme, leichte und lebendige Weise... Ich bin wirklich beeindruckt. Es ist nur schade, dass das Seminar jetzt zu Ende ist, unser tägliches Zusammensein wird mir fehlen.... Ich warte jetzt schon ungeduldig darauf, dass wir mit der Fortbildung fortfahren..."

"Für mich waren diese acht Tage sehr wichtig," meint Razim D.*, "die Themen, die wir hier behandelt haben, waren für mich sehr wertvoll, besonders die Themen Trauma, Emotionen und Kommunikation. Gut fand ich, dass wir so viel Gelegenheit hatten, an unseren eigenen Erfahrungen zu arbeiten. Es hat mir geholfen, meine eigenen Reaktionen besser zu verstehen und die der Menschen in meiner Umgebung. Aber ich habe auch gemerkt, was für ein weites Gebiet das ist und ich wünsche mir, dass wir viele dieser Themen noch vertiefen können..... Die Art der Arbeit hat mir sehr gefallen, diese Methoden und die Haltung von Gabriele hat uns ermöglicht, auch schwere Themen auf möglichst leichte Art zu erarbeiten........."

Und Edin S.* ergänzt: "Wir kannten uns alle in der Gruppe, aber durch die Arbeit haben wir uns noch einmal ganz anders kennengelernt.... Wir sind Freunde geworden. Ich empfinde, dass dieses Seminar uns eine gute Grundlage gegeben hat, dass wir als Gruppe gemeinsam im Klub arbeiten können. Ich habe hier erfahren, wie wichtig es ist, erst einmal sich selber helfen zu lernen, bevor ich anderen helfen kann. Die Themen, die wir hier erarbeitet haben, waren mir alle sehr wichtig. Ich finde, alle Menschen sollten Gelegenheit für solche Seminare haben..... Dann gäbe es viel weniger Probleme und Konflikte. Besonders gefallen hat mir die Art, wie unsere "Professorin" uns geleitet hat, ihre Wertschätzung allen gegenüber gleichermassen, die Leichtigkeit ihrer Methoden, die Art, wie sie Theorie und Praxis perfekt verbunden hat.... das hat mich beeindruckt.... Ich kann kaum unser nächstes Seminar erwarten...."

"Krieg beenden - Frieden leben"

Dies ist der deutsche Titel des Buches von Claude AnShin Thomas. Neben der Hölle, die Krieg und Trauma bedeuten, beschreibt er auch seinen Weg heraus aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von Flucht und Verleugnung. Dieser Weg bedeutet, sich auseinanderzusetzen mit dem eigenen Leid und Schmerz, der eigenen Verantwortung und Schuld.

Die Veteranen und Soldaten in der Gruppe der Ehrenamtlichen haben begonnen, diesen Weg zu gehen. Und sie sind bereit, auch anderen Mit-Soldaten diesen Weg zu eröffnen: den Krieg in sich zu beenden und mit sich und anderen Frieden zu machen.

Mirjana Bilan, Gabriele Müller
in Zusammenarbeit mit Rizo Dacic und Esma Drkenda

Abschlussfoto der TeilnehmerInnen

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Anmerkungen:

* Namen geändert

Claude AnShin Thomas:
"Krieg beenden - Frieden leben", Theseus 2003, 14,90 €

Das Buch von Claude AnShin Thomas wurde von meiner Kollegin Edita ins Bosnische übersetzt und wir werden es im nächsten Seminar als Grundlagentext verwenden.